Jean Seberg – Against All Enemies

IST DER RUF ERST RUINIERT…

5/10

 

seberg© 2019 Prokino

 

LAND: USA 2019

REGIE: BENEDICT ANDREWS

CAST: KRISTEN STEWART, JACK O’CONNELL, ANTHONY MACKIE, ZAZIE BEETZ, YVAN ATTAL, MARGARET QUALLEY, VINCE VAUGHN, COLM MEANEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Welcher Filmfan kennt ihn nicht – den Klassiker der Nouvelle Vague: Außer Atem. Neben einem blutjungen Jean Paul Belmondo war damals Jean Seberg mit auf der Flucht. Der Ausgang der Geschichte ist kein Geheimnis. Seit diesem Zeitpunkt war Sebergs aparter Kurzhaarschnitt auch keines mehr. Von Jeanne d ‚Arc also zur Gangsterbraut ohne rosige Zukunft, inklusive Staatsgewalt im Nacken. Die Ironie des Schicksals: rund 10 Jahre später (Francois Truffaut drehte seinen Klassiker bereits 1959) sollte ihr die Staatsgewalt tatsächlich im Nacken sitzen, nämlich in Form des FBI unter J. Edgar Hoover, der mit seiner Abhöreffizienz der ostdeutschen Stasi um nichts nachstand. Mehr noch: potenzielle Unbequeme der Regierung konnten mit dem sogenannten Counterintelligence Program, kurz COINTELPRO, gnadenlos überwacht und letzten Endes auch mit gezielter Verleumdungstaktik „neutralisiert“ werden. In schlimmstem Fall trieb diese Vorgehensweise psychisch labile Personen in den Selbstmord. In dieser umtriebigen Zeit also, zwischen Vietnamkrieg und Black Power-Bewegung, war Jean Seberg als gutgläubige Idealistin mit Geld in der Tasche wie ein argloses Bambi, dass sich an fremden Gemüsegärten labt. Ihre Verbindung mit dem Aktivisten Hakim Jamal alleine war Grund genug, die Schauspielerin ins Fadenkreuz zu nehmen.

Was wie ein grimmiger Spionagethriller klingt, ist vorrangig das gestreckte Psychogramm einer egozentrischen Weltverbesserin, die ihre Bekanntheit nutzt, um Dinge zu bewegen. Prinzipiell mal egal wofür, Hauptsache für eine gute Sache. Jene mit der Black Power-Bewegung scheint ihr passiert zu sein. Ex-Twilight-Bella Kristen Stewart spiegelt diese Attitüde eines sich selbst überschätzenden Stars ganz gut wider. Der Kurzhaarschnitt, der saß schon meilenweit unter dem Meer bei Underwater, und sie trägt ihn immer noch sichtlich mit Stolz, wobei sie noch eins draufsetzt und mit ihrer Franchise-Vergangenheit ebenso brechen will wie Robert Pattinson, in dem sie sogar das eine oder andere Mal die Hüllen fallen lässt. Kristen Stewart will nun mit Seberg gänzlich im Arthouse-Charakterfach angekommen sein. Schauspielerisch bleibt dennoch Luft nach oben – statt Jean Seberg wirklich zu sein, bleibt ihr der sichtbare Eifer haften, die biographische Figur nur sein zu wollen. Doch sie bemüht sich. Und man sieht ihr trotzdem gerne dabei zu.

Zwischendurch allerdings bleibt die prinzipiell durchaus aufreibende True Story im gern zitierten 60er-Zeitkolorit stecken, verlustiert sich in stilvollen Settings und will manchmal so sein wie ein Film von Tom Ford – gemächlich, stilvoll, unterlegt mit zeitgenössischen Musikstücken, oftmals ein Gläschen Hochprozentigen in der Hand. Mit einem Zuviel an diesen durchaus netten Bildern verwässert Regisseur Benedict Andrews sein emotionales Drama zu einem porösen Biopic mit einer leidenschaftslosen FBI-Komponente, die die Routine ihrer Bespitzelungsarbeit auf das Ensemble überträgt – Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen) ist Agent Jack O’Connell nämlich wirklich keiner. Viele Nebenrollen bleiben auch wirklich nur Staffage, die sich einer Retro-Optik unterordnen, mit der Jean Seberg – Against All Enemies als Erzähl-Tool alleine klarkommen möchte. Das bleibt dann doch etwas kraftlos.

