Schwarze Milch

SO WEIT UNSERE FREIHEIT REICHT

8/10

 

schwarzemilch© 2020 Alpenrepublik

 

LAND: MONGOLEI, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: UISENMA BORCHU

CAST: UISENMA BORCHU, GUNSMAA TSOGZOL, TERBISH TEMBEREL, BORCHU BAWAA, FRANZ ROGOWSKI U. A.

 

Man muss genau hinsehen, um in Zeiten wie diesen den richtigen Film im richtigen Kino zu finden. Derzeit haben die großen Ketten alle geschlossen – sie warten auf grünes Licht aus den USA. Wenige kleinere Kinos haben geöffnet – und die können jetzt den größten Nutzen daraus ziehen. Indem sie Filme zeigen, die sonst vielleicht nur Nischen bedienen und untergehen würden angesichts großer Konkurrenz. Es ist gut, genau hinzusehen, denn dann fallen Filme ins Auge so wie dieser hier – Schwarze Milch. Ein mongolisch-deutscher Streifen, diesjährig bei der Berlinale erstmals aufgeführt. Und ein Werk, das man eigentlich nicht verpassen sollte.

Dabei ist die Geschichte von Wessi, die nach langjährigem Aufenthalt in Deutschland zu ihrer Schwester in die Wüste Gobi zurückkehrt, recht überschaubar, in ihren Grundzügen geradezu simpel. Was Uisenma Borchu, die sich die Rolle der einen Schwester selbst an den Leib geschrieben hat, aus dieser Erzählung einer familiären Begegnung gemacht hat, wird zu einem intensiven, in seiner archaischen Kraft sich stetig steigernden Wunder eines Lebenswandels. Dabei findet Borchu eine unmittelbare, distanzlose Bildsprache. Die Kamera nähert sich den beiden Frauen auf neugierige, vertrauliche, manchmal gar indiskrete Art. Sie offenbaren ihre Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Diskrepanzen zueinander. Dann wieder die unendlich scheinende Weite der Sanddünen, den Reiter in der Ferne. Das Fehlen von Schutz und Nähe, die Scham kulturell bedingter Blöße. Hier, in den Weiten der Mongolei, scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Jurten stehen im Nirgendwo, die Bewohner der Steppe sind immer noch Nomaden, durchaus reich an allem was sie benötigen. Im Tross der Umherziehenden jede Menge Ziegen, Pferde. Gastfreundschaft für jeden und zahlreiche gute Omen. Ganz wichtig: das Patriarchat. Modern ist vielleicht das Motorrad zwischen den Teppichwänden der Zelte, das Klingeln des Mobiltelefons. Sonst aber pfeift der Wind, wird gemolken was die Zitze von Pferd und Ziege hergibt, wird geschlachtet, wenn Nahrung knapp wird. Wessi kann sich an all diese Riten des Tages kaum mehr erinnern. Zu fern ist ihr das alles. Fern ist ihr allerdings auch ihr Leben in Deutschland, nicht weniger dominiert von einem Machtmenschen, der vorgibt, was zu tun ist. Wessi sucht Selbstbestimmung, Hofft, diese in ihren Wurzeln zu finden. Eine neue oder wiedergefundene Identität. Mithilfe ihrer Schwester sollte das machbar sein. Doch die Welt der mongolischen Nomaden ist erstarrt im Willen der Männer. Egal ob diesen der träge Ehemann, der gewaltbereite Eindringling oder der zeremonienbewusste Stiefvater artikulieren. Als Frau ist man alleine zu schwach. Gemeinsam vielleicht aber stark genug.

Schwarze Milch – nach Paul Celans Gedicht Todesfuge bringt sie den Tod. Allerdings ist die Bezeichnung natürlich auch ein Oxymoron, ein sich widersprüchlicher Begriff. Klar zuzuordnen lässt sich die Bedeutung nicht gerade, eventuell hat sie eine eigene lokal verortete Symbolik, die sich mir nicht erschließt. Doch das macht nichts, klar ist, das Schwarze Milch nichts sonderlich Gutes bedeutet. Dass es vielleicht einer Verweigerung als Mutterfigur, einer Auflehnung gleichkommt. Und irgendwann später passiert es tatsächlich, in diesem uralten Kosmos aus Gebräuchen und Aberglauben. Die beiden Frauen werden zu zweifelnden Ikonen, umstürzlerisch und leidensfähig, weil sie brechen, was nicht gebogen werden kann. Borchus Film ist so authentisch wie möglich, in ihm ruht eine originäre Kraft, die gleichsam wunderschön, gleichsam lehrreich, aber auch unerbittlich sein kann. Die in OmU übersetzte Sprache der Mongolen ist eine ganz eigene, fremdklingende Metaebene in Hörbildern. Dem Schlachten der Ziegen lässt sich kaum zusehen, es sind dokumentarische Szenen eines Alltags, die Borchu für ihren Film verwendet und die ihm dieses echte, spürbare Etwas geben. Anfangs mag man nicht so recht wissen, wohin Wessi sich treiben lässt. Was sie möchte, weshalb sie zurückkehrt. Fast lässt sich vermuten, die Filmemachern selbst hat sich in ihrer Arbeit ähnlich treiben lassen, hinein in ein wiederentdecktes Land. Was sich dabei herauskristallisiert, sind überraschend ähnliche Sehnsüchte, sowohl im Westen also auch im Osten. Allen voran die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit.

