Under the Tree

IM ZWEIFEL FÜR DIE NACHBARSCHAFT

6,5/10

 

underthetree© 2018 Bac Films

 

LAND: ISLAND 2017

REGIE: HAFSTEINN GUNNAR SIGURÐSSON

CAST: EDDA BJÖRGVINSDÓTTIR, STEINÞÓR HRÓAR STEINDÓRSSON, ÞORSTEINN BACHMANN, SIGURÐUR SIGURJÓNSSON U. A.

 

Mit den lieben Nachbarn, da suchen wir alle ein gutes Auskommen. Beim Urlaub des jeweils anderen Blumen gießen oder Katzen füttern, schnell einmal die Post ausheben oder im Falle eines Gartens auch hie und da mal den Rasen mähen. Ein freundlicher Gruß, eine winkende Hand. Früher gabs die Bassena, um ein paar Worte zu wechseln. Die Hecke ist nicht erst seit Hör mal, wer da hämmert ein idealer Ort, um eine Art bürgerlichen Gossip zu zelebrieren. Viel mehr muss es auch nicht sein. Der Rest ist privat, in Ausnahmefällen so richtig freundschaftlich. Es gibt aber auch die andere Extreme: den Hass auf die Sippschaft jenseits der vier Wände, aus welchen kreinkarierten Gründen auch immer. Das kann dann schon in ein blutiges Gefecht ausarten, weil der urbane Otto Normalverbraucher einfach sehr schwer einen Schritt zurück machen kann. Der Klügere gibt nach? Ist nicht. Zumindest nicht in vorliegendem Zankapfel von Film, in klirrend gefühlskalter Frische aus dem hohen Norden, aus Island in diesem Fall, und Filmfreunden ist sofort klar, dass isländisches Kino immer sehr gern mit seinem Hang zum Bizarren in den Kloaken lakonischer Dickköpfigkeit plantscht, um gesellschaftliche Defizite relativ deutlich zu entrümpeln.

Diese Dickköpfigkeit, die sieht man auch glasklar vor sich, wie einen Gartenzwerg mit herabgelassener Hose auf den Eckpylonen des Gartentürchens. Das könnte ja ganz komisch sein, nur bei Hafsteinn Gunnar Sigurðssons galligem Parteienkampf gibts prinzipiell mal überhaupt nichts zu lachen. Weder bei den einen noch bei den anderen ist es mit der leichten Schulter nicht weit her, das ist Spießbürgertum allererster Güte. Dabei ist der Fehdehandschuh der ganzen Tragödie im Grunde ein Baum, der eigentlich nur gestutzt zu werden braucht, weil zu einer bestimmten Tageszeit die nachmittägliche oder vormittägliche Sonne nicht auf das nackte Bäuchlein der neuen Freundin des Nachbarn scheint, wenn sie sich sonnen möchte. „Ja ja“, heisst es dann immer von jenseits der Hecke, „machen wir schon“. Getan wird aber nichts, was natürlich die Geduld strapaziert. Und irgendwann reichlich Unmut freien Lauf lässt, zumindest jenen der psychisch angeknacksten Inga, die ihren verschollenen Erstgeborenen einfach nicht für tot erklären will und allen möglichen Leuten, denen es im Leben besser geht, mit Missgunst begegnet. Aus Missgunst wird unverhohlener Neid. Aus Neid Rachsucht. Aus Rachsucht offener Kampf. Die Spirale der Gewalt, die wird in Under the Tree je nach Eskalationstsufe neu angestoßen, und Einsicht gibt es keine.

Sigurðssons kühle, in entsättigter Optik und fahlem Licht erstellte Beobachtung hat nicht im Sinn, seine charaktersschwachen Querulanten in Schutz zu nehmen oder sich über sie lustig zu machen. Es ist fast schon wie bei Michael Haneke. Die Bösartigkeit des Kleinbürgers sind die Früchte einer Kränkung, eines lange unterdrückten Vetos für Gerechtigkeit. Was bleibt, ist eine nihilistische Tragödie, die in konsequenter Weise und aufgrund dummer Zufälle zu einem Ende hinsteuert, das wir nicht mal unserem schlimmsten Nachbarn wünschen würden. Wer Zeuge des Dramas sein und daraus vielleicht ein bisschen lernen möchte, nämlich im Umgang mit anderen, der kann Under the Tree gerne als Beispiel hernehmen, wie das Miteinander ganz sicher nicht funktionieren kann.

