Narziss und Goldmund

DES EWIGEN FREUNDES WANDERJAHRE

5/10

 

narzissgoldmund© 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SABIN TAMBREA, ANDRÉ HENNICKE, EMILIA SCHÜLE, UWE OCHSENKNECHT, JOHANNES KRISCH, HENRIETTE CONFURIUS, BRANKO SAMAROVSKI, JESSICA SCHWARZ, GEORG FRIEDRICH, ELISA SCHLOTT U. A. 

 

Da hat sich doch endlich jemand an den Stoff herangewagt. Endlich. Hermann Hesses philosophische Erzählung für Sinnsucher und Aussteiger aus dem Jahre 1929 gibt es nun auch als Film! Ein Wagnis? Muss man denn wirklich alle Klassiker verfilmen? Reicht es nicht, Narziss und Goldmund einfach nur zu lesen, weil manche Werke eben nur in Textform funktionieren und das Kino im Kopf privat bleiben soll? Bei Hermann Hesse ist es sowieso schwierig. Es ist, als würde man Nietzsche verfilmen. Geht auch nicht. Aber Stefan Ruzowitzky, unser Oscar-Preisträger und Slalomfahrer durch alle Genres, der hat sich gedacht: ich nehme mir die Geschichte her und schreib sie etwas anders, lege auch die Schwerpunkte anders, mach etwas ganz Besonderes daraus. Kulissen brauche ich keine bauen, wir sind hier im Herzen Europas, da gibt es Burgen genug, die noch dazu in gutem Zustand sind. Die richtige Besetzung für den Geistesmenschen und den Sinnesmenschen zu finden ist dann schon wieder schwieriger. André Eisermann wäre ein Kandidat gewesen, der ist aber vermutlich schon zu alt dafür, Schlafes Bruder ist auch schon lange her. Die Wahl fiel für den Geistesmenschen Narziss auf Sabin Tambrea (Babylon Berlin Staffel 3) – eine gute Wahl. Der sich selbst geißelnde Glaubensbruder mit geheimer sexueller Orientierung, die aber nicht zu übersehen ist, hat seine schauspielerische Bestimmung gefunden. Der Sinnesmensch? Jannis Niewöhner könnte gehen, hat der doch unlängst Kaiser Maximilian zum Besten gegeben, und das recht ansehnlich, in einem dreiteiligen Eventkino fürs Fernsehen. Doch Niewöhner wäre zwar ideal für eine weitere Staffel für Vikings, schwerlich aber ist er die Idealbesetzung für Goldmund. Er schafft, was eigentlich wenige Schauspieler während des Drehs hinbekommen: die Qualität seiner Arbeit auf- und abzuschaukeln. Und das ist irritierend. Wobei das zwar das Augenfälligste, aber nicht das Einzige an diesem Versuch ist, große Literatur in einem großen Bilderbogen zu verfilmen, was das Vorhaben dann doch vereitelt.

Warum Narziss und Goldmund nicht auch in einem Dreiteiler fürs Fernsehen aufzubereiten ganz so wie Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe? Weil Ruzowitzky anders als Andreas Prohaska fast ausschließlich ein Cineast ist. Einer, der fürs Kino arbeitet. Weil die Förderung endlich durch ist, und was finanziert ist, wird gemacht. Das Kino braucht Filme, und Filme brauchen das Kino – vor allem Stoff, der allseits bekannt ist und für volle Säle sorgen könnte. Zwei Leben aber anhand eins fiktiven Biopics und nicht als lebensphilosophische Abhandlung innerhalb zwei Stunden ins Kino zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Entsprechend gehetzt und gänzlich ohne innere Einkehr erzählt „Goldmund“ Niewöhner seinem Spezi Narziss Anekdoten aus 15 Jahren Umherirrens auf der Suche nach seiner Mutter. Und Goldmund, natürlich ein Feschak sondergleichen, der hat die Qual der Wahl bei den Damen, gerät von einer Liaison in die nächste, scheint irgendwann sein Glück gefunden zu haben, doch wieder nichts. So ist sein Leben eine einzige riesige Wanderung, während der er sein Talent fürs Schnitzen entdeckt – und auch perfektioniert und letzten Endes im Altarbild von Narziss´ Kloster gipfeln lässt.

Ob die Definition der Mutterfigur im Roman auch so im Mittelpunkt steht? In Ruzowitzkys Film jedenfalls ist das der Fall. Viel weniger ist es das Resümee eines Vergleichs zwischen weltlichem und geistigem Leben, zwischen Abenteuern im Kopf oder in der weiten Welt. Sein Film findet keinen Einklang, die tiefe Erfahrung des Goldmund bleibt kolportiert. Klassische Versatzstücke aus dem finsteren Mittelalter wie blutige Striemen am Rücken durch gern gefilmte Selbstgeisselung, Pestopfer, jede Menge alter Mauern oder stimmige Choräle müssen das Soll wohl erfüllen. Mitnichten. All das macht den Film noch plakativer, noch gefälliger, und weniger zum Erlebnis. Bei Narziss und Goldmund scheint es eigentlich um etwas ganz anderes zu gehen, was Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, nicht wirklich herausarbeiten konnte. Das tête-à-tête der vielen bekannten Gesichter erschwert das Eintauchen ebenso – manchmal ist ein illustrer Cast für so eine intime Geschichte vielleicht nicht das Richtige. Und wenn dann noch das sakrale Meisterstück mit all seinen Engeln die Gesichter bekannter Schauspieler tragen, wirkt das unfreiwillig grotesk und lässt sich mit der Ehrfurcht, welche die Mönche verspüren, nicht vereinbaren. Glaubwürdig und am wenigsten schablonenhaft bleibt nur Sabin Tambrea, der als einziger seine innere Balance findet, was man vom Film an sich nicht sagen kann.

