The Card Counter

HINTER DEM POKERFACE

7,5/10


cardcounter© 2021 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, CHINA 2021

BUCH / REGIE: PAUL SCHRADER

CAST: OSCAR ISAAC, TYE SHERIDAN, TIFFANY HADDISH, WILLEM DAFOE, ALEXANDER BABARA, EKATERINA BAKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Star Wars-Fans kennen Ihn als Fliegerass Poe Dameron in der teils ungeliebten Sequel-Trilogie, anderen wiederum bleibt er als Atreides-Adeliger aus Denis Villeneuves Dune zumindest noch bis zum nächsten Teil in Erinnerung: Oscar Isaac, der Mann mit dem intensiven Blick und einem schauspielerischen Können, dass sich vielleicht noch nicht so richtig offenbart zu haben scheint, mit Paul Schraders The Card Counter aber seine Sternstunde feiert. In diesem schwer einschätzbaren Streifen gibt der Mann einen stoischen, in sich gekehrten Ex-Häftling, der über acht Jahre im Knast gesessen und dort so richtig zu schätzen gelernt hat, wie es ist, wenn ein Leben nach unverrückbaren Bahnen verläuft. Aus der Obhut des Staates entlassen, vertreibt William Tell (nein, es gibt keinerlei Bezug auf den Schweizer Nationalhelden) seine Zeit damit, in amerikanischen Casinos vorwiegend beim Black Jack die Karten zu zählen und so, mit siegessicherer Hand und gerade in einem Ausmaß, damit die Security nicht Blut leckt, ordentlich Kohle abstaubt. So zieht er von Stadt zu Stadt, mit einem Koffer und wohnhaft in Motels, deren Interieur er jedes Mal in weiße Tücher hüllt, so wie es Christo seinerzeit gemacht hat, nur in größeren Dimensionen. Der Zuseher begreift bald: Tell trägt eine Vergangenheit mit sich rum, die ihn selten ruhig schlafen lässt. Es sind dies die Foltergräuel aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib, an welchen er selbst beteiligt war – ein Umstand, der sich nicht relativieren geschweige denn reinwaschen lässt. Es sei denn, es gibt da eine Hintertür: Und die zeigt sich bald, in Gestalt eines jungen Mannes, dessen Vater aufgrund ganz ähnlicher Untaten den Freitod gewählt hat. Es wäre die Gelegenheit, wenn schon nicht das eigene Leben, dann zumindest ein anderes wieder in richtige Bahnen zu lenken.

Unter der Voraussetzung, dass man weiß, dass The Card Counter aus der Feder von Paul Schrader stammt und darüber hinaus noch vom alten Taxi Driver-Veteran inszeniert wurde, erscheinen die Aussichten auf verzeichnende Erfolge jenseits des Kartentisches vorzugsweise ernüchternd. Schraders verlorene Gestalten spielen in einer Welt der verkommenen Moral, der Reuelosigkeit und mit Füßen getretenen Fairness. Im Zentrum stehen – wie Travis Bickle – selbsternannte Anti-Helden, die ihre Bestimmung erkennen und mutterseelenallein den Ausfall wagen. Sie sehen sich verpflichtet, eine unrettbare Welt besser zu machen, koste es, was es wolle. Dabei weicht das eigene Leben, ohnedies gefüllt mit leeren Automatismen, einer potenziellen Selbstaufgabe. Eine düstere Figur, muss sich Oscar Isaac gedacht haben. Allerdings: herausfordernd. Der Schauspieler meistert diese Aufgabe mit grimmigem Understatement. Sein Wilhelm Tell ist in sich gekehrt und desillusioniert; traumatisiert und orientierungslos. Mitunter aber hegt er Zuneigung für so manche Person, entwickelt Wärme, wo man sie nicht für möglich hält, quält sich aber durch einen nachhaltigen Alptraum, der schubweise an die Oberfläche dringt und in verzerrten Bildern des Grauens sein Publikum verstört. Dann wieder die geordnete Dynamik eines Pokerturniers, das Kartenwälzen am Black Jack-Tisch und die völlig verwirrenden Regeln des Spiels. Gut, die muss man nicht kennen, um den Film auf gewisse Weise beeindruckend zu finden, obwohl Schrader es einem nicht leicht macht. Seine Szenen sind nüchtern und sperrig, bleiben unnahbar und lakonisch. Oscar Isaac allerdings entfesselt einen unberechenbaren Sog, zeigt sich sowohl verletzlich als auch unberührbar. Wenn er zu Co-Star Tye Sheridan spricht, gibt’s nur die Pflicht, seinen Worten zu gehorchen. Wenn er laut denkt, als Stimme aus dem Off, ist der Film Noir wieder zurück. Und Isaac spielt und denkt und kämpft ums Weiterleben. 

