No Good Men (2026)

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

7,5/10


Anwar Hashimi und Shahrbanoo Sadat im Film No Good Men
© 2026 Polyfilm / Virginie Surdej


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK, NORWEGEN 2026

REGIE: SHAHRBANOO SADAT

DREHBUCH: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI

KAMERA: VIRGINIE SURDEJ

CAST: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI, LIAM HUSSAINI, YASIN NEGAH, TORKAN OMARI, FATIMA HASSANI, AHMAD AZIZI, MASIHULLAH TAJZAI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Wird man als Außenstehender Gewalt gegen Frauen gewahr, sagt es schon der uns allen hoffentlich zugrundeliegende Menschenverstand, dass wir einschreiten sollen. Hat man denn die glückliche Gelegenheit, dem toxisch-männlichen Gewalttäter im Vorteil zu sein, ist dieses Einschreiten noch selbstverständlicher als sonst.

Eine Kosten-Nutzen-Rechnung gegenüber Unrecht

Die Welt aber sieht weg, seit im April 2021 die US-amerikanischen Soldaten aus Afghanistan abgezogen sind und die unsäglichen Taliban wieder die Macht ergriffen haben. Wohlwissend, dass es für Frauen und gebildete Menschen die Fahrkarte in die Hölle bedeuten würde, haben jene, die die Gelegenheit hätten, dem toxisch-männlichen Gewalttäter gegenüber im Vorteil zu sein, dem Unglück den Rücken gekehrt.

Geht uns alle nichts an. Im Gegenteil, gewisse Innenminister suchen den diplomatischen Kontakt zu radikalen Verbrechern. Kann man machen, wurde in der NS-Zeit ja auch getan. Gut ist das nicht. Zivilcourage wird gefordert, doch nur im Privaten. Global gesehen überlässt man das Land am Hindukusch seinem Schicksal. Stattdessen greift man lieber andere Länder an, die zumindest Öl haben. Einen gewissen Eigennutz sollte man dabei schon einfordern dürfen, oder?

Valentinstag in Kabul

Hat diese nicht minder subjektive Stellungnahme zur Lage einer verlorenen Nation irgendetwas mit diesem Film zu tun? Zumindest sind es assoziative Gedanken, die bei No Good Men der Reihe nach hochkommen.

Nicht in Afghanistan (wie denn auch?), sondern vorwiegend in Deutschland gedreht, zeigt der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale die afghanische Hauptstadt Kabul zumindest vor dem Abzug der US-Truppen und demnach auch vor der Invasion der Taliban als das sehr wohl patriarchale, aber duldsame Konstrukt einer urbanen Gesellschaft – ähnlich den Zuständen in Kairo, vielleicht weniger radikal als in Teheran. Frauen sind aber, wie sonst auch überall in muslimischen Ländern, diejenigen, die die Care-Arbeit leisten, während Männer das Geld heimbringen zu ihrem Eigentum, ihrer Frau und Familie. Der Mann hat das Sagen, und widerspricht man ihm, setzt es Strafen. Von Liebe ist da längst keine Rede mehr. Oder wie sieht das aus, in so einem Land an einem Valentinstag? War jemals irgendwann die Rede von Liebe?

Des Mannes Eigentum

Ernüchternde Erkenntnisse bringt Kamerafrau Naru, die fürs Kabuler Fernsehen arbeitet, von einer aufgebürdeten Straßenbefragung zurück ins Studio. Ich liebe dich ist in dieser Gesellschaft ein Fremdwort, Liebe gleichzusetzen mit Unterwerfung, Ehe ein Arrangement, das Frauen eingehen müssen, um nicht auf der Straße zu stehen. Mit resignativen Minen finden sie zu diesen Statements den bitteren Humor, der die Qual der Wahl, ein anderes Leben zu führen, durch eine andere, ausweglose ersetzt.

Hätte der renommierte Journalist Qodrat sie nicht als Lektion für ihr aufmüpfiges Verhalten auf die Straße gesetzt, wäre es zu diesem Lokalaugenschein gar nicht erst gekommen. Und dieser hätte wohl auch nicht darüber nachgedacht, vielleicht doch falsch gehandelt zu haben. Denn schließlich ist Qodrat ja ein Gentleman, einer von den Guten – obwohl man meinen könnte: Gute Männer gibt es in Afghanistan keine mehr.

Der etwas andere Humphrey Bogart

No Good Men ist nicht gegen die lieben Männer gerichtet. Sondern, so Hauptdarsteller Anwar Hashimi, der den Film auch live im Metrokino in Wien vorgestellt hat, viel eher eine Ode an selbige. Zumindest an die einzelnen, letzten Gentlemen. In diesem Fall eben Qodrat, der Naru auf Augenhöhe begegnet, selbst mit der reservierten Lässigkeit eines Humphrey Bogart die Welt sieht und fast schon als „Frauenheld“ oder „Macho“ betrachtet werden könnte. Doch diese Attitüde führt in die Irre. Zwischen Qodrat und Naru entsteht eine Bindung, eine leise, zärtliche, versteckte Romanze, die lediglich aus dem Respekt und der Achtsamkeit füreinander entsteht. Kaum zu glauben, dass das Ende bald kommen und niemand mehr hinsehen wird. Doch die beiden erleben etwas, was in diesen Breiten fast schon als unmöglich gilt. Sie erleben vielleicht etwas, das sich Liebe nennt.

