The Last House (2026)

ICH GEH‘ MAL VOR DIE TÜR

4/10


Wagner Moura kann in The Last House nicht vor die Tür
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE: LOUIS LETERRIER

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: GRETA LEE, WAGNER MOURA, RILEY CHUNG, EMMA HO, NOAH ALEXANDER SOSNOWSKI, GABRIEL BARBOSA, AUDREY ANDERSON, SID EDWARDS U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Die Textzeile „Am Tag, als der Regen kam“ klingelt wohl mitsamt geschmetterter Melodie von Dalida in den Ohren sämtlicher Boomer, allerdings klingelt sie auch bei mir, und ich bin Generation X. Doch keine andere trifft wohl das schicksalhafte Setting im Film The Last House so zielgenau wie diese.

An Familien beißen sich Monster ihre Zähne aus

Denn Netflix hat uns nach langer Durststrecke endlich wieder mal einen exklusiven Blockbuster vor die Tür geworfen, einen mit zwei Shootingstars und angesiedelt in einem Subgenre, das ich gerne als „Familie gegen Monster“ bezeichne. Dazu zählen moderne Klassiker wie A Quiet Place oder auch rustikal Analoges aus den Achtzigern wie Tobe Hoopers Poltergeist. Damit wären wir wohl eher in der paranormalen Ecke, während es in The Last House deutlich diesseitiger zugeht – obwohl man nicht weiß, was zu „diesseitig“ alles zählt. Schließlich peilt in den ersten Sekunden des Films das Zitat von Arthur C Clarke (2001 – Odyssee im Weltraum) schon die richtige Richtung an: „How inappropriate to call this planet Earth when it is clearly Ocean.“

Eins und eins ist zwei: Der Ozean ist nur geringfügig erforscht, keine Ahnung, was da drin noch alles wohnt. Vielleicht gar intelligente Völker, wie in Aquaman? Außerirdische, wie in The Abyss von James Cameron? Wie sieht es bei H. P. Lovecraft aus, an dessen Visionen sich die Filmwelt ja mittlerweile ausgiebigst bedient? Bei ihm wohnen die „Alten“ in den Tiefen der Meere, krakenähnliche Kreaturen, die unsere Menschenwelt dank der Fähigkeit des Gestaltwandelns längst infiltriert haben.

Alternativprogramm bei Regenwetter

Familie also, gegen Monster. Zumindest kämpft diese vierköpfige Gesellschaft nicht gegen Dürre, Trockenheit und vernichtender Hitze – sondern gegen den Regen. Als der nämlich kommt, verändert sich alles. Vor allem aber eins: Der Bewegungsradius. Greta Lee (Past Lives) und Wagner Moura (The Secret Agent) sitzen wie in einem verordneten Lockdown während der Corona-Krise zu Hause fest, ihre beiden Kinder ebenso. Nichts lässt sich öffnen, keine Türen, keine Fenster. Der Regen macht es, dass dieses „Last House“ mehr oder weniger als hermetisch abgeschlossenes Gefängnis funktioniert, die zumindest noch Luft von außen beziehen kann, sonst wäre der Film frühzeitig zu Ende.

So sitzen, liegen und stehen diese Vier langmächtig daheim herum und improvisieren. Machen das Beste draus. Kommen auf wirklich großartige Ideen, denn die Kreativität des Menschen ist womöglich das letzte wirklich nützliche Gut, das wir haben. Ansonsten wären wir sowieso nicht dort, wo wir jetzt sind, wobei uns, zugegeben, die Ideen momentan doch etwas ausgehen.

Wie man im Lockdown auch ohne Bananenbrot den Tag füllt

Im Film von Louis Leterrier allerdings nicht. Zum Glück ist Wagner Moura Ingenieur, er kann basteln und gibt sich als MacGyver. Das alles ist ganz nett anzusehen, doch es zieht sich. Es ziehen sich die Jahre, und dann stellt man sich doch die Frage: Zu mehr hat es nicht gereicht? Wie in einer apokalyptischen Sitcom schauen wir einer Familie beim Überleben zu. Das hat Höhen, aber weitestgehend träge Tiefen. Zwischendurch begeistert das Außen durch rätselhafte Schatten und physikalische Anomalien. Jetzt geht es richtig los, denkt man sich da. Und immer noch nichts.