The Card Counter ist kein gefälliger Film, und auch nichts für Zwischendurch. Blickt in Abgründe, wie seinerzeit in Taxi Driver oder First Reformed. Gequälte Seelen, die Absolution finden wollen, das alles in spartanischer Optik und unterlegt mit melancholisch-jammernden Songs, die so klingen, als wäre ein Aufraffen gar nicht mehr möglich. Pessimismus also, in seiner edelsten Form.

The Card Counter

Joe Bell

ZU FUSS IN EINE BESSERE WELT

6/10


joebell© 2021 Leonine Distribution


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: REINALDO MARCUS GREEN

CAST: MARK WAHLBERG, REID MILLER, CONNIE BRITTON, MAXWELL JENKINS, MORGAN LILY, GARY SINISE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Nicht lange suchen, einfach buchen: Mark Wahlberg ist die Universalbesetzung für so ziemlich alles – ob Action, Familienkomödie, Science-Fiction oder Tatsachendrama. Der durchtrainierte Muskelmann setzt weniger auf seine körperlichen Schauwerte, sondern auf professionelle Routine. Und das ist es auch, mehr wird’s nicht. Wahlberg ist gut, aufgeräumt und im Teamwork mit der Filmcrew womöglich erstaunlich integer. Sonst würde man ihn nicht für alle erdenklichen Projekte besetzen. Einziger Wermutstropfen: Wahlberg entwickelt keine Leidenschaft. Seine Rollen sind Tagesgeschäft, mehr lässt sich dabei kaum erspüren. Wir werden sehen: selbst im kürzlich anlaufenden Uncharted wird Wahlberg wieder waschecht Wahlberg sein, neben einem Tom Holland, der hoffentlich nicht nur den Spider-Man gibt. Aber ich lass mich überraschen. Und übrigens: Die Goldene Himbeere könnte dieses Jahr seine Regale zieren, sofern er sich diese abholen will: In Infinite war ihm der Alltag seiner Arbeit in fast jeder Szene abzulesen.

Wahlbergs Agent hat dem Profi zwischenzeitlich auch noch diese Rolle verschafft: die des zweifachen US-amerikanischen Familienvaters Joe Bell, der die Homosexualität seines Sohnes nur mit Mühe akzeptiert und der dann auch nicht ausreichend hinhört, als dieser von massivem Mobbing an seiner Schule berichtet. Die grausamen Sticheleien intoleranter Altersgenossen führen zur unvermeidlichen Katastrophe: Sohnemann Jadin begeht Selbstmord. Daraufhin beschließt Joe Bell, seine Defizite als Vaterfigur, posthum für seinen Sohn, wiedergutzumachen und zieht als Referent gegen Mobbing quer durch die USA. Es ist der Weg eines trauernden, traumatisierten, in eine notwendige Katharsis getriebenen Menschen, den das Schicksal seines Sohnes für den Rest seines Lebens begleiten wird. Und auch dieses muss nicht zwingend lange dauern.

