Offenes Geheimnis

NICHT OHNE MEINE TOCHTER

4,5/10

 

offenesgeheimnis© 2018 Thimfilm

 

ORIGINALTITEL: TODOS LO SABEN (EVERYBODY KNOWS)

LAND: SPANIEN, FRANKREICH, ITALIEN 2018

REGIE: ASGHAR FARHADI

CAST: PENELOPE CRUZ, JAVIER BARDEM, RICARDO DARÍN, BÁRBARA LENNIE U. A.

 

In Fluch der Karibik haben sie es ganz knapp nicht geschafft, gemeinsam über die reling zu hechten. Penelope Cruz war in Fremde Gezeiten an der Seite von Jack Sparrow ein rassiger Sidekick, Javier Bardem eine Episode drauf die hinkende Wasserleiche Salazar. In Asghar Farhadis Kriminaldrama haben sie es dann doch geschafft. Oder wieder einmal. Denn kennen und lieben gelernt hatten sie sich eigentlich schon in Woody Allens Vicky Christina Barcelona. Und die beiden Filme sind nicht die einzigen, in denen sie Seite an Seite aus vollen Emotionen schöpfen konnten. Irgend so einen Film über Pablo Escobar gibt es da auch noch, der ist aber seltsam untergegangen. Asghar Farhadi aber übersehen Filmkenner natürlich nicht. Mit The Salesman hat sich der Iraner sogar den Goldjungen aus Los Angeles geholt. Sein Nachfolger zwei Jahre danach ist allerdings nicht ganz so vielschichtig geworden wie der frei nach Motiven von Arthur Millers Stück erzählte Diskurs über Genugtuung und Gerechtigkeit. In Offenes Geheimnis – oder viel griffiger im Original: Todos Lo Saben (was soviel heisst wie: Jeder weiß es) – nimmt das Schicksal mit einer üppigen Hochzeitsfeierlichkeit seinen Lauf. Die ganze unübersichtliche Familie kommt zusammen, irgendwo in Spanien in einer übersichtlichen Kleinstadt, schön rustikal und wo die Nachbarn auch nicht gleich die Polizei rufen, wenn bis spät in die Nacht feuchtfröhlich die Sau rausgelassen wird.
So ganze Familien haben da auch den oder die eine im Schlepptau, der den oder die andere schon lange nicht mehr gesehen hat. Und das vielleicht aus gutem Grund. Denn war man jung und neugierig, gab’s da schon pikante Liaisonen, die dann versandet sind – und vielleicht wieder nachhaltig an die Oberfläche schwappen, wenn genug getrunken wurde. Oder anderes im Argen liegt.

Bevor es aber so weit kommt, verschwindet die halbwüchsige Tochter von Filmmutter Penelope Cruz aus ihrem Zimmer, wohin sie sich mangels Wohlbefinden zurückgezogen hat. Klar, man kann ja nochmal eine Runde drehen und frische Luft schnappen, aber der Teenie ist wie vom Erdboden verschluckt. Weiterfeiern ist nicht, und plötzlich liegt das Wort Entführung in der Luft. Oder ist sie einfach nur abgehauen? Nichts Genaues weiß man nicht, nur, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Was folgt, ist ein Drama voll des Wartens, Harrens und Bangens. Natürlich auch des Suchens, doch das eher vergeblich. Die Familie hält natürlich zusammen, und auch all die alten Bekannten aus der guten alten Zeit zeigen sich motiviert. Das bringt Bardem und Cruz wieder auf Augenhöhe, und im Laufe der Ver- und Entwicklungen dieser undurchsichtigen Tragödie treten Geheimnisse zutage, die sowieso schon jeder geahnt hat. Das ist also das Offensichtliche, und für manche, oder gerade für jene, die es am meisten trifft, dann doch wieder eine erschütternd neue Erkenntnis.

