Beware Boiúna (2026)

SCHUPPEN VOR DEN AUGEN

6/10


Kiana Madeira als Lena in Beware Boiúna
© 2026 Constantin Film


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MIKE P. NELSON

DREHBUCH: ALAN B. MCELROY

KAMERA: NICK JUNKERSFELD

CAST: KIANA MADEIRA, JESSICA ROTHE, LOGAN MARSHALL-GREEN, JACKSON BEWS, JUAN PABLO SHUK, WILL CLOSE, VICENTE PEÑA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Manches Mal habe ich schon so eine Vorahnung, was Überraschungsfilme betrifft. Vor zwei Jahren lag ich bei der Viennale goldrichtig, als sie den Daniel Craig-Fiebertraum Queer gezeigt hatten. Diesmal blätterte ich kurz vor Filmbeginn im Fachmagazin cinema und las vom Creature Feature Beware Boiúna. Minuten später flimmerte mir auch schon ein allen Genremustern entsprechendes Dschungelabenteuer entgegen. Wenn das kein Zufall ist, dann zumindest eine mittlere Verschwörung, die auch ganz gut zu diesem Festival passt, wo nichts ist, wie es scheint – außer dieser Film.

Die Angst der Herpetologen vor mehr als elf Metern

Denn der ist brutto für netto genau das: Ein Schlangenhorror, aber nicht ganz im Stile des käsigen 90er-Trash-Klassikers Anaconda mit Jennifer Lopez als blutjungem Final Girl, das dem Kriechtier gezeigt hat, wie man Schlangenhaut weiterverarbeiten kann. Beware Boiúna hat sich den Spaß erlaubt, keinen Spaß zu haben. Da können Jack Black und Paul Rudd gleich ihre Sachen packen und heimgehen oder besser gesagt: mit ihrer Meta-Ware gar nicht erst Schlange stehen.

Schlangenhorror will schließlich ernst genommen werden. Damit ein Thriller wie dieser auch wirklich funktionieren kann, dürfen all die peripheren Parameter auch das tun, was man von ihnen verlangt. Zum Beispiel der Dschungel. Der muss echt sein. Gedreht wurde somit tatsächlich in Kolumbien – dort, wo der ganze Horror in der Geschichte seinen Lauf nimmt. Was wir sehen, ist also weder Studio noch KI noch CGI, sondern die feuchte, kratzige, wunderschöne und tödliche Botanik.

Die lateritrote Erde ist so, wie sie ist, wenn man, tuckernd auf dem Amazonas, dort anlegen will. Werner Herzog weiß, wovon man spricht, wenn man behauptet, im Dschungel gedreht zu haben. Mike P. Nelson hat aber das große Glück, keinen Kahn über irgendeinen Hügel zu zerren. Zwei Boote, ein Sumpf, eine Schlange, die nur zähnefletschend lachen kann über jene Gummidinger, die man damals verwendet hat, um dem Publikum Angst einzujagen.

Wenn der Mythos die Regeln vorgibt

Diese Boiúna ist nicht kurz vor dem Dreh ausgedacht, sondern ein in der brasilianischen Mythologie tief verankertes Meta-Wesen, das seine Natur beschützt, Eindringlinge, die nichts Gutes im Schilde führen, verspeist und jene respektiert, die mutig genug sind, sich ihr entgegenzustellen.

Sehr komplex ist das nicht, doch eine Schlange muss tun, was sie eben tun muss. Dahingleiten, sich im Dickicht verstecken wie der Predator, dann plötzlich zuschlagen. Auf diese Weise dezimiert sich auch das Ensemble erschreckend schnell, und Regisseur Nelson macht das, was so manche Vorbilder wie Steven Spielberg und Ridley Scott schon längst als bewährte Methode etabliert haben: Das Monster erst spät zu zeigen. Somit entsteht der Mythos auch im Film und greift so weit in die Geschichte ein, dass er anfangs nur eine Ahnung von etwas Bedrohlichem ist, ohne die Story rund um einen vertuschten Todesfall für sich zu beanspruchen. Anfangs sind die Monster noch Menschen, doch dann tobt die natürliche Gerechtigkeit.

Das Schema F hält sich klein, Nelson wagt so einige unerwartete Züge, doch im Grunde ist der Survivaltrip, der in einer herrlich beklemmenden Sumpfszene seinen Höhepunkt findet, genauso viel wie die Summe seiner Teile – nichts anderes will man.