Ein Trauermarsch für eine bessere Welt, das Gedenk-Roadmovie eines reumütigen Egoisten, der mit Eifer seinem Sohn gerecht werden will: Oft geht Joe Bell nicht allein – es begleitet ihn sein verstorbener Sohn als Projektion einer Sehnsucht. Jungschauspieler Reid Miller ist dabei faszinierend gefühlvoll und scheut nicht davor zurück, zärtlich und verletzbar zu sein. Der Film selbst, inszeniert von Reinaldo Marcus Green, dessen Oscar-Favorit King Richard demnächst ins Kino kommt, hat berührende Momente, vor allem dann, wenn Wahlberg posthume Gespräche mit seinem Sohn führt. Da wünscht man sich sehnlichst, es wäre nie so weit gekommen, und man könnte das Rad zurückdrehen. Geht durchaus nah. Sonst aber mag sich Green mit dem Thema Mobbing nicht so recht auseinandersetzen zu wollen und verlässt sich auf Wahlberg, der dem Thema entsprechen muss: Routine also auf einem gewissen Level, in vertrautem Rhythmus einer True Story aus der amerikanischen Gesellschaftschronik, betroffenheitsfördernd und sich ganz auf das Schicksal einer aufs Tragischste gebeutelten Familie verlassend, leidgeprüft wie Hiob.

Joe Bell

Vom Ende einer Geschichte

BLICK ZURÜCK IN REUE

5/10


endeeinergeschichte© 2018 Wild Bunch


LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: JIM BROADBENT, HARRIET WALTER, CHARLOTTE RAMPLING, MATTHEW GOODE, EMILY MORTIMER, MICHELLE DOCKERY, BILLIE HOWLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Den britischen Schauspieler Jim Broadbent kennt die breite Front der Kinogeher wohl am ehesten aufgrund seiner Rolle als Horace Slughorn, verschrobener Professor für Zaubertränke aus der Harry-Potter-Episode um den Halbblutprinzen. Dank ihm, also dieser Figur, wissen wir Bescheid über Horkruxe. In der Verfilmung eines Romans des Engländers Julian Barnes hat er alles Magische abgelegt und lebt als Pensionist ein Leben der Gelassenheit und der Freude an alten Fotoapparaten. Um seine Rente aufzubessern, führt er auch noch einen winzig kleinen Laden für Analoges aller Art. Irgendwann aber bekommt der Senior einen Brief vom Notar. Anscheinend hat er was geerbt – genauer gesagt ist es ein Tagebuch von einem ehemaligen Kommilitonen aus der Studentenzeit, das aber wiederum in die Hände der eben verstorbenen Mutter seiner ehemaligen Freundin geraten war. Was hat es damit wohl auf sich? Broadbent wassert nach. Mit ihm der Film, der natürlich, wie es für BBC-Produktionen oft typisch ist, auf zwei weit auseinanderliegenden Zeitebenen fährt. In einer davon lernen wir Broadbents Ich in jugendlichen Jahren kennenlernen. Und kommen der ganzen Sache mit dem Tagebuch langsam, aber sicher, auf die Spur.

Vom Ende einer Geschichte, inszeniert vom indischen Filmemacher Ritesh Batra (Lunchbox, Photograph) ist wirklich kein Film, der lange in Erinnerung bleibt. Kein Wunder, dass die Figur des Rentners Tony sich nur vage an all die Dinge von damals erinnert, so verdröselt und detailverliebt kommen sie daher. Im Grunde ist die Literaturverfilmung kein schlechter Film, aber auch nichts wirklich Bewegendes. Klassische Prosa, über Liebe, Freundschaft und tragischen Zufällen, die das Leben so einiger beeinflusst haben. Doch mich wundert nicht, das Vom Ende einer Geschichte allzu gemächlich vor sich hinsinniert und eigentlich lieber als Vorlage gelesen werden will: Ritesh Batra ist nicht wirklich dafür bekannt, fesselnde Geschichten zu erzählen. Zumindest mir nicht. Photograph war eine arg hölzerne Romanze. Dieser Film hier hat zumindest den professionell aufspielenden Jim Broadbent als Star in petto. Die Story selbst aber ist für einen Film recht bemüht konstruiert, über mehrere Ecken gehend, das Kolorit früherer Jahre so gerne einfangend. Dabei aber immer so in den Erinnerungen kramend, wie man es tut, wenn alte Fotoalben gesichtet werden und verschiedenste Bilder im Kopf wieder aufpoppen. Das ist für den, der dabei war, sicher emotional erregend. Für den fremden Betrachter einer solchen Geschichte ist das eine biedere Schicksalsnummer über Verantwortung und Widergutmachung, gesprächig und gut besetzt, allerdings recht distanziert und umständlich.