Schwarze Milch

Sture Böcke

BRÜDER IN DER NOT

7/10

 

stureboecke

LAND: ISLAND 2015
REGIE: GRIMUR HAKORNASON
MIT SIGURDUR SIGURJONNSON, THEODOR JULIUSSON 

 

Ein Leben ohne Schafe ist doof. Ein Leben in der Einsamkeit, irgendwo zwischen den unwirtlichen Hügel Islands ebenso. Dabei wäre diese Tristesse gar nicht notwendig. Wäre da nicht dieser Bruderzwist. Aber den kann Mann jahrzehntelang hinnehmen, solange Mann seine Schafe hat. Die Schafe, die sind das um und auf hier draußen im Norden. Mit den Schafen steht man morgens auf und legt sich abends ins Bett. Da kräht kein Hahn mehr. Da blöken Schafe. Und die übertönen die zum Himmel schreiende Ignoranz zwischen den benachbarten Brüdern. Bis es soweit kommen muss – bis eines der Schafe an Scrapie erkrankt, einer dem BSE ähnlichen Gehirnkrankheit, die sich womöglich auch auf den Menschen übertragen kann. Aus ist’s mit dem Schäfchenzählen. Die beiden rauschebärtigen Brummbären sind von nun an auf sich allein gestellt – und, wie es der Zufall oder sogar das Schicksal will – plötzlich aufeinander angewiesen.

So unwirtlich, rau und spröde der Menschenschlag, die Gegend und das Austauschen von Höflichkeiten, so unwirtlich, rau und spröde ist Grimur Hakornason´s Film geworden. Ein typisch isländischer, gnadenlos lakonischer Heimatfilm. Skurril zwar, aber keinstenfalls gewollt humorvoll, sondern vielmehr tragisch und bitter. Es ist ein Film, der Liebhabern von Shaun, dem Schaf oder verloren dreinblickendem Wollvieh aller Art die Tränen in die Augen treiben wird. Dabei gibt es, wenn ich mir die Neugründung eines kinematographischen Subgenres erlauben darf, unter den Schaf-Filmen gar nicht mal so wenige Kandidaten. Ich brauche zwar keine zwei Hände dafür, aber eine alleine wird schon knapp. Von Sheridan´s Das Feld über Ein Schweinchen namens Babe bis zu dem Horrortrash Black Sheep erfreuen sich die streichelfreudigen Wiederkäuer einer gewissen schrägen Beliebtheit. Und man muss diese Tiere einfach gerne haben, mit oder ohne Hörner. Als Lamm oder Bock. Als Weste oder Feta. Genauso geht es den beiden älteren Herren, die in der Not wieder zueinander finden, obwohl man im Laufe des Films nie so genau weiß, auf welcher enttäuschenden Erfahrung das frostige Verhältnis der beiden überhaupt beruht. Doch wie das bei innerfamiliären Zwistigkeiten meist so ist, will keiner der beteiligten Parteien der Klügere sein und nachgeben. So eine Sturheit bleibt nur noch zum Selbstzweck aufrecht, die Gründe dafür sind dann meist vergessen.

So fällt auch in Sture Böcke kaum ein Wort darüber, was gewesen ist. Und es fallen auch sonst keine vielen Worte zwischen den beiden Männern. Ihr Sprachschatz ist von gebärdender Natur, ihr Tun spricht Bände. Wenn es um die gemeinsame Existenz geht, gehen die Brüder aufs Ganze. Und am Ende, da zeigt das isländische Kino wieder einmal, wie unkonventionell anders es sein kann – und darf. Nicht umsonst beweisen Werke wie Virgin Mountain oder Noi Albinoi eine gewisse gesunde Ignoranz gegen gefällige Sehgewohnheiten. Diese Filme bleiben sich selbst treu und sind meist bereichernd. Und Sture Böcke, der gehört fortan auch dazu.

Sture Böcke