Perla (2025)

PLEASE LOOK BACK IN ANGER

7/10


Rebeka Poláková als Perla im gleichnamigen Film© 2025 Stadtkino Filmverleih 


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SLOWAKEI 2025

REGIE / DREHBUCH: ALEXANDRA MAKAROVÁ

KAMERA: GEORG WEISS

CAST: REBEKA POLÁKOVÁ, SIMON SCHWARZ, NOËL CZUCZOR, CARMEN DIEGO, HILDE DALIK, GRAZYNA DYLAG, IVAN ROMANČIK, ZUZANA KONEČNÁ, INGRID TIMKOVÁ U. A.

LÄNGE:  STD 30 MIN



Should I Look Back in Anger?

Man soll ja nicht kramgebeugt zurückschauen auf das was war, meint zumindest die angeblich beste Band der Welt, nämlich Oasis. Mit dem, was gewesen ist, sollte man Frieden schließen, ändern lässt es sich nicht, besser wird’s auch nicht, und das einzige, was mehr zur Zufriedenheit und Harmonie führt, kann nur die Zukunft sein. In dieser Zukunft, oder besser gesagt: möglichen Zukunft, ist Perla mit einem Stipendium in der österreichischen Hauptstadt Wien angekommen – sie ist bildende Künstlerin, extrem produktiv, liefert ein Gemälde nach dem anderen ab. Und hat, so könnte man meinen, ihre Vergangenheit hinter sich gelassen.

Ich bin die Summe der vergangenen Ereignisse

Nur: Kann man das überhaupt? Insbesondere eine  Vergangenheit, die sich zusammensetzt aus schweren traumatischen Erlebnissen wie einer Vergewaltigung auf der Flucht, der sowjetischen Besatzung. Mit ihren Augen und Ohren überall und einer wilden, berauschenden Liebe, aus der ein Kind hervorging, das nun ebenfalls in Österreich versucht, wieder Fuß zu fassen?

So einfach geht das natürlich nicht, denn in diesem Brocken an Leben stecken nicht nur Dinge, die man verdrängen will, sondern auch Erinnerungen, die man nie wollte, dass sie verblassen. Eine davon ist Andrej, der auf der Flucht in den Westen verhaftet wurde und Jahre später nun freikommt. Anfangs will Perla nichts davon wissen, sie blickt zurück im Zorn, im Schmerz. Doch da sind diese nostalgischen Gefühle, die Liebe oder zumindest das Gefühl daran, wie es gewesen war.

Letztendlich beschließt sie, hinter den eisernen Vorhang zurückzukehren und Andrej wiederzutreffen, zum Leidwesen ihrer Tochter und ihres neuen Mannes – der mitfährt, um die Sache natürlich unter Kontrolle zu halten. Denn nach wie vor steht Perla auf der schwarzen Liste illegaler Flüchtlinge.

Aber schön war es doch…

Die slowakisch-österreichische Filmemacherin Alexandra Makarová stellt in ihrem zärtlich-reduktionistischen Drama die Frage, ob eine zweigeteilte Biografie wie jene von Perla das Gewesene als Chance nutzen kann, um neu anzufangen. Wie das Ganze hinter sich lassen? Ist es besser, damit Frieden zu schließen – oder diese Wut im Herzen zu belassen, die erst recht antreibt, um weiterzumachen. Ist das, woran man sich erinnert, längst idealisiert? Und wann beginnt sie, diese Idealisierung?

Den passenden Erzählstil finden

Makarovás Film atmet mitunter die eigentlich unnachahmliche Filmpoesie eines Krzysztof Kieślowski – vor allem in den Szenen, in denen Mutter und Tochter allein sind, sich über Zukunft und Vergangenheit austauschen. Ihre visuellen Arrangements wiederum können von den Arbeiten eines Ulrich Seidl inspiriert sein – mit teils planimetrischen Tableaus lebt auch Makarová den stilisierten Realismus, doch zum Glück für sie und ihren Film nicht zur Gänze.

Perla lebt vor allem durch diese poetische Lebendigkeit, diese intimen Momente, und einer manchmal ganz anderen Authentizität. Für diese Art des Filmemachens kann Perla nun Mitte Juni auf so einige Trophäen im Rahmen des Österreichischen Filmpreises hoffen. Für satte 13 „Austro-Oscars“ ist das Drama nominiert, wobei hier Jungschauspielerin Carmen Diego sträflichst übergangen wurde.