Vom Ende einer Geschichte

Da 5 Bloods

VOM KRIEG, DER NICHT IN RENTE GEHT

6/10

 

da5bloods© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: SPIKE LEE

CAST: DELROY LINDO, CLARKE PETERS, ISIAH WHITLOCK JR., NORM LEWIS, CHADWICK BOSEMAN, JEAN RENO, MÉLANIE THIERRY, PAUL WALTER HAUSER, JASPER PÄÄKKÖNEN U. A. 

 

Da fällt mir doch gleich ein echter Klassiker von Dire Straits ein: Brothers in Arms. Im Vibra-Sound, recht verhalten und in den imaginären Stahlhelm gesungen, erzählt der Song vom Durch- und Zusammenhalten, wenn die Waffen sprechen. Sowas begründet natürlich, sofern man überlebt, niemals endende Freundschaften. Zwangsfreundschaften sozusagen. Innerhalb der schwarzen Bevölkerung ist das gefühlsmäßig etwas anders. Die sind nicht nur im Krieg Brüder – die solidarisieren sich auch so. Vor allem jetzt, wenn Black Lives Matter. Da sind all jene afrikanischen Ursprungs eine ganze große Familie, um gegen den zur us-amerikanischen Tagesordnung gehörenden Rassismus anzurennen. Spike Lee ist da ganz vorne mit dabei. Rassenhass, Gewalt und Politik waren immer sein Thema. Politik ganz besonders. Und all die ganzen zersetzenden Mechanismen einer Gesellschaft, die, egal ob schwarz oder weiß, so leicht in Frieden miteinander leben könnte. Lee sucht aber in seinen Filmen ganz andere Ansätze und verleiht dem Ansinnen auf ethnische Liberalität den Klang von Stereo, lässt seine wild schraffierten Ideen wie aktivistische Transparente nicht nur auf das Kinopublikum los – sondern jetzt auch auf all die User von Netflix, die exklusiv sein neues Werk begutachten können – und sich, sofern sie es gesehen haben, vielleicht an BlacKkKlansman erinnert fühlen.

Diese True Story, fast schon Satire, führt mit Freuden die White Power der USA ad absurdum, lässt Tomaten auf die weißen Gewänder der Kapuzenträger hinabregnen, wenngleich Lees Film trotz seiner ruhelosen Ambitionen weitestgehend handzahm daherkommt. Diese Phlegmatik könnte mit Da 5 Bloods jetzt ein Ende haben – obwohl auch dieser neue, überlange Streifen rund um den Vietnamkrieg und seine Nachwehen relativ viel Zeit benötigt, um wirklich in die Gänge zu kommen. Aber so ist das in den Tropen: einer Akklimatisierungsphase folgt ein Abenteuer Marke Baedeker, wie man es daheim anschließend gern erzählt. Die 4 Bloods – der fünfte im Bunde hatte schon während des Kriegseinsatzes in Fernost das Zeitliche segnen müssen – finden sich nach Jahrzehnten wieder dort ein, wo die „Blutsbrüderschaft“ ihren Anfang nahm: In Saigon, im Süden des Landes. Warum nun sind sie hier, diese vier Rentner? Mitnichten zum Urlauben. Sondern um einen Goldschatz zu heben, der im Hinterland vergraben liegt, mitsamt den Überresten des fünften Blood, den es als Vorwand zu finden gilt, würden doch die vietnamesischen Behörden dieses satte Kapital niemals ausreisen lassen. Vier Knacker sinds also, denen das Leben bereits ganz schon mitgespielt hat. Und die den Krieg nicht überwinden können. Zumindest einer – Delroy Lindo in bemerkenswert intensiver Spiellaune – scheint massiv traumatisiert. Doch wie geplant brechen sie in den Dschungel auf, und je näher sie ihrer gemeinsamen Vergangenheit kommen, umso präsenter wird ein Krieg, der Jahrzehnte vorbei zu sein scheint. Es ist fast wie ein Fluch, der auf denen lastet, die gekämpft haben.

