Frau im Dunkeln

BEKENNTNISSE EINER RABENMUTTER

8/10


frauimdunkeln© 2021 Netflix


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, USA, GROSSBRITANNIEN, ISRAEL 2020

BUCH / REGIE: MAGGIE GYLLENHAAL, NACH EINEM ROMAN VON ELENA FERRANTE

CAST: OLIVIA COLMAN, JESSIE BUCKLEY, DAKOTA JOHNSON, ED HARRIS, PETER SARSGAARD, PAUL MESCAL, ALBA ROHRWACHER, DAGMARA DOMIŃCZYK U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Am letzten Tag des alten Jahres hat Netflix für sein interessiertes Filmpublikum noch einen besonderen Leckerbissen aus dem Ärmel geschüttelt – das Spielfilmdebüt von Maggie Gyllenhaal, von welcher man ohnehin schon längere Zeit nichts mehr gehört hat, die sich aber mit der Verfilmung von Elena Ferrantes Roman The Lost Daughter umso wirkungsvoller zurückmeldet. Und beileibe ist der Stoff der italienischen Romanautorin keine gemähte Wiese. Nichts, was man so mir nichts dir nichts in Bilder packen und dazu noch ein ausgewogenes Skript verfassen kann. Frau im Dunkeln – so der deutsche Titel – lässt Oscarpreisträgerin Olivia Colman als Professorin während des Sommers Urlaub machen. Wie denn, das ist alles? Fast. Zumindest handlungstechnisch. Das meiste ist Selbstreflexion und Erinnerung, dazwischen die Konfrontation mit Menschen, die auf gewisse Weise begangene Fehler von Colmans Filmfigur aus der Verdrängung zurückführen. Das ist Urlaub, der nicht spur- und ereignislos vorübergeht. Das sind Ferien mit der längst überfälligen seelischen Reinigung.

Und so bezieht Leda Caruso ein großräumiges Appartement auf der griechischen Insel Spetses, und zwar ganz allein. Hausdiener Lyle (Ed Harris) sorgt manchmal für Abwechslung, auch dem Ferialjobber Will gefällt Ledas Gesellschaft. Weniger offenherzig ist allerdings die New Yorker Großfamilie rund um Jungmutter Nina (Dakota Johnson), die sich mit ihrer kleinen Tochter herumschlagen muss und die bereits unter Depressionen leidet, weil sie es dem Mädel einfach nicht recht machen kann. Da passiert es und das Kind verschwindet – Leda beteiligt sich an der Suche und findet sie. Doch damit nicht genug: dessen Lieblingspuppe verschwindet ebenfalls. Die hat sich Leda absichtlich unter den Nagel gerissen. Doch warum nur?

Warum nur? Das ist die große Frage in diesem Film. Und vor allem eine, die Leda selbst nicht beantworten kann. So sind nun mal Gefühlswelten, sie ordnen sich keinem rationalen Muster unter, sie generieren sich aus triggernden Momenten und Assoziationen, aus seltsamen Déjà-vus, die wie gerufen kommen und die Sache mit dem Zufall bemühen. In so einem Nebel aus Vergangenem und Gegenwärtigen lässt Colman als einsame Egoistin ihre Existenz als Mutter zweier Kinder Revue passieren – die Zeitebene wechselt, wir befinden uns rund zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit, und Jessie Buckleys junge Leda könnte aufgrund ihres sprachlichen Talents und ihrer literarischen Abhandlungen alles erreichen. Einzig die Kinder nerven, später auch der eigene Ehemann, und so kehrt sie ihrer Familie den Rücken. Eine Rabenmutter, sagt sie selber von sich. Doch die Erkenntnis lässt auf sich warten, im Urlaub ist schließlich genug Zeit dafür, auch wenn sonst nichts zu tun ist.

Wer hätte gedacht, dass es Maggie Gyllenhaal dermaßen gelingt, so einem durchaus abstrakten und auch verschachtelten Stoff das richtige Tempo aufzuerlegen und ein ebensolches Team zusammenzustellen. Dazu gehört auch Kamerafrau Hélène Louvart, die aus dem dichten Stück Schauspielkino ein visuelles Erlebnis kreiert. Extreme Nahaufnahmen wechseln mit in sich ruhenden Arrangements aus Personen – diese Virtuosität erinnert nicht zufällig an den Film Glücklich wie Lazzarro. Dort bewies sich Louvart als Kreatorin einer mediterranen, impressionistischen Stimmung. Coleman und auch Dakota Johnson spiegeln diese mit Bravour. Nicht zu vergessen Jessie Buckley, die als junge Leda Caruso die Last des Mutterseins nicht mit ihrem Drang zur Selbstverwirklichung vereinbaren kann.

