Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

FRÜHER WAR ALLES BESSER

5,5/10


reminiscence© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: LISA JOY

CAST: HUGH JACKMAN, REBECCA FERGUSON, THANDIWE NEWTON, CLIFF CURTIS, MARINA DE TAVIRA, DANIEL WU, MARTIN SHEEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es gab Zeiten, da saß man, mit aufgeschlagenem Fotoalbum am Schoß, auf der Couch und schwelgte in Erinnerungen anhand bereits schon leicht blaustichiger Fotografien, die die eigene Kindheit und Jugend oder einfach nur unvergessliche Momente dokumentierten. Oft sah man sich diese Alben gemeinsam mit anderen an, nicht selten fiel da die eine oder andere Anekdote. Ein herzliches Lachen, ein „Weißt du noch“… Dabei ist nichts gehaltvoller als das eigene Kino der Erinnerungen im Kopf. Denkt man zurück, erlebt man nicht nur die Emotionen nochmal durch, auch das Periphere, Physische. In nicht allzu ferner Zukunft – einer Zukunft im postklimatischen Zeitalter, nachdem der Meeresspiegel längst gestiegen, zum Beispiel die Halbinsel Florida überflutet und die Welt einen nicht näher definierten Krieg überstanden hat – scheint der Mensch in seiner Fähigkeit, sich zu erinnern, so ziemlich verkümmert. Die eigene Kraft der Imagination ist erschöpft, demzufolge gibt es allerdings Techniken, die es möglich machen, in die gedankliche Vergangenheit eines Menschen einzutauchen, damit dieser das Gewesene so erleben kann, als würde es gerade jetzt passieren. Klingt irgendwie nach etwas, das süchtig macht.

Hugh Jackman als Betreiber eines solchen Reminiscence-Salons kann hier täglich den im Wasser dahintreibenden Nostalgikern über die Schulter blicken, um nicht ganz ohne voyeuristischer Tendenz an den Erinnerungen fremder Menschen teilzuhaben. Eines Tages allerdings betritt eine geheimnisvolle Schöne den Laden, um eigentlich nur ihre verlegten Schlüssel zu finden. Aus dieser Begegnung wird natürlich mehr, und Rebecca Ferguson und Hugh Jackman erleben bald die schönsten Stunden und Tage ihres Lebens – bis die Dame verschwindet. Jackman macht sich natürlich auf die Suche – sowohl in seinen Erinnerungen als auch im versunkenen Miami. Und entblättert ein Netz aus Erpressung, Täuschung und Gier.

Lisa Joy, ihres Zeichens mitverantwortlich für den Erfolg der Science-Fiction-Serie Westworld, bleibt mit Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie ihrem Genre treu, verliebt sich aber zugleich in den Stil des alten Film Noir, in welchem sich unter anderem Robert Mitchum, Humphrey Bogart oder Lauren Bacall in obskuren Schicksalen verstrickten. Diese Affinität zum gediegenen Edelkrimi ist Fluch und Segen für diesen Film zugleich. Warum? Einerseits findet Joy ein schillernd-hypnotisches Setting für ihren Liebes- und Leidensweg, mit verlassenen Vergnügungsparks und pittoresken Straßenzügen in Art Deco – andererseits nimmt sie mit ihrer artig zurechtgeschriebenen Kriminalgeschichte der schwülstig-schwülen Stimmungs-Dystopie sehr viel innovativen Esprit. Kurz gesagt: Reminiscence gerät rein narrativ zu einer recht altbackenen, fast schon regressiven Geheimniskrämerei, in der Hugh Jackman mal mehr, mal weniger gut aufspielt. Letzten Endes lässt einen die tragische, aber recht banal wirkende Liasion zwischen den beiden vom Schicksal gebeutelten Stars auch relativ kalt, während man wohl selbst lieber zwischen dem neuen Venedig Floridas herumschippern würde, um so manchen dem Verfall preisgegebenen Monumenten von früher zu begegnen. So ein Erlebnis bliebe sicher gut in Erinnerung.

Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

One Night in Miami…

REFLEXIONEN ZUM FEIERABEND

7,5/10


onenightinmiami© 2020 Amazon Studios


LAND: USA 2020

REGIE: REGINA KING

CAST: ELI GOREE, KINGSLEY BEN-ADIR, LESLIE ODOM JR., ALDIS HODGE, BEAU BRIDGES, LANCE REDDICK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Gestern, am 22. Jänner, wäre Soul-Legende Sam Cooke 90 Jahre alt geworden. Doch der Mann, der ist schon lange tot. Er wurde erschossen, angeblich in Notwehr, im Alter von gerade mal 33 Jahren. So einen Tod musste Malcolm X ebenfalls erleiden. Am 25. Februar 1964 allerdings wussten beide noch nichts von ihrem tragischen Schicksal, als sie mit Cassius Clay aka Muhammed Ali und dem Football Star Jim Brown auf den Sieg des berühmten Boxers gegen Sonny Liston anstoßen wollen. In einem Hotel in Miami, irgendwann spätnachts. Dieses Treffen hat allerdings nie wirklich stattgefunden, es ist rein fiktiv. Gekannt haben sich die vier Schwarzen aber schon. Vor allem Malcolm X und Ali waren gute Freunde, und ersterer konnte den Boxer letzten Endes auch zum Islam bekehren. Die vier treffen sich also in einem Hotelzimmer, und nicht an einer Bar, um zu feiern. Warum? Weil Malcolm X jede Sekunde fürchten muss, von Rassisten attackiert oder gar ermordet zu werden (was schließlich auch eintrat – aber nicht durch Rassisten, sondern durch Mitglieder der Nation of Islam. Doch das nur am Rande). In diesem Zimmer treffen vier unterschiedliche Lebenskonzepte und Einstellungen aufeinander, es wird gelacht, es wird aus früheren Zeiten erzählt, es wird gestritten, getrotzt und sich wieder versöhnt. Diese Nacht, die ist fast schon zu ideal, um wahr zu sein. Und dennoch wird sie unter der Regie von Schauspielerin Regina King (Oscar für If Beale Street Could Talk) zu einem vor allem textlich beeindruckenden Come Together.

Sowas passiert auch nur, weil One Night in Miami… ein Theaterstück ist. Dramen für die Bühne sind ausgesucht dialogstark, ausgefeilt bis zum letzten Punkt, die Atempausen akkurat gesetzt. Das war auch schon bei Ma Rainey’s Black Bottom so, ein verbal wuchtiger Film. Oder The Boys in the Band – Jim Parsons Einladung zum Geburtstag. Alles Werke, die mit sicherer Hand und geradezu vorbildlich für das Kino adaptiert wurden. Doch leider nur fürs Streamingkino, denn alle drei Werke wären auch visuell erste Sahne. One Night in Miami… punktet daher mit edler Ausstattung und ordentlich 60er-Kolorit. Was das Dialogdrama aber noch mehr zu einer ganz besonderen Gesprächsrunde werden lässt, ist am wenigsten dessen Plot, denn viel passiert hier nicht. Was diese Nacht bietet, ist ein Innehalten und Reflektieren, ein Abwägen des Status Quo und ein Sinnen über die Zukunft. Was den Film also so besonders werden lässt, dass ist das gemeinsame Agieren von vier recht unbekannten Künstlern, die in ihren inszenierten Alter Egos ihren Meister gefunden haben. Kingsley Ben-Adir entwirft einen sowohl scharfsinnigen als auch provokanten, obsessiven Malcolm X. Eli Goree ist als Cassius Clay der resolute Muskelprotz von nebenan, Aldis Hodge der wohl rationalste der vier und Musicalstar Leslie Odom Jr. setzt als leidenschaftlicher Soulsänger Sam Cooke mit einer detailliert manieristischen Performance dem Schauspielabend die Krone auf. Regina King  hat mit dem durchdachten Theaterstück schon vieles auf der Habenseite – mit dem seit langem wohl am besten aufeinander eingestimmten Ensemble in einem Film ist ihr damit ein wortgewandter, sehr empathischer und auch ernstzunehmend gesellschaftskritischer Wurf gelungen, der, ähnlich wie Ma Rainey’s Black Bottom, Kämpfer, Verbündete und Opportunisten im Kampf der Schwarzen um gleiches Recht sichtet und dabei in eine aufwühlende Vergangenheit blickt.

