The Menu

DIE DREIZEHNTE FEE

8/10


themenu© 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: MARK MYLOD

BUCH: SETH REISS, WILL TRACY

CAST: RALPH FIENNES, ANYA TAYLOR-JOY, NICHOLAS HOULT, HONG CHAU, JOHN LEGUIZAMO, JANET MCTEER, PAUL ADELSTEIN, AIMEE CARRERO, JUDITH LIGHT, REED BIRNEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


So oft sind Filme vorhersehbar geworden. Selten werden die Erwartungen des Publikums unterwandert, denn das wäre schließlich ein Risiko, welches Zuschauerzahlen kosten und das Box Office einbrechen lassen könnte, würde man routinierte Kinogänger vor den Kopf stoßen. Ein Versuch ist so etwas immer wert, doch bei großen Franchisen bekommen die Verantwortlichen kalte Füße – vor allem, wenn’s um Kino-Releases geht. Bei Independentfilmen ist das anders. Hier wagt man sich freudig aus Glatteis, auf die Gefahr hin, selbst zu straucheln, aber der Ritt über die Ebene war’s wert: The Menu ist so ein Film. Ein Schlittern übers Eis, und während man schlittert, weht der erfrischende Wind des Unerwartbaren ins Gesicht, denn man weiß nie, wann man stürzt oder ob man stürzt oder ob man es bis zur nächsten rutschfesten Gummimatte schafft. Dieser Freude am Probieren stellt sich Regisseur Mark Mylod mit reichlich Hunger für ein mehrgängiges kulinarisches Programm und auch jeder Menge Trinkgeld in der Tasche für die servierende Entourage, die in einem Nobelrestaurant auf einer abgelegenen Insel den Gästen nicht nur die Karte vorliest, sondern auch die Leviten.

Auf dieser Insel herrscht Küchenchef Julian Slowik über eine fanatisch aufkochende Gruppe auserlesener Köchinnen und Köche und kredenzt der gut betuchten Elite ausgefallene Kreationen der Gourmetkunst, verbunden mit theatralischen Elementen und Erzählungen aus den eigenen Biografien. Die Elite selbst ist wild zusammengewürfelt aus Bankern, Lokalkritikerinnen, Möchtegern-Gourmets, affektierten Filmstars oder einfach nur stinkreichen Bonzen, die gar nicht wissen, wofür sie hier ihr Geld ausgeben. Sie alle kommen eines Abends zusammen, und fast sieht es so aus, als eröffnete sich uns ein routinierter Whodunit im Stile eines Agatha Christie-Krimis. Doch wie schon eingangs erwähnt: Nichts ergibt sich so, wie es den Anschein hat. Dieses Spiel mit den Erwartungen torpediert auch die junge Margot (Anja Taylor-Joy), die eigentlich gar nicht hier sein dürfte, denn sie ist der Ersatz für die Begleitung von Nicholas Hoult, der versessen darauf ist, sein Wissen über Kochkunst unter Beweis zu stellen. Margot steht also nicht auf der Gästeliste, ganz so wie die dreizehnte Fee, die dem Gastgeber in die Suppe spuckt. Mit dieser unbekannten Variablen kommt auch der Küchenchef durcheinander, hat der doch den Abend und das mehrgängige Menü penibel geplant, bis auf den letzten Tropfen Emulsion auf dem Experimentierteller. Und was als schickes Erlebnisdinner beginnt, wird schon bald zu etwas ganz Anderem, Verstörendem, zu einem wüsten Happening, das vor nichts zurückschreckt. Außer vielleicht vor Anja Taylor-Joy, die, einmal mehr faszinierend, den ganzen Ist-Zustand hinterfragt.