Ein Blickwinkel ist niemals genug

Shahrbanoo Sadat ist ein verdammt kluger Kopf. Eine Künstlerin, die alles andere sein will, nur nicht militant oder festgefahren in einer einseitigen Agenda. Nicht nur, dass sie selbst Regie geführt hat – sie hat sich noch dazu selbst inszeniert, und das Ganze in Zusammenarbeit mit Anwar Hashimi zu Papier gebracht. Ein Mann und eine Frau arbeiten gleichberechtigt an einer Geschichte und schaffen eine Tragikomödie mit Esprit, Wortgewandtheit und Augenzwinkern. Und mit dem nötigen Quantum an Schmerz, Wehmut und Trauer. Niemals ist No Good Men ein Lamento, sondern setzt Taten, begehrt auf und konfrontiert. Kein Film, der in seiner eigenen Verzweiflung versinkt, denn Grund genug dafür gäbe es. Vielmehr ein kokettierender Tanz auf dem Vulkan oder fast schon eine Art Endzeitkomödie, über die man nur so viel schmunzeln kann, wie es die Figuren des Films auch selbst zulassen. Und nicht nur einmal blickt dabei die Frau auf den Mann herab.

Ein ganz großer Kinomoment

Wenn sich am Ende der Anfang vom Ende anbahnt, weicht die Leichtigkeit einer charmanten Gesellschaftskritik emotionalem, großem Kino und einem bekennenden Moment der Nähe, wie man ihn als Vorbild in Casablanca gesehen hat. Hier werden unter den Füßen all jener, die ihr Heil in der Flucht vor dem Gottesstaat suchen, Rollenbilder zertrampelt und aus dem Weg gestoßen. Hier ist der Good Man nicht der selbstgefällige Selbstlose, sondern der Wertschätzende und Liebende. Eine kleine Welt, die aus ihren Fehlern gelernt hat, inmitten eines Desasters, dessen krankes Frauenbild unbelehrbar bleibt.

No Good Men (2026)

Sparta (2022)

LASSET DIE KINDER ZU MIR KOMMEN

7,5/10


sparta© 2022 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2022

REGIE: ULRICH SEIDL

BUCH: ULRICH SEIDL, VERONIKA FRANZ

CAST: GEORG FRIEDRICH, FLORENTINA ELENA POP, HANS-MICHAEL REHBERG, MARIUS IGNAT, OCTAVIAN-NICOLAE COCIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Es wundert mich nicht, dass Ulrich Seidl mit dem Thema seines neuen Films und dessen Umsetzung in Rumänien auf Entrüstung stieß. Es ist schon gewaltig schwierig, sich mit Pädophilie in einem Film auseinanderzusetzen – wie schwierig kann es dann sein, all den Erziehungsberechtigten der für den Film gecasteten Kinder die höchst heiklen Umstände entsprechend zu verklickern. Es kann aber auch sein, dass Seidl wirklich etwas zu viel wollte. Zu viel Reality, zu viel Konfrontation. Zu viele echte Emotionen. Ich frage mich, wie Adrian Goiginger den jungen Jeremy Miliker dazu gebracht hat, so dermaßen die Klaviatur verzweifelter Gefühle zu bedienen, die sich in seinem Familiendrama Die beste aller Welten nicht nur mit Tränen, aber auch, Bahn brachen. Der Unterschied liegt darin, dass Miliker eben kein Laiendarsteller war, der einfach so von der Straße weg engagiert wurde. Bei Seidl dürfte das anders gewesen sein. Doch so genau weiß man das nicht. Der Spiegel veröffentlichte das eine, Profil das andere, der Falter behauptete wiederum das Gegenteil.

Es stimmt schon – es gibt die eine oder andere Szene, die eventuell – ohne den nötigen Kontext – durchaus verstörend wirken könnte auf Kinder, die einfach nur gerne vor der Kamera stehen wollen. Schlimmer als so manche Szenen in vielen anderen Filmen, in denen Kinder (mitunter im Horror-Genre) ihre Rollen spielen, sind sie aber nicht, wobei es immer darauf ankommt, wie gut Minderjährige gecoacht werden. Meine Einschätzung: Kann sein, dass so mancher Vormund wirklich nicht so genau gewusst hat (oder wissen wollte), was da abgeht. Letztendlich zeigt Sparta nichts, was kompromittierend sein könnte. Es sei denn, man will sich mit Pädophilie, dieser destruktiven sexuellen Störung, einfach nicht auseinandersetzen. Im Grunde wollte ich das auch nicht. Allein schon, weil in Bezug auf die Entstehung dieses Films Aussage gegen Aussage steht. Da ich aber kein Interesse daran hatte, jemanden vorzuverurteilen, dachte ich mir, mache ich mir selbst ein Bild. 

Seidls Film ist der zweite Teil eines Diptychons, das unter dem Titel Böse Spiele an manchen Festivals im Doppelpack gezeigt wurde, gemeinsam mit der Tragikomödie Rimini, welche von der Zeit nach dem Ruhm eines Schlagersängers namens Richie Bravo erzählt, dargestellt von Michael Thomas, der einen Bruder hat – nämlich Ewald. Dieser Ewald, gespielt von Georg Friedrich, ist der Protagonist von Sparta. Beide haben den in einem geriatrischen Pflegeheim dahindämmernden Vater gemeinsam (Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Rolle, dessen Aufnahmen bereits 2017, kurz vor seinem Ableben, entstanden sind). Dieser Alte, ein ewiger Nazi, tritt in haargenau dieselben Szenen in beiden Filmen auf – sie sind das Bindeglied und die entsprechenden Intermezzi, die beide Werke in zeitlich auseinanderliegende Kapitel unterteilen.

Die Bedeutung des gebrechlichen Altnazis mit Rollator mag sich mit Ausnahme dessen, eben der Vater der beiden zu sein, nicht so richtig erschließen und wirkt mitunter etwas willkürlich eingesetzt. Abgesehen davon aber gelingt Seidl etwas, was ich ihm gar nicht zugetraut hätte: die behutsame, fast schon zärtliche Betrachtung eines Dilemmas. Sein langsam erzähltes, konzentriertes Psychogramm in wie immer akkurat arrangierten Bildern überzeugt durch eine gesellschaftskritische Meta-Ebene, die den psychischen Schaden eines Mannes einem anscheinend „gesunden“ patriarchalischen Menschen- und Erziehungsverstand gegenüberstellt. Letzterer ist praktisch nicht vorhanden. Was bleibt, ist die ambivalente Grauzone eines Kompromisses – oder die Chance, mit einer verhassten Veranlagung leben zu lernen und das Bestmögliche daraus zu lukrieren, zum Vorteil für die Kleinen.