Under the Tree

Sture Böcke

BRÜDER IN DER NOT

7/10

 

stureboecke

LAND: ISLAND 2015
REGIE: GRIMUR HAKORNASON
MIT SIGURDUR SIGURJONNSON, THEODOR JULIUSSON 

 

Ein Leben ohne Schafe ist doof. Ein Leben in der Einsamkeit, irgendwo zwischen den unwirtlichen Hügel Islands ebenso. Dabei wäre diese Tristesse gar nicht notwendig. Wäre da nicht dieser Bruderzwist. Aber den kann Mann jahrzehntelang hinnehmen, solange Mann seine Schafe hat. Die Schafe, die sind das um und auf hier draußen im Norden. Mit den Schafen steht man morgens auf und legt sich abends ins Bett. Da kräht kein Hahn mehr. Da blöken Schafe. Und die übertönen die zum Himmel schreiende Ignoranz zwischen den benachbarten Brüdern. Bis es soweit kommen muss – bis eines der Schafe an Scrapie erkrankt, einer dem BSE ähnlichen Gehirnkrankheit, die sich womöglich auch auf den Menschen übertragen kann. Aus ist’s mit dem Schäfchenzählen. Die beiden rauschebärtigen Brummbären sind von nun an auf sich allein gestellt – und, wie es der Zufall oder sogar das Schicksal will – plötzlich aufeinander angewiesen.

So unwirtlich, rau und spröde der Menschenschlag, die Gegend und das Austauschen von Höflichkeiten, so unwirtlich, rau und spröde ist Grimur Hakornason´s Film geworden. Ein typisch isländischer, gnadenlos lakonischer Heimatfilm. Skurril zwar, aber keinstenfalls gewollt humorvoll, sondern vielmehr tragisch und bitter. Es ist ein Film, der Liebhabern von Shaun, dem Schaf oder verloren dreinblickendem Wollvieh aller Art die Tränen in die Augen treiben wird. Dabei gibt es, wenn ich mir die Neugründung eines kinematographischen Subgenres erlauben darf, unter den Schaf-Filmen gar nicht mal so wenige Kandidaten. Ich brauche zwar keine zwei Hände dafür, aber eine alleine wird schon knapp. Von Sheridan´s Das Feld über Ein Schweinchen namens Babe bis zu dem Horrortrash Black Sheep erfreuen sich die streichelfreudigen Wiederkäuer einer gewissen schrägen Beliebtheit. Und man muss diese Tiere einfach gerne haben, mit oder ohne Hörner. Als Lamm oder Bock. Als Weste oder Feta. Genauso geht es den beiden älteren Herren, die in der Not wieder zueinander finden, obwohl man im Laufe des Films nie so genau weiß, auf welcher enttäuschenden Erfahrung das frostige Verhältnis der beiden überhaupt beruht. Doch wie das bei innerfamiliären Zwistigkeiten meist so ist, will keiner der beteiligten Parteien der Klügere sein und nachgeben. So eine Sturheit bleibt nur noch zum Selbstzweck aufrecht, die Gründe dafür sind dann meist vergessen.

So fällt auch in Sture Böcke kaum ein Wort darüber, was gewesen ist. Und es fallen auch sonst keine vielen Worte zwischen den beiden Männern. Ihr Sprachschatz ist von gebärdender Natur, ihr Tun spricht Bände. Wenn es um die gemeinsame Existenz geht, gehen die Brüder aufs Ganze. Und am Ende, da zeigt das isländische Kino wieder einmal, wie unkonventionell anders es sein kann – und darf. Nicht umsonst beweisen Werke wie Virgin Mountain oder Noi Albinoi eine gewisse gesunde Ignoranz gegen gefällige Sehgewohnheiten. Diese Filme bleiben sich selbst treu und sind meist bereichernd. Und Sture Böcke, der gehört fortan auch dazu.

Sture Böcke