The Cage – Die letzten Überlebenden

MENSCHHEIT AUF BEWÄHRUNG

5/10


thecage© 2021 Ucm.One


LAND / JAHR: VENEZUELA 2017

REGIE: JOSE SALAVERRIA

CAST: KARINA VELASQUEZ, ANANDA TROCONIS, LEÓNIDAS URBINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Es gibt ihn, den Science-Fiction-Film aus Venezuela, waschecht aus südamerikanischen Landen. Um nicht zu sagen: Venezuelas erster und bislang einziger filmischer Blick in die unendlichen Weiten. Wer da nicht als Filmfan, der abseits des gängigen und vielbeworbenen Mainstreams herumkramt, diesen hier auf die Watchlist setzt, der hat von diesem Beitrag womöglich noch nie etwas gehört. Dabei eignet sich The Cage – Die letzten Überlebenden ideal für sämtliche Fantasy- und Science-Fiction-Festivals, die exotische Bringer wie diesen gerne ins Programm setzen. Doch womöglich passiert es, dass die Exklusivität der Herkunft die eigentliche Qualität des Films überschattet. Das Phänomen trifft auch hier zu, zumindest sieht man The Cage deutlich an, dass Autorenfilmer Jose Salaverria zwar viel Spaß an seiner Arbeit hatte, rundherum aber die Erfahrung dafür gefehlt hat, einen Streifen mit dem Content wie diesen nicht unbedingt aussehen zu lassen wie eine Telenovela.

Freunde von Filmen wie Quiet Earth – Das letzte Experiment finden an The Cage sicherlich Gefallen, denn dieser birgt einen ähnlichen Plot wie Geoff Murphys Last-Man-Vision. Während in Quiet Earth das Verschwinden der gesamten Menschheit hausgemacht zu sein scheint, fällt die Biomasse des Homo sapiens zumindest zu 99,9% der Invasion eines extraterrestrischen Raumschiffs zum Opfer. Einmal bitte lächeln – dann kommt der Blitz, und alle sind weg, so, als wären sie nie da gewesen. Ein Ehepaars überlebt, scheinbar auserwählt, denn die Unbekannten, die mit ihrem am Himmel schwebenden, schmucken Raumschiff das Landschaftsbild dominieren, wollen nicht, dass die Überlebenden zu Schaden kommen. Was also wollen sie noch? Kurze Zeit später taucht eine dritte Person auf, eine junge Frau. Somit haben wir – anders als in Quiet Earth – zwei Frauen und einen Mann. Eine Dreieckssituation, die sicher für Spannungen sorgen wird. Oder doch nicht?

Natürlich tut es das. Und da nehme ich wieder Bezug auf den geschmeidigen Rhythmus einer Telenovela, allerdings findet die vor einer innovativeren Kamera statt, die sich statt üblichen Studiotakes gerne an menschenleeren Orten umsieht. Salaverria zieht in einer ganz bestimmten Szene Vergleiche der tatsächlichen Umstände mit der Gesellschaftsstruktur eines Formicariums, einer Ameisenfarm – schon ahnen wir, worauf die Aliens eigentlich hinauswollen. Schon gelingt dem anfangs etwas ratlos abgefilmten Endzeitdrama die Bündelung seiner Ambitionen, etwas Kritisches zum globalen Status Quo beizutragen. Immer wieder jedoch überkommt den Machern diese flirrende Ratlosigkeit, die sich vor allem auch in der Wahl des Soundtracks niederschlägt, der mit allen möglichen Stilrichtungen, vorzugsweise mit preiswertem Synthie, atmosphärische Tendenzen abwürgt. 

Alles in allem gut gemeint, können noch so viele Raumschiffe am Firmament von der Luft nach oben nicht ablenken.