Georg Friedrich ist für diese Rolle phänomenal gut geeignet. Sein Markenzeichen ist schließlich jenes des breiten Wiener Slangs, das so klingt, als wäre der alte Hase des österreichischen Films immer noch lieber ein Laiendarsteller, der tatsächlich erlebt, was er spielt und nicht spielt, was er erlebt. Anfangs mag das unfreiwillig komisch wirken, doch Friedrich ist eben Friedrich – und liefert im Laufe des Films eine fast nur in brüchigem Rumänisch gehaltene Performance ab, die durch Seidls fokussierte Regie vorurteilsfrei und glaubhaft bleibt. Sein innerer Kampf ist großes Schauspielkino, die Interaktion mit den Kindern voller Zuneigung, stets respektvoll und nie einen Schritt zu weit. Sparta ist ein Balanceakt, und er hält sich bis zuletzt in beeindruckendem Gleichgewicht, ohne Friedrich zum Täter und die Kinder zu Opfern werden zu lassen. Wenngleich sie von vornherein schon welche sind – nämlich die ihres eigenen sozialen Umfelds.

Sparta (2022)

Don’t Worry Darling

DESPERATE HOUSEWIVES 2.0

5/10


dontworrydarling© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: OLIVIA WILDE

BUCH: CAREY & SHANE VAN DYKE, KATIE SILBERMAN

CAST: FLORENCE PUGH, HARRY STYLES, OLIVIA WILDE, CHRIS PINE, GEMMA CHAN, KIKI LAYNE, NICK KROLL, DOUGLAS SMITH, DITA VON TEESE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Die Black List ist eine jährliche Zusammenfassung aller Drehbücher, die zu gut sind, um sie in der Rundablage verkommen zu lassen – um die sich aber bis zu gegebenem Zeitpunkt auch noch keiner geschert hat. Potenzial, das also darauf wartet, auf die große Leinwand zu kommen. Geniale Konzepte, komplex und schlüssig, die Kehrseite des Giftschranks. Eines dieser jahrelang in der Warteschleife befindlichen Skripten hieß Don‘ t Worry Darling. Wie sich herausstellt: Das Warten hatte zwar ein Ende, doch die große Erlösung kam um einiges zu spät. Nämlich zu einem Zeitpunkt, an dem ganz andere Drehbücher von ganz anderen Leuten Ähnliches zu erzählen wussten und Don’t Worry Darling in seiner kolportierten Exklusivität im Vergleich dazu etwas alt aussieht. Was der Thriller, inszeniert von Olivia Wilde (Booksmart), aus dem Sack lassen will, ist zwar formvollendete Mystery mit Anleihen, die in der Feminismus-Debatte zu finden sind, in seinen Innovationen aber hinterher hinkt. Ist Don’t Worry Darling also ein verzichtbares Stück Hochglanzkino?

Nun, so richtig schlecht gerät das Vexierspiel nicht, allein schon aufgrund des überzeugend agierenden Ensembles um Florence Pugh, die allesamt auf einen hinausgezögerten Story-Twist hinarbeiten, der den Kinosaal letzten Endes wohl kaum mit staunendem Geraune füllen wird. Hier fällt einem maximal die Kinnlade herunter aufgrund des Schlendrians, unter welchem das geheim gehaltene Konstrukt dahinter aller Welt präsentiert wird.

Dabei habe ich mir schon im Vorfeld, beim Lesen anderer Rezensionen und der Synopsis des Films so meine Gedanken gemacht, wie das Ganze wohl würde enden können. Die Frauen von Stepford, Die Truman Show oder Get Out wurden hier bereits vergleichend zu Rate gezogen. Daraus lässt sich schon ein Bild machen. Vor allem für letzteren – oder besser gesagt – dem kreativen Universum des Jordan Peele zeigt Don’t Worry Darling eine unverblümt nacheifernde Affinität. Denn so seltsam, wie Peele seine Filme arrangiert, lässt auch Olivia Wilde die rätselhaften Ereignisse beginnen. Mitten in der Wüste, irgendwo in den USA (nehme ich an), inmitten einer 50er-Jahre Zeitblase in Ausgestaltung einer Kleinstadt, die an Desperate Housewives und ihre Wisteria Lane erinnert, mit Shoppingcenter, Schwimmbad und netten Lokalen. Konzentrisch angeordnet und von Paaren bewohnt, die den männlichen Chauvinismus aus verstaubten Jahrzehnten hochhalten. In diesem Lebensentwurf gehen die Herren der Schöpfung arbeiten, während die Frau eben als Hausfrau putzt, kocht und wenn noch Freizeit bleibt, mit den anderen Hausfrauen abhängt, um über Gehaltloses zu plaudern. Small Talk auf ewig, unter glühender Sonne. Wer will das nur? Aber bitte, für jede Philosophie gibt es Mikrostaaten, warum nicht auch für diese, die von einem mysteriösen Lackaffen namens Frank (herrlich undurchschaubar: Chris Pine) als Beinahe-Sektenführer mit überzeugenden, aber leeren Phrasen am Laufen gehalten wird. Bis Florence Pugh als bisher drolliges Herzblatt die Grenzen überschreiten wird, langsam merkt, dass hier nichts so ist, wie es scheint und offen das System attackiert. Ex-One Direction-Sänger Harry Styles, der scheinbar mehr weiß als seine bessere Hälfte, rauft sich derweil sein gestyltes Haar. Und Olivia Wilde herself nippt am Drink.