Jean Seberg – Against All Enemies

Wasp Network

KUBA OHNE LIBRE

3,5/10

 

waspnetwork© 2019 Netflix

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN, BRASILIEN, BELGIEN 2019

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

CAST: ÉDGAR RAMIREZ, PENÉLOPE CRUZ, WAGNER MOURA, ANA DE ARMAS, GAEL GARCIA BERNAL, TONY PLANA U. A. 

 

Mittlerweile wird spürbar – also mir fällt´s jedenfalls auf – wer auf Netflix ganz besonders lieb Kind zu sein scheint: Lateinamerika und Spanien. Das hat schon mit Alfonso Cuarons Roma begonnen. Mit Der Schacht, im Grunde Cube für das neue Jahrtausend, konnte Spanien seine Kreativität unter Beweis stellen. Gern gesehene Darsteller sind der Brasilianer Wagner Moura (u. a. Sergio, den ich für recht gelungen halte) und Édgar Ramirez, der die Last Days of American Crime erlebt hat. Ana de Armas taucht ebenfalls vermehrt auf.  Die eben genannten Drei tauchen wiederum im brandneuen Politdrama Wasp Network auf, inklusive Penélope Cruz als Powerfrau, die in Kuba zur Zeit des US-Embargos gemeinsam mit der Tochter ums Auskommen bangt. Der gute Papa, der ist nämlich abgehauen. Was nicht heißt er ist fremd gegangen, nein – in Zeiten wie diesen ist Kuba von Libre so weit entfernt wie die Erde vom Mond, die Castros predigen den Kommunismus und wenn man sich vertrollt, dann Richtung USA, am besten nach Florida. Dort angekommen, plant Papa René nach außen hin einen Neuanfang, inoffiziell hingegen eilt man den Bootsflüchtigen aus Kuba per Fluggerät zu Hilfe. Aus dieser humanitären Courage wird schnell etwas anderes – ein Spitzelverein sozusagen, der Anti-Kommunismus-Gruppen, die mit Terroranschlägen auf Kubas  Tourismus dessen Wirtschaft schwächen, infiltrieren soll. Und genau das ist prinzipiell mal nicht erlaubt in Amiland.

Wasp Network basiert auf einem Roman des Brasilianers Fernando Morais unter dem Titel: Die letzten Soldaten des kalten Krieges. Klingt spannend – ist es aber nicht. Verantwortlich für diese illustre Langeweile ist der Franzose Olivier Assayas, was mich angesichts von Filmen wie Die Wolken von Sils Maria oder Personal Shopper dann doch überrascht. Na gut, ein bisschen im kriminellen Metier herumgestochert hat er schon, zum Beispiel mit Carlos – Der Schakal. Sein von ihm aus der Vorlage extrahiertes Drehbuch ist allerdings eines, das angesichts all der kleinteiligen Fakten, Namen und Personen komplett den Überblick verliert, vieles nur halbherzig anreißt und in Tequila trinkender Redefreudigkeit vor sich hinschwatzt. Das ist zäh, und die Story selber ist nur so halb interessant, wie sie vorgibt zu sein, zumindest für mich jedenfalls. Die Familiengeschichte rund um Édgar Ramire´Figur ist das einzige, was als Konstante herhalten kann, der Rest ist ein Kommen und Gehen bunt behemdeter Pseudo-Rentner, die in Sachen Kuba und auch auf Drogen machen; Piloten und grünohrige Burschen, die mal da, mal dort sind und vielleicht in Gefahr geraten. Mit Sicherheit liest sich dieser Stoff besser, als er filmtechnisch funktioniert, denn das tut er kaum, da verstehe ich die Rolle des Streifens bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig nicht, wo Wasp Network um den Goldenen Löwen konkurriert hat.