The Cage – Die letzten Überlebenden

Wolfwalkers

EINE LANZE BRECHEN FÜR ISEGRIM

6/10

 

wolfwalkers© 2020 apple tv

 

LAND / JAHR: IRLAND, LUXEMBURG, USA 2020

REGIE: TOMM MOORE, ROSS STEWART

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): HONOR KNEAFSEY, SEAN BEAN, EVA WHITTAKER, SIMON MCBURNEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zeichentrick ist nicht gleich Zeichentrick. Ist auch nicht gleich Disney. Bei dieser Art von Kunstfilm lassen sich im Gegensatz zum Live-Act-Film unendlich viele Stile kreieren. Beim Zeichentrick ist dem Erfindungsreichtum keine Grenze gesetzt. Das ist einfach nur großartig, und vor allem inspirierend. So einen Film zu machen erfordert auch sagenhaft viel Sitzfleisch und Zeit – die Digitalisierung verkürzt da auch schon den Aufwand beträchtlich – doch es bleibt immer noch genug zu tun. Beim irischen Animationsmärchen Wolfwalkers sieht man wieder, wie sehr es möglich ist, sich von gängigen Manierismen zu entfernen und viel lieber darauf zu setzen, Techniken und Macharten aus der Kunstgeschichte neu zu interpretieren. Das ist hier zum Beispiel passiert.

Wolfwalkers bildet den Abschluss der sogenannten „Irischen Trilogie“ des Studios Cartoon Saloon. Zu dieser Trilogie zählte bislang Brendan und das Geheimnis von Kells und Die Melodie des Meeres Abgesehen davon widmen sich Tomm Moore und sein Team sehr wohl auch gesellschaftspolitisch relevanten Themen wie zum Beispiel im oscarnominierten Film Der Brotverdiener über eine Kindheit unter der Knute der Taliban. Kann gut sein, dass Wolfwalkers ebenfalls eine Oscarnominierung erhält – gegen das Meisterwerk Soul wird dieser visuell recht außergewöhnliche Film aber kaum keine Chance haben. Und das trotz einer berauschenden Bildsprache, die weitaus innovativer scheint als die bereits etablierte perfekte und für ihre Art wunderbare Animationswelt von Pixar.  Die Machart von Wolfwalkers zitiert dabei antike irische Holzschnitttechnik – entsprechend grob und als geometrische Form konzipiert wirken die Figuren dann auch. Was aber nicht heißt, dass sie einer gewissen Starre unterworfen sind. Das Kunststück liegt darin, genau diese Grundformen zu verbinden und erfrischend lebendig in Bewegung zu versetzen. Jenseits der Figuren eröffnen sich herbstfarbene Aquarelle von magischen Wäldern, Bäumen, Ranken.

Im Grunde aber erzählt Wolfwalkers eine auf den Mythen der Wolfsmenschen basierende, sehr simple Geschichte rund um ein Mädchen, das ihren Vater im 17. Jahrhundert in der irischen Stadt Kilkenny davon abhalten muss, alle Wölfe des Waldes auszurotten, nachdem der jungen Herumtreiberin (Kinder dürfen nicht jenseits der Stadtmauer) klar wird, das nicht nur knurrende Vierbeiner, sondern auch Mischwesen wie die kleine rothaarige Mebh, eben eine Wolfwandlerin, diesen Wald zu einer beseelten Oase des lebendigen Miteinanders werden lassen. Dem bösen Lord Protector muss Paroli geboten werden – da hilft alles nichts. Was aber hilft, sind Freundschaft, Familiensinn und Respekt – vor allem Respekt einer nicht zu bändigenden Natur und ihrer Kräfte gegenüber. Die Sache mit Isegrim ist in Sachen Artenschutz immer noch traurig genug. Da hat sich seit Jahrhunderten anscheinend nichts verändert. Umso relevanter ist es, das nicht gesellschaftsfähige Tier in eine moralische Erzählung zu integrieren und ihm das Image des gefährlichen Heulers etwas zu nehmen.

Was seltsamerweise, trotz all der visuellen Raffinesse, dem Film selbst im Wege steht, ist genau das: die Bildsprache, die von der eigentlichen Geschichte ablenkt. Klar, dem Plot zu folgen ist kinderleicht – faszinierender aber ist das lebendige Bilderbuch, das Szene für Szene immer wieder neue Ideen präsentiert. So bleibt es schwierig, in das Abenteuer so richtig zu versinken – die Balance zwischen Optik und Inhalt hängt im Ungleichgewicht, und so fesselt stets die Kunst der Zeichnung und der Animation, nicht aber die kindliche Mär, die stets von der innwohnenden Seele in Zwei- und Vierbeinern schwärmt, selbst aber weniger davon vermitteln kann als erwartet.