Da 5 Bloods ist trotz einiger Verzettelungen und zäher Konfusion ein kurioses Konstrukt, das auf gewisse Weise nachwirkt. Perfekt ist Lees Film keineswegs. Die erste Stunde lang, wenn nicht länger, sieht man den vier Veteranen beim Quatschen zu, über das Leben und das Damals. Das wirkt fast so wie eine dieser Travel-Soaps, in denen Promis auf Reisen gehen. Irgendwann gibt’s auch noch einen Reiseleiter, der nur die Geschichte des fünften Blood kennt, aber nicht die des vielen Goldes. Lee wechselt das Bildformat wie ein Fotograf sein Objektiv – von 4:3 bis Cinemascope ist alles da. Aus einem Guss ist das nicht. Gewöhnungsbedürftig sind nicht nur die Szenen aus vergangenen Kriegstagen, die wie Super 8-Aufnahmen inszeniert sind, untermalt von pathetischer Orchestermusik wie für einen Chuck Norris-Reißer, und in denen die Bloods, bis auf den einen fünften („Black Panther“ Chadwick Boseman), genauso alt sind wie 5 Jahrzehnte später. Gewöhnungsgbedürftig ist der ganze Film, der manchmal einfach zu viel skandiert, der schockierende Archivaufnahmen aus dem echten Krieg wie Schrapnelle so manche Szene spaltet. Der Power-Point-Files in seinen War-Punch hineinwirft und alles nochmal aufkocht. Lees Senf zu Black Lives Matter wirkt dabei leider wie aufgesetzt, hat auch aus meiner Sicht mit dem Werk nur peripher zu tun. Aber gut, Spike Lee will so viel wie möglich, fällt fast schon in Rage. Dabei kippt das Werk ins Anarchische. Was folgt, ist ein regelrecht bizarres Apokalypse Now-Revival für die R.E.D.-Generation in drastischen Bildern, ein Antikriegsfilm mit nostalgischem Blick zurück ins Desaster, in dessen Folge der Sieg über den Feind auch nichts weiter ist als eine Niederlage der anderen Art.

Da 5 Bloods

Unter dem Sand

DIE DISSONANZ VON SCHULD UND SÜHNE

6/10

 

unterdemsand© 2016 Koch Films GmbH

 

LAND: DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2016

REGIE: MARTIN ZANDVLIET

CAST: ROLAND MØLLER, MIKKEl BOE FØLSGAARD, LOUIS HOFMANN, JOEL BASMAN, LAURA BRO U. A. 

 

Dieser Film wirft kein gutes Licht auf Hamlets ehemaligen Grund und Boden. Es war ja damals, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nicht so, dass Dänemark keine Kriegsgefangenen gemacht hätte. Gerade die Jungen mussten dafür büßen, was Adolf Hitler mit ihrem Land angerichtet hat. Eine kurzsichtige Denkweise, denn gerade den Jungen war überhaupt keine andere Wahl geblieben, als sich indoktrinieren zu lassen und für den Führer zu kämpfen – andernfalls wären sie als Wehrdienstverweigerer hingerichtet worden. Das wohl bekannteste Beispiel: der Fall Jägerstätter. Aber in Dänemark, da heißt es: Vom Regen in die Traufe. Die Schuld der Erwachsenen müssen die Kids von damals, als Bonus zu den traumatischen Erlebnissen aus dem Krieg, noch zusätzlich ausbaden. Wie groß muss der Hass auf die Invasoren wohl gewesen sein, um nicht zu erkennen, dass viele dieser Burschen vermehrt nur aus Angst um das eigene Leben in den Krieg gezogen waren. Dänemarks Racheakt war der, diese Jungen eben nicht einfach heimziehen zu lassen, sondern zur Säuberung der Strände einzusetzen. Die waren natürlich nicht herkömmlich vermüllt, sondern gespickt mit Teller- und sonstigen Minen. Entschärfen muss das die damalige Next Generation – ein russisches Roulette an der Nordsee, unter gebrüllten Befehlen eines herdentreibenden Oberfeldwebels irgendwo im Nirgendwo. Essen gibt´s auch keins, Erniedrigungen dafür umso mehr. Was die Jungs hier mitmachen müssen, ist schwer zu ertragen. Und für den Zuseher ebenfalls kaum auszuhalten.

