Wasp Network

KUBA OHNE LIBRE

3,5/10

 

waspnetwork© 2019 Netflix

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN, BRASILIEN, BELGIEN 2019

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

CAST: ÉDGAR RAMIREZ, PENÉLOPE CRUZ, WAGNER MOURA, ANA DE ARMAS, GAEL GARCIA BERNAL, TONY PLANA U. A. 

 

Mittlerweile wird spürbar – also mir fällt´s jedenfalls auf – wer auf Netflix ganz besonders lieb Kind zu sein scheint: Lateinamerika und Spanien. Das hat schon mit Alfonso Cuarons Roma begonnen. Mit Der Schacht, im Grunde Cube für das neue Jahrtausend, konnte Spanien seine Kreativität unter Beweis stellen. Gern gesehene Darsteller sind der Brasilianer Wagner Moura (u. a. Sergio, den ich für recht gelungen halte) und Édgar Ramirez, der die Last Days of American Crime erlebt hat. Ana de Armas taucht ebenfalls vermehrt auf.  Die eben genannten Drei tauchen wiederum im brandneuen Politdrama Wasp Network auf, inklusive Penélope Cruz als Powerfrau, die in Kuba zur Zeit des US-Embargos gemeinsam mit der Tochter ums Auskommen bangt. Der gute Papa, der ist nämlich abgehauen. Was nicht heißt er ist fremd gegangen, nein – in Zeiten wie diesen ist Kuba von Libre so weit entfernt wie die Erde vom Mond, die Castros predigen den Kommunismus und wenn man sich vertrollt, dann Richtung USA, am besten nach Florida. Dort angekommen, plant Papa René nach außen hin einen Neuanfang, inoffiziell hingegen eilt man den Bootsflüchtigen aus Kuba per Fluggerät zu Hilfe. Aus dieser humanitären Courage wird schnell etwas anderes – ein Spitzelverein sozusagen, der Anti-Kommunismus-Gruppen, die mit Terroranschlägen auf Kubas  Tourismus dessen Wirtschaft schwächen, infiltrieren soll. Und genau das ist prinzipiell mal nicht erlaubt in Amiland.

Wasp Network basiert auf einem Roman des Brasilianers Fernando Morais unter dem Titel: Die letzten Soldaten des kalten Krieges. Klingt spannend – ist es aber nicht. Verantwortlich für diese illustre Langeweile ist der Franzose Olivier Assayas, was mich angesichts von Filmen wie Die Wolken von Sils Maria oder Personal Shopper dann doch überrascht. Na gut, ein bisschen im kriminellen Metier herumgestochert hat er schon, zum Beispiel mit Carlos – Der Schakal. Sein von ihm aus der Vorlage extrahiertes Drehbuch ist allerdings eines, das angesichts all der kleinteiligen Fakten, Namen und Personen komplett den Überblick verliert, vieles nur halbherzig anreißt und in Tequila trinkender Redefreudigkeit vor sich hinschwatzt. Das ist zäh, und die Story selber ist nur so halb interessant, wie sie vorgibt zu sein, zumindest für mich jedenfalls. Die Familiengeschichte rund um Édgar Ramire´Figur ist das einzige, was als Konstante herhalten kann, der Rest ist ein Kommen und Gehen bunt behemdeter Pseudo-Rentner, die in Sachen Kuba und auch auf Drogen machen; Piloten und grünohrige Burschen, die mal da, mal dort sind und vielleicht in Gefahr geraten. Mit Sicherheit liest sich dieser Stoff besser, als er filmtechnisch funktioniert, denn das tut er kaum, da verstehe ich die Rolle des Streifens bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig nicht, wo Wasp Network um den Goldenen Löwen konkurriert hat.

Gewonnen hat er nichts, und gewinnend ist der Film mit einer Überlänge von zweieinhalb Stunden auch nicht. Man wartet auf den narrativen Höhepunkt, doch der kommt nicht. Klar, als Künstler muss man nicht zwingend den gelernten Parametern für den Storyaufbau folgen, doch wenn man diesen solchen verlässt, sollte zumindest die Alternative gut sein. So ist Wasp Network ein Einheitsbrei aus bereits erwähnten Versatzstücken. Ana de Armas ist wieder hübsch anzusehen und auch Penélope Cruz macht ihre Sache gut, doch die True Story um fünf Polit-Idealisten (Sind es fünf? Ich weiß es nicht mehr), die noch dazu viel zu oberflächlich umrissen sind, um mehr von ihnen wissen zu wollen, ist weder Politthriller noch Familiendrama. Wenn’s gut gemixt wäre, wäre das natürlich kein Ding, aber angesichts dieses ausufernden Wulsts an Notizen, Szenen und Orten könnte man fast vermuten, das Skript zum Film war als Rohfassung schon gut genug.

Wasp Network

Roman J. Israel, Esq.

VERRAT IN EIGENER SACHE

7,5/10

 

Roman J. Israel Esq.© 2017 Columbia Pictures

 

LAND: USA 2017

REGIE: DAN GILROY

CAST: DENZEL WASHINGTON, COLIN FARRELL, CARMEN EJOGO, TONY PLANA U. A.