Wolfwalkers

Wildhexe

DIE MAGIE DER SCHREBERGÄRTEN

5,5/10

 

Vildheks. Gerda Langkilde Lie Kaas som Clara. .© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: KASPAR MUNK

CAST: GERDA LIE KAAS, SONJA RICHTER, SIGNE EGHOLM OLSEN, HENRIK MESTAD U. A.

 

Hexen haben Hexenbesen, das singt zumindest das steirische Synthiepop-Duo Ecco. Was aber mit dem dänischen Fantasyfilm Wildhexe leider widerlegt wird. Denn nicht alle Hexen fliegen laut gackernd durch Nacht und Nebel. Manche bleiben auch im Wald. Oder gehen normal zur Schule, sofern es sich um Junghexer und -hexen handelt. Das wissen wir seit Buffy. Die rothaarige Clara aber ist eine, deren Skills erst durch Katzenkratzer angeworfen werden. Dabei war das keine gewöhnliche Katze. Ein Gestaltwandler sozusagen. Ja, das kommt uns auch bekannt vor. Und ist somit der Anfang eines Coming of Witch-Szenarios, das sich vermehrt jenseits urbaner Gefilde abspielt. Vorwiegend auf Wiesen und in Wäldern eben. Und plötzlich sind alle, bei denen man nie geglaubt hätte, dass sie Hexen sind, Hexen. Gut, ein paar Hexer schleichen sich auch noch ein, aber da nehme ich einiges vorweg.

Ich kann mich noch gut an das samstäglich im österreichischen Rundfunk laufende Format „Fortsetzung folgt nicht“ erinnern. Da hat Edgar Böhm, später langjähriger Unterhaltungschef des ORF und mittlerweile auch schon in Pension, uns lesefreudigem Jungpublikum pädagogisch wertvolle Bücher schmackhaft gemacht. Und das nicht nur rein verbal Marke literarisches Quartett, sondern auch anhand nachgespielter einleitender Kapitel. Wie das ganze weitergeht, hat man dann aber selbst lesen müssen. In der Art und Weise, wie diese Jugendbücher anhand von Spielszenen dargestellt wurden, da ist Wildhexe nicht ganz unähnlich. Nur hier wird die Geschichte auserzählt, obwohl man auch gut und gerne gleich zur literarischen Vorlage von Lene Kaaberbøl greifen kann. Der Däne Kaspar Munk hat aber im Gegensatz zu Edgar Böhms recht fernsehformatigen Fünfminütern in Sachen Kinoformat dann doch tiefer in die Geldtasche gegriffen als das Fernsehbudget hergegeben hätte. Wer sich auf Wildhexe einlässt, erhält ganz viel Landschaft, ganz viele Wälder und tief stehende Sonnen, die die morgendliche Feuchtigkeit forstwirtschaftlich akkurater Wälder anhand pittoresker Dunstschwaden im Gegenlicht aus der Botanik reißen. Zwischen all dem goldlichtdurchwirkten Ökoversum die klassische Einsiedelei einer erfahrener Magierin, die wie die gesetzte Version von Preußlers kleiner Hexe daherkommt. In diesem Fall aber ist es das Mädchen Clara, dass die Welt davor bewahren muss, nicht unter die Fuchtel einer im Kryoschlaf befindlichen, mächtigen Antagonistin zu geraten.