Nichts wird so heiß gekocht, wie es serviert wird. Hier könnte man den Umkehrschluss ziehen: Nichts wird so heiß serviert, wie es gekocht wird. Denn Ralph Fiennes macht den Abend zur Sternstunde des Unvorhersehbaren, des Herumrätselns, wie es weitergehen könnte, des staunenden Zusehens, was nun als nächstes serviert werden könnte und ob sich die kuriose Wahl an Zutaten noch wilder zusammenmixen lässt. Was anfangs tatsächlich wie eine Satire auf die noblen Künste der Haute Cuisine verstanden werden will, könnte Minuten später ganz anderes Gedeck auf den Tisch drapieren: Vielleicht auch die gallige Kritik an der Heuchelei eines vorgeblich interessierten Establishments, das den Kern der Sache aber längst nicht mehr wertschätzen kann, genauso wenig wie jene, die das Establishment bedienen. Geben und Nehmen wird im selben Topf zu Tode gekocht. Zwischen denen, die eine oberflächliche Gesellschaft füttern, und denen, die den Fraß schlucken, weil sie meinen, die Dinge verstehen zu müssen, gibt es kaum mehr Differenz. Die Autoren Seth Reiss und Will Tracy kreieren einen Lokalbesuch, in welchem der Tischtuch-Trick auch nicht mehr funktioniert, da Tabula rasa gemacht werden muss: Mit der hohlen Existenz der Mächtigen und den verkauften Seelen derer, die diese Mächtigen erst zu dem gemacht haben, was sie sind. Meister und Diener wechseln am Drehtisch die Seiten, mal verleitet der Aberwitz skurriler Szenen zum Lachen, mal bleibt dieses einer Fischgräte gleich im Halse stecken. Mal wird man eingelullt vom jovialen Tonfall eines manisch guten Ralph Fiennes, mal schrickt man aus der Convenience-Blase, wenn dieser zum nächsten Gang klatscht. Zwischen Fiennes und Taylor Joy entspinnt sich ein Duell der erlesensten Sorte. Dieses Duell hält die ganzen 108 Minuten an, ohne durchzuhängen. Um dieses Duell herum bleibt die Spannung straff, und mit dieser Spannung schlägt das Duell als kurios-perfider Mix aus Thriller und Groteske, die längst schon unbequeme gesellschaftskritische Spitzen erreicht wie aus einem Film von Ruben Östlund, in konstanter Intensität in seinen Bann.

Mag sein, dass The Menu manchmal selbst nicht mehr ganz weiß, was es eigentlich ausdrücken will und wohin seine Kritik anbranden soll, doch der Film bleibt ein Faszinosum, mit Leichtigkeit und Spielfreude inszeniert und so unvorhersehbar gut wie ein Dinner in the Dark.

The Menu

Das perfekte Geheimnis

BOHEMIENS IN DER HANDYFALLE

7,5/10

 

perfektegeheimnis© 2019 Constantin Film 

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: BORA DAGTEKIN

CAST: ELYAS M’BAREK, KAROLINE HERFURTH, WOTAN WILKE MÖHRING, FREDERICK LAU, JELLA HAASE, JESSICA SCHWARZ, FLORIAN DAVID FITZ U. A. 

 

2016 kam ein Film aus Italien mit dem Titel Perfect Strangers ins Kino, der sehr süffisant mit den Irrungen und Wirrungen des Mobiltelefonzeitalters fabuliert. Neben anderen Remakes zu besagtem Original gabs dann auch in Deutschland letzten Herbst Das perfekte Geheimnis zu ergründen. Das Ergebnis: Ein Knüller an der Kassa – über 4 Millionen Besucher allein in der Filmheimat.

Unter Bora Dagtekins Regie wäre ein Kalauer-Zwischengang in Richtung Türkisch für Anfänger oder Fack ju Göthe zu befürchten gewesen. Eh ganz witzig, für die, die es mögen. Ist aber nicht meins. Dieser Abend allerdings, unter ehemaligen Kumpel-Jungs samt Anhang, die sich im Laufe ihres Coming of Age auseinandergelebt haben und plötzlich zu einem gemeinsamen Dinner aufschlagen, gestaltet sich anders als erwartet. Was also haben 4 Paare – oder sagen wir dreieinhalb Paare, weil Florian David Fitz kommt solo – wohl gemeinsam, ausser vielleicht die Freundschaft auf Facebook oder WhatsApp? Na eben genau das: und aus diesem technischen Spielzeug wird ein Spiel. Die Regeln sind ganz einfach: Alles, was an Nachrichten oder Anrufen eintrudelt, wird vor versammelter Menge veröffentlicht. Gut, würde ich mitspielen, wäre ich wohl die Spaßbremse. Und womöglich nicht nur ich. Doch für ein Filmkonzept wie dieses werden die Spitzen gebündelt – und es folgen saftige Enttarnungen und Enttäuschungen auf dem Fuß.