Frau im Dunkeln ist ein starker und hypnotisierender Film ohne Leerlauf und mit Bedacht gewählten Worten, die den Brocken an Drama nicht schwerer machen als er ist. Gyllenhaal schafft das Zusammenspiel gewissenhaft agierender Schauspielerinnen, die niemals, wie es scheint, unter den Druck einer egozentrischen Regie geraten, sondern den jeweils eigenen Subtext wirken lassen können. Was dabei rauskommt, ist packend – und auf unerwartete Weise schwerelos.

Frau im Dunkeln

Bad Luck Banging or Loony Porn

DIE KRUX DES EGOZENTRISCHEN WELTBILDES

7,5/10


badluckbanging© 2021 Panda Lichtspiele

LAND / JAHR: RUMÄNIEN, LUXEMBURG, TSCHECHIEN, KROATIEN 2021

BUCH / REGIE: RADU JUDE

CAST: KATIA PASCARIU, CLAUDIA IEREMIA, OLIMPIA MALAI, NICODIM UNGUREANU, ALEXANDRU POTOCEAN, DANA VOICU, GABRIEL SPAHIU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Es kann gut sein, dass mein Beitrag nach dem Teilen auf diversen Social Media-Plattformen von der Zensur geblockt wird. Das Wort „Porn“ kommt darin vor. Kann gut sein, dass die Zugriffe auf diesen Artikel dadurch in die Höhe schnellen. Kann alles sein. Kann sogar sein, dass ein Film wie dieser trotz oder gerade wegen seinen expliziten Darstellungen den Goldenen Bären der Berlinale gewinnen kann. Und auch, obwohl sich Banging und Porn in den Titel schummeln. Eine Vorverurteilung hat aber nicht stattgefunden, denn Radu Jude hat für seine virtuose Satire tatsächlich die höchste Auszeichnung erhalten. Gibt es also rund 50 Jahre nach Deep Throat ein Porno-Revival in klassischen Kinosälen? Nein, nicht wirklich. Bad Luck Banging or Loony Porn will das gar nicht. Dieser Film – wie soll ich sagen – ist zwar ein obszönes, aber gutgemeint groteskes Stück Kino, das sicherlich nicht zum besten Freund wird – auf den zweiten Blick jedoch kann man das, was da abgeht, so gut nachvollziehen, als wäre man mit diesem polemischen Stück publiker Selbstreflexion schon lange auf Du und Du.

Man kann gut erkennen, was entsteht, wenn nichts und niemand einem Filmemacher ins Handwerk pfuscht. Radu Jude befindet sich inmitten der Pandemie, wir schreiben das Jahr 2020, und man merkt auch, dass für seine Ideen die Weltlage gar nicht besser hätte sein können. In dieser Pandemie, die Jude auf die aufreibendsten Arten des Maskentragens, Händedesinfizierens und nicht eingehaltene Sicherheitsabstände reduziert, ist der gesellschaftliche Sodbrand kurz davor, bis in den Rachenraum aufzusteigen. Zu keiner Zeit in der jüngeren Geschichte lässt sich die Doppelmoral des Menschen in der Dynamik einer Gesellschaft so sehr ans Tageslicht zerren wie in dieser. Dabei passiert nicht viel, und seit Thomas Vinterbergs grandiosem Rufmord-Drama Die Jagd wissen wir auch, wie Massenmedien im Computer- und Handyzeitalter zusätzlich Zunder geben. Zum Leidwesen der Kinder und derer, die des Berufs wegen für diese verantwortlich sind. Immerhin ist passiert, was nun mal so passiert: Die Lehrerin Emi hat Sex mit ihrem Ehemann – sie filmen sich dabei, und wir sehen das auch. Blöderweise stellt der nicht wirklich vorausdenkende Göttergatte das sogenannte Sex Tape auf Pornhub – wo dieses alsbald von den Schülern aus Emis Klasse gesehen wird. Empörter kann die Elternschaft nicht sein. Wie kann man nur! Sie fordern eine Konferenz, um die gute Frau zur Rede zu stellen. Oder ganz einfach fertigzumachen.