Ausbalanciertes Dreieck der Emotionen

Diego spielt ihre erwachsenen Schauspielkollegen vor allem im letzten Drittel des Films mühelos und mit entfesselten Emotionen an die Wand, ihre Ohnmacht vor den Gefahren des Sowjetstaats und des Verschwindens ihrer Mutter macht Perla sowohl vulnerabel als auch greifbar. Rebeka Poláková als titelgebende Perla und Simon Schwarz, der diesmal in einer ernsten Rolle zu sehen ist, nehmen ihre Charaktere aber ebenfalls ernst genug, um mit dem dargebotenen Einzelschicksal einer Familie im politischen Zeitbild der Achtziger die sich anbahnende Tragödie mit den Betrachtungen von Trauma und Vergangenheit in berührender Balance zu vereinen.

Die Vergangenheit zu verdrängen, so weiß der Film, ist in jedem Fall die falsche Wahl. Unbedingt mit ihr Frieden zu schließen, muss auch nicht sein. Und will man es doch, obwohl die Wut das richtige Empfinden wäre, stürzt man zurück an den Anfang.

Perla (2025)

Der Onkel – The Hawk (2022)

DER HABICHT IM HÜHNERSTALL

6,5/10


deronkel© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2022

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL OSTROWSKI, HELMUT KÖPPING

CAST: MICHAEL OSTROWSKI, ANKE ENGELKE, SIMON SCHWARZ, HILDE DALIK, ELISEA & MARIS OSTROWSKI, GERHARD POLT, MECHTHILD GROSSMANN, LISA-LENA TRITSCHER, BARBARA MEIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN 


Eberhofer-Fans – und das sind im deutschsprachigen Raum nicht wenige – kennen ihn: den ewig jung geblieben Spitzbuben Michael Ostrowski, der wider seines jugendlichen Teints auch schon aufs halbe Jahrhundert zugeht und Simon Schwarz sowie Sebastian Bezzel als schnippischer Pathologie zur Seite steht. Im Fernsehen sucht der Spaßmacher stets sein Glück, und in den Filmen des leider verstorbenen Michael Glawogger ist er künstlerisch großgeworden. Unvergessen bleibt da die charmante Sexkomödie Nacktschnecken, für den letzten Teil der von Glawogger sonst unvollendet gebliebenen Sex, Drugs and Rock’n‘Roll-Trilogie führte er obendrein auch noch Regie.

Man hätte meinen können, das muss er nicht wieder tun, denn Hotel Rock’n’Roll geriet zur ziemlich konfusen Angelegenheit. Mit Helmut Köpping allerdings – einem, der sich im Fernsehformat der Landkrimis bestens zuhause fühlt – gelingt ihm der zweite Anlauf im Filmemachen deutlich besser. Vielleicht auch, weil das Konzept der Komödie diesmal ohne bewusstseinsverändernde Substanzen auskommt und all jene, die auf der boulevardesken Bühne eines eitlen Wohnsitzes irgendwo am Rand von Wien auf- und abtreten, ihre eigene ganz normale Spinnerei vor sich hertragen, die vor allem durch das Auftreten des titelgebenden Onkels, der die tierischen Verhaltensweisen eines Habichts mit sich bringt, ans Ende ihrer Erkenntnisse stoßen.

Dieser Onkel namens Mike ist der Bruder von Sandro (beide gespielt von Michael Ostrowski), eines neureichen Geschäftsmannes, der allerdings ins Koma fällt – zurück bleiben zwei halbwüchsige Kinder (ebenfalls Ostrowskis) und eine Göttergattin, die Mike sehr gut kennt, hatten die beiden doch vor rund zwanzig Jahren eine Liaison, die aufgrund undankbarer Umstände in die Brüche ging. Denn Mike ist ein Hallodri, ein Trickbetrüger und Lebemann, der nun beschließt, sich das zurückzuholen, was ihm eigentlich zusteht: Haus, Hof, Familie und jede Menge Geld. Natürlich fällt der rettungslos unheilbare Charmeur und Fingerwickler nicht mit der Tür ins Haus, sondern heuchelt Familiensupport dank widriger Umstände, um sich auf Dauer unabkömmlich zu machen.