Beware Boiúna (2026)

Lou

ALWAYS TAKE THE WEATHER WITH YOU

5/10


Lou© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANNA FOERSTER

BUCH: MAGGIE COHN, JACK STANLEY

CAST: ALLISON JANNEY, JURNEE SMOLLETT, LOGAN MARSHALL-GREEN, RIDLEY ASHA BATEMAN, MATT CRAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Wenn’s mal regnet, dann hat das durchaus auch was für sich. Ganz besonders, wenn man durch den Wald wandert, selbst gar nicht mal so nass wird aufgrund eines dichten Blätterdachs und sich vom Geräusch der aufklatschenden Regentropfen auf allerlei Blattwerk einlullen lassen kann. Doof nur, wenn man für all das keine Zeit hat und einen Kidnapper erwischen muss, der gerade zum ungastlichsten Sauwetter, das man sich nur vorstellen kann, die Nachbarstochter entführt. Gut, dass man selbst das Richtige gelernt hat – nämlich allerlei Methoden, wie unliebsame Gesellen aus dem Weg geräumt werden können. Dieser jemand mit solchen Skills ist Allison Janney. Sie gibt Lou, eine eigenbrötlerische und recht unfreundliche Person, die sich scheinbar nur um ihren eigenen Kram kümmert und für sonst niemanden irgendein höfliches Wort auf den Lippen trägt. Wenn Mutter und Tochter, die bei ihr auf ihrem Grundstück zur Untermiete leben, dann nicht rechtzeitig das Geld rüberwachsen lassen, kann’s schon mal ruppig werden. Bei Kidnapping hört sich der Spaß jedoch auf, und in eben jener verregneten Nacht klopft es an Lous Tür – gerade dann, wenn diese ihrem Leben ein Ende setzen will. Die Dame mag zwar unfreundlich sein, aber nicht herzlos und macht sich mit der verzweifelten Mutter auf die Suche nach deren Ex, der, angeblich verblichen, von den Toten wieder auferstanden zu sein scheint und sein väterliches Recht fordert.

In dieser nasskalten Botanik auf Orcas Island im äußersten Nordwesten der USA ernennt Anna Foerster (Westworld, Underworld: Blood Wars) Allison Janney zum weiblichen Liam Neeson. Als jemand, der nichts mehr von der Welt wissen will, ein Leben gelebt hat und auch alles bereut, was so passiert ist, scheint die Figur der Lou perfekt in dieses Bild der einsamen Frau fürs Grobe zu passen, die durchtrainierten männlichen Bösewichten nicht nur das Wasser, sondern auch die zur Waffe umfunktionierte Konservendose reichen kann. Da staunt man nicht schlecht über die gute Knochendichte von Janneys Antiheldin, die sich auch nach mehrmaligem Herumschleudern aus den Trümmern stemmt und immer noch Kraft genug hat, um sich aus kniffligen Situation rauszumorden. Jurnee Smollet kann da nur groß staunen und bibbern vor lauter herbstlicher Kälte. Irgendwann hört aber auch der Regen auf, und auf Regen folgt zwar kein Sonnenschein, aber eine etwas gemäßigtere Witterung. Und mit der gemäßigten Witterung geht auch dem Survivalabenteuer die Luft aus. Die Challenge durchs regennasse Unterholz, die das schlechte Wetter als erschwerende Komponente freudig mit einbezogen hat, kann den Ausnahmezustand später nicht mehr aufrechterhalten. Was bleibt, ist ein Thriller von der Stange, der gerade durch seine bemühten Story Twists auf matschigem Untergrund die Balance verliert. Zumindest wollten die beiden Skriptautorinnen und -autoren einer gewissen Routine entkommen; einem gewissen Schlendrian, der in gefühlt jedem zweiten Actionthriller mittlerweile für Langeweile sorgt. Gut, kann man so sehen. Wirkt zwar etwas konstruiert, aber zumindest spielt die Komponente eines Familiendramas erst gegen Ende ihre verdeckten Karten aus. Erwartet hätte man solche Offenbarungen letztlich nicht. Und sie wären auch nicht notwendig gewesen, hätte die gnadenlose Natur wohl etwas ausdauernder mit der Peitsche geknallt. Im Regen ist alles den gleichen Erschwernissen unterworfen – da hätte man viel mehr daraus machen können, anstatt einen Kreis zu schließen, der gar nicht hätte geschlossen werden müssen.