One Night in Miami…

Waves

ZWEIKLANG EINER FAMILIE

7/10

 

WAVES© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: TREY EDWARD SHULTS

CAST: KELVIN HARRISON JR., TAYLOR RUSSELL, STERLING K. BROWN, LUCAS HEDGES, ALEXA DEMIE U. A. 

 

Gibt es die perfekte Familie? Social Media will uns das zwar unter frei wählbarer Message Control weismachen, aber – nein, natürlich gibt´s die nicht. Auch wenn Eltern sich bis zur Verausgabung anstrengen, um den Nachwuchs zu einem Wunderkind zu erziehen. Laut Familienvater Rupert müssen sich schwarze Familien doppelt so hart anstrengen, und doppelt so viel leisten, um das zu erreichen, was die Weißen haben. Und er tut das, er pusht seinen Sohn Tyler, der das Zeug zum Meisterringer hat, zu jeder Tageszeit. Tyler ist des Vaters roher Diamant, der geschliffen werden will. Ob Tyler das auch so sieht? Nun, er tut seine Pflicht. Was heißt eine – alle möglichen Pflichten. Will perfekt sein, den Big Daddy zufriedenstellen. Aber da der Anspruch, perfekt sein zu wollen, ja genauer betrachtet an sich schon eine gewisse Verpeilung darstellt, kann dieser leicht zur Obsession werden. Und Obsession führt zum Kurzschluss, wenn höhere Mächte den Eifer bremsen. Und die prasseln der Reihe nach auf den 18jährigen Jungen ein. Tyler bangt um seine Zukunft, und als sich jede Hoffnung zu zerstreuen scheint, verliert auch er den Boden unter den Füßen.

Es ist wie die Sache mit Ikarus. Die Flügel werden schmelzen, je höher er fliegt. Natürlich weiß er das, tut es trotzdem – und fliegt zu hoch. Ikarus stürzt ab. Tyler, der Sohn mit so viel Potenzial, hechtet hinterher und lässt sich von einer Abwärtsspirale aus scheinbar irreparablen Umständen ins Nichts ziehen. Wobei diese Episode des Films nur die Hälfte des Erzählten ist. Was Trey Edward Shults (u.a. It Comes at Night) hier erzählt, ist weitaus mehr und nicht nur das Falling Down eines schwarzen Jugendlichen, der meint, den Ansprüchen aus dem Elternhaus nicht zu genügen. Waves ist auch der Leitfaden raus aus einer familiären Katastrophe, die nicht mehr der gestrauchelte Tyler dominiert, sondern dessen Schwester Emily. Ein Film also, der zwei Geschichten eint, die, sich ergänzend, vom Erwachsenwerden, von Vergebung und vom Plan B erzählen, der längst nicht perfekt, dafür aber machbar und letztendlich lebenswert scheint.

