100 Dinge

FKK FÜR EGO-MESSIES

4/10

 

100dinge© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: FLORIAN DAVID FITZ

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, FLORIAN DAVID FITZ, MIRIAM STEIN, MARIA FURTWÄNGLER, HANNELORE ELSNER, KATHARINA THALBACH U. A.

 

Die Filme von Matthias Schweighöfer, die kennen wir. Das heißt: kennen wir einen, keinen wir eigentlich alle. Sie sind gefällig, farbentsättigt wie bei Til, den Geist junger Bobo-Erfolgsmänner bis in jede Pore einmassiert. Die Riege talentierter Jungschauspielerinnen umkreisen den Egomanen in teils angestrengt distanziertem, aber stets anhimmelndem Spiel. Denn in Wahrheit ist Schweighöfer ja unwiderstehlich, auch wenn er sich zwischenmenschliche Eskapaden leistet, die mit einer konventionell schrägen Entschuldigung wieder sofort vergessen sind. Denn ja, Frau liebt ihn. Florian David Fitz, der Vincent, der Meer wollte und als Kehlmann´scher Gauß in der Verfilmung Die Vermessung der Welt beeindruckend spröde großes Schauspieltalent bewies, will diesmal aber auch so sein wie der blonde, sommersprossige Athlet, der stets sich selbst spielt und selbst in der als Thriller angedachten Amazon-Serie You Are Wanted einfach nicht aus seinem Yuppie-Hedonismus hinauskann. Fitz wiederum will da hinein, also einfach mal selbst so einen Film inszenieren, genauso wie sein Buddy. In welchem die beiden Männer ihren nackten Po in die Kamera halten dürfen und eigentlich von allen, vor allem vom weiblichen Geschlecht, geliebt werden dürfen. Ob das in deren echten Leben auch so ist? Keine Ahnung, deutsche Schauspieler halten ihr Privatleben natürlich auch zurecht bedeckt. Nicht bedeckt bleiben wie gesagt die ansehnlichen Körper der beiden. Warum? Weil sie dem Konsumzwang eins auswischen wollen.

Kurz gesagt: es geht um eine Wette. Beide Freunde müssen ihren ganzen Besitz in einen Lagerraum sperren, und für hundert Tage dürfen sie sich täglich ein Ding aus dem ganzen Fundus wieder herausnehmen. Das gilt selbst fürs Untergewand. Im Adamskostüm beginnt also die Challenge für die konsumgeilen Schnösel, die sich dadurch eigentlich auf griffigere Werte besinnen sollen, was aber nicht vorrangig der Fall ist, denn Grund der Wette ist der Aus- und Verkauf ihrer Softwarefirma, die eine App entwickelt hat, die alle haben wollen. Vor allem einer, der so aussieht wie Mark Zuckerberg. Bei diesem Vorhaben der beiden Erfolgsmänner, die gefühlt sowieso immer das Glück auf ihrer Seite haben, kann einer wie Mel Brooks nur lachen. Wieso Mel Brooks? Weil der Ähnliches erlebt hat. Zum Beispiel als reicher, asozialer Millionär, der den Altruismus mit Füßen tritt, in einer Satire, die Das Leben stinkt heißt. Ebenfalls ist eine Wette der Kern des Plots, nur dass Geizkragen Brooks für rund einen Monat auf der Straße leben muss. Der Reiz dieser Satire liegt darin, dass der alte Industrielle tatsächlich auf sich alleine gestellt ist, dass letzten Endes der Verrat der anderen zu einer gewissen Erkenntnis führt, und er sich eigenhändig aus dem Schlamassel ziehen muss. Ein bisschen wie bei Scrooge, ein bisschen wie beim Fischer und seiner Frau, die letztendlich Papst sein wollte. Fitz und Schweighöfer, die sind sowohl vor als auch hinter der Kamera einfach immer Stars und haben auf dem Weg zu ihrer kolportierten Selbsterkenntnis kaum Berührungspunkte mit anderen sozialen Schichten. Eloquente, toughe, charmante Frauenversteher, auf die keiner böse sein kann, die einfach zu gelackt sind, um sich selbst wirklich zu hinterfragen. In 100 Dinge stehen sie zwar kurze Zeit vor dem Nichts, doch in Wahrheit haben sie alles, und zwar zu jederzeit. Die Frage nach der Kunst des Weglassens, des Verzichts und dem „Weniger ist Mehr“-Prinzip ist gar nicht richtig gestellt, das wollen die Firmenchefs längst nicht so genau wissen. So, wie sich die beiden darauf besinnen und die eigenen Schattenseiten des Kapitalismus aufdröseln, bleibt das Ganze ein Lippenbekenntnis ohne tieferen Sinn.