Und ja, das ganze Szenario sieht gut aus. Florence Pugh folgt man gerne – aber viel zu lange – durch den Nebel der Tatsachen, wünscht ihr viel Erfolg dabei und stellt sich trotzig an ihre Seite, wenn sie Chris Pine die Leviten liest. Das wiederum bedeutet: Olivia Wilde hat ein Gespür für Regie, ganz ungeachtet irgendwelcher Techtelmechtel hinter den Kulissen, die mich erstens nichts angehen, und zweitens auch nicht tangieren. Wo Wilde Einspruch hätte erheben können, wäre beim Drehbuch der Gebrüder Carey und Shane van Dyke gewesen (Fun Fact: beides Söhne des Schauspielers Dick van Dyke). Die Prämisse, die der Story nach dem notgedrungenen Twist zugrunde liegt, der wiederum die einfachste und bequemste Form einer Wahrheit offenbart, die man nur offenbaren kann, fällt haltlos aus allen Wolken. Durchdacht ist hier wenig, und all diese vielen Fragen, die sich auftürmen, nachdem wir alle wissen, was los ist, lassen sich dann auch nicht mehr in Kauf nehmen, nur um auf einer weiteren Metaebene über Selbstbestimmung und Frauenbilder zu diskutieren. Dafür verlässt sich Don’t Worry Darling zu sehr auf seine rätselhaften Versatzstücke, Männer in roten Overalls (siehe Jordan Peeles Wir) und Puzzleteilen, die zu einem anderen Spiel gehören.

Dennoch bleibt Don’t Worry Darling schauspielerisch spannend und dicht erzählt, die tanzenden Damen aus den 20ern (so sehr 50er ist der Film gar nicht – mit Ausnahme der farbenfrohen, fahrbaren Untersätze) stehen für den gepredigten Ordnungswahn, der sagt, wo Frau hingehören soll. Das alles entbehrt nicht einer gewissen Sogwirkung und eines Unterhaltungswerts, doch um wirklich einen Knüller zu fabrizieren, der die mittlerweile abgedroschenen Mystery-Formeln außen vorlässt, um neue zu entdecken: dafür hätte man gleich ein ganz anderes Skript schreiben können.

Don’t Worry Darling

Wild Men

EIN MANN FÜR ALLE FELLE

5/10


wildmen© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, NORWEGEN 2021

BUCH / REGIE: THOMAS DANESKOV

CAST: RASMUS BJERG, ZAKI YOUSSEF, BJØRN SUNDQUIST, SOFIE GRÅBØL, MARCO ILSØ, JONAS BERGEN RAHMANZADEH, HÅKON T. NIELSEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo, wenn nicht in Norwegen, lässt sich die Rückkehr des archaischen Männerbildes besser zelebrieren? Man nehme zum Beispiel die beeindruckend in Szene gesetzte Legende von Ragnar Lodbrok her: ein Wikinger durch und durch. In der höchst erfolgreichen Serie Vikings dürfen tätowierte Kahlköpfe mit Rauschebart die Axt und sonst was schwingen. Es fließt Blut jede Menge, Ehre und Verrat wechseln sich auf verlässliche Weise immer wieder ab. Da weiß man wieder, was das für Männer waren. Männer, die es heutzutage nicht mehr gibt. Denn heutzutage zwängen sich Männer viel lieber in ihren Slim Fit-Anzug, schlüpfen in ihre Designerschuhe und schmeißen stundenlange Meetings. Oder aber sie ackern scheinbar endlos als Workaholic vor irgendwelchen Bildschirmen und sind zwar Meister der Informatik, haben aber sonst ganz vergessen, wie es sich anfühlt, in einen Ameisenhaufen zu steigen, einen Speer zu schnitzen oder eine Flamme zu entfachen, und zwar mit Zunder und Feuerstein.

Konnte das Ragnar Lodbrok auch? Vermutlich – wir wissen es nicht, und Martin, der gerade bis über beide Ohren in einer Midlife Crisis steckt, weiß es auch nicht, will aber der Sache auf den Grund gehen. Also lässt er Frau und Kind einfach im Stich und zieht von Dänemark nach Norwegen in die Wildnis. Dorthin, wo ihn niemand findet. Er wechselt seine Kleidung gegen Felle und lässt fast alles, was ihn sonst auch nur irgendwie an die müde Alltagsblase erinnert, hinter sich (außer seines Mobiltelefons: das ist für den Notfall, versteht sich). Womit er jagt, das sind Pfeil und Bogen. Doch das Besitzen dieser Dinge heißt nicht gleich, dass Mann damit umgehen kann. Martin kann es nicht und würde sonst verhungern, würde er nicht ab und an in den nächsten Tankstellenshop einfallen und Essbares rauben wie seinerzeit die vorbildlichen Männer aus grauer Vorzeit. Wenig später findet er in den Wäldern den verletzten Musa – einen Kriminellen, dem nicht wohlgesonnene Drogenschmuggler auf den Fersen sind. Die folgen dem Duo bald über die Berge, und auch die Polizei ist bald hinter Martin her, genauso wie dessen desperate Ehefrau, die dem Gatten ordentlich die Leviten lesen will.

Mit einer psychologisch durchdachten Komödie über das Scheitern eines überzeugten Aussteigers ist Wild Men vom Dänen Thomas Daneskov nur bedingt zu vergleichen. Oder aber auch gar nicht. In den ersten Szenen, in welchen ein bewusst unfreiwillig komischer Rasmus Bjerg nicht nur mit der Krise eines ereignislosen Alltagslebens hadert, sondern auch mit dem Vorhaben, dem Ideal des harten Mannes nahe zu sein, spielt Daneskov bereits die höchsten Karten aus. Der Einbruch in den Supermarkt ist das ironische Zeugnis eines Selbstbetrugs – aus dieser Situation hätte man ein tragikomisches Survivaldrama bergauf und bergab jagen können. Doch leider will der Regisseur etwas anderes. Er will eine kauzige Krimikomödie drehen, die sich trotz der ungewöhnlichen Ausgangssituation dem normalen Genrealltag des Kinos mehr anbiedert als für diese Thematik zu empfehlen gewesen wäre. Da jagen stereotype Verbrecher hinter Martin und seinem Schützling her, von der anderen Seite kommt die Staatsgewalt mit unmotivierten Polizisten, die zu Feierabend daheim sein wollen. Alles schön und gut, und ja – ganz nett. Aber dafür, dass der Film so klingt, als wäre er eine komödiantische Mischung aus Beim Sterben ist jeder der Erste und City Slickers, angereichert mit dem eigentümlichen und gerne sarkastischen Humor Skandinaviens, fällt Wild Men viel zu gezähmt aus. Oder soll genau das der ironische Witz sein?