Anders als in A Quiet Place von John Krasinski, der wusste, welche Tonalität er anschlagen muss, um die Story zu halten, bleibt Leterrier orientierungslos und kann sich mit sich selbst auf kein stringentes Vokabular einigen. Familienabenteuer ist das eine, Suspense-Horror rund um nicht-menschliche Aggressoren das andere. Für einen Familienfilm ist es manchmal zu heftig, für einen Horrorfilm zu lahm. The Last House weiß nicht, was es sein will. Science-Fiction vielleicht? Dazu ist es zu sehr Mystery, vieles bleibt vage – und macht es sich auch viel zu einfach.

Wie man das Ende einer Geschichte herunterbiegt

Wie glücklich das Überleben, wenn, sobald die Fallen aufgestellt sind, so manches wilde Tier schnurstracks darauf zugeht. Lediglich Sekunden verstreichen, bis das Mittagessen gesichert ist. Es nach fünf Jahren nicht geschafft zu haben, das Haus zu verlassen, zeugt nach den gegebenen Parametern von laxem Einsatz. Am Ende biedert sich The Last House, nachdem das Abenteuer nochmal ordentlich den Wasserhahn aufdreht, einer Konklusio an, die man improvisiert, wenn die Gutenachtgeschichte vor dem Einschlafen zu lange dauert. Damit sind wir genauso ratlos wie der zuhörende Filius und die von höheren Mächten schadlos gehaltene Familie, die in psychischer Resilienz und gänzlich ohne Lagerkoller den Biosphären-Elchtest macht. Was für starke Naturen das sind – angesichts einer starken, aber unbeholfen konzeptlosen Natur!

The Last House (2026)

In the Lost Lands (2025)

EIN TOURGUIDE FÜR DIE WUNSCHHEXE

5/10


© 2025 Praesens Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, KANADA, USA 2025

REGIE: PAUL W. S. ANDERSON

DREHBUCH: CONSTANTIN WERNER

CAST: MILLA JOVOVICH, DAVE BAUTISTA, ARLY JOVER, AMARA OKEREKE, FRASER JAMES, SIMON LÖÖF, DEIRDRE MULLINS, SEBASTIAN STANKIEWICZ, TUE LUNDING U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der dunkle Turm, Fallout, Mad Max, Warhammer – das alles und noch viel mehr lässt sich dieser Tage im Paul W. S. Andersons neuem Endzeitspektakel In the Lost Lands wiederfinden, basierend auf einer Kurzgeschichte von GOT-Schöpfer George R. R. Martin, die dieser irgendwann in einem Anfall der Lust, die Postapokalypse mit verruchten Helden und Hexen zu bevölkern, womöglich innerhalb eines Abends auf ein Blatt Papier geschmiert haben könnte. Nun, Martin ist Martin, auch sowas verkauft sich und findet dann auch noch jemanden, der das ganze verfilmen will. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, den Niedergang unserer Welt sehen wir alle gerne, zumindest bannt dieses Subgenre vielleicht diverse Ängste, die zurzeit ohnehin massenhaft an die Oberfläche sickern.