100 Dinge handelt von einer Freundschaft, von beruflicher Partnerschaft und Beziehungen. Wie so viele Filme Schweigers und Schweighöfers. Und jetzt auch von Fitz. Es ist eine gehetzte, viel zu schnelle Komödie zweier elitärer Helden um die Vierzig, die alles können, aber nicht alles können müssen. Die alles haben, aber nicht alles haben müssen. Das macht den Film so schlaksig, als würde man beim Fangenspielen mit einem Bein andauernd im Leo stehen. Das geht so nicht, nicht wirklich. Das kaufe ich den beiden nicht ab. Und wenn doch, dann will ich es geschenkt. Blöd nur, dass sie nichts davon hergeben werden.

100 Dinge

Was hat uns bloss so ruiniert?

JAMMERN AUF HOHEM NIVEAU

4/10

 

ruiniert

REGIE: MARIE KREUTZER
MIT PIA HIERZEGGER, MANUEL RUBEY, ANDREAS KIENDL

 

Marie Kreutzer hat recht. Die österreichische Filmemacherin, die stets präzise und durchdacht psychosoziale Verhaltensweisen junger, urbaner Mittelstandsgesellschaften seziert, widmet sich in ihrem neuesten Film den Egoproblemen werdender Bobo-Familien – und hat auf einmal nichts zu erzählen. Jedenfalls nichts Neues. Allerdings – das, was sie zu erzählen hat, stimmt. So ist sie, die Generation Ich, die jungen Mittdreissiger, die zwischen Torschlusspanik und versemmeltem Leben noch einmal die Kurve kratzen und sich selbst verwirklicht sehen wollen. Sich selbst, niemand anders. Weder den Nachwuchs noch den Partner. Der Nachwuchs, der wird zum Versuchskaninchen der eigenen Verwirklichung. Das sieht auf den ersten Blick aus, als wäre das Wohl des Kindes oberstes Gebot, auf den zweiten Blick ist es eine ignorante Bessere-Welt-Illusion, die Mutter und Vater zu neuen Helden des Alltags werden lässt. Und dabei geht es nicht darum, was das Beste für das Kind ist, sondern was sich dem Trend gemäß einfach richtig anfühlt – für die lieben Eltern. Da kommt schon einige Wut hoch, bei Betrachten des Filmes. Weil man diese Leute genau so kennt. Und nichts daran ändern kann. Und damit war es das auch schon, mit Was hat uns bloß so ruiniert. Leere Hüllen, um sich drehende menschelnde Satelliten, intellektuell und fähig zwar, aber hoffnungslos überfordert mit dem, was das neue Jahrtausend an Möglichkeiten mit sich bringt. Man kann sich leisten, Single zu sein. Man kann sich leisten, alles über Bord zu werfen. Und man kann sich leisten, dem Kind keine Windeln anzuziehen. Allüren, die der übersättigte Wohlstand erlaubt. Und die uns am Ende ruinieren.

Aber wie kann die Realsatire über altkluge Möchtegern-Individualisten einen ganzen Spielfilm lang unterhalten? Vor allem, wenn die Charaktere, die sich unentwegt in der Schwebe befinden, zu nichts und niemanden, nicht einmal zu sich selbst, stehen wollen? Kreutzer, die sich, so scheint mir, an Sofia Coppolas Thematik des ziellosen Umherschweifens junger Leute orientiert, zeigt eine überreizte Tristesse, die alles hat und die sich ihren Kick im Ausbruch aus dem Alltäglichen sucht. Auf diese Art und Weise fruchten Spleens, Trends und Ticks wie Schimmel im Marmeladenglas. Menschen, die im Umgang mit dem jeweils anderen und in ihrem Nachwuchs scheitern, mögen zwar aggressieren und nerven, doch eine brauchbare Handlung ergibt sich daraus nicht. Pia Hierzegger, Manuel Rubey, Andreas Kiendl und Co mäandern träge durch einen unaufgeregten Alltag. Langeweile macht sich breit, schon nach wenigen Minuten. Wat hat uns bloß so ruiniert ist Mumblecore-Kino der Wiener Art, zwischen Miranda July und Noah Baumbach, nur fahler und uninteressanter. Hat Marie Kreutzer noch in Die Vaterlosen bühnenreifes Familientheater mit dramatischem Hintergrund entworfen, begnügt sie sich nun mit einer Skizze wohl eigener Beobachtungen und Erfahrungen, denen aber keine beobachtenswerte Geschichte innewohnt.

Dennoch – ihr nächster Film kommt bestimmt. Und da kann man schon gespannt sein. Denn warum nicht – einer der aufmerksamsten und engagiertesten Regisseurinnen Österreichs kann auch mal die Puste ausgehen.

Was hat uns bloss so ruiniert?