Sauerkrautkoma

LUSTIG HAMMAS

5/10

 

sauerkrautkoma© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ED HERZOG

CAST: SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SCHWARZ, LISA MARIE POTTHOFF, ENZI FUCHS, GEDEON BURKHARD, NORA WALDSTÄTTEN, EISI GULP U. A.

 

Kann sich jemand von Euch noch an Gus Backus erinnern? Der Februar diesen Jahres verstorbene US-amerikanische Sänger mit dem Hang zu deutschsprachigen Schlagern wird wohl in manchen seiner Ohrwürmer aus den 60ern bis auf unabsehbare Zeit weiterleben, ganz besonders in seiner Knüllernummer Sauerkraut-Polka. Diesen schrägen Song, der die Liebe zu diesem schwerverdaulichen, aber gesunden Gemüse beschreibt, hätten die Macher von Rita Falks aktueller Buchverfilmung ruhig integrieren können. Die Sauerkraut-Polka – die hätte fugenlos und formschön in diese schräge Nummernrevue gepasst, die aber leider nicht mehr sein will und kann als eine Nummernrevue. Im Schlepptau: eine geigelnder Torso von Kriminalfall, der im Kreisverkehr sich selbst auffährt und eigentlich überhaupt nicht sein müsste, denn der Kieberer Eberhofer, der an lustloser Phlegmatik kaum zu übertreffen ist, macht lieber ganz andere Dinge als der Handlung zu folgen. Rita Falk hat diesen bauernschlauen Hans im Glück in ihren lokalkolorierten Bayernkrimis mit Hingabe skizziert – auch all die anderen schrägen Figuren, die sich im Kaff Niederkaltenkirchen das Bier in die Hand geben. Die Oma, die ist ob ihrer kulinarischen Raffinesse sowieso das Maß aller Dinge, und letztendlich heißt es: rein in die gute Stube, wenn alle im Herrgottswinkel Grießnockerlsuppe schlürfen oder unwiderstehlich duftenden Braten mit Knödel und sämigem Safterl genießen. Ohne Hungergefühl kann man Rita Falks Bücher kaum weglegen, und ohne ein Schmunzeln auch nicht. Das funktioniert im Kino – wie bei all den anderen mehr schlecht als recht bebilderten Filmversuchen ebenso – eigentlich weniger gut. Warum? Weil Regisseur Ed Herzog höchstwahrscheinlich schenkelklopfenderweise am Set sitzt und sich über die situationskomischen Witze aus der Feder von Drehbuchautor Stefan Betz köstlich amüsiert. Lachen ist natürlich gesund – wenn aber dabei der rote Faden abhanden kommt, bleiben nur einzelne Sketches über, die wie schon zuletzt die subversiven Schlagerparodien eines Christian Steiffen verbraten und die Visagen einem Karikaturmuseum gleich fast unappetitlich genau ins Bild rücken. Das alles gehört zum Stil aller Rita Falk-Verfilmungen, ist aber in der fünften Aufwärmphase nur mehr redundant und ungefähr so schmackhaft wie wiederholt aufgewärmtes Kartoffelpüree.

Was in den Büchern mit den wiederkehrenden Verhaltensautomatismen das vertraute Gefühl eines schrulligen Alltags erzeugt, geht in den Filmen in grobmotorisch komödiantischer Überforderung unter. Es ist wie Kinderbändigen am Faschingsdienstag – alle wollen überall zugleich sein und sowieso alles machen, alles essen und alles trinken, was zur Hebung der eigenen Laune angeboten wird. Da noch zu den jungen Gästen vernünftig durchzudringen ist so gut wie unmöglich. Ebenso in seiner eigenen Blase wie all die andere Sprösslinge: Sebastian Bezzel, welcher der Wurstigkeit des Eberhofer allzu viel Nachdruck verleiht. Seine Figur ist unkaputtbar und mimisch auf die Grundeinstellungen heruntergefahren, wie Comic-Schlappohr Droopy, allerdings auch enorm selbstbezogen und eigentlich nicht sonderlich sympathisch. Da gibt Simon Schwarz als enorm amikaler Privatdetektiv den genussfreudigen Konterpart, und hat auch mit titelgebendem Bewusstseinszustand am meisten von allen zu schaffen. Das natürlich schon recht erheiternd, und wir klopfen uns so wie Regisseur Herzog ebenfalls das eine oder andere Mal wirklich auf die Schenkel, aber ein Krimi ist Sauerkrautkoma, obwohl er besser ist als seine Vorgänger, keiner. Vielmehr ein lustwandelnder Provinzschlager, der nicht merkt, dass er die Hosen verliert, weil er sich so wahnsinnig leicht ablenken lässt.