Zu sehen ist ein verwüstetes Stück ehemalige urbane USA (was denn sonst), eingestürzte Wolkenkratzer machen sich immer gut, zum Glück verzichtet Anderson auf die Freiheitsstatue, denn die gibt’s ja schließlich schon anderswo. In dieser rauen Gegend, in welcher die Wüstenstürme toben und der Himmel dadurch in rostroten Farben strahlt, reitet ein einsamer Gunman in eine Stadt ein, die George Miller hätte entwerfen können. Oder aber auch in der Welt von Warhammer 40.000 zu finden gewesen wäre. Der bullige Revolvermann schiebt sein Konterfei bereits anfangs nah an die Kamera, um dem Publikum zuzuraunen, dass diese Geschichte keinesfalls ein Märchen sei, und ein Happy End gäbe es auch keines. Danke für den Spoiler an dieser Stelle, doch letztlich ist es egal, ob wir wissen, wie es ausgeht oder nicht. Wichtig ist Dave Bautista, die stiernackige Furchenstirn, und an seiner Seite Milla Jovovich, die immer noch eine gute Figur macht und vor allem als Hexe Gray Alys niemandem einen Wunsch abschlagen kann. Das ist ihr Credo, und dafür lebt sie – auch wenn sie vom alle Höllen überdauernden erzkatholischen Klerus zwischen jüdischem Hohepriestertum und Kreuzzug-Geilheit als Ketzerin gebrandmarkt und standrechtlich gelyncht werden soll. Lady Overlord, die Königin, schert das kein bisschen. Sie will Gray Alys in die Wüste schicken, damit sie einen Gestaltwandler heranschleppt, dessen magische Essenz sie absorbieren kann – um selbst die Macht des Tieres in sich zu tragen.

Also reiten Bautista und Jovovich als ungleiches Gespann auf ins Ungewisse, verfolgt von den klerikalen Schergen, um… was zu erleben? Abenteuer? Viele gibt es nicht, auch wenn über die Lost Lands als ein Ort ohne Wiederkehr nur hinter vorgehaltener Hand ehrfürchtig geflüstert wird. Durchs bildbearbeitete Nullachtfünfzehn-Ödland könnte sogar eine Schar Kinder reisen, sie müssten zumindest einen größeren Bogen um gewisse Orte machen, dann ist alles kein Problem. Das Drehbuch von Constantin Werner findet dabei sagenhaft serientaugliche Dialoge, vorhersehbare Wendungen und vor allem eines: ein konfuses letztes Drittel, dem man durchaus mehr Augenmerk hätte schenken können. Eine klare Sicht hat man bei diesem Sand im Getriebe dann längst nicht mehr, ein bisschen ratlos sieht man dabei zu, wie Milla Jovovich in ihrer Hexenrolle versucht, alle Wunscherfüllungen unter einen Hut zu bekommen. Es hapert immens an der Schlüssigkeit, doch die artifizielle Optik ist Anderson deutlich wichtiger. Was seinerzeit unter Zac Snyder im Spartaner-Epos 300 die Münder offen stehen hat lassen, erfreut das CGI-müde Auge gerade noch bei der ersten animierten Kamerafahrt vorbei am stahlgeschmiedeten Voest-Alpine-Kreuz hin zum totenkopfgeschmückten Overlord-Palast, angesichts dessen man He-Mans Greyskull-Zauberwort bereits in den Ohren hat. Später dann, nach dem wiederholten Schwenk und dem Closeup auf regennasse Totenschädel, ist der Spaß am phantastischen Trash-Kino keinesfalls ganz verklungen – er mag vielleicht in Langeweile umgeschlagen sein, dank einer gewissen visuellen wie erzählerischen Monotonie.

Das solide Kernstück bleiben Jovovich und Bautista – vielleicht reiten sie ja nochmal gen Sonnenuntergang, wie Lucky Luke, nur ohne Rantamplan, stattdessen eine klingenschwingende Madame Mim an seiner Seite – als diese noch ihre besten Jahre hatte.

In the Lost Lands (2025)

Wildhexe

DIE MAGIE DER SCHREBERGÄRTEN

5,5/10

 

Vildheks. Gerda Langkilde Lie Kaas som Clara. .© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: KASPAR MUNK

CAST: GERDA LIE KAAS, SONJA RICHTER, SIGNE EGHOLM OLSEN, HENRIK MESTAD U. A.