Mit Yasmina Rezas Gott des Gemetzels hatte Polanski 2010 Grundsatzkonflikte zwischen wildfremden Erwachsenen zelebriert. In Das perfekte Geheimnis sind es satte Lügen unter Bekannten, die aus einem erzwungen netten, oberflächlichen Abend eine Katastrophe machen. Tatsächlich gelingt der deutsche Kassenhit entschieden besser als Polanskis Film, obwohl oder gerade weil er versöhnlicher ist, vielleicht am Ende viel wohlwollender und den Zuschauer dabei nicht so ins Nichts entlässt. Für das Nichts ist sich das illustre Ensemble zu schade, will den Worst Case so gut es geht vereiteln und alles wieder auf Spur bringen. Das wäre natürlich nicht notwendig gewesen. Denn die besten Momente, die hat der Film dann, wenn klar wird, das gar nichts mehr zu retten ist, weder das Schokohuhn noch der gekippte Wein noch das Konstrukt eines Schwindels über sexuelle Orientierung, die erst recht den bigotten und vor allem selbstgerechten Verständnisbürger entlarven will. Das perfekte Geheimnis ist nur im ersten Augenschein eine Komödie, und hat rein gar nichts mit Schenkelkloper-Humor zu tun. Wie bei Reza schmettern auch hier die Dialoge durch den Ess- und Wohnbereich, viele Details gehen ob der Intensität des Verbalen manchmal verloren, doch das, worauf es ankommt, hat sein wortloses Vakuum, um zur Geltung zu kommen. Und dabei hat ein jeder und eine jede, von Jessica Schwarz bis zu Elyas M’Barek, seinen eigenen egozentrischen Quadratmeter, um angesichts dieser Gruppendynamik nicht seine Position zu verlieren. Das ist vollends geglückt in diesem Film: das Ensemble agiert umsichtig, niemand stiehlt dem anderen die Show. Keiner will der Leader sein, alle sind es gleichviel und gleich wenig – regietechnisch eine Herausforderung, die Dagtokin tatsächlich meistert. Und wie das mit der Smartphonitis, dem Genderwahn, Me Too und all den sonstigen gesellschaftlichen Headlines momentan so ist, bekommt das alles sein Fett weg, entdeckt dieses entlarvende Therapie-Dinner diese Zweierlei-Maß-Messung bei jeder und bei jedem.

Farewell Privatsphäre. Alles, was andere nichts angeht, wird zur Angelegenheit für andere, ein kleiner Zerrspiegel dieses wundervoll vernetzten Zeitalters, entschärft durch üblich Schlüpfriges und Frivoles, um mit Rotwangen-Pepp die Kritik an der urbanen Availability zu verniedlichen. Intrigen sucht man vergebens, böse meint es hier keiner. So gallig wie bei Albee oder Turrini verliert die Gesellschaft hier nicht ihre Hosen, dafür muss Das perfekte Geheimnis aber im Crowdpleasing ganz vorne sein. Was dem Film aber letzten Endes nicht zu sehr zur Last gelegt werden sollte. Im Gegensatz zum viel zu lose verweilenden Geplänkel Der Vorname oder Marie Kreutzers schwächelndem Was hat uns bloß so ruiniert, wo ebenfalls intellektuelle Alternativlinge am Ego- und Elterntrip die Spur verlieren, hat die weinselige Dramödie zwischen Handydrehen und stark alkoholisiertem Promi-Dinner mit Abstand die Nase vorn.

Das perfekte Geheimnis