Dabei ist die wirklich spannende Geschichte daran jene, die anfangs mit dem Fokus auf das nonkonforme Denken besagten verschwundenen Mädchens bereits schon drauf und dran war, eine Richtung einzuschlagen, die wohl mehr Gewicht gehabt hätte als das, was letzten Endes dabei herausgekommen ist. Asghar Farhadi ist wohl einer, der eher wenig mit taktisch wohlplatzierten Twists, die den Zuseher trotz einer recht tristen Geschichte bei Laune hält, anfangen kann. In Offenes Geheimnis bleibt die Hoffnung auf die Untergrabung der Erwartungen unerfüllt. Es kommt, was kommen muss, es bleibt alles auf mehr oder weniger geraden Bahnen, mit wenigen Kreuzungspunkten, die aber eigentlich auf der Hand gelegen wären. Nur – Farhadi ergreift sie nicht. Macht daraus keinen Konflikt der Generationen oder auch kein Geheimnis, dessen Lüftung erst so richtig die Katze aus dem Sack lassen würde. Nein, alles ist erahn- und erwartbar. Gedankenspiele vorab vergebene Liebesmüh. Immerhin ist Penelope Cruz verzweifelt genug, und Javier Bardem entsprechend erstaunt darüber, was ohnehin schon alle wissen. Ja, manchmal gneisst man es nicht gleich. Und ich weiß nicht, warum Farhadi es auch nicht gleich begriffen hat, dass sein Drehbuch, hätte es eine andere Wendung genommen, viel mehr Möglichkeiten gehabt hätte, so richtig genüsslich gesellschaftliche Dogmen vor sich herzutreiben anstatt diese nur mit sorgenvollen Blicken zu begleiten. Der ganze Film ist also auch für den Zuseher ein offenes Geheimnis, und ich weiß nicht welchen Reiz das ganze Dilemma dann noch hat, wenn der Unterschied zur finalen Episode einer breitgetretenen Soap nur mehr der ist, mit der spanischen Ausgabe von Brangelina auf Sieg zu setzen. Ein durchaus schwülstiges, eher uninspiriertes Drama also, das an die große Glocke hängt, was eigentlich niemand erwarten will, und im Endeffekt auch nicht sonderlich tangiert, sobald man es endlich weiß.

Offenes Geheimnis

The Salesman

DER GERECHTIGKEIT GENÜGE GETAN

8/10

 

salesman© 2016 Prokino

 

LAND: FRANKREICH, IRAN 2016

REGIE: ASGHAR FARHADI

MIT SHAHAB HOSSEINI, TARANEH ALIDOOSTI, BABAK KARIMI, MINA SADATI, FARID SAJJADI HOSSEINI U. A.

 

Eine schwermütige, trostlose Sternstunde der Theatergeschichte, die uns anno dazumal der begnadete Arthur Miller zum Geschenk gemacht hat. Meiner Meinung nach ist Hexenjagd noch viel brillanter, aber Tod eines Handlungsreisenden ist zumindest Millers berühmtestes Drama, dass je auf die Bühne kam, auch relativ oft auf der Leinwand zu sehen war und sich ziemlich nahtlos in die Riege jener Poeten einreiht, die über die Nichtexistenz des amerikanischen Traums philosophiert haben, darunter Tennessee Williams oder Eugene O Neill. Tod eines Handlungsreisenden macht nicht mal vor dem Nahen Osten halt, und auch jenseits des Hindukusch findet Miller´s Schaffen offene Ohren – genauer gesagt im Iran der Gegenwart. Denn irgendwo in Teheran in einem Kellertheater darf ein junges Schauspielerehepaar in einer eher kleinen, aber feinen Inszenierung des Stückes die Hauptrollen übernehmen. Trotzdem der Handlungsreisende ein sehr amerikanisches Stück ist, schafft es die Regie, dessen Inhalte in modifizierter Aufmachung dem Publikum geschickt zu vermitteln. The Salesman von Asghar Farhadi fängt an mit elegant beleuchteten Stills des Bühnen-Settings – um dann aber eine ganz andere Geschichte zu erzählen, in welcher es ähnlich in dem Drama, das im Film gespielt wird, um Moral, Existenzangst und Gerechtigkeit geht.