 

Erst vor Kurzem noch hat er als unkaputtbarer Einzelkämpfer Robert McCall, genannt der Equalizer, sämtlichen Schurken gezeigt, was es heißt, Selbstjustiz zu üben. Einen gefühlten Augenaufschlag später wird der Profikiller zu einem nerdigen Paragraphenritter mit eidetischem Gedächtnis. Die Rede ist von Denzel Washington, einer meiner persönlichen Top Ten unter den gern gesehenen Schauspielern. Vielleicht ist es das enorm selbstbewusste, einnehmende Charisma hinter jeder seiner Rollen. Dieses expressive Versenken in seinen Figuren. Vollblut, nenne ich sowas. In Dan Gilroy´s filmgewordenen Justiz- und Moraldilemma Roman J. Israel, Esq. (ein nicht gerade verkaufsfördernder, weil kaum prickelnder Titel) agiert Washington in deutlichem Kontrast zu seinen Actioneskapaden und schlendert im Watschelgang, schlechtsitzenden Anzügen und Afro durch die Straßen von Los Angeles, der Stadt der gefallenen Engel. Diese Rolle, die wäre Schauspielkollege Forrest Whitaker geradezu auf den Leib geschnitten gewesen. Für den formatfüllenden König von Schottland mit Hängelied und dem irritierend naiven Gehabe eines großen Kindes wäre die Figur des hochbetagten Außenseiters vielleicht sogar zu aufgelegt gewesen. Für Washington ist diese Rolle ein weiterer Beweis seines profunden Talents und ein wichtiger Eckpfeiler seines darstellerischen Schaffens. Für jene, denen die Oscar-Verleihung 2018 schon zu weit zurückliegt: eine Nominierung als bester Hauptdarsteller war hierfür eigentlich selbstredend.

Umso mehr verwundert es mich erneut, dass sehenswerte Filme wie dieser vom Kinoverleih schmählichst ignoriert werden. Zumindest haben Filmliebhaber das leicht geschmälerte Vergnügen, Roman J. Israel, Esq. im Heimkino zu bewundern. Denn sehen sollte man diesen intensiven Streifen auf alle Fälle, nicht nur als Fan Washingtons. Vielleicht auch, wenn man ein Bewunderer der literarischen Werke Friedrich Dürrenmatts ist. Der geniale Schweizer Dramatiker und Romancier hat sich Zeit seines Schaffens mit Themen wie Moral, Verantwortung und den Achillesfersen der Gesellschaft angenommen, die er dann auf die Spitze trieb. Auf den Worst Case ließ er es ankommen, stets mit einem niemals allzu moralinsauren Sarkasmus, eher mit der alles verschluckenden Schwärze einer Konsequenz, die kommen muss.

Dan Gilroy, der schon mit Nightcrawler die Frage der Moral in den Grundfesten erschüttern ließ, hat nun, ebenfalls aus eigener Feder, einen wuchtigen Eigenbrötler und Einzelkämpfer aufs Tablett gebracht, der nach rund 40 Jahren als Partner eines Anwalts vor verschlossenen Türen steht und sich neu orientieren muss. Ein wandelndes Lexikon aller Paragraphen des amerikanischen Gesetzes, aber desillusioniert, was das System angeht. Der schmierige Lackaffe und Staranwalt George Pierce, raffiniert undurchsichtig verkörpert von Colin Farrell, will ihn mehr aus Mitleid als aus Überzeugung mit ins Boot holen, um ihn bald ob seiner unorthodoxen, weltfremden Arbeitsmethoden zu rügen. Schlimmer noch, er macht ihn zur Schnecke. Und irgendwann zerbricht das Weltbild des seltsamen, prinzipientreuen Vogels, der überall aneckt und unangenehm auffällt. Spätestens dann ist der Pakt mit dem Teufel nicht der mit dem Lackaffen als Advokat, sondern mit einem verräterischen Selbst, dass aus kindlichem Trotz rundumschlägt, resigniert und ein Lebensglück erzwingt, dass allen guten Vorsätzen widerspricht.

Wie Roman J. Israel das macht, ist faszinierend, spannend und umwerfend dargeboten. Die paraverbale Sprache Washingtons, der Entwurf dieses dem Mainstream entwurzelten Charakters, ist meisterlich bis ins Detail. Wenn er blickt, denkt, in Rage gerät, dann ist das schlüssig, greifbar und mitreißend. Dabei muss er gar keine großen Reden schwingen, doch selbst wenn er seine Quergedanken artikuliert, kommt man nicht umhin, sich ein Stück davon mitzunehmen. Denn prinzipiell hat er ja recht. Und um so schmerzlicher ist es, mitanzusehen, wie die eigenen Ideale dem einfordernden Wunsch nach Wohlstand zum Opfer fallen. Washington´s famoser Kraftakt ist ein erkenntnisreiches Gleichnis und ein hörbarer Imperativ, zu sich selbst zu stehen. Roman J. Israel, Esq. ist ein Antiheld, ein Verlierer, der aber schon längst gewonnen hätte, wäre da nicht der Druck von außen, der mehr und ganz etwas anderes verlangt.

Roman J. Israel, Esq.