Sauerkrautkoma

Womit haben wir das verdient?

BEKENNTNISSE EINES TEENIES

6,5/10

 

womithabenwirdasverdient© 2018 Neue Visionen

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: EVA SPREITZHOFER

CAST: CAROLINE PETERS, CHANTAL ZITZENBACHER, SIMON SCHWARZ, HILDE DALIK, PIA HIERZEGGER U. A.

 

Cat Stevens hat es getan. Und vor Kurzem Sinéad O’Connor. Beide sind zum Islam übergetreten, beide haben in dieser Weltreligion das gefunden, was ihr Leben bereichert. Die Namen, die beide berühmt gemacht haben, gibt es nicht mehr. Der eine heißt Yusuf Islam, die andere Shuhada Davitt. Der natürliche Endpunkt eines jeden Theologen, meint die irische Sängerin. Soll so sein, so etwas will und kann ich nicht beurteilen. Ich habe mit meinem eigenen Glauben genug zu tun. Und Missionierung geht gar nicht. Missionieren steht den Eltern der 16jährigen Nina allerdings auch nicht im Sinn, da sie selbst nicht wirklich an etwas glauben. Aber der Mund bleibt ihnen dennoch offenstehen. Nina trägt von heute auf morgen einen Hidschab und konfrontiert ihren Vormund im Rahmen einer therapeutischen Familiensitzung. Papa nimmt’s gelassen, die Mama tut sich schwer, das Ganze ernst zu nehmen und hofft auf eine temporäre Provokation ihres pubertierenden Kindes. Falsch gedacht, der Hidschab bleibt am Kopf, und aus Nina wird Fatima. Halal und Haram werden zu Modewörtern in den eigenen vier Wänden, und zur Geburtstagsfeier von Mama Wanda fallen vom Faschingsscherz bis zum gekünstelten Verständnis alle möglichen Meinungen zu einem Umstand, den man getrost Religionsfindung nennen kann.