Seltsamerweise aber kommt das geschmackvoll bebilderte Abenteuer über die Magie eines sich selbst gießenden Schrebergartens nicht hinaus, auch wenn Transmitter-Portale zu anderen Dimensionen geöffnet werden können. Das ist das, was ich meine, wenn ich Wildhexe mit einem fürs Fernsehen aufbereiteten Jugendfilm vergleiche oder zumindest mit einem Film, der irgendwo zwischen Ronja Räubertochter und den graustichigen, aber charmanten Nachmittagsmärchen aus dem ehemaligen Ostblock seinen Zauberstab schwingt. Obwohl – hier gibt es nicht mal den. Wildhexe distanziert sich deutlich vom High Fantasy-Universum eines Harry Potter, ahmt nichts nach, ist viel barfüßiger und versponnener, vor allem auch ruhiger. Was zur Folge hat, dass es keinen sonderlichen Eindruck hinterlässt. Oder zumindest nicht mehr Eindruck als ein Waldspaziergang im Spätsommer, an dem man sich Märchen erzählt. Was durchaus auch bleibend sein kann, wenn die Stimmung passt. Und die hat der Film irgendwie doch.

Wildhexe

Okja

AUF DEN SCHWEINEHUND GEKOMMEN

5/10

 

An Seo Hyun as Mija in OKJA© 2017 Netflix

 

LAND: USA, SÜDKOREA 2017

REGIE: BONG JOON-HO

MIT TILDA SWINTON, AHN SEO-HYEON, JAKE GYLLENHAAL, PAUL DANO, GIANCARLO ESPOSITO, LILY COLLINS U. A.

 

Wie heisst es doch so schön: Überwinde deinen inneren Schweinehund! Was sich aber jeder von uns wahrscheinlich irgendwann mal gefragt hat: Wie sieht denn so ein Schweinehund eigentlich aus? Und wäre es nicht besser, ihn bei sich aufzunehmen als loszuwerden? Die Antworten darauf hat womöglich der südkoreanische Filmemacher Bong Joon-Ho hier parat, leidet doch in seiner neuen Kinovision die Menschheit der nahen Zukunft unter akutem Versorgungsnotstand. Mit anderen Worten: das Fleisch wird knapp. Kein Problem, denkt sich da ein multinationales Unternehmen namens Mirando mit Sitz in den USA. Freudig offenbart die bis zur Selbstpersiflage grotesk entstellte Tilda Swinton bei einer Pressekonferenz die Lösung aller Probleme – mit dem eben erst entdeckten Superschwein, angeblich aus dem Dschungel Südamerikas. In Wahrheit aber eine gentechnisch hochgezüchtete Kreuzung aus Nilpferd, Nashorn und Dackel – wie ein Schwein sieht das Ungetüm nicht aus. Und viel größer ist es auch. Eines dieser extrem wohlschmeckenden Tiere weilt zur Aufzucht im Hochland Südkoreas, unter der Obhut eines Mädchens namens Mija. Dem treu dreinblickenden Waldelefanten mit den Hängeohren, der auf den Namen Okja hört, verleidet die selige Ruhe zwischen Bächen, Moosen und Bäumen ein Fernsehteam mitsamt Mirando-Anhang, die der sprichwörtlichen eierlegenden Wollmilchsau das Zertifikat des Superschweins verleihen wollen.

Klar, dass das ganze Tohuwabohu rund um dieses Allzweck-Vieh ordentlich Schweinereien hinterlässt. Ein medialer Trubel, der sich quer über den Globus bis nach New York spannt. Als bizarre Gallionsfigur Jake Gyllenhaal, der bis zum Exzess überzeichnet als Karikatur eines Steve Irwin die Nerven und den Selbstwert schmeißt. Ganz im Gegensatz zur kleinen Mija – das Mädel zeigt, wie Tierliebe wirklich aussieht, und wie man sich für seinen Schweinehund gebührend einsetzt, wenn es droht, abhanden zu kommen. Zum Glück oder Unglück ist da noch die Parodie sämtlicher Greenpeace-Aktivisten, die dem Gen-Terror das Wilde runterräumen wollen und das Superschwein als Köder in den Keller des Konzerns schicken. Somit sind alle möglichen, latent hysterischen Parteien am Laufen und Trudeln. Das liebevoll animierte Schwein schlägt sich wacker quer durch Seouls Straßen. In einem Film, bei dem Bong Joon-Ho sicher enorm viel Spaß gehabt haben muss.