Bad Luck Banging or Loony Porn hat drei Kapitel, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach dem gar nicht jugendfreien Vorspiel folgen wir Emi quer durch Bukarest. Es ist die Bestandsaufnahme einer verdorbenen Welt aus billigen Obszönitäten, Aggressionen und kompensierten Psychosen. Ein Panoptikum zwischen Zerfall und Übersättigung, dabei ruht die Kamera weniger auf Emis Spaziergang durch die Welt als vielmehr auf einen Alltag, der sich selbst zuwider zu sein scheint. Kapitel zwei ist ebenfalls ein Sammelsurium – eine alphabetische Abfolge diverser Begriffe, die, größenteils mit Archivaufnahmen bebildert, eine Collage dessen ergeben, was Rumänien bewegt. Kapitel drei dann der Elternabend des Grauens. Eine Geisterbahnfahrt des Fingerzeigens und des Besserwissens. Ich will nicht sagen: des Querdenkens.

Wer mir dazu einfällt: Der Schwede Ruben Östlund beschäftigt sich nicht erst seit The Square mit ähnlichen Themen und seziert dabei menschliches Gruppenverhalten, über welches die Vernunft allzu leicht stolpert. Sei es nun, Eigenverantwortung zu übernehmen – oder die Verantwortung über den eigenen Nachwuchs. Jude spricht diese Fähigkeit der „Elterngeneration What?“ Ein für alle Mal ab. Seine Erzieherinnen und Erzieher verorten aus reiner Bequemlichkeit und nach erhörten Predigten über ein egozentrisches Weltbild die moralische Verantwortung jenseits der eigenen Familie. Dabei ist nicht das Problem, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Wahl der immer bequemeren Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Was bleibt, ist ein Aneinanderrennen starrer Weltsichten und liberaler Koketterie. In Judes Groteske erkennt man letzten Endes mit Schrecken, selbst zu einer dieser Gruppen zu gehören. Was dagegen tun? Im Avantgarde-Kino von heute bleibt da nur noch die verzweifelte Möglichkeit, mit ätzendem Zynismus die Nimmerbelehrbaren in die Selbstreflexion zu nötigen.

Bad Luck Banging or Loony Porn

I Care a Lot

DAS GELD ÄLTERER LEUTE

8/10


icarealot© 2021 Photo Cr. Seacia Pavao / Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: J BLAKESON

CAST: ROSAMUNDE PIKE, EIZA GONZÁLES, PETER DINKLAGE, DIANNE WIEST, CHRIS MESSINA, ISIAH WHITLOCK JR. U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


In Österreich ist der Pflegeregress – das Finanzieren von Pflege aus privatem Vermögen – seit Anfang 2018 abgeschafft. Na, Gott sei Dank für die Angehörigen und Nachkommen. Und Gott sei Dank natürlich für die Betroffenen. Etwas zu besitzen macht schon auch etwas mit dem Selbstbewusstsein. Vom Ende des Pflegeregress hat die toughe Marla Grayson allerdings noch nichts vernommen. Keine Ahnung wie das in anderen Ländern gehandhabt wird. Bei Marla Grayson jedenfalls bläht sich die Brieftasche dank sozialer Scheinliebe bis zum Äußersten. Denn sobald gerichtlich verfügt wird, dass hilfsbedürftige Senioren unter Graysons Kuratel gestellt werden müssen, sie noch dazu Heim und Hof verlieren und nicht mehr als zu melkendes Gemüse sind, wird der ganze Besitz veräußert. Nachlass für andere zu Lebzeiten sozusagen. Ein Vorgehen, fern jeder Ethik. Aber wer braucht schon Ethik in Zeiten von Konzerndenken und dem lukrativen Gewinn aus dem Schaden anderer? Du musst ein Schwein sein in dieser Welt, das sangen schon die Prinzen. Und recht haben sie damit. Allerdings übersehen sie, dass ein Leben auf Kosten anderer irgendwann auf holprigen Pfaden endet. Denn mit der Enteignung und Einweisung der betagten, aber geistig noch völlig fitten Jennifer Peterson (Dianne Wiest) tritt sich Marla Grayson einen Haufen Schwierigkeiten ein, mitunter den finsteren Burschen Peter Dinklage, der, was keiner weiß, Jennifer Petersens Sohnemann ist und sich ernsthaft fragt, warum Mutti sich nicht meldet.