Gewonnen hat er nichts, und gewinnend ist der Film mit einer Laufzeit von über zwei Stunden auch nicht. Man wartet auf den narrativen Höhepunkt, doch der kommt nicht. Klar, als Künstler muss man nicht zwingend den gelernten Parametern für den Storyaufbau folgen, doch wenn man diesen solchen verlässt, sollte zumindest die Alternative gut sein. So ist Wasp Network ein Einheitsbrei aus bereits erwähnten Versatzstücken. Ana de Armas ist wieder hübsch anzusehen und auch Penélope Cruz macht ihre Sache gut, doch die True Story um fünf Polit-Idealisten (Sind es fünf? Ich weiß es nicht mehr), die noch dazu viel zu oberflächlich umrissen sind, um mehr von ihnen wissen zu wollen, ist weder Politthriller noch Familiendrama. Wenn’s gut gemixt wäre, wäre das natürlich kein Ding, aber angesichts dieses ausufernden Wulsts an Notizen, Szenen und Orten könnte man fast vermuten, das Skript zum Film war als Rohfassung schon gut genug.

Wasp Network

Geheimnis eines Lebens

PATT FÜR DEN WELTFRIEDEN

4/10

 

geheimniseineslebens© 2019 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: TREVOR NUNN

CAST: JUDI DENCH, SOPHIE COOKSON, TOM HUGHES, STEPHEN CAMPBELL MOORE U. A.

 

Da jätet man im Vorgarten sein Unkraut, und macht es sich sonst so im betagten Alter bequem, da holt einen plötzlich die Vergangenheit ein – und das mehrere Jahrzehnte später. So passiert bei Judy Dench im Film Geheimnis eines Lebens, oder wie im Original noch treffender: Red Joan. Warum dieses? Warum ist diese Joan eine rote? Rot, das sind die Sozialisten, und Rot ist auch der Kommunismus, und der war ein Dorn im Auge aller anderen Großmächte, nur nicht Russlands. Das, woran sich Joan Stanley erinnert, das ist die finstere Zeit des Wettrüstens, des Entwickelns und Ausbaus der verheerendsten Waffe der Menschheitsgeschichte: Der Atombombe.

Diese Joan Stanley aber, die hat es nie gegeben. Eine Person mit dem Namen Melita Norwood aber schon – und die hat genau das gemacht, was für Judy Dench Jahrzehnte später während eines gemütlichen Tages in der Pension wie ein Damoklesschwert plötzlich niederfährt. Um wegen Spionage ins Zuchthaus zu wandern, dafür ist man nie zu alt. Spione, das sind die Personas Non Grata schlechthin, auch wenn ihr Beweggrund dafür ein redlicher gewesen sein mag – oder einer, der den Weltfrieden gewährleistet hat, zumindest für einige Zeit. Aber Verräter ist Verräter, da geht’s laut Staat irgendwie ums Prinzip. Und die alte Joan Stanley aka Dench, die in einem auffallend devastierten Zustand und mit grabentiefem Faltenwurf da vor dem Verhörkommando sitzt, erzählt ihre Geschichte. Dumm nur, dass Regisseur Trevor Nunn für die junge Spionin Joan die Schauspielerin Sophie Cookson gecastet hat – die nämlich mit der Intensität ihrer Rolle nur sporadisch zurechtkommt. In den Anfangsszenen vielleicht, aber längst nicht mehr dann, wenn das Netzwerk von Spionage, Verrat und Übergabe so richtig ins Rollen kommt. Gut, nicht jeder Spion kann mit Mark Rylance besetzt werden, der in Spielbergs Bridge of Spies der absolut Richtige für diesen Job war. Oder mit Ulrich Mühe aus Das Leben der anderen. Weibliche Spione lassen sich mit Rylance aber leider nicht besetzen, und junge Spioninnen schon gar nicht. Cookson erreicht hier einfach nicht die Tiefe, die für diese Figur wünschenswert gewesen wäre. Und auch die Kompanie der männlichen Nebendarsteller, die sich um Cookson scharen, entwickeln kein Charisma, haben kaum eine Biografie. Das ganze Ensemble bedient sich grundsoliden Stereotypen, die schon hundertmal ihren Auftritt hatten, die aber im Grunde nicht so viel Schaden anrichten, um einen Film so richtig zu vermasseln.