Es gibt Filme, die sieht man garantiert kein zweites Mal. Unter dem Sand ist so ein Werk. Ein bitteres Drama, das alles ist, nur kein Filmvergnügen. Regisseur Martin Zandvliet setzt hier wahrlich nicht auf Schonung und bringt sein themeninteressiertes Publikum an die Grenze der Belastbarkeit. Polanskis Pianist musste ich, als er im Kino lief, leider vorzeitig abbrechen. Hätte ich Unter dem Sand ebenfalls dort gesehen, hätte ich womöglich ähnliches getan. Ja, tatsächlich, auch wenn völlig unverständlicherweise dieser Film eine Freigabe ab 12 Jahren bekommen hat, ist er doch etwas, wofür es starke Nerven braucht. Zerfetzte Gliedmaßen im Detail sind nur die Spitze des Eisberges, darunter bohrt sich radikale Not in das Bewusstsein des Zusehers: Quälender Hunger, ausweglose Trauer, Selbstmord und Misshandlung. Jeder Tag – ein Wettkriechen mit dem Tod. Zandvliets Film ist bildgewordenes Elend, ein Kreuzweg wider der Vernunft, sich suhlend in üppigem Naturalismus und in den Schreien der Kinder. Verschnaufpausen gibt es schon, dann wogt das goldgelbe Gras des küstennahen Sumpflandes, donnern die Wellen an den Strand, wenn gerade nicht mal eine Mine explodiert. Kurze Momente eines Durchatmens vor der nächsten Quälerei. Was dabei immer stärker wird: die Verbrüderung der verlorenen Jungs, die übermenschliche Macht des Durchhaltens und die Hoffnung aufs Heimkommen. Däne Roland Møller lässt seinen nationalstolzen und verbitterten Feldwebel eine erwartbare Wandlung vollziehen, er lässt ihn trotz aller Vorbehalte vor dem Feind dennoch Mensch sein – und das ist das Menschlichste an diesem Film, der gerade durch das Ausklammern von Humanismus das karge Bisschen umso stärker erstrahlen lässt. Den Kindern – allesamt phantastische Darsteller, die wirklich ihr letztes Hemd verspielen – wird dieser Kern des Guten zum Vorteil gereichen – bei manchen aber wird die Zuversicht aufgrund seelischer Zerrüttung verpuffen.

Was nicht verpufft, ist das ungute, zermürbende Gefühl in der Magengrube. Schockierende Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Ein Film, so verstörend wie der Anblick eines offenen Bruchs und so schmerzhaft wie ein Schrapnell unter der Haut.

Unter dem Sand

Roman J. Israel, Esq.

VERRAT IN EIGENER SACHE

7,5/10

 

Roman J. Israel Esq.© 2017 Columbia Pictures

 

LAND: USA 2017

REGIE: DAN GILROY

CAST: DENZEL WASHINGTON, COLIN FARRELL, CARMEN EJOGO, TONY PLANA U. A.

 

Erst vor Kurzem noch hat er als unkaputtbarer Einzelkämpfer Robert McCall, genannt der Equalizer, sämtlichen Schurken gezeigt, was es heißt, Selbstjustiz zu üben. Einen gefühlten Augenaufschlag später wird der Profikiller zu einem nerdigen Paragraphenritter mit eidetischem Gedächtnis. Die Rede ist von Denzel Washington, einer meiner persönlichen Top Ten unter den gern gesehenen Schauspielern. Vielleicht ist es das enorm selbstbewusste, einnehmende Charisma hinter jeder seiner Rollen. Dieses expressive Versenken in seinen Figuren. Vollblut, nenne ich sowas. In Dan Gilroy´s filmgewordenen Justiz- und Moraldilemma Roman J. Israel, Esq. (ein nicht gerade verkaufsfördernder, weil kaum prickelnder Titel) agiert Washington in deutlichem Kontrast zu seinen Actioneskapaden und schlendert im Watschelgang, schlechtsitzenden Anzügen und Afro durch die Straßen von Los Angeles, der Stadt der gefallenen Engel. Diese Rolle, die wäre Schauspielkollege Forrest Whitaker geradezu auf den Leib geschnitten gewesen. Für den formatfüllenden König von Schottland mit Hängelied und dem irritierend naiven Gehabe eines großen Kindes wäre die Figur des hochbetagten Außenseiters vielleicht sogar zu aufgelegt gewesen. Für Washington ist diese Rolle ein weiterer Beweis seines profunden Talents und ein wichtiger Eckpfeiler seines darstellerischen Schaffens. Für jene, denen die Oscar-Verleihung 2018 schon zu weit zurückliegt: eine Nominierung als bester Hauptdarsteller war hierfür eigentlich selbstredend.