Regisseur und Autor J. Blakeson (u. a. Die Entführung der Alice Creed, Die 5. Welle) hat mit seiner schwarzen Thrillersatire I Care a Lot verdammt vieles richtig gemacht und Netflix zu einem sehenswerten Stück Zeit- und Gesellschaftskritik verholfen, das sich überdies streckenweise zu einem sauspannenden Schachspiel zwischen Rosamunde Pike und dem alten Tyrion Lennister mit Rauschebart und Hipster-Scheitel aufbäumt, den man auch spätnachts ansehen kann, ohne dabei müde zu werden. I Care a Lot ist ein Film, der fesselt, und nicht nur zynisch sein will, weil medialer Zynismus den intellektuellen Kritiker hofiert. In diesem Zynismus liegt eine komödiantisch verzerrte Wahrheit, was die Gier einiger weniger betrifft, die sich zur fröhlichen Oligarchie zusammenschließen, um das Fußvolk, das gar nicht weiß, wie ihm geschieht, auszunehmen. Man möchte diese eiskalte, berechnende und scharfsinnige Figur der Marla Grayson, die das Kaliber einer mörderischen Sharon Stone in ihren besten Zeiten erreicht, ohne dabei mit plumpen Kapitalverbrechen anzugeben, am liebsten hassen. Doch das kann man nicht, weil Rosamunde Pike einfach zu begnadet agiert, um sich von ihr abzuwenden. Pike, längst eine meiner großen Favoriten im Filmbiz, ist eine strahlende, makellose Erscheinung und gleichsam so perfide wie eine Renaissance-Regentin, die ihre Widersacher beseitigt, nämlich so, dass es keiner merkt. Pike gibt sich die Frauenpower auf der Schattenseite, da geht selbst einem ebenso versierten Peter Dinklage irgendwann die Eloquenz aus. Und man selbst bleibt sprachlos bei so viel Kälte und Gleichgültigkeit dem Humanismus gegenüber, und man könnte sich auch denken, manch ein Mensch ist ein tigerartiger Einzelgänger, der soziales Miteinander als schier überbewertet empfindet.

J Blakeson folgt seinem erdachten Konzept des amoralischen Duells mit einigen Kompromissen, um zum notwendigen Ziel zu gelangen. Das merkt man leider, da sind in Sachen Plausibilität manchmal schwächelnde Wendungen drin, die aber das Gesamtbild nur geringfügig durcheinanderbringen. Doch vielleicht ist dieses Schwächeln auch Teil des Plans, um den Konkurrenten zu umschleichen, ohne ihn ernsthaft um die Ecke bringen zu wollen? Löwen und Lämmer werden hier des Öfteren als Gleichnis bemüht – zu welcher Fraktion Rosamunde Pike gehört, wird wenig überraschend schnell klar. Wenig klar bleibt, wohin sich dieses toughe Lust- und Frustspiel wohl hinentwickeln wird, was den Film angenehm unberechenbar macht. Und der so sagenhaft gut unterhält wie den Erbschleicher das notarielle Verlesen eines üppigen Testaments. Zu Lebzeiten, versteht sich.

I Care a Lot

Jugend ohne Gott

IM MAHLSTROM DES WETTBEWERBS

7/10

 

jugendohnegott© 2017 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2017

REGIE: ALAIN GSPONER

MIT JANNIS NIEWÖHNER, FAHRI YARDIM, EMILIA SCHÜLE, ANNA-MARIA MÜHE, RAINER BOCK U. A.

 

Ödön von Horváth zählt für mich schon seit der Mittelschule zu den wohl beeindruckendsten Autoren der Zwischenkriegszeit. Zu jenen Autoren, die so wie Joseph Roth oder Jean-Paul Sartre wirklich sehr viel zu sagen hatten. Unglücklicherweise traf den zivilisationskritischen Schriftsteller kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Österreich an der Champs Elysees in Paris ein umstürzender Baum. Mittlerweile bin ich zwar schon älter, als Horváth je war – sein zeitloses Œuvre überdauert allerdings jede menschliche Lebensspanne und findet auch in der Filmwelt des 21ten Jahrhunderts unterstützende Verwendung. Vor allem sein dritter Roman Jugend ohne Gott.