Die österreichische Drehbuchautorin und Schauspielerin Eva Spreitzhofer hat, das muss ich wirklich sagen, Mut bewiesen, eine Komödie über den Islam zu drehen. Ein heißes Eisen, vor allem im Zeitalter des islamistischen Terrors und der Flucht aus dem Nahen Osten, der das gesellschaftspolitische Gefüge in Europa gehörig erschüttert hat. Brisant ist gar kein Ausdruck. Die Vielzahl der Meinungen unübersehbar. Die Sitten des Islam und die Stellung der Frau im kulturellen Kontext oftmals Gegenstand nicht enden wollender und oftmals hitziger Debatten. Wäre ich Filmemacher, wäre mir das Thema viel zu riskant, obwohl es mich allemal reizen würde. An der eigenen Meinung festzuhalten und trotzdem nicht die Balance zwischen Kritik und Anbiederung zu verlieren – das ist ein Umstand, der Fingerspitzengefühl erfordert. Ein durchdachtes Drehbuch, ein kluger Plot. Spreitzhofer, die ihren Film auch geschrieben hat, versucht merkbar diplomatisch, sich durch das Chaos eines Culture-Clash zu winden, ohne irgendwo anzuecken. Das Ausbleiben des Unbequemen mag in anderen Filmen langweilig wirken, in Womit haben wir das verdient? gerät es zu einem versöhnlichen Alltagslustspiel, das nichts weniger will als zu diffamieren. Die Religion an sich bleibt unangetastet, blasphemisch ist hier gar nichts. Das war es allerdings bei Das Leben des Brian der Monty Pythons genauso wenig, und doch hagelte es Proteste. Vielleicht, weil manche gewisse Details übersehen haben. Das kann bei Spreitzhofer´s Film nicht passieren. Behutsam wie beim Errichten eines Kartenhauses erklärt sich die gut besuchte, österreichische Erfolgskomödie mit fast jeder Szene als Botschafterin eines repsektorientierten Miteinanders, und zieht einzig und allein die stets widersprüchliche Auslegung verfasster Dogmen durch den Kakao. Dabei geht es viel weniger um Religion als um die individuellen Befindlichkeiten gesellschaftlicher Eitelkeiten, für die Selbstreflexion ein Fremdwort ist. Im Zeitalter der Sozialen Medien überbrückt das Ereifern im Glauben persönliche Defizite, und deklariert seine eigene Unzulänglichkeit, mit sich und der Welt gelassen klarzukommen. Womit haben wir das verdient? provoziert nicht, und entlässt das Publikum auch nicht mit gemischten Gefühlen. Mit gehörig Understatement gelingen die besten satirische Spitzen in unaufgeregten Nebensätzen, welche Widersprüche in bigottem Verhalten so manche Konformität hinfällig werden lassen. Das ist erhellend, vollkommen logisch und nichts was es zu diskutieren gilt. Das sieht ein jeder, egal ob und wenn ja welchem Glauben er anhängt. Das macht den Film auch so richtig zu einem gewieften Feel Good Movie, das sich nicht lustig macht, sondern abendfüllend zum Schmunzeln einlädt, obwohl mit mehr Reibung und weniger Rücksicht auf Befindlichkeiten das ganze verdientermaßen nachhaltiger und griffiger geworden wäre.

Schauspielerisch ist hier einiges an Luft nach oben, vor allem Chantal Zitzenbacher als Teenager auf konfessionellem Egotrip ist manchmal zu aufgesetzt genervt von allem, was ihre Figur auch anfangs unsympathisch macht. Caroline Peters hingegen ist ideal besetzt und leidenschaftlich genug in ihrer selbstlosen Mutterliebe, Simon Schwarz in einer Nebenrolle hat vor allem in der jetzt schon kultigen Niqab-Szene die meisten Lacher auf seiner Seite. Trotz der wechselnden Schauspielqualitäten und der schaumgebremsten Ambitionen ist Womit haben wir das verdient? pfiffige Unterhaltung mit liberalen Einsichten und dialogfähigen Aussichten, mit oder ohne Hidschab. Am liebsten aber ohne.

Womit haben wir das verdient?

Am Ende des Tages

DER FREUND VON FRÜHER

7,5/10

 

amendedestages© 2011 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2011

REGIE: PETER PAYER

MIT NICHOLAS OFCZAREK, SIMON SCHWARZ, ANNA UNTERBERGER U. A.

 

Bei meinen Reviews versuche ich stets, so gut es geht allen Spoiler-Versuchungen großräumig auszuweichen, sodass meine Beiträge auch gelesen werden können, auch wenn der betreffende Film noch nicht zur Sichtung kam. Bei dem österreichischen Thriller Am Ende des Tages ist es wirklich sehr schwierig, nicht zuviel zu verraten. Worüber ich aber rezensieren kann, das sind die Schauspieler – und das Genre des Streifens, der eigentlich weitaus mehr ist, als die Synopsis vermuten lässt. Was Peter Payer´s Roadmovie eben auch ist: ein Werbefilm für Österreich. Wir sehen einen österreichischen Politiker, gespielt von Simon Schwarz, der im schulterklopfenden Erfolgstaumel eines Sebastian Kurz kurz davor steht, in den Nationalrat einzuziehen, steht die Riege einflussreicher Politbonzen doch hinter ihm und hofiert, dass die Parlamentsbänke krachen. In kessem Schwarz und mit überheblichem Gutmenschen-Grinser will Robert in Tirol ein angenehmes Wochenende verbringen, gemeinsam mit seiner Frau und zukünftigen Mutter, die Tochter superreicher Eltern. Vielleicht zwischendurch ein Interview mit dem Magazin Profil, aber sonst will das exklusive Paar zwischen den Gipfeln Westösterreichs so ziemlich für sich sein. Sie fahren mit dem Auto – also quer durch das schöne Land von Mozartkugel und Arnold Schwarzenegger. Und da geizt der Film natürlich nicht mit panoramaformatierten Reizen, von den agrardominierten Niederungen des Ostens bis zu den schneebedeckten Gipfeln des Westens. Auch Salzburg darf seine Schokoladenseite präsentieren, und irgendein See im Salzkammergut, in dem sich gut baden lässt. Tourismuswerbung all inclusive, das Budget des Filmes dürfte damit schon auf der Haben-Seite sein. Doch warum eigentlich nicht, was das Filmland Österreich hat, das hat es. Und es hat nicht nur wohlgeteerte Autobahnen und Freilandstrassen, sondern auch Schauspieler, die, während sie fahren und an Tankstellen und Raststationen halten (Danke Landzeit und BP), ein recht subversives, garstiges Drama vom Zaun brechen, das als Stalkerthriller alleine zwar auch sehr gut funktioniert, mit den Seitenhieben einer Politsatire aber noch besser punktet. Und das überrascht mich dann doch.