Denn kopflastig ist Okja nicht geworden. Im Grunde ist es eigentlich ein Tierfilm, ja sogar eine Art Familienfilm, wenn man von einigen Gewaltspitzen absieht. Vorsetzen würde ich ihn meinem Nachwuchs trotzdem nicht. Dafür sind Joon-Ho´s Filme stilistisch viel zu fordernd. Wer seinen viel gerühmten Korea-Kassenschlager The Host kennt, weiß, wie sehr sich Joon-Ho´s Filme aus dem Fenster lehnen und sich selten um einheitlich emotionale Färbung scheren. Aber ganz genau das ist das Bemerkenswerte an diesem Kino aus Fernost. Sowohl schrillen Slapstick als auch gefühlvolle Momente bilden einen ineinandergreifenden Schulterschluss, verbunden durch das märchengleich Parabelhafte, dass seinen Werken inhärent ist. War The Host allein aufgrund seiner Sprache bemerkenswert, hat mich die Railway-Dystopie Snowpiercer komplett vom Hocker gehauen. Besser lässt sich zivilisationskritische Social-Fiction kaum auf die Leinwand zaubern. Klar ist die Erwartungshaltung folglich sehr hoch – und ich will nicht sagen, dass Okja im Vergleich dazu ziemlich enttäuscht. Doch das utopische Öko-Abenteuer rund um ein Mastvieh, das gerne in Glück und Zufriedenheit wie ein argloses Meerschwein durch den Tann streifen will und nicht darf, ist Joon-Ho´s bislang simpelster Film geworden. Kaum kontrovers, nur bedingt berührend, um nicht zu sagen tatsächlich etwas flach. Vielleicht ist der Genremix etwas wüst geraten, und soviel Lob für die bisherige Werkschau tut selten gut. Meist wirkt Okja so, als würde es mehr wollen, sich selbst aber im Weg steht und das Potenzial der Geschichte nicht ausschöpft.

Was zurück bleibt ist der schale Geschmack eines Abenteuers Marke Lassie oder Flipper, die Erinnerung an den x-ten Aufguss einer stereotypen Free Willy-Dramödie. Beim genauen Hinsehen ist es das aber nicht, es würde viel mehr Satire dahinterstecken, ohne allerdings hervorzutreten. Okja als schaumgebremste Tragikomödie zu bezeichnen hätte der starbesetzte Film im Grunde nicht verdient. Doch genau diese Essenz bleibt letztlich über, nebst den treuen Augen des dicken Dings, das den Film natürlich lohnt, wenn man Dickhäuter und Hunde mag. Klar, dass Okja keiner weggeben will. Würde ich auch nicht. Angesichts des holprigen Drumherums von Film allerdings wäre die Übersiedlung in einen spannenderen filmischen Kontext aber durchaus denkbar.

Okja

Downsizing

ZUR WELTRETTUNG NACH LILIPUT

6/10

 

downsizing© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: ALEXANDER PAYNE

MIT MATT DAMON. CHRISTOPH WALTZ, HONG CHAU, UDO KIER, KRISTEN WIIG U. A.

 

Die Welt steht vor dem Kollaps. Die schreckliche Konsequenz des Evolutionstheoretikers und Vordenkers Thomas Malchus zu Überbevölkerung Mitte des 18ten Jahrhunderts wird irgendwann mal tatsächlich wahr werden. In Alexander Payne´s neuem Film ist sie das bereits. Die Menschheit in all ihren Ballungszentren hat keinen Platz mehr. Unbesiedelte Regionen der Erde sind zurecht unbesiedelt. Wo es einem gefällt, da kann man sich längst nicht mehr niederlassen. Vor allem nicht in gewohntem Wohlstand. Um dieses Problem zu beheben – da gibt es einige Ideen. Manche davon sind so greifbar real wie das Geschwisterverbot aus Tommy Wirkola´s What happened to Monday?, die düstere Vision einer Ein-Kind-Gesellschaft, wie sie heute bereits in China der Fall ist. Manche wiederum sind so absurd und unmöglich wie in Downsizing.