Regisseur Alain Gsponer hat die Geschichte in seinen Grundzügen genau so belassen, allerdings in eine völlig andere Zeit und in einen anderen Kontext gesetzt. In seinem gleichnamigen Film Jugend ohne Gott finden sich die Schüler einer Abschlussklasse zwar auch in einem Zeltlager wieder, müssen aber, um einen der heiß begehrten fünf Studienplätze an einer Elite-Universität zu erlangen, diverse Aufgaben und Herausforderungen in makelloser Perfektion erfüllen. Da ist natürlich jeder gegen jeden, Teamwork ist zwar erwünscht – dauerhaft aufrecht erhalten lässt sich die gute Miene zum bösen Spiel wohl aber eher nicht. Vor allem nicht, wenn emotionale Unreife schwer zur Selbstreflexion einlädt. Da muss es schon gut laufen, damit überhaupt 5 Finalisten zur Auswahl stehen können. Die Next-Top-Model-Shows haben da wohl eine bessere Quote, trotz erwähntem Gefühlschaos zwischen den Rivalinnen.

Der Kniff an Gsponer´s Filminterpretation liegt an den drei Sichtweisen, die er nacheinander vorbringt. Zuallererst steht die Schülerin Nadesh – im Roman so wie alle anderen Schüler mit nur einem Buchstaben bezeichnet, in diesem Fall N – im Mittelpunkt des Geschehens. Worauf das ganze Drama aus Sicht des andersdenkenden Schülers Zacharias – im Roman Z – um einige weitere Details erschlossen wird. Um abschließend als dritte Instanz die Ereignisse unter dem Blickwinkel des Lehrers zu ergänzen. Eine interessante dramaturgische Konstellation, die man so ähnlich auch in dem Politthriller 8 Blickwinkel erleben kann – oder zum Teil auch in den Filmen Quentin Tarantinos, der seine geschickt gesetzten Kapitel ebenfalls mit sich wiederholenden Geschichten aus anderen Wahrnehmungen heraus erzählt. Das sorgt natürlich dafür, dass sich das Spannungspotenzial vor allem im Suspense- und im Thriller-Genre manchmal in erwünschte, ungeahnte Höhen schraubt.

Der Verfilmung Jugend ohne Gott, die nun mal mehr eine Tragödie als ein Thriller ist, gelingt damit zwar nicht aufgrund unerhrter Spannung, dafür aber mit gewecktem Interesse der Absprung – und bewahrt das Drama davor, durch die schwelende Nüchternheit, die gefühlskalten, dystopisch angehauchten Zukunftsvisionen innewohnt, in für Dystopien im Allgemeinen gefährlich belangloser Apathie abzugleiten. Das Drehbuchduo Alex Buresch und Matthias Pracht machen aus der literarischen, schwermütigen Vorlage einen gewieften Social-Fiction-Thriller, der ganz gut mit seinem Personal klarkommt. Allen voran mit den gierend kalten Blicken von Anna-Maria Mühe, die als Campleiterin keine Kompromisse duldet. Jannis Niewöhner, den ich erstmals als Maximilian in Andreas Prohaskas gleichnamigem Event-Dreiteiler aus dem Fernsehen für gut befinden konnte, legt sich in den deutschen Wäldern mit den Illegalen an – im Roman gewöhnliche Diebe. Um nicht zu sagen – er kokettiert mit deren Freidenker-Philosophie und verliebt sich auch in Oberdiebin Emilia Schüle. Durch die Bank eigentlich ein jugendlicher Cast, der seine Sache gut macht. Vielleicht manchmal seine Emotionsausbrüche über Gebühr strapaziert, aber selten unglaubwürdig handelt.

Jugend ohne Gott ist stimmiges Gymnasiastenkino und dank Ödön von Horváth eine inhaltlich straffe Kritik an das Elitedenken kommender aufsteigender Generationen. An eine kompromisslose Leistungsgesellschaft, die auf Burnout, Neid und Ellbogenphilosophie konzipiert ist. Und Versager nicht duldet. Doch im Versagen wohnt Erkenntnis. Etwas, das Z wie Zacharias letzten Endes und fast schon als Glück im Unglück wiederfährt. Ein schöner Ansatz, eine reizvolle Verpackung. So kann Literatur im Kino für die Generation X aussehen, die vielleicht gar nicht mehr weiß, wer Horváth wirklich war, welche Zeit ihn geprägt und was ihn bewogen hat, in seinen Werken so dermaßen schwarz zu sehen. Vielleicht tauchen irgendwann im Kino die Geschichten aus dem Wienerwald auf, im Gewand eines neuen gesellschaftlichen Morgens, als Allegorie auf eine Welt voller Eigen- und Ausnützern. Mit Augen, so kalt wie ein Fisch.