Ganz vermasselt ist Geheimnis eines Lebens demnach eben nicht. Die Story mag schon interessant sein, die Prämisse dahinter, mit einer Pattsituation unter den Großmächten den Frieden zu sichern, indem die Pläne der Atombombe wie ein Wanderpokal an Russland weitergereicht werden, ist so radikal wie mutig und von einer frappanten Logik. Aber dennoch – Trevor Nunns Spielfilm (normalerweise ist der Mann Indendant der Shakespeare Company und im Theater zuhause) ist nicht mehr als ein zögerliches Fernsehfilmereignis als BBC-Bildungsauftrag, der wie ein Postit an jedem Kader des Films hängt. Warum darin Melita Norwood plötzlich anders heisst, kann mir auch keiner erklären, vielleicht hat das etwas mit Namensrechten zu tun, wer weiß. Nachkommen der britischen „Mata Hari“ gibt es ja. Doch das ist das geringste Problem. Ein Fall wie dieser hat filmtechnisch mehr Sorgsamkeit verdient. Und weniger das Prädikat eines uninspirierten Schulfernsehens, schauspielerisch wie inszenatorisch.

Geheimnis eines Lebens

Die Agentin

DIE SPIONIN, DIE MICH LIEBTE

4,5/10

 

dieagentin©  2019 Luna Filmverleih

 

LAND: DEUTSCHLAND, ISRAEL, FRANKREICH, USA 2019

REGIE: YUVAL ADLER

CAST: DIANE KRUGER, MARTIN FREEMAN, CAS ANVAR, ROTEM KEINAN, LANA ETTINGER U. A.

 

Sie war der Grund für die Vernichtung Trojas und ein fiktiver Filmstar der Nazis aus einer alternativen Vergangenheit. Jetzt ist sie auch noch Agentin des Mossad geworden. Diane Kruger, deutscher Export nach Hollywood, sehr souverän, sehr professionell – eine gute Schauspielerin. Natürlich kommt es auch auf die Regie und auf den Film an. Bestes Beispiel für eine Diskrepanz zwischen Cast und filmischer Ausführung wäre das Spionagedrama Die Agentin unter der Regie des israelischen Filmemachers Yuval Adler. Ein Film, der sich anfühlt wie ein waschechter John Le Carré. Zumindest anfangs. Tatsächlich aber beruht das entschleunigte Politdrama auf Yiftach Reicher Atirs Bestseller The English Teacher, und Adler selbst hat das Drehbuch hierfür adaptiert. Als Bestseller wird die melodramatische Geschichte, die zaghaft ins Bourne-Universum schielt, mit dem Timing wohl kaum seine Probleme haben. Die Verfilmung hat das allerdings schon. Vergleichbar wäre das mit einem Autor, der sein Notizbuch vollkritzelt, auf den letzten Seiten selbiger erst so richtig in Fahrt kommt und sich das Ende gedanklich aufzeichnen darf, weil einfach die letzten Seiten dafür fehlen, um es niederzuschreiben. Aber gut, alles der Reihe nach. Womit haben wir es eigentlich zu tun?

Neben Diane Kruger erfreulicherweise auch mit „Bilbo“ bzw. „Watson“ Martin Freeman. Der agiert als Mittelsmann beim Mossad, quasi als Betreuer von Agentin Rachel, die nach einem privaten Aufenthalt in London plötzlich spurlos verschwindet. Coach Freeman erhält lediglich eine Nachricht auf der Mailbox. Der Rest des Films besteht aus manchmal schwer unterscheidbaren Rückblicken auf all die Geschehnisse, die sich zuvor abgespielt haben – und die sind mitunter romantischer Natur, da Rachel in Teheran, wo sie als Spionin fungiert, einen Geschäftsmann (Cas Anvar aus der Sci-Fi-Serie The Expanse) kennenlernt, der bald auch ihr Liebhaber wird. Solche Liaisonen belasten die Arbeitsqualität als Spion natürlich immens, und vorwiegend emotional. Und lässt auch so manchen ungern Ermordeten zurück. Nähe sollte man als Profi also tunlichst nicht zulassen. Aber wer ist schon sein Leben lang durch die Bank immer nur Profi? Man ist ja schließlich auch Mensch. Und als Mensch hat man Gefühle – Befehle, Missionen oder sonst irgendwelche Aufträge für den Staat hin oder her.