Wild Men

Nobody

DIE BLUTWIESE IM VORGARTEN

5/10


nobody© 2020 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ILJA NAISCHULLER

CAST: BOB ODENKIRK, CONNIE NIELSEN, ALEXEI SEREBRJAKOW, CHRISTOPHER LLOYD, RZA, MICHAEL IRONSIDE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Niemand hat mir mein Auge ausgestochen, jammert Polyphem, Poseidons Filius und bekanntester Zyklop der Weltgeschichte. Odysseus hat schon gewusst, wie er den monströsen Kannibalen in die Irre führt. Am besten, man lässt die anderen wissen, es gäbe einen gar nicht. Unterschätzt zu werden ist nämlich die klügste Taktik, um ein bedrohliches Gegenüber aus seiner Deckung zu holen. So ein Niemand ist auch Walter Whites Ex-Winkeladvokat Bob „Saul“ Odenkirk.

Dabei fällt es fast schwer, ihn nicht in seiner ambivalenten Gestalt des windigen Anwalts zu betrachten. Doch Odenkirk kann auch anders. Eben ein Nobody sein, ein Otto Normalverbraucher und duckmäuserischer Bürotrottel, der tagaus tagein stets denselben Rhythmus lebt. So einen Trott kennen wir alle – gelebte Vielfalt wäre da das Motto. Zwischendurch Dinge tun, die man gerne tut. Dieser Nobody, Hutch Mansell, gönnt sich nichts dergleichen. Entsprechend distanziert reagieren die Gattin und der desinteressierte Nachwuchs. Papa, die eintönige Schnarchnase. Die sich allerdings hätte bewähren können, als Familienheld sozusagen, wäre das Diebesduo, das da des Nächtens ins Eigenheim einsteigt, nicht ganz so glimpflich davongekommen. Schuld daran ist Hutch, der die Verbrecher inflagranti erwischt und nicht das geringste unternimmt, um den beiden die Leviten zu lesen, im Gegensatz zum Sohnemann, der von Papa nun gar nichts mehr hält. Gedrängt vom eigenen sozialen Umfeld, wächst der unscheinbare Familienvater wie aus heiterem Himmel über sich hinaus, spürt die Diebe auf, zeigt, wo der Bartel den Most herholt und legt sich noch so ganz nebenbei mit einer wildfremden Gruppe besoffener Russen an, deren pöbelhaftes Verhalten dem Nobody in seiner Rage wie gerufen kommt. Das hätte er besser nicht getan. Denn die sind Teil eines wüsten Syndikats, das alsbald den faustfreundlichen Adabei auf der Abschussliste hat.

Die Sache mit der Selbstjustiz ist in der Filmlandschaft bereits schon ein alter Hut. Charles Bronson, Michael Douglas und Bruce Willis haben rot gesehen, John Wick seinen Hund gerächt – jetzt räumt auch noch Bob Odenkirk den Stunkmachern das Wilde herunter. Nur so zum Vergleich: In Sachen Einforderung ziviler Rechte peilt der auf Netflix erschienene Streifen Fremd in der Welt eine ganz andere Richtung an. Und zeigt das weniger martialische Bild von Wutbürgern, die, frei von jedweden kämpferischen Skills, dennoch zwielichtiges Gesocks zur Rechenschaft ziehen. Chapeau – so viel Mut muss man erst mal aufbringen. Bob Odenkirk wäre fast auch so einer gewesen. Doch der hat (leider) seine Hausaufgaben gemacht, ganz so wie John Wick, und braucht nicht zu improvisieren. Beide geraten zu überstilisierten One-Man-Kampfmaschinen, die in ihrer Rabiatheit ordentlich glänzen, dafür aber kaum um sich bangen lassen, was der Action die Würze nimmt. Odenkirk selbst, der tut, was ein Mann eben gar nicht hätte tun müssen. Dieses Zugeständnis an toxische Männlichkeit kostet Sympathiepunkte. Ilya Naischuller verlässt sich trotz dieses Karmadefizits auf das unrasierte und gewollt zu unterschätzende Charisma seines Actionstars, verliert sich aber zusehends in stilistischer Beliebigkeit. Zwischen deplatziertem Ballerklamauk im Sinne von R. E. D. und kernigem Jason Statham-Overkill will man sich nicht entscheiden wollen. Die provokante Nötigung, es dennoch tun zu müssen, fühlt sich an wie die Faust aufs Aug.

Nobody

The Rider

AUFS FALSCHE PFERD GESETZT

7/10


therider© 2018 Weltkino


LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: BRADY JANDREAU, TIM JANDREAU, LILLY JANDREAU, CAT CLIFFORD, TERRI DAWN POURIER, LANE SCOTT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wie heißt es im Volksmund doch so schön: Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Fällt man recht unglücklich von selbigem, muss man, sofern noch am Leben, das Glück woanders suchen. Ungefähr so ist es dem draufgängerischen Rodeo-Reiter Brady Blackburn ergangen, der, beim Sturz vom bockenden Warmblüter, vom Huf auf den Kopf getroffen wurde. Die Folge: Schädelbruch, Metallplatte, eine erschreckende Narbe verunstaltet das Haupt. Die Zeit heilt alle Wunden, denkt sich Brady, und irgendwann wird er das Glück im Sattel wieder genießen. Oder doch nicht? Die Ärzte bescheinigen anderes. Auch sein Vater sieht das skeptisch, die geistig beeinträchtigte Schwester will nur, dass es ihrem älteren Bruder gut geht. Das wiederum wäre nur durch das Reiten von Pferden gewährleistet. Bradys Leidenschaft schlechthin, ohne die ein Leben kaum denkbar wäre. Vor allem auch dann nicht, wenn die Erwartung guter Freunde unübersehbar bleibt und jeden Morgen der Hengst am Hang mit dem Zaunpfahl winkt.