Was mich weniger überrascht, ist Nicholas Ofczarek´s famoses Spiel. Stets in seiner Rolle, wunderbar nuanciert, ekelhaft gut: der Sohn österreichischer Opernsänger ist ohnehin als Qualitätsgarant auf Bühnen, im Kabarett und im Fernsehen eine stets Erwartungshaltungen erfüllende Kunstfigur. Immer mit dem Hang zum Vulgären, Absonderlichen, Brutalen. Aber niemals plump, stets überlegt und mit cleverem Pfiff. Genauso legt der schwerfällig scheinende Hüne auch seine Rolle des vermeintlichen Psychopathen Wolfgang an, der seinem ehemaligen Jugendfreund scheinbar zufällig über den Weg läuft, um ihn dann nicht mehr aus den Augen zu lassen. Was für ein Stalker unter der sommerlichen Sonne, der sich noch dazu in Frauenkleider zwängt und dem werdenden Polit-Star fortan mit unangenehmen Fragen konfrontiert, von dessen Inhalt selbst die neureiche Kathi keinen blassen Schimmer hat. Simon Schwarz allerdings stößt bei seinem Spiel des souveränen Weltmenschen manchmal an seine Grenzen, da wirkt sein Spiel aufgesetzt und schulisch. Darstellerische Fehler, die er in anderen Szenen aber wieder wettmacht.

Die kompakt konzipierte, schneidige Story nimmt von Anfang an und im wahrsten Sinne Fahrt auf, hat keinerlei Verschnaufpausen notwendig und führt den etwas anderen Politthriller zu einem konsequenten, schlüssigen Finale, das sogar ein bisschen an Roman Polanski´s Der Tod und das Mädchen erinnert. Um Wahrheit geht es hier, um Ehrlichkeit und Verdrängung. Um weiße Westen und die Gier nach Macht, die jeden selbstherrlichen Orator in die Politik drängt.

Ich hätte nicht vermutet, hinter Am Ende des Tages einen so differenzierten Mix aus mehreren Genres vorzufinden. Einen schnittigen Thriller, der vieles will, dieses Viele klug komprimiert und eigentlich alles erreicht, was er sich vorgenommen hat. Inklusive Wetterpanorama von unserem schönen Österreich.

Am Ende des Tages

Stille Reserven

SCHLAFEN, WENN MAN TOT IST

5/10

 

stillereserven© 2016 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2016

REGIE: VALENTIN HITZ

MIT CLEMENS SCHICK, LENA LAUZEMIS, MARION MITTERHAMMER, SIMON SCHWARZ U. A.