Der wirkliche Zünder ist Die Agentin nicht geworden. Wie bereits erwähnt: Das Timing ist das Problem, denn anfangs hält sich Adler unglaublich lange damit auf, die beginnende Beziehung der beiden Hauptfiguren fast schon in Form einer Romanze voller relevanter Geheimnisse mit einer allzu sorglos entspannt zu beschreiben. Irgendwann wird er wohl gemerkt haben, dass ihm die Zeit davonläuft und die Story nicht so wirklich in die Gänge kommt, also wird im letzten Drittel noch alles auf eine Karte gesetzt. Um den Film scheinbar aus heiterem himmel abrupt zu beenden. Als wäre der Speicher voll, der Akku leer oder eben das Ringbuch fürs Skript ausgeschrieben. Oder kommt da noch was? Womöglich Die Agentin 2? An sich wäre das Ende gut geeignet für den Cliffhanger eines weiteren, relativ austauschbaren Serienformats, das sich sein Fernsehpublikum für Staffel 2 sichern will. Für einen Film hinterlässt das abgeschnippelte offene Ende ein unrundes Gefühl. Da fehlt ganz einfach ein ganzer Brocken, was das Thrillerdrama relativ undurchdacht und ziemlich fehlkonzipiert zurücklässt. Endet das Buch genauso? Kann ich nicht beurteilen, nur wenns so wäre dürfte mir so manches Detail aus welchem Grund auch immer entgangen sein.

Die Agentin

J’accuse – Intrige

DIE OPFER DER UNFEHLBARKEIT

8/10

 

intrige© 2020 Filmladen

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: ROMAN POLANSKI

CAST: JEAN DUJARDIN, LOUIS GARREL, EMMANUELLE SEIGNER, MATHIEU AMALRIC, DAMIEN BONNARD U. A. 

 

Nicht nur Knastbruder Papillon verweilte eine Zeit lang auf der Teufelsinsel vor Guyana. Dort harrte seinerzeit auch ein gewisser Dreyfus aus, vom Militärgericht für schuldig befunden, degradiert und abgeschoben. Warum? Der pflichtbewusste Artillerie-Hauptmann wurde der Spionage beschuldigt, genauer gesagt der Weitergabe diverser Rüstungsdetails an die Deutschen. Beweis dafür sollte eine abgefangene Mitschrift sein, graphologisch gesehen haargenau die Handschrift des Beschuldigten. Allein: Dreyfus hatte, wie wir heute längst wissen, mit der ganzen Sache nichts zu tun. Grund für seine Festnahme war einzig und allein die Tatsache, dass Dreyfus ein Jude war. Und das Militär sowie gefühlt fast ganz Frankreich zum Ende des 19ten Jahrhunderts bis unter die Hutkrempe antisemitisch. Natürlich hat das damals, ganz oben in der Hierarchie, niemand zugegeben, und natürlich war das französische Militär auch nicht daran interessiert, nach Aufdeckung des Justizirrtums klein beizugeben, um damit ihre eigene Unfehlbarkeit zu untergraben. Das Ganze wäre auch vermutlich nicht ans Licht gekommen, wäre nicht ein gewisser Georges Picquart zum Chef der Spionageabwehr ernannt worden und hätte dieser nicht gerochen, dass bei Dreyfus im Staate so einiges faul sein muss.