Ein spaßiges Konzept, das Ostrowski und Köpping da entworfen haben. Und von vorne bis hinten auf ersteren zugeschnitten, der sich in dieser Position immer wieder gerne sieht: Als Draufgänger und täuschend naiver Richtigmacher, der aus seiner Haut nicht rauskommt. Wie Anke Engelke darauf reagiert – da stimmt die Chemie. Wenn langsam klar wird, was der Onkel eigentlich will, während er vorgibt, sowas wie Eigenverantwortung zu entwickeln, könnte man in der heimischen Komödienlandschaft tatsächlich sowas wie eine kluge Tragikomödie vermuten, die gar nicht so auf Kabarett-Kalauer aus ist wie all die sonstigen Produktionen, die sich dank einigen Witzen geradeso über Wasser halten. Der Onkel – The Hawk entwickelt eine kleine, aber stimmige Geschichte rund um das Glück und den Neid der anderen. Die Zerfahrenheit aber folgt wie das Amen im Gebet – in Gestalt von Simon Schwarz und Hilde Dalik, die als seltsames Nachbarspaar überhaupt nicht und auch nicht stilistisch ins Konzept passen. Mit ihnen fällt seichter Slapstick durch die Hintertür, während die Figur von Schmarotzer Mike sich im Kreise dreht und nichts mehr aus dem Ärmel schüttelt.

So kongenial wie Andreas Prohaskas Die unabsichtliche Entführung der Elfriede Ott – überhaupt einer der besten österreichischen Komödien der letzten zwanzig Jahre – ist Der Onkel – The Hawk beileibe nicht. Aber er hat Ansätze, er hat einen guten Beat, einen verträumten, psychosatirischen Unterton und allen voran einen Ostrowski, der vor lauter Lust an seiner schmissigen Rolle darin vergeht. Fans dieses stilsicheren Hemdkragenclowns bleibt keine Wahl, als sich diesen Film ansehen zu müssen, allein schon und nur wegen ihm. Von daher hat die liebe Verwandtschaft zwar nicht das beste Timing, doch sie war viel zu lange nicht zu Besuch, um sie gleich wieder rauszuschmeißen.

Der Onkel – The Hawk (2022)

Womit haben wir das verdient?

BEKENNTNISSE EINES TEENIES

6,5/10

 

womithabenwirdasverdient© 2018 Neue Visionen

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: EVA SPREITZHOFER

CAST: CAROLINE PETERS, CHANTAL ZITZENBACHER, SIMON SCHWARZ, HILDE DALIK, PIA HIERZEGGER U. A.

 

Cat Stevens hat es getan. Und vor Kurzem Sinéad O’Connor. Beide sind zum Islam übergetreten, beide haben in dieser Weltreligion das gefunden, was ihr Leben bereichert. Die Namen, die beide berühmt gemacht haben, gibt es nicht mehr. Der eine heißt Yusuf Islam, die andere Shuhada Davitt. Der natürliche Endpunkt eines jeden Theologen, meint die irische Sängerin. Soll so sein, so etwas will und kann ich nicht beurteilen. Ich habe mit meinem eigenen Glauben genug zu tun. Und Missionierung geht gar nicht. Missionieren steht den Eltern der 16jährigen Nina allerdings auch nicht im Sinn, da sie selbst nicht wirklich an etwas glauben. Aber der Mund bleibt ihnen dennoch offenstehen. Nina trägt von heute auf morgen einen Hidschab und konfrontiert ihren Vormund im Rahmen einer therapeutischen Familiensitzung. Papa nimmt’s gelassen, die Mama tut sich schwer, das Ganze ernst zu nehmen und hofft auf eine temporäre Provokation ihres pubertierenden Kindes. Falsch gedacht, der Hidschab bleibt am Kopf, und aus Nina wird Fatima. Halal und Haram werden zu Modewörtern in den eigenen vier Wänden, und zur Geburtstagsfeier von Mama Wanda fallen vom Faschingsscherz bis zum gekünstelten Verständnis alle möglichen Meinungen zu einem Umstand, den man getrost Religionsfindung nennen kann.