Für diese Fülle an Drama und Tragödie findet Waves eine virtuose Bildsprache, die vor allem anfangs in seinen Bann zieht. Die Kamera scheint zu rotieren, alles dreht sich, alles bewegt sich, die Party des Lebens kann nicht gestoppt werden. Ein Quell an Farben, Unschärfen und Rhythmen, die Julian Schnabel wohl gefallen würden. Shults gelingen in seinem selbst verfassten Werk einige meisterhafte Szenen, die so hypnotisch sind wie jene aus Barry Jenkins Oscar-Gewinner Moonlight. Inhaltlich haben beide nicht viel gemein, doch das Lebensgefühl unter den jungen Menschen Floridas lässt sich da wie dort nicht nur zum Spring Break-Event einfangen, sondern auch in Momenten des Innehaltens und Reflektierens. Waves ist auch längst kein Beitrag zum Black Lives Matter-Betroffenheitskino – die Problematik der schwarzen Minderheit ist hier, so fühlt es sich zumindest an, überhaupt kein Thema. Das hat etwas Befreiendes, geradezu Pionierhaftes. Ob Schwarz oder Weiß ist hier mehr oder weniger egal, denn das ganze Drama lastet ohnehin schwer auf den Schultern aller beteiligten Protagonisten, die von einem Ensemble geführt werden, das in dieser fiebrig-irrlichternden Soulballade alle Anstrengung nicht umsonst sein lassen. Kelvin Harrison Jr. als Tyler gibt psychisch wie physisch alles, Taylor Russell (derzeit auf Netflix mit Lost in Space) führt mit verträumter Melancholie die Katharsis ihrer Familie an und Sterling K. Brown darf die Scherben vom Idealbild selbiger aufsammeln. Das mag alles ein dichter, gehaltvoller Brocken an Film sein, und ja, Geschichten wie diese lassen sich einfach auch weniger mäandernd erzählen, doch in seiner Gesamtheit ist Waves ein zeitgemäßes Epos, (tränen)reich an Farben und Klängen, welches das Leben, egal wie es kommt, um jeden Preis annimmt.

Waves

Wasp Network

KUBA OHNE LIBRE

3,5/10

 

waspnetwork© 2019 Netflix

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN, BRASILIEN, BELGIEN 2019

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

CAST: ÉDGAR RAMIREZ, PENÉLOPE CRUZ, WAGNER MOURA, ANA DE ARMAS, GAEL GARCIA BERNAL, TONY PLANA U. A. 

 

Mittlerweile wird spürbar – also mir fällt´s jedenfalls auf – wer auf Netflix ganz besonders lieb Kind zu sein scheint: Lateinamerika und Spanien. Das hat schon mit Alfonso Cuarons Roma begonnen. Mit Der Schacht, im Grunde Cube für das neue Jahrtausend, konnte Spanien seine Kreativität unter Beweis stellen. Gern gesehene Darsteller sind der Brasilianer Wagner Moura (u. a. Sergio, den ich für recht gelungen halte) und Édgar Ramirez, der die Last Days of American Crime erlebt hat. Ana de Armas taucht ebenfalls vermehrt auf.  Die eben genannten Drei tauchen wiederum im brandneuen Politdrama Wasp Network auf, inklusive Penélope Cruz als Powerfrau, die in Kuba zur Zeit des US-Embargos gemeinsam mit der Tochter ums Auskommen bangt. Der gute Papa, der ist nämlich abgehauen. Was nicht heißt er ist fremd gegangen, nein – in Zeiten wie diesen ist Kuba von Libre so weit entfernt wie die Erde vom Mond, die Castros predigen den Kommunismus und wenn man sich vertrollt, dann Richtung USA, am besten nach Florida. Dort angekommen, plant Papa René nach außen hin einen Neuanfang, inoffiziell hingegen eilt man den Bootsflüchtigen aus Kuba per Fluggerät zu Hilfe. Aus dieser humanitären Courage wird schnell etwas anderes – ein Spitzelverein sozusagen, der Anti-Kommunismus-Gruppen, die mit Terroranschlägen auf Kubas  Tourismus dessen Wirtschaft schwächen, infiltrieren soll. Und genau das ist prinzipiell mal nicht erlaubt in Amiland.