 

Welche Phrase verwenden Workaholics gerne, um ihren Duracell-Zustand zu rechtfertigen? „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“. Nun, in einer unbestimmten, nicht weit entfernten Zukunft, im Herzen der Europäischen Union, genauer gesagt in einem geradezu postapokalyptisch entseelten Wien, ist genau das zur optimierten Nutzung vorhandener Ressourcen gang und gäbe geworden. Nicht nur Altpapier, nicht nur Plastikflaschen und Biomüll – nein, in dieser nicht wirklich lebenswerten Zukunft werden auch tote Menschen nicht für tot gehalten, sondern vegetativ am Leben. Ähnlich wie in Matrix dämmert ein künstlich am Leben erhaltener Homo sapiens vor sich hin, um nach und nach ausgeschlachtet zu werden. Denn Ressourcen – die werden in den kommenden Tagen nicht verschwendet. Gut, man kann Nachhaltigkeit auch übertreiben. In Valentin Hitz abgasegrauer Dystopie ist genau das passiert. Jener Teil der Bevölkerung, der verschuldet das Zeitliche segnet, darf auch postmortem seine Schuldigkeit abbezahlen. Das ist fast so wie mit dem Teufel und seiner Seele. Wiener Sagen haben also zukünftig wieder Hochkonjunktur und sind sogar Teil des Regierungsprogramms – wenn der Teufel im Parlament sitzt. Das tut er. Und das nutzen auch Konzerne, die keilen was geht, um Todesversicherungen abzuschließen. Somit ist nicht mal mehr der Tod umsonst, denn selbst der kostet eigentlich das Leben. Versichern beruhigt also ungemein – sofern man das Geld dafür hat.

Valentin Hitz bedient sich mit Spaten und Schaufeln den Ideen George Orwells, den Zivilisationsalbträumen eines Terry Gilliam und den Film Noir-Elementen aus Blade Runner. Stille Reserven macht das versuchte Zitieren und Imitieren riesigen Spaß – nur ist fast mitleidig zu bemerken, dass der Film vergeblich so gerne so sein will wie die, die er zitiert, es aber zumeist nicht hinbekommt. Stille Reserven wirkt wie das Abschlussprojekt eines Filmschülers. Wäre dem tatsächlich so, gebürt Valentin Hitz großes Lob. Grün hinter den Ohren und so ein Film zum Einstand – da würde ich nicht meckern wollen. Nur dürfte es sich so leider nicht verhalten. Die Koproduktion aus Österreich, Deutschland und der Schweiz hat zwar von überall her seine Finanzierungen erhalten – viel Zuschuss dürfte es nicht gewesen sein. Wobei Kameramann Martin Gschlacht hier versucht, Bilder einzufangen, die von hypnotisch-ohnmächtiger Kälte unbeheizter Bauwerke dominiert werden. Mittendrin Schauspieler, die sich wie Androiden verhalten. Womöglich sind sie das auch, zur Sprache kommt aber die Roboterthematik so gut wie gar nicht. Was aber ein verführerisch fuchsiger Gedanke wäre. Denn die Idee hinter Stille Reserven hätte das Zeug dazu gehabt, was weltbewegend Großes entstehen zu lassen. Natürlich längst nicht so etwas wie Blade Runner, aber zumindest etwas Visionäres. Etwas, das bewegt, und vielleicht sogar ein bisschen verstört.

Beides tut Stille Reserven nicht. Zugegeben, das Szenario des ungewohnten Todes, das Vorenthalten der Erlösung – das lädt schon zum Nachdenken ein, und hinterlässt auch das eine oder andere beklemmende Gefühl. Glücklich wird man bei Hitz Versuch eines futuristischen Versicherungskrimis jedenfalls nicht. Erstens weil die Welt, die er zeigt, nicht mal mehr sterbenswert zu sein scheint. Und zweitens, weil der Film seinen Höhepunkt verwirkt. Oder sagen wir, völlig fehlinszeniert im Keim erstickt. Gefühlte Dramatik hat in Stille Reserven nichts verloren. Die Protagonisten stolpern in sperrig-steifer Manier, in regennassen Mänteln und sinnierend rauchend durch eine Sin City der Todessehnsucht, auf die Größenordnung einer Wienerstadt schmalgespurt und die Skyline des Laaerberges in ein Wolkenkratzer-Stakkato verwandelt. Was bleibt, ist eine Beschattungs- und Informantenhatz zwischen Graffiti-Slum, Brazil und Soderbergh´s The Good German. Gehöriges Potenzial, das Hitz Film gehabt hätte. Doch leider zu eintönig, langatmig und unfreiwillig statisch. Wobei der Cameo von Dagmar Koller zwar irritiert, aber in all der Trostlosigkeit für Schmunzeln sorgt.