Bemerkenswert an diesem Film ist vor allem der Umstand, dass dieser durchwegs mit Laiendaratellern besetzt ist, die allesamt mehr oder weniger sich selber spielen. Das, was hier geschildert wird, ist diesem Brady Blackburn (im echten Leben Brady Jandreau) tatsächlich passiert. Auch dessen Bruder im Geiste und bester Freund Lane Scott, im Film nach einem Rodeo-Sturz ein schwerer Pflegefall, ist es auch hinter der Kamera, allerdings aufgrund eines Autounfalls. Doch nichtsdestotrotz – Rodeoreiten ist ein Spiel mit dem Schicksal, im Grunde Drachenbändigen mit Pferden – eine Sache von Männern für Männer, und je härter und wilder der Ritt und je todessehnsüchtiger der Reiter, umso mehr ist ein Mann ein Mann. Dieses Cowboy-Ideal inmitten von Dakota, im tiefen wilden Westen sozusagen, beschwört ein ausgedientes und unzeitgemäßes Rollenbild zutage.

Brady Jandreau trägt diesen eigenen inneren Abgesang mit Fassung. Seine lakonische Art, seine weit schweifenden Blicke lassen in tough und unkaputtbar erscheinen. Diese ganze Landschaft, die den jungen Mann umgibt, kann gar nichts anders als Sehnsüchte wecken oder naive Träume schüren. Chloé Zhao, die heuer womöglich für Nomadland einen Oscar kassieren wird, hat diese Geschichte aus erster Hand selbst dramatisiert und einen sehr zurückhaltenden, eben lakonischen und nachdenklichen Film geschaffen, der von der grimmigen Wut des Wollens und Müssens erzählt. Und vom schwierigen wie schmerzhaften Prozess des Aufhörens. Dabei verliert sich Brady nicht in lebensüberdrüssiger Larmoyanz. Von vornherein ist klar, dass der Kelch nicht an ihm vorübergehen wird. Der Knackpunkt ist nur der, aus freien Stücken loszulassen, und nicht auf Druck der anderen. Gerade am Ende führt Zhao den wunderbaren Moment der Einsicht als schönstes Element des Films auf die Koppel und lässt dabei so manchen engen Vertrauten, von dem man nicht dachte, er würde zu so etwas fähig sein, als weisen Empathen erscheinen.

The Rider ist ein karger, introvertierter Film – langsam zur Ruhe kommend, reflektierend und in seiner Authentizität fast schon semidokumentarisch. Doch was heißt fast: Zhaos Film ist offensichtlich eine biographische Dokumentation über das Wagnis, mit einem undenkbaren Schicksal umzugehen.

The Rider

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

MIT DER KIRCHE UMS KREUZ

7/10


petrunya© 2019 Pyramid Films


LAND: MAZEDONIEN, BELGIEN, KROATIEN, FRANKREICH, SLOWENIEN 2019

REGIE: TEONA STRUGAR MITEVSKA

CAST: ZORICA NUSHEVA, LABINA MITEVSKA, SIMEON MONI DAMEVSKI, SUAD BEGOVSKI, STEFAN VUJISIC U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Die Kirche, so viel ist klar, ist eine von Männern dominierte Institution. Sei es bei den Katholiken oder der osteuropäischen Orthodoxie. So lange in diesen Religionen Egalität kein Thema ist, so lange lässt sich insbesondere in strenggläubigen Ländern, die diese Religionen leben, enorme Defizite feststellen, was die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft angeht. In Mazedonien ist letztere nicht viel mehr wert als vor hundert oder noch mehr Jahren. Gut, manche Frauen nehmen das hin, kennen es auch nicht anders. Warum also ändern, was ohnehin irgendwie funktioniert. Frau will ja schließlich nicht unbedingt die Macht des zumindest physisch Stärkeren spüren. Da stellt sich schon die Frage: wovor hat eigentlich Mann denn so eine Angst?

Zum Beispiel hat er die beim traditionellen Eistauchen zum Dreikönigstag. Die Angst vor dem kalten Wasser des Flusses, in dem alljährlich und als Teil einer unumstößlich festen Tradition ein Holzkreuz in die Fluten geworfen wird, damit einer der jungen, muskulösen, präpotenten Männer dem Kruzifix nachschwimmen und dieses bergen kann. Ganz zufällig allerdings mischt sich unsere Titelheldin Petrunya in das Geschehen. Die junge Frau, eine studierte Historikerin, ist arbeitslos, latent depressiv, steckt zurzeit in einer Phase des Stillstands. Da entscheidet sie ganz impulsiv, das Kreuz vor allen anderen Männern aus dem Wasser zu fischen. Was prinzipiell ihr gutes Recht wäre, denn nirgendwo steht, dass Frauen das nicht dürfen. Die sehr schnell aufgebrachten Machos, die toben und wüten und wollen Petrunya zwingen, den symbolischen Herrgott ihnen zu überlassen. Die aber flüchtet in die Obhut der örtlichen Polizei, um vom Mob sprichwörtlich nicht zerfleischt zu werden. Aus der emanzipatorischen Schnapsidee ohne viel Hintergedanken keimt ein fixes Vorhaben in Petrunya: dem Patriarchat zeigen, dass Gott vielleicht auch eine Frau sein könnte.