Wasp Network basiert auf einem Roman des Brasilianers Fernando Morais unter dem Titel: Die letzten Soldaten des kalten Krieges. Klingt spannend – ist es aber nicht. Verantwortlich für diese illustre Langeweile ist der Franzose Olivier Assayas, was mich angesichts von Filmen wie Die Wolken von Sils Maria oder Personal Shopper dann doch überrascht. Na gut, ein bisschen im kriminellen Metier herumgestochert hat er schon, zum Beispiel mit Carlos – Der Schakal. Sein von ihm aus der Vorlage extrahiertes Drehbuch ist allerdings eines, das angesichts all der kleinteiligen Fakten, Namen und Personen komplett den Überblick verliert, vieles nur halbherzig anreißt und in Tequila trinkender Redefreudigkeit vor sich hinschwatzt. Das ist zäh, und die Story selber ist nur so halb interessant, wie sie vorgibt zu sein, zumindest für mich jedenfalls. Die Familiengeschichte rund um Édgar Ramire´Figur ist das einzige, was als Konstante herhalten kann, der Rest ist ein Kommen und Gehen bunt behemdeter Pseudo-Rentner, die in Sachen Kuba und auch auf Drogen machen; Piloten und grünohrige Burschen, die mal da, mal dort sind und vielleicht in Gefahr geraten. Mit Sicherheit liest sich dieser Stoff besser, als er filmtechnisch funktioniert, denn das tut er kaum, da verstehe ich die Rolle des Streifens bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig nicht, wo Wasp Network um den Goldenen Löwen konkurriert hat.

Gewonnen hat er nichts, und gewinnend ist der Film mit einer Laufzeit von über zwei Stunden auch nicht. Man wartet auf den narrativen Höhepunkt, doch der kommt nicht. Klar, als Künstler muss man nicht zwingend den gelernten Parametern für den Storyaufbau folgen, doch wenn man diesen solchen verlässt, sollte zumindest die Alternative gut sein. So ist Wasp Network ein Einheitsbrei aus bereits erwähnten Versatzstücken. Ana de Armas ist wieder hübsch anzusehen und auch Penélope Cruz macht ihre Sache gut, doch die True Story um fünf Polit-Idealisten (Sind es fünf? Ich weiß es nicht mehr), die noch dazu viel zu oberflächlich umrissen sind, um mehr von ihnen wissen zu wollen, ist weder Politthriller noch Familiendrama. Wenn’s gut gemixt wäre, wäre das natürlich kein Ding, aber angesichts dieses ausufernden Wulsts an Notizen, Szenen und Orten könnte man fast vermuten, das Skript zum Film war als Rohfassung schon gut genug.

Wasp Network

Moonlight

BLAU IST EINE SCHWARZE FARBE

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moonlight

And the Oscar for the Best Picture 2017 goes to … La La Land. Oh no, sorry – der tatsächliche Gewinner für den besten Film des Jahres war dann doch wer ganz anderer. Jemand, der eine ganz andere Nische besetzt hält. Nämlich die reinsten Independentkinos. Denn Moonlight, so kann ich getrost sagen, ist ein modernes Meisterwerk des Black Cinema. Dass es so ein Film trotz seiner Außenseiterthematik letzten Endes so weit nach vorne schafft, ist einerseits überraschend. Kein Musical, kein Epos – nichts, was die breite Masse unterhält oder gar betrifft. So weit hat sich die Academy von Straßenfegern wie Ben Hur und ähnlichen Abräumern bislang noch nie entfernt.

Die elitäre Jury und oberste Instanz, die ihren Einfluss über Leben und Sterben von Filmen und ihren Stars weltweit unter führendem, flatterndem Banner hält, beweist durch das Ergebnis dieser Wahl einmal mehr, keine korrupte Verschwörung zu sein, sondern kunstsinniges Gewissen. Was aber auffällt, ist die Diskrepanz der nominierten Filme zum Vorjahr. Hatte man 2016 noch von allen Seiten gewettert, die Oscarnacht weißgewaschen zu haben, könnte man 2017 von einer kalkulierten Wiedergutmachung sprechen, und das sogar ungeachtet der Qualität der Filme. Hauptsache, weiße und schwarze Künstler halten sich die Waage. War dem wirklich so? Oder ist alles reiner Zufall?