Jugend ohne Gott

Was hat uns bloss so ruiniert?

JAMMERN AUF HOHEM NIVEAU

4/10

 

ruiniert

REGIE: MARIE KREUTZER
MIT PIA HIERZEGGER, MANUEL RUBEY, ANDREAS KIENDL

 

Marie Kreutzer hat recht. Die österreichische Filmemacherin, die stets präzise und durchdacht psychosoziale Verhaltensweisen junger, urbaner Mittelstandsgesellschaften seziert, widmet sich in ihrem neuesten Film den Egoproblemen werdender Bobo-Familien – und hat auf einmal nichts zu erzählen. Jedenfalls nichts Neues. Allerdings – das, was sie zu erzählen hat, stimmt. So ist sie, die Generation Ich, die jungen Mittdreissiger, die zwischen Torschlusspanik und versemmeltem Leben noch einmal die Kurve kratzen und sich selbst verwirklicht sehen wollen. Sich selbst, niemand anders. Weder den Nachwuchs noch den Partner. Der Nachwuchs, der wird zum Versuchskaninchen der eigenen Verwirklichung. Das sieht auf den ersten Blick aus, als wäre das Wohl des Kindes oberstes Gebot, auf den zweiten Blick ist es eine ignorante Bessere-Welt-Illusion, die Mutter und Vater zu neuen Helden des Alltags werden lässt. Und dabei geht es nicht darum, was das Beste für das Kind ist, sondern was sich dem Trend gemäß einfach richtig anfühlt – für die lieben Eltern. Da kommt schon einige Wut hoch, bei Betrachten des Filmes. Weil man diese Leute genau so kennt. Und nichts daran ändern kann. Und damit war es das auch schon, mit Was hat uns bloß so ruiniert. Leere Hüllen, um sich drehende menschelnde Satelliten, intellektuell und fähig zwar, aber hoffnungslos überfordert mit dem, was das neue Jahrtausend an Möglichkeiten mit sich bringt. Man kann sich leisten, Single zu sein. Man kann sich leisten, alles über Bord zu werfen. Und man kann sich leisten, dem Kind keine Windeln anzuziehen. Allüren, die der übersättigte Wohlstand erlaubt. Und die uns am Ende ruinieren.

Aber wie kann die Realsatire über altkluge Möchtegern-Individualisten einen ganzen Spielfilm lang unterhalten? Vor allem, wenn die Charaktere, die sich unentwegt in der Schwebe befinden, zu nichts und niemanden, nicht einmal zu sich selbst, stehen wollen? Kreutzer, die sich, so scheint mir, an Sofia Coppolas Thematik des ziellosen Umherschweifens junger Leute orientiert, zeigt eine überreizte Tristesse, die alles hat und die sich ihren Kick im Ausbruch aus dem Alltäglichen sucht. Auf diese Art und Weise fruchten Spleens, Trends und Ticks wie Schimmel im Marmeladenglas. Menschen, die im Umgang mit dem jeweils anderen und in ihrem Nachwuchs scheitern, mögen zwar aggressieren und nerven, doch eine brauchbare Handlung ergibt sich daraus nicht. Pia Hierzegger, Manuel Rubey, Andreas Kiendl und Co mäandern träge durch einen unaufgeregten Alltag. Langeweile macht sich breit, schon nach wenigen Minuten. Wat hat uns bloß so ruiniert ist Mumblecore-Kino der Wiener Art, zwischen Miranda July und Noah Baumbach, nur fahler und uninteressanter. Hat Marie Kreutzer noch in Die Vaterlosen bühnenreifes Familientheater mit dramatischem Hintergrund entworfen, begnügt sie sich nun mit einer Skizze wohl eigener Beobachtungen und Erfahrungen, denen aber keine beobachtenswerte Geschichte innewohnt.

Dennoch – ihr nächster Film kommt bestimmt. Und da kann man schon gespannt sein. Denn warum nicht – einer der aufmerksamsten und engagiertesten Regisseurinnen Österreichs kann auch mal die Puste ausgehen.

Was hat uns bloss so ruiniert?