Dabei hätte es in diesem oscargekrönten Thriller nicht um die Burg Arthur Miller´s Stück sein müssen. Mit der Desillusion der Erfolgsformel von Fleiß und Erfolg, mit Erfahrung und Entbehrlichkeit, und dem gnadenlosen Wettbewerb der Geschäftswelt spielen auch viele andere zeitgenössische Stücke. Vielleicht sogar auf eine Weise, die sich besser in The Salesman integriert hätten. So wirkt das ausgewählte Drama selbst etwas willkürlich, doch womöglich fiel die persönliche Wahl Farhadi´s auf eines seiner liebsten Werke, die ihm als Vorbild für seine dramaturgischen Fertigkeiten gedient haben. Und tatsächlich sind diese geschliffen, präzise und von ausgesuchter Brillanz. Farhadi steht Miller eigentlich um nichts nach – seine beeindruckende Parabel über ein Ideal einer Gerechtigkeit, der mehr als Genüge getan wird, würde als adaptiertes Bühnenstück mit Sicherheit die Auditorien füllen. Als Film funktioniert dieses Kleinod eines unter Strom stehenden Volksstücks aber wahrscheinlich noch besser – und fesselt in seinen akkurat gesetzten Szenen, die sich für den Zuschauer fast unmerklich steigern und in einer Konfrontation gipfeln, die in seiner latenten Bedrohlichkeit auf unbequeme Weise fasziniert. Und unbequem, oder sagen wir als einschneidendes Home-Invasion-Erlebnis stellt sich auch die Ausgangsituation von The Salesman dar.

Das Schauspielerpaar, dass aus seiner alten Wohnung aufgrund von Einsturzgefahr besser gestern als morgen ausziehen muss, findet Räumlichkeiten, die auf den ersten Blick recht einladend wirken, auf den zweiten aber eine vertuschte Vorgeschichte wie ein nicht zu delogierendes Phantom beherbergt. Da die Vormieterin, die man im Film übrigens niemals sieht, mit ihrem mehr oder weniger illegalen Rotlicht-Business so manchen Freier ins Haus gelockt hat, und diese ob ihres aktuellen Verbleibs sprichwörtlich dumm sterben, führt diese Tatsache letzten Endes zu dem Verhängnis, von welchem das komplexe Szenario in The Salesman seine dunkle, fast schon autoaggressive Energie zieht. Fälschlich für ein leichtes Mädchen gehalten, wird Ehegattin Rana in den eigenen neuen vier Wänden überfallen und blutüberströmt zurückgelassen. Ihr Ehemann Emad, der Handlungsreisende, begibt sich auf die Fährte des Verdächtigen und leitet alles für ihn menschenmögliche in die Wege, um den Verbrecher zu enttarnen, während Rana, völlig traumatisiert, versucht, die Wohnung wo es nur geht zu meiden, aus Angst, der Übeltäter könnte wiederkommen.

The Salesman ist mein erster Film von Farhadi, und es wird garantiert nicht mein letzter sein. Dann, wenn das Vergeltungsdrama, das sich aber längst nicht als simples Rachedrama verstanden sieht, der unausweichlichen, unvermeidbaren Konfrontation entgegensteuert, erinnern manche Szenen an den virtuosen Stil des Mexikaners Alejandro Gonzales Inarritu, insbesondere an sein irritierend poetisches Meisterwerk Amores Perros. Nur ist in The Salesman kein Hund begraben, sondern der Wille zur Vergebung und des Neuanfangs, der erst nach Eintreten einer zerstörerischen Eigendynamik so langsam vom Schmutz eines impulsiven Gerechtigkeitsfanatismus befreit wird. Ob hier nicht eine versteckte Kritik an islamistischem Übereifer verborgen liegt? Kann sein, muss aber nicht. Farhadi geht auch so genug ans Eingemachte und setzt kluge Argumente für die Unentbehrlichkeit des iranischen Films. Und das in einem Land, wo das Bohren in offenen Wunden nur neue Wunden verursacht.

The Salesman