Umso mehr verwundert es mich erneut, dass sehenswerte Filme wie dieser vom Kinoverleih schmählichst ignoriert werden. Zumindest haben Filmliebhaber das leicht geschmälerte Vergnügen, Roman J. Israel, Esq. im Heimkino zu bewundern. Denn sehen sollte man diesen intensiven Streifen auf alle Fälle, nicht nur als Fan Washingtons. Vielleicht auch, wenn man ein Bewunderer der literarischen Werke Friedrich Dürrenmatts ist. Der geniale Schweizer Dramatiker und Romancier hat sich Zeit seines Schaffens mit Themen wie Moral, Verantwortung und den Achillesfersen der Gesellschaft angenommen, die er dann auf die Spitze trieb. Auf den Worst Case ließ er es ankommen, stets mit einem niemals allzu moralinsauren Sarkasmus, eher mit der alles verschluckenden Schwärze einer Konsequenz, die kommen muss.

Dan Gilroy, der schon mit Nightcrawler die Frage der Moral in den Grundfesten erschüttern ließ, hat nun, ebenfalls aus eigener Feder, einen wuchtigen Eigenbrötler und Einzelkämpfer aufs Tablett gebracht, der nach rund 40 Jahren als Partner eines Anwalts vor verschlossenen Türen steht und sich neu orientieren muss. Ein wandelndes Lexikon aller Paragraphen des amerikanischen Gesetzes, aber desillusioniert, was das System angeht. Der schmierige Lackaffe und Staranwalt George Pierce, raffiniert undurchsichtig verkörpert von Colin Farrell, will ihn mehr aus Mitleid als aus Überzeugung mit ins Boot holen, um ihn bald ob seiner unorthodoxen, weltfremden Arbeitsmethoden zu rügen. Schlimmer noch, er macht ihn zur Schnecke. Und irgendwann zerbricht das Weltbild des seltsamen, prinzipientreuen Vogels, der überall aneckt und unangenehm auffällt. Spätestens dann ist der Pakt mit dem Teufel nicht der mit dem Lackaffen als Advokat, sondern mit einem verräterischen Selbst, dass aus kindlichem Trotz rundumschlägt, resigniert und ein Lebensglück erzwingt, dass allen guten Vorsätzen widerspricht.

Wie Roman J. Israel das macht, ist faszinierend, spannend und umwerfend dargeboten. Die paraverbale Sprache Washingtons, der Entwurf dieses dem Mainstream entwurzelten Charakters, ist meisterlich bis ins Detail. Wenn er blickt, denkt, in Rage gerät, dann ist das schlüssig, greifbar und mitreißend. Dabei muss er gar keine großen Reden schwingen, doch selbst wenn er seine Quergedanken artikuliert, kommt man nicht umhin, sich ein Stück davon mitzunehmen. Denn prinzipiell hat er ja recht. Und um so schmerzlicher ist es, mitanzusehen, wie die eigenen Ideale dem einfordernden Wunsch nach Wohlstand zum Opfer fallen. Washington´s famoser Kraftakt ist ein erkenntnisreiches Gleichnis und ein hörbarer Imperativ, zu sich selbst zu stehen. Roman J. Israel, Esq. ist ein Antiheld, ein Verlierer, der aber schon längst gewonnen hätte, wäre da nicht der Druck von außen, der mehr und ganz etwas anderes verlangt.

Roman J. Israel, Esq.