Ungeachtet dieses Verdachts ist Moonlight unter den nominierten Filmen mit schwarzem Anteil wohl tatsächlich der künstlerisch hochwertigste Beitrag. Wenn überhaupt der künstlerisch hochwertigste Beitrag im Vergleich zu all den anderen Filmen. Der afroamerikanische Regisseur Barry Jenkins entzieht sich allen möglichen Einflüssen, die ihn in seiner Arbeit vielleicht beeinträchtigt hätten, und hat einen in seiner Bildsprache und Regie zutiefst eigenständigen Film geschaffen, der seine Geschichte so nuanciert, zartfühlend und metaphorisch erzählt, dass einem zwar erst im Nachsinnen über das Gesehene viele bildsprachliche Details erschließen, sich diese aber noch dazu zu einem erfüllenden Ganzen zusammenschließen. Diese Vielschichtigkeit entdeckt man in den Filmen von Kieslowski oder Tarkowskij, europäischen Meistern, die ohne Worte mehr erzählen konnten als mit dichten Dialogen. Jenkins ist auch so einer – jemand, der weiß, was er von seinen Schauspielern verlangen kann, in diesem Fall Blicke, Gesten oder die Unmittelbarkeit der Kamera. Wie in der französischen Nouvelle Vague erfindet Moonlight das Black Cinema auf eine ganz besondere Art neu. Statt Betroffenheitskino begegnen wir im auf dem Theaterstück In Moonlight Black Boys Look Blue von Tarell Alvin McCraney basierenden Coming of Age-Biografie einer zaghaft unausgesprochenen Liebesgeschichte, in der es nur im weiteren Sinne um Homosexualität geht. Die aber auf jeden Fall mit ihrer Indirektheit besticht und die drei Episoden, in welche die Geschichte gegliedert ist, so kongenial ineinander übergehen lässt, dass der Zuseher trotz der drei unterschiedlichen Darsteller, die ein und dieselbe Person spielen, immer ein und denselben Menschen sieht – den kindlichen, jungen und erwachsenen Chiron. Wie die drei Darsteller es geschafft haben, ihr jüngeres Ich so dermaßen zu spiegeln und aufzufangen, ist ein filmisches Phänomen. Bisweilen erinnert Moonlight an Linklaters meisterhafte Jugendchronik Boyhood, aber in seinen Sinnbildern auch an Lee Daniel´s Precious. Beides Independentfilme, beides grundeigene Werke – aber keines tritt so sehr aus seinem Schatten wie Moonlight. Jenkins spielt mit den Farben, mit Unschärfen und intensiven Blicken wie ein Maler mit seiner Leinwand. Zwischendurch bahnt sich nüchterne Trostlosigkeit durch die Vororte von Miami, um sich dann wieder von einer unkitschigen Poesie, wie es nur das Kino schafft, forttreiben zu lassen.

Das Mondlicht, wie es in diesem Film heißt, lässt die Haut schwarzer Menschen blau erscheinen. Ein lyrischer Satz, erzählt von Chirons Lebensmensch Kevin. Dass damit und in weiterer Folge die Selbstfindung zum in sich ruhenden Ich gemeint ist, auch das sickert erst langsam ins Bewusstsein. Somit beeindruckt, beschäftigt und begleitet Moonlight das weltoffene Publikum noch bis weit jenseits der dunklen Kinowände.

In Berry Jenkins Film geht es nicht um die Farbigkeit an sich. Auch nicht um irgendeine ethnisch gelagerte Problematik. Zu vergleichen wäre dies mit dem asiatischen Kino. Die Welt, in der Moonlight spielt, kennt keine Weißen. Das Miami des Chiron ist wie das Shanghai eines Wong Kar Wai eine Welt, in der die Hautfarbe nicht hinterfragt wird. In Wahrheit geht es in Moonlight um ganz andere Dinge. Eben um die Wahrheit – wer man selbst zu sein hat. Ob wir im Licht der Nacht auch anders aussehen? Egal, Hauptsache man weiß, welche Farben wir in uns tragen.

Moonlight – ein erfüllender Filmabend und der Beginn einer neuen, autarken, starken Filmgattung. Eben ein ganz anderes, unamerikanisches American Cinema.

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Moonlight