Narziss und Goldmund

Das perfekte Geheimnis

BOHEMIENS IN DER HANDYFALLE

7,5/10

 

perfektegeheimnis© 2019 Constantin Film 

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: BORA DAGTEKIN

CAST: ELYAS M’BAREK, KAROLINE HERFURTH, WOTAN WILKE MÖHRING, FREDERICK LAU, JELLA HAASE, JESSICA SCHWARZ, FLORIAN DAVID FITZ U. A. 

 

2016 kam ein Film aus Italien mit dem Titel Perfect Strangers ins Kino, der sehr süffisant mit den Irrungen und Wirrungen des Mobiltelefonzeitalters fabuliert. Neben anderen Remakes zu besagtem Original gabs dann auch in Deutschland letzten Herbst Das perfekte Geheimnis zu ergründen. Das Ergebnis: Ein Knüller an der Kassa – über 4 Millionen Besucher allein in der Filmheimat.

Unter Bora Dagtekins Regie wäre ein Kalauer-Zwischengang in Richtung Türkisch für Anfänger oder Fack ju Göthe zu befürchten gewesen. Eh ganz witzig, für die, die es mögen. Ist aber nicht meins. Dieser Abend allerdings, unter ehemaligen Kumpel-Jungs samt Anhang, die sich im Laufe ihres Coming of Age auseinandergelebt haben und plötzlich zu einem gemeinsamen Dinner aufschlagen, gestaltet sich anders als erwartet. Was also haben 4 Paare – oder sagen wir dreieinhalb Paare, weil Florian David Fitz kommt solo – wohl gemeinsam, ausser vielleicht die Freundschaft auf Facebook oder WhatsApp? Na eben genau das: und aus diesem technischen Spielzeug wird ein Spiel. Die Regeln sind ganz einfach: Alles, was an Nachrichten oder Anrufen eintrudelt, wird vor versammelter Menge veröffentlicht. Gut, würde ich mitspielen, wäre ich wohl die Spaßbremse. Und womöglich nicht nur ich. Doch für ein Filmkonzept wie dieses werden die Spitzen gebündelt – und es folgen saftige Enttarnungen und Enttäuschungen auf dem Fuß.

Mit Yasmina Rezas Gott des Gemetzels hatte Polanski 2010 Grundsatzkonflikte zwischen wildfremden Erwachsenen zelebriert. In Das perfekte Geheimnis sind es satte Lügen unter Bekannten, die aus einem erzwungen netten, oberflächlichen Abend eine Katastrophe machen. Tatsächlich gelingt der deutsche Kassenhit entschieden besser als Polanskis Film, obwohl oder gerade weil er versöhnlicher ist, vielleicht am Ende viel wohlwollender und den Zuschauer dabei nicht so ins Nichts entlässt. Für das Nichts ist sich das illustre Ensemble zu schade, will den Worst Case so gut es geht vereiteln und alles wieder auf Spur bringen. Das wäre natürlich nicht notwendig gewesen. Denn die besten Momente, die hat der Film dann, wenn klar wird, das gar nichts mehr zu retten ist, weder das Schokohuhn noch der gekippte Wein noch das Konstrukt eines Schwindels über sexuelle Orientierung, die erst recht den bigotten und vor allem selbstgerechten Verständnisbürger entlarven will. Das perfekte Geheimnis ist nur im ersten Augenschein eine Komödie, und hat rein gar nichts mit Schenkelkloper-Humor zu tun. Wie bei Reza schmettern auch hier die Dialoge durch den Ess- und Wohnbereich, viele Details gehen ob der Intensität des Verbalen manchmal verloren, doch das, worauf es ankommt, hat sein wortloses Vakuum, um zur Geltung zu kommen. Und dabei hat ein jeder und eine jede, von Jessica Schwarz bis zu Elyas M’Barek, seinen eigenen egozentrischen Quadratmeter, um angesichts dieser Gruppendynamik nicht seine Position zu verlieren. Das ist vollends geglückt in diesem Film: das Ensemble agiert umsichtig, niemand stiehlt dem anderen die Show. Keiner will der Leader sein, alle sind es gleichviel und gleich wenig – regietechnisch eine Herausforderung, die Dagtokin tatsächlich meistert. Und wie das mit der Smartphonitis, dem Genderwahn, Me Too und all den sonstigen gesellschaftlichen Headlines momentan so ist, bekommt das alles sein Fett weg, entdeckt dieses entlarvende Therapie-Dinner diese Zweierlei-Maß-Messung bei jeder und bei jedem.

Farewell Privatsphäre. Alles, was andere nichts angeht, wird zur Angelegenheit für andere, ein kleiner Zerrspiegel dieses wundervoll vernetzten Zeitalters, entschärft durch üblich Schlüpfriges und Frivoles, um mit Rotwangen-Pepp die Kritik an der urbanen Availability zu verniedlichen. Intrigen sucht man vergebens, böse meint es hier keiner. So gallig wie bei Albee oder Turrini verliert die Gesellschaft hier nicht ihre Hosen, dafür muss Das perfekte Geheimnis aber im Crowdpleasing ganz vorne sein. Was dem Film aber letzten Endes nicht zu sehr zur Last gelegt werden sollte. Im Gegensatz zum viel zu lose verweilenden Geplänkel Der Vorname oder Marie Kreutzers schwächelndem Was hat uns bloß so ruiniert, wo ebenfalls intellektuelle Alternativlinge am Ego- und Elterntrip die Spur verlieren, hat die weinselige Dramödie zwischen Handydrehen und stark alkoholisiertem Promi-Dinner mit Abstand die Nase vorn.

Das perfekte Geheimnis