Zu Downsizing fällt mir der Bestseller des Hypothetikers und Zeichners Randall Munroe ein. In What if? beantwortet der Science-Blogger in wissenschaftlicher Klarheit diverse unmögliche Fragen wie „Was wäre, wenn sich alle Menschen an einem Ort der Erde einfinden und gleichzeitig loshüpfen?“. Oder „Was wäre, wenn die Erde plötzlich aufhören würde, sich zu drehen?“ Eine dieser Fragen könnte somit auch lauten: „Was wäre, wenn sich ein Teil der Weltbevölkerung auf 12cm verkleinern würde?“ Auf diese bizarre Vorstellung hat aber diesmal nicht Munroe, sondern Alexander Payne die Antwort. Und er hat nicht eine Antwort, sondern gleich mehrere parat. Weil man so eine Frage ja nicht nur aus einem Blickwinkel beantworten kann. Da gibt es Feedback auf sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Ebene. Payne will alle zugleich beantworten. Das ist wiederum typisch für den Filmemacher. In seinem Familiendrama The Descendants, zu welchem er ganz so wie bei Downsizing auch selbst das Drehbuch verfasst hat, geht es auch nicht nur um eine Sicht der Dinge, um eine Botschaft oder um einen roten Faden. Payne mixt diverse Genres subtil ineinander. Mal wirken sie komisch, mal sehr ernsthaft, und plötzlich handelt der Film wieder von gänzlich anderen Dingen. Mag sein, dass seine Methode des Geschichtenerzählens vielen Zusehern als zerstreut erscheint. Alles anschneiden zu wollen, lässt keiner Perspektive die Chance, zur Gänze gesehen zu werden. Das trifft auch zweifellos auf Downsizing zu.

Denn im Grunde ist Downsizing ein Episodenfilm, der auf den ersten Blick nicht so aussieht wie einer. Das liegt schon allein daran, dass Payne seinen Film auch nicht in Episoden unterteilt hat – was aber dem Film besser bekommen hätte. Eigentlich sind es drei Teile. Der erste handelt von der allen physikalischen Gesetzen zum Trotz von norwegischen Wissenschaftlern entdeckten Möglichkeit, sich verkleinern zu lassen – zum Wohle der Umwelt und der eigenen Geldbörse – denn alles was kleiner ist, kostet weniger. Ist also eine augenzwinkernde, aber niemals scherzhaft gemeinte Utopie einer globalen Notbremse. Die zweite Episode spielt in Leasure Land, dem Land der Minikins (kann sich wer noch an die gelungen Serie aus den frühen Achtzigern erinnern?), in welchem unser lebensüberdrüssiger Paul „Matt Damon“ Safranek versucht, auch ohne seiner besseren Hälfte, die ihn im Stich gelassen hat, klarzukommen. Wie ist es, so groß wie eine Actionfigur zu sein? Und was für Nebenwirkungen schleichen sich ein? Weniger gesundheitlich, viel mehr sozialer Natur. Die dritte Episode spielt in Norwegen, im Herzen der Downsizing-Kommune, quasi in Liliput. Der letzte Akt ist es dann auch, der sich wieder betont mit der Zukunft der Menschheit beschäftigt – und mit der Prognose für die Gesamtheit des Lebens überhaupt. Das hat dann fast schon Endzeitstimmung. Und ich hätte nie gedacht, dass Downsizing eine solche Richtung nehmen würde. Denn Satire ist was anderes, davon ist Paynes Utopie weit entfernt.

Seiner Geschichte wohnt eine reizvolle Thematik zugrunde und ist nur von ganz subtilem Humor durchzogen, welcher der Ernsthaftigkeit eines unmöglichen Szenarios etwas mehr Leichtigkeit verleiht. Die hat der Film dringend notwendig, weil Payne´s Fokus auf manche Details so wirken, als hätte die Regie vergessen, sich rechtzeitig auszuklinken, um die Aufmerksamkeit wieder woandershin zu richten. Vieles verliert sich dadurch wie schon eingangs erwähnt als Fragment in den Hirnwindungen des Zusehers und hinterlässt offene Fragen.

Dennoch – Downsizing als (Alb)traum einer Menschheit im Puppenhaus-Format war es wert, verfilmt worden zu sein. Auch wenn die erwartete Farce gar keine ist.

Downsizing