Stille Reserven

Griessnockerlaffäre

JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN

5,5/10

 

griessnockerl© 2017 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2017

REGIE: ED HERZOG

MIT SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SCHWARZ, ENZI FUCHS, BRANKO SAMAROVSKI U. A.

 

Jetzt ist schon wieder was passiert. Ja, ich weiß, das ist von Wolf Haas, trifft aber auf Rita Falk genauso zu. Genauer gesagt auf das Bundesland Bayern und insbesondere auf Niederkaltenkirchen. In Niederkaltenkirchen, da sorgt ein gewisser Franz Eberhofer für Recht und Ordnung. Und für den nötigen Auslauf seines Hundes. Nichts kann den lethargischen Polizisten aus der Ruhe bringen, es sei denn, die Fleischerei vom Simmerl hat geschlossen. Gibt es keine Leberkäsesemmeln, mindestens vier an der Zahl, hilft nur noch ein Maß Bier. Gibt’s das auch nicht, kann es schon sein, dass Eberhofer seine Knarre zieht. Blöd kommen darf man ihm auch nicht. Da kann es sein, dass der dauerfertige Genussmensch plötzlich unter Mordverdacht steht. So gesehen in der neuesten Verfilmung der Landkrimis von eingangs erwähnter Rita Falk. Zugegeben, diese Bücher sind dafür gemacht, sie zu verschlingen. Ähnlich wie eine Leberkäsesemmel, die man auch stets mit ein paar Bissen hinunterwürgt, weil sie doch so gut schmeckt. Die schrulligen Krimis sind nicht anders. Deftig, würzig und vor allem witzig. Das liegt auch an der Ich-Erzählform, an der Figur der schwerhörigen, stets schreienden Oma und all den anderen skurrilen Typen wie den kurzsichtigen Klempner und des Eberhofers Ex-Kollege Birkenberger.

Die Verfilmungen selber haben so ihre Probleme. Der Punkt ist der, dass die Eberhofer-Krimis als Spannungsgeschichte selbst relativ wenig hergeben. Da ist schon jede Folge von Soko Kitzbühel spannender, mitunter auch Der Bergdoktor. Worum es bei den Eberhofer-Krimis in erster Linie geht, das sind die Anekdoten des Alltags. Die haben in all den Büchern einen angenehmen Wiedererkennungswert. Es ist fast wie heimkommen, alles ist so vertraut. Und die Spannung resultiert aus der lausbübischen Neugierde, was dem Eberhofer denn jetzt wieder ungelegen kommen mag. Ungelegen ist so ziemlich alles, der Mann will seine Ruhe und ein gutes Essen von seiner Oma. Doch das alles liest sich viel besser als dass man es jemals auf die Leinwand bringen könnte. Ist das Publikum mit den vielen denkwürdigen Nebenrollen und den täglichen Ritualen von Eberhofer und Co nicht vertraut, ist es leicht, aufgrund der vielen kleinen Randnotizen ein bisschen den Überblick zu verlieren. Im Buch ist alles im Fluss, das eine bedingt das andere. Im Film reihen sich all die skurrilen Momente relativ unmotiviert aneinander, so, als müsste die Regie in hundert Minuten alles verstauen, was das Buch selbst hergegeben hat. Weggelassen wird tatsächlich nichts, was aber nicht heißt, dass die nebenher erzählte Geschichte von der lieben Oma und ihrer mysteriösen Griessnockerlaffäre wirklich die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätte. Eberhofer scheint zumindest im Film alles egal zu sein. Es stimmt schon, die Rollen sind alle gut besetzt – vor allem punktet diesmal neben dem stets resoluten Simon Schwarz Schauspielerin Nora Waldstätten als Polizeikommissarin Thin Lizzy. Doch irgendwie passt alles nicht wirklich zusammen. Was denn jetzt, frage ich mich. Krimi oder regionale Posse? Das Gleichgewicht bekommt das Buch bestens hin – der Film eher weniger. Anzudenken wäre eine Eberhofer-Serie, denn Krimis sind immer besser erzählt, wenn sie genug Spielraum haben.