 

Hexen haben Hexenbesen, das singt zumindest das steirische Synthiepop-Duo Ecco. Was aber mit dem dänischen Fantasyfilm Wildhexe leider widerlegt wird. Denn nicht alle Hexen fliegen laut gackernd durch Nacht und Nebel. Manche bleiben auch im Wald. Oder gehen normal zur Schule, sofern es sich um Junghexer und -hexen handelt. Das wissen wir seit Buffy. Die rothaarige Clara aber ist eine, deren Skills erst durch Katzenkratzer angeworfen werden. Dabei war das keine gewöhnliche Katze. Ein Gestaltwandler sozusagen. Ja, das kommt uns auch bekannt vor. Und ist somit der Anfang eines Coming of Witch-Szenarios, das sich vermehrt jenseits urbaner Gefilde abspielt. Vorwiegend auf Wiesen und in Wäldern eben. Und plötzlich sind alle, bei denen man nie geglaubt hätte, dass sie Hexen sind, Hexen. Gut, ein paar Hexer schleichen sich auch noch ein, aber da nehme ich einiges vorweg.

Ich kann mich noch gut an das samstäglich im österreichischen Rundfunk laufende Format „Fortsetzung folgt nicht“ erinnern. Da hat Edgar Böhm, später langjähriger Unterhaltungschef des ORF und mittlerweile auch schon in Pension, uns lesefreudigem Jungpublikum pädagogisch wertvolle Bücher schmackhaft gemacht. Und das nicht nur rein verbal Marke literarisches Quartett, sondern auch anhand nachgespielter einleitender Kapitel. Wie das ganze weitergeht, hat man dann aber selbst lesen müssen. In der Art und Weise, wie diese Jugendbücher anhand von Spielszenen dargestellt wurden, da ist Wildhexe nicht ganz unähnlich. Nur hier wird die Geschichte auserzählt, obwohl man auch gut und gerne gleich zur literarischen Vorlage von Lene Kaaberbøl greifen kann. Der Däne Kaspar Munk hat aber im Gegensatz zu Edgar Böhms recht fernsehformatigen Fünfminütern in Sachen Kinoformat dann doch tiefer in die Geldtasche gegriffen als das Fernsehbudget hergegeben hätte. Wer sich auf Wildhexe einlässt, erhält ganz viel Landschaft, ganz viele Wälder und tief stehende Sonnen, die die morgendliche Feuchtigkeit forstwirtschaftlich akkurater Wälder anhand pittoresker Dunstschwaden im Gegenlicht aus der Botanik reißen. Zwischen all dem goldlichtdurchwirkten Ökoversum die klassische Einsiedelei einer erfahrener Magierin, die wie die gesetzte Version von Preußlers kleiner Hexe daherkommt. In diesem Fall aber ist es das Mädchen Clara, dass die Welt davor bewahren muss, nicht unter die Fuchtel einer im Kryoschlaf befindlichen, mächtigen Antagonistin zu geraten.

Seltsamerweise aber kommt das geschmackvoll bebilderte Abenteuer über die Magie eines sich selbst gießenden Schrebergartens nicht hinaus, auch wenn Transmitter-Portale zu anderen Dimensionen geöffnet werden können. Das ist das, was ich meine, wenn ich Wildhexe mit einem fürs Fernsehen aufbereiteten Jugendfilm vergleiche oder zumindest mit einem Film, der irgendwo zwischen Ronja Räubertochter und den graustichigen, aber charmanten Nachmittagsmärchen aus dem ehemaligen Ostblock seinen Zauberstab schwingt. Obwohl – hier gibt es nicht mal den. Wildhexe distanziert sich deutlich vom High Fantasy-Universum eines Harry Potter, ahmt nichts nach, ist viel barfüßiger und versponnener, vor allem auch ruhiger. Was zur Folge hat, dass es keinen sonderlichen Eindruck hinterlässt. Oder zumindest nicht mehr Eindruck als ein Waldspaziergang im Spätsommer, an dem man sich Märchen erzählt. Was durchaus auch bleibend sein kann, wenn die Stimmung passt. Und die hat der Film irgendwie doch.

Wildhexe