Die österreichische Drehbuchautorin und Schauspielerin Eva Spreitzhofer hat, das muss ich wirklich sagen, Mut bewiesen, eine Komödie über den Islam zu drehen. Ein heißes Eisen, vor allem im Zeitalter des islamistischen Terrors und der Flucht aus dem Nahen Osten, der das gesellschaftspolitische Gefüge in Europa gehörig erschüttert hat. Brisant ist gar kein Ausdruck. Die Vielzahl der Meinungen unübersehbar. Die Sitten des Islam und die Stellung der Frau im kulturellen Kontext oftmals Gegenstand nicht enden wollender und oftmals hitziger Debatten. Wäre ich Filmemacher, wäre mir das Thema viel zu riskant, obwohl es mich allemal reizen würde. An der eigenen Meinung festzuhalten und trotzdem nicht die Balance zwischen Kritik und Anbiederung zu verlieren – das ist ein Umstand, der Fingerspitzengefühl erfordert. Ein durchdachtes Drehbuch, ein kluger Plot. Spreitzhofer, die ihren Film auch geschrieben hat, versucht merkbar diplomatisch, sich durch das Chaos eines Culture-Clash zu winden, ohne irgendwo anzuecken. Das Ausbleiben des Unbequemen mag in anderen Filmen langweilig wirken, in Womit haben wir das verdient? gerät es zu einem versöhnlichen Alltagslustspiel, das nichts weniger will als zu diffamieren. Die Religion an sich bleibt unangetastet, blasphemisch ist hier gar nichts. Das war es allerdings bei Das Leben des Brian der Monty Pythons genauso wenig, und doch hagelte es Proteste. Vielleicht, weil manche gewisse Details übersehen haben. Das kann bei Spreitzhofer´s Film nicht passieren. Behutsam wie beim Errichten eines Kartenhauses erklärt sich die gut besuchte, österreichische Erfolgskomödie mit fast jeder Szene als Botschafterin eines repsektorientierten Miteinanders, und zieht einzig und allein die stets widersprüchliche Auslegung verfasster Dogmen durch den Kakao. Dabei geht es viel weniger um Religion als um die individuellen Befindlichkeiten gesellschaftlicher Eitelkeiten, für die Selbstreflexion ein Fremdwort ist. Im Zeitalter der Sozialen Medien überbrückt das Ereifern im Glauben persönliche Defizite, und deklariert seine eigene Unzulänglichkeit, mit sich und der Welt gelassen klarzukommen. Womit haben wir das verdient? provoziert nicht, und entlässt das Publikum auch nicht mit gemischten Gefühlen. Mit gehörig Understatement gelingen die besten satirische Spitzen in unaufgeregten Nebensätzen, welche Widersprüche in bigottem Verhalten so manche Konformität hinfällig werden lassen. Das ist erhellend, vollkommen logisch und nichts was es zu diskutieren gilt. Das sieht ein jeder, egal ob und wenn ja welchem Glauben er anhängt. Das macht den Film auch so richtig zu einem gewieften Feel Good Movie, das sich nicht lustig macht, sondern abendfüllend zum Schmunzeln einlädt, obwohl mit mehr Reibung und weniger Rücksicht auf Befindlichkeiten das ganze verdientermaßen nachhaltiger und griffiger geworden wäre.

Schauspielerisch ist hier einiges an Luft nach oben, vor allem Chantal Zitzenbacher als Teenager auf konfessionellem Egotrip ist manchmal zu aufgesetzt genervt von allem, was ihre Figur auch anfangs unsympathisch macht. Caroline Peters hingegen ist ideal besetzt und leidenschaftlich genug in ihrer selbstlosen Mutterliebe, Simon Schwarz in einer Nebenrolle hat vor allem in der jetzt schon kultigen Niqab-Szene die meisten Lacher auf seiner Seite. Trotz der wechselnden Schauspielqualitäten und der schaumgebremsten Ambitionen ist Womit haben wir das verdient? pfiffige Unterhaltung mit liberalen Einsichten und dialogfähigen Aussichten, mit oder ohne Hidschab. Am liebsten aber ohne.

Womit haben wir das verdient?