Das Kino Mazedoniens ist keines, das mit Pauken und Trompeten von sich aufmerksam macht. Es ist eines, das sich nur gelegentlich zu Wort meldet. Aber wenn es das tut, dann hat es auch etwas zu sagen. Das war schon bei Milčo Mančevskis oscarnominierten Epos Vor dem Regen so. Aber das ist lange her, 1994. Mit Gott existiert, ihr Name ist Petrunya gibt´s von dort endlich wieder ein deutliches, relevantes und wenig duckmäuserisches Lebenszeichen. Die Geschichte funktioniert als Religionssthriller genauso wie als Gesellschaftssatire, als Psychogramm einer obsoleten Gesinnung oder als beklemmendes Justiz- und Mediendrama. Zentrum des grotesken Geschehens ist eine unbeugsame Titelfigur, völlig hemmungslos, ungeniert und grundnatürlich dargeboten von Zorica Nusheva. Ihr Trotz ist genauso spürbar wie ihre Furcht vor dem Hass, der Traditionen herunterbetet, die lange schon nicht hinterfragt wurden. Ein Kammerspiel streckenweise, ein Kräftemessen an unterschiedlichen Fronten. Kirche, Staat, Justiz und das gemeine Volk, alle werden vorgeführt, wollen vorgeführt werden, weil sie rezitieren, worüber sie nicht nachdenken. Teona Strugar Mitevkas Film zeigt ein Mazedonien als verknöchertes, vorgestriges Land, das noch so viel aufzuholen hat, und wo nur wenige den Mut haben, Veränderungen beizuführen. Letztendlich geht es Petrunya nur ums Prinzip, um ein ganz klares, grundlegendes Recht. Wie sie sich dieses Recht erkämpft, ist aufreibend, gewitzt, geht voll auf Konfrontation und strahlt nur so vor klugen Pointen, die das starre Gestern dumm dastehen lassen.

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer

Shaft (2019)

MIT DEM OPA BEIM SHOOTOUT

3/10

 

shaft2019© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: TIM STORY

CAST: SAMUEl L. JACKSON, JESSIE USHER, REGINA HALL, ALEXANDRA SHIPP, RICHARD ROUNDTREE, METHOD MAN U. A.

 

Nein, Steve Jobs war nicht der letzte auf Gottes Erden, der noch mit allen Mitteln dieser Welt versucht hat, den Rollkragenpullover salonfähig zu halten. Seit des Netflix-Releases rund um den regelbrechenden Privatdetektiv Shaft wird klar, dass die genähte Halskrause wohl niemandem sonst so mondän zu Gesicht steht wie Samuel L. Jackson. Da könnte man meinen, die Siebziger hatten modetechnisch doch was für sich, und man könnte auch meinen, dass dem Klischee der unbunten Rollkragenträger aus der Werbebranche eine unverhohlene Liebe, ja geradezu ein Fetisch zugrundeliegt, noch dazu wenn es um die anregende Kombi Ledermantel und bis zum Kinn hochkriechende Pullover geht. Der neue Shaft feiert hierfür wirklich ein sagenhaftes Revival. Keine Ahnung, wie oft Samuel L. Jackson hier seine Garderobe wechselt, irgendwann macht das auch sein Filius, und dann auch noch der immer noch raubeinige Opa, den wir aus dem Original kennen. Und dann tanzen sie im Einheitslook die Straße runter, mit wehenden, braunorangen Mänteln, als wäre das das Schönste auf der Welt. Als wäre das Outfit sowieso schon die halbe Miete, wenn es um Verbrechensbekämpfung geht.

Tatsächlich verlässt sich der neue Shaft völlig gelassen auf die Schablonen lässiger Ziviluniformen, natürlich auch auf die egomanischen „Ich-scheiß-mir-nix“-Attitüden von Amerikas wohl heißbegehrtesten Afroamerikaner nach Barack Obama, wohl weil er wahrscheinlich angenehm unkompliziert sein muss, wenn es um das Dirigieren vor der Kamera geht. Samuel ist immer der coolste Motherfucker unter Kaliforniens Sonne, alles gelingt ihm, weil er ein Pfundskerl der alten Schule ist, der erstmal glaubt, niemals um Verzeihung bitten zu müssen und tun muss, was ein Mann eben tun muss: den Bösen in den Arsch treten. Das ist eine Rolle, die hatte Samuel L. Jackson schon gefühlt hundert Mal. Jetzt gibt es das zum hundertundersten Mal aufgewärmt, mit Newcomer Jessie Usher (Independence Day: Wiederkehr) als der pazifistisch angelegte Sohnemann, der die Hilfe des kultigen Papas braucht, alle Erziehungsdefizite mal außen vorgelassen. Weil er aber auch mal ein Shaft ist, und ein Shaft keine halben Sachen macht, dirigiert ihn das in die patriarchale Schule der Altvorderen, während der Altvordere trotz anfänglichem Widerstand langsam überzuckert, dass harte Männer die Schule edler Ritter noch absolvieren müssen.

Was Tim Story aus der wüsten Figur mit dem nervösen Abzugfinger gemacht hat, ist mehr Buddykomödie als Blaxploitation, ist mehr zimperliches Herumgeeier als handfester Thriller. Beinahe sieht es aus, als wäre der neue Shaft eine erschöpfte Parodie seiner selbst, ein Zähmen vorgestriger Mannsbilder und Geschlechterrollen, allerdings nur im Schnurr- und Streichelmodus, aufgesetzt auf einen Plot, der nach dem Abspann der Vergessenheit anheimfällt, der maximal als Füllmaterial um den roten Faden einer Serien-Storyline dienen kann, der sein Potenzial restlos verschenkt und als dramaturgisches Mauerblümchen den fast schon peinlich aufspielenden Edelmännern den spendierten Trink ins Gesicht schüttet. Da helfen selbst die neu aufgelegten Rhythmen von Isaac Hayes nichts mehr, auch wenn diese immer noch zeitlos grooven. Das ist fast verlorene Liebesmüh angesichts der Symbolkarikatur einer Kultfigur, die ihre Zeiten bereits gehabt hat, und die mit den Outfits vom Flohmarkt maximal zum Zelebrieren auf irgendwelchen Comic Cons für wissendes Schmunzeln sorgt. Der Rollkragen kommt dann wieder in den Second Hand-Laden, denn wer trägt diese kratzenden Krausen denn noch wirklich?