Angesichts der Missbrauchs-Causa kann man von Polanski natürlich halten, was man will (unter anderem lässt sich die Frage, ob ein Künstler gleichzeitig seine Kunst ist oder ob sich Werk und Schöpfer trennen lassen, schwer beantworten), eines ist jedenfalls klar: aus der Geschichte des Films ist der Pole längst nicht mehr wegzudenken. Seine Regiearbeiten sind wegweisend und unverwechselbar. Und auch sein neuestes Werk zeigt noch viel von seinem Können, motiviert ihn regietechnisch gar zur Höchstleistung. J’accuse – Intrige ist ein astreiner, packender und dichter Historienfilm, akribisch aufbereitet, bestens recherchiert und fürs Kino auf wesentliche Fakten reduziert, wobei aber immer noch eine derart narrative Dichte geblieben ist, die höchste Aufmerksamkeit erfordert. Leute, die mit Militärgeschichte nicht wirklich viel anfangen können, mögen vielleicht anfangs etwas irritiert, vielleicht gar gelangweilt sein. Und ja, dieser Mikrokosmos der Ehre, der Etikette und des Zeremoniells innerhalb der ganzen Ränge rauf und runter ist schon durchaus seltsam, voller Distanz zum Normalo und extrem obsolet. Aber dennoch – dieses starre Korsett von Pflicht und Ehre hat sich über Jahrhunderte anscheinend wunderbar bewährt. Intrige spielt in der Zeit des Säbelrasselns vor dem Ersten Weltkrieg, der rund 20 Jahre später über Europa hereinbrechen wird. Diese militärische Anspannung ist jetzt schon spürbar, die Bedeutung des gewährleisteten Schutzes von Volk und Vaterland größer denn je. Kennt man die Werke von Joseph Roth, unter anderem Radetzkymarsch oder Kapuzinergruft, dann lässt sich ungefähr vorstellen, in welchem Dunstkreis und mit welchen Personen wir es ungefähr zu tun haben. Es sind Menschen, die entweder Befehle erteilen, Befehle empfangen ohne nachzudenken und ganz wenige, die diese hinterfragen. Jean Dujardin spielt so einen Menschen, und zwar einen der ganz wenigen, und es ist faszinierend, der schnauzbärtigen Gewissenhaftigkeit in Person über zwei Stunden lang zuzusehen, wie sich um sie herum ein Sumpf aus Falschheit und Vertuschung auftut, während sich die Schlinge um ihren Hals gleichermaßen zusammenzieht. Dujardins oscarwürdige Darstellung ist präzise nuanciert, meist ist er Meister seiner Pflicht, dann wieder Held seiner inneren Werte und irgendwann verlässt auch ihn die Countenance. Eine wunderbare Entwicklung, die er darstellt, in einem recht düsteren Kosmos aus alten Kasernen, muffigen Archiven und steif gewaschenen Uniformen. Was Polanski und sein Team ganz erstaunlich hinbekommen ist die intensive, mehrsinnige Erfahrbarkeit des Interieurs aus Aktenschränken voller penibel sortierter Inhalte, knarrenden Fußböden und dem Knittern papierener Depeschen. Unzählige Male werden Kuverts geöffnet, Briefe aufgefaltet, von einer Hand in die andere gereicht, Ledermappen auf und zu geklappt, dazwischen das Zusammenschlagen der Haken und die Hand zum Salut an der Schläfe. Eine Kakophonie analoger Berichterstattung, eine Inferno an Nachrichten aus einer Zeit weit vor der Digitalisierung des Alltags. Wie so ein Film wohl heute aussehen würde, mit all der Big Brother-Technik, die NSA & Co zur Verfügung haben?

J’accuse – Intrige ist ein erstaunlich präziser Film in dunstigem, kalten Grau, ein fesselndes Beispiel für die Gefährlichkeit des Scheins, für eine Message Control, die bereit ist, über Leichen zu gehen und weiße Westen, die innen vor Schmutz nur so strotzen. Vielleicht wäre Picquart heutzutage einer wie Assange oder Snowden, einer, der sich nicht beugen lässt und seine Prinzipien nicht verrät, wie ungemütlich es auch werden mag. Polanski schenkt diesem integren Menschen einen Film, und mahnt auch vor Machtmissbrauch und falscher Ehre. Dabei ist der nationale Fremdenhass wiederum eine ganz eigene Metaebene des Films. Szenen wie die, in denen die Zeitungen mit dem Manifest Émile Zolas brennen, sind Gänsehaut pur und Szenen wie die im Gerichtssaal, in denen Picquart gegen die stolzen Militärbonzen wettert, nicht weniger intensiv als seinerzeit das Finale von Eine Frage der Ehre. Nur die rekapitulierte Realität endet anders, und der Moment der Befreiung liegt in den Sternen. Dennoch: wäre die Dreyfus-Affäre nicht tatsächlich staatskrisengleich über Frankreich hereingebrochen, wäre Intrige ja fast nicht zu glauben, schon gar nicht das letztendliche Schicksal von Picquart und Dreyfus. Doch so wird es gewesen sein, und Polanski hat dabei keine halben Sachen gemacht. Mit J’accuse – Intrige hat das französische Kino wohl einen seiner stärksten Filme seit langem auf die Leinwand gewuchtet.

J’accuse – Intrige