Lou

Upgrade

EIN KREUZ MIT DER TECHNIK

7/10

 

upgrade© 2018 Universal Pictures Germany

 

LAND: AUSTRALIEN 2018

REGIE: LEIGH WHANNELL

CAST: LOGAN MARSHALL-GREEN, MELANIE VALLEJO, HARRISON GILBERTSON, CHRISTOPHER KIRBY, BENEDICT HARIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN

 

Meine Bewunderung an alle Experten der IT – mit einer mir nicht aufbringbaren Engelsgeduld leiern diese Unglaubliches aus den digitalen Synapsen eines künstlichen Speichermediums. In Zeiten drängender Entwicklungen ein Know-How mit Jobgarantie. Mir als End-User geht aber bereits schon das Geimpfte auf, wenn sich auf meinem Apple die kunterbunte Semmel des Todes dreht, als würde mich der Rechner persönlich beleidigen. Weil ich diese gefühlte Launenhaftigkeit einfach nicht verstehen kann. Aus diesem Mysterium heraus lässt sich wutentbrannt in die Zukunft fabulieren und philosophieren: Zu welchen Schandtaten Computertechnik denn noch fähig wäre. Kombiniert mit Biomechanik: zu sehr vielen. Allerdings auch für den Zweck einer physischen Assistenz, wie wir seit Paul Verhoevens Robocop wissen. 

In diesem bereits auf Streamingplattformen zum Kultfilm avancierten Science-Fiction-Thriller ist das stählerne Outfit einem Implantat gewichen, das als Zweithirn an der Wirbelsäule sitzt. Medizinisch betrachtet ein Quantensprung: Querschnittgelähmte könnten so wieder all ihre Extremitäten bewegen, da das kleine, insektenartige Teil als Access-Point zwischen Hirn und Bewegungsapparat fungiert. Der mit Analogem sympathisierende Automechaniker Grey (ein Typ wie Tom Hardy: Logan Marshall-Green) bekommt nach einem sabotierten Autounfall mit anschließendem Mordanschlag auf dessen Gattin von einem recht abgehobenen High-Tech-Priester namens Eron Keen die Chance, durch dieses noch unbekannte Implantat wieder ein neues Leben zu beginnen. Der nimmt an, geht´s Grey doch nur darum, den Mord an seiner Frau zu rächen. Bald aber ist unser Held nicht mehr allein – denn der kleine Computer am Kreuz, der scheinbar alles kann, beginnt zu sprechen. Erinnert ein bisschen an Venom? Ja das tut es, vor allem weil Logan Marshall-Green auch so aussieht wie Tom Hardy. Nur statt Venom ist das subkutane Wunderteil kaum sichtbar – und auch nur dann, wenn es die Kontrolle über den menschlichen Körper übernimmt. Bald ist Grey hinter einer ausgemachten Verschwörung her, hinter Grey die Polizei und natürlich der High-Tech-Priester, der gar nicht will, das sein Baby für Rachegelüste zweckentfremdet wird.

Leigh Wannell, der vor Corona die Neuinterpretation vom Unsichtbaren in die Kinos und dann ins Heimkino brachte, hat 2018 einen brachialen Cyberpunk-Reißer inszeniert, der wortwörtlich ans Eingemachte geht. War Robocop schon ein knochenhartes Stück Actionkino, ist Upgrade tatsächlich ein Upgrade dessen, da sieht Peter Weller in der wehrhaften Karosserie eines plumpen Transformers direkt alt aus. Whannells Film macht wenig Gefangene, und wenn, dann ist ihr Dasein befristet. Das Kuriose an der Sache: wenn Grey mit seinem altklugen Zweithirn kommuniziert, bekommt der Film eine ironische Note. Und wenn Grey seinen Technical Support beim Schlagabtausch mit den ganz fiesen Jungs freie Bahn lässt, gehören diese Haudrauf-Szenen zum Bizarrsten, was handgreifliche Action bislang zu bieten hatte. Andererseits aber ist die Technik letzten Endes für Whannell, der auch das Drehbuch schrieb, einfach nur ein Hund: seit Skynet ist klar, dass künstliche Intelligenzen irgendwann zur Macht greifen wollen. Und der Mensch wird zur hilflosen, völlig unzulänglichen Kreatur ohne Aussicht auf nur die geringste Chance. Mit schmerzhaftem, dystopischem Nihilismus lässt Upgrade die Kehrseite der Medaille den strahlenden Benefit sklavischer Technik in Dunkelheit tauchen. Die Unterjochung bricht sich Bahn. So radikal und letzten Endes verstörend war selten ein Film aus diesem Genre.

Upgrade