Shaft (2019)

100 Dinge

FKK FÜR EGO-MESSIES

4/10

 

100dinge© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: FLORIAN DAVID FITZ

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, FLORIAN DAVID FITZ, MIRIAM STEIN, MARIA FURTWÄNGLER, HANNELORE ELSNER, KATHARINA THALBACH U. A.

 

Die Filme von Matthias Schweighöfer, die kennen wir. Das heißt: kennen wir einen, keinen wir eigentlich alle. Sie sind gefällig, farbentsättigt wie bei Til, den Geist junger Bobo-Erfolgsmänner bis in jede Pore einmassiert. Die Riege talentierter Jungschauspielerinnen umkreisen den Egomanen in teils angestrengt distanziertem, aber stets anhimmelndem Spiel. Denn in Wahrheit ist Schweighöfer ja unwiderstehlich, auch wenn er sich zwischenmenschliche Eskapaden leistet, die mit einer konventionell schrägen Entschuldigung wieder sofort vergessen sind. Denn ja, Frau liebt ihn. Florian David Fitz, der Vincent, der Meer wollte und als Kehlmann´scher Gauß in der Verfilmung Die Vermessung der Welt beeindruckend spröde großes Schauspieltalent bewies, will diesmal aber auch so sein wie der blonde, sommersprossige Athlet, der stets sich selbst spielt und selbst in der als Thriller angedachten Amazon-Serie You Are Wanted einfach nicht aus seinem Yuppie-Hedonismus hinauskann. Fitz wiederum will da hinein, also einfach mal selbst so einen Film inszenieren, genauso wie sein Buddy. In welchem die beiden Männer ihren nackten Po in die Kamera halten dürfen und eigentlich von allen, vor allem vom weiblichen Geschlecht, geliebt werden dürfen. Ob das in deren echten Leben auch so ist? Keine Ahnung, deutsche Schauspieler halten ihr Privatleben natürlich auch zurecht bedeckt. Nicht bedeckt bleiben wie gesagt die ansehnlichen Körper der beiden. Warum? Weil sie dem Konsumzwang eins auswischen wollen.

Kurz gesagt: es geht um eine Wette. Beide Freunde müssen ihren ganzen Besitz in einen Lagerraum sperren, und für hundert Tage dürfen sie sich täglich ein Ding aus dem ganzen Fundus wieder herausnehmen. Das gilt selbst fürs Untergewand. Im Adamskostüm beginnt also die Challenge für die konsumgeilen Schnösel, die sich dadurch eigentlich auf griffigere Werte besinnen sollen, was aber nicht vorrangig der Fall ist, denn Grund der Wette ist der Aus- und Verkauf ihrer Softwarefirma, die eine App entwickelt hat, die alle haben wollen. Vor allem einer, der so aussieht wie Mark Zuckerberg. Bei diesem Vorhaben der beiden Erfolgsmänner, die gefühlt sowieso immer das Glück auf ihrer Seite haben, kann einer wie Mel Brooks nur lachen. Wieso Mel Brooks? Weil der Ähnliches erlebt hat. Zum Beispiel als reicher, asozialer Millionär, der den Altruismus mit Füßen tritt, in einer Satire, die Das Leben stinkt heißt. Ebenfalls ist eine Wette der Kern des Plots, nur dass Geizkragen Brooks für rund einen Monat auf der Straße leben muss. Der Reiz dieser Satire liegt darin, dass der alte Industrielle tatsächlich auf sich alleine gestellt ist, dass letzten Endes der Verrat der anderen zu einer gewissen Erkenntnis führt, und er sich eigenhändig aus dem Schlamassel ziehen muss. Ein bisschen wie bei Scrooge, ein bisschen wie beim Fischer und seiner Frau, die letztendlich Papst sein wollte. Fitz und Schweighöfer, die sind sowohl vor als auch hinter der Kamera einfach immer Stars und haben auf dem Weg zu ihrer kolportierten Selbsterkenntnis kaum Berührungspunkte mit anderen sozialen Schichten. Eloquente, toughe, charmante Frauenversteher, auf die keiner böse sein kann, die einfach zu gelackt sind, um sich selbst wirklich zu hinterfragen. In 100 Dinge stehen sie zwar kurze Zeit vor dem Nichts, doch in Wahrheit haben sie alles, und zwar zu jederzeit. Die Frage nach der Kunst des Weglassens, des Verzichts und dem „Weniger ist Mehr“-Prinzip ist gar nicht richtig gestellt, das wollen die Firmenchefs längst nicht so genau wissen. So, wie sich die beiden darauf besinnen und die eigenen Schattenseiten des Kapitalismus aufdröseln, bleibt das Ganze ein Lippenbekenntnis ohne tieferen Sinn.

100 Dinge handelt von einer Freundschaft, von beruflicher Partnerschaft und Beziehungen. Wie so viele Filme Schweigers und Schweighöfers. Und jetzt auch von Fitz. Es ist eine gehetzte, viel zu schnelle Komödie zweier elitärer Helden um die Vierzig, die alles können, aber nicht alles können müssen. Die alles haben, aber nicht alles haben müssen. Das macht den Film so schlaksig, als würde man beim Fangenspielen mit einem Bein andauernd im Leo stehen. Das geht so nicht, nicht wirklich. Das kaufe ich den beiden nicht ab. Und wenn doch, dann will ich es geschenkt. Blöd nur, dass sie nichts davon hergeben werden.

100 Dinge