Griessnockerlaffäre hat das zwar nicht, und amüsiert auch nur oberflächlich, könnte aber Nichtkenner der Materie dazu bewegen, mal zum Buch zu greifen. Ich schreibe aus Erfahrung, denn einen ähnlichen Effekt erzielte für mich Dampfnudelblues. Vom bizarren Stelldichein irgendwo im Nirgendwo Bayerns überrumpelt, war der Gang in die Bücherei auf der Suche nach Rita Falk nur mehr eine Frage der Zeit. Und wenn schon nicht der Film selbst, hat sich zumindest das Kennenlernen von Eberhofers Welt auf Film so ziemlich ausgezahlt.

Griessnockerlaffäre

Schweinskopf al dente

FÜR DIE WÜRSCHT ´

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schweinskopf

Zefix no amoi! Jetzt ist in dem bayrischen Kaff Niederkaltenkirchen schon wieder was passiert. Ach so, sorry, dieses Zitat hat ja seinen Ursprung in den Krimis von Wolf Haas. Da sind wir komplett am falschen Dampfer. Der launige Provinzsheriff Eberhofer hat es diesmal mit allerhand Schweinernem zu tun – und damit meine ich nicht unbedingt die tägliche Leberkäsesemmel zum Frühstück. Als Finsterling aus den süddeutschen Wäldern steht ihm niemand geringerer als Moretti-Bruder Gregor Bloeb im Weg. Dass der Ehemann von Vorstadtweib Nina Proll tatsächlich so diabolisch aufspielen kann, ist in der nun schon dritten Verfilmung von Rita Falk´s aberwitziger und schwarzhumoriger Bestsellerreihe die wohl einzige erstaunliche Erkenntnis, die man sich aus dem biederen Schwank mit nach Hause nehmen kann. Denn mehr als ein Schwank ist Schweinskopf al dente leider nicht geworden.

Dabei waren die Erwartungen schon etwas höher angesetzt, nach dem gelungenen Erstling Dampfnudelblues und der nicht weniger sehenswerten Fortsetzung Winterkartoffelknödel, obwohl die Abwesenheit Gisela Schneebergers als Omi schon beim zweiten kinotauglichen Kriminalfall leider schmerzhaft ins Gewicht gefallen war – Enzi Fuchs ist in ihrer griesgrämigen Art leider kein Ersatz für Gerhard Polt´s langjährige Filmpartnerin. So muss man nun mit der Zweitbesetzung Vorlieb nehmen – wenn es weiter nichts wäre! Doch das, was in den Büchern tadellos funktioniert, nämlich das skurrile Lokalkolorit, die süffisante Ich-Erzählweise des Eberhofers, die regelmäßig und meist selbstverschuldet zum Handkuss kommenden Saufbrüder Simmerl und Flötzinger (der eine Fleischhauer, der andere Installateur) und die Verkettung kurioser Ereignisse wirkt im Kino nur leidenschaftslos aufgewärmt und hat den Hang zur klamaukigen Sketchparade. Wobei die Eberhofer-Krimis eigentlich etwas ganz Anderes sind. Die geschriebenen Geschichten setzen sehr auf kauzige Stimmung – Schweinskopf al dente tut dies leider nicht.

Auf dem Niveau eines Krüger/Gottschalk-Vehikels kalauern sich die ansonsten treffend besetzten Schauspieler durch ein Drehbuch, dass seine Schwierigkeiten hat, wie aus einem Guss zu wirken und Pointen ohne Gefühl für Timing in plumper Aneinanderreihung versemmelt. Da möge die gewagte Optik noch so innovativ daherkommen – den Schweinskopf kann sich der Weißwurstpolizist behalten. Ich lese lieber das Buch.

 

Schweinskopf al dente