X

DIE ALTEN ALS FEINDBILD

6/10


x© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: TI WEST

CAST: MIA GOTH, JENNA ORTEGA, BRITTANY SNOW, KID CUDI, MARTIN HENDERSON, STEPHEN URE, OWEN CAMPBELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Gegen diesen alten Griesgram ist Hogwarts Hausmeister Filch aus dem Harry Potter-Universum geradezu die Freundlichkeit in Person: Wie der knorrige Greis mit der Flinte auf den jungen Herren da zielt, die Mundwinkel gleich einer bissigen Karikatur böse heruntergezogen, und bei den wenigen Worten, die der Alte da von sich gibt, blitzt ein einzelner Zahn in einem Gebiss, das dringend Dritte benötigt – spätestens nach dieser Begegnung wird klar: Hier lässt sich wohl kaum etwas von der älteren Generation lernen, denn diese sinistre Gestalt führt sicher nichts Gutes im Schilde.

Wie jetzt? Vor den Alten braucht sich von den Jungen doch niemand zu fürchten, oder? Einfach den Sitzplatz in den Öffis überlassen, über die Straße geleiten oder die schweren Einkaufstaschen abnehmen – das ist schon die halbe Miete, um die Brücke zu schlagen zwischen Gestern und Heute. Falsch gedacht. Die Älteren werden oft unterschätzt, da sitzt der Griesgram, der Neid und die entbehrlichen Erfahrungen aus Kriegen und Notzeiten manchmal ganz tief. Die eigene Erziehung, die durchaus mit Gewalt und militanter Prüderie einhergegangen sein mag, prägt das Handeln. Und dann das: ein junges Filmteam macht sich auf dem Anwesen des zahnlosen Alten mitsamt seiner gespenstisch erscheinenden Gattin breit. Es will einen Film drehen, und zwar nicht irgendeinen, sondern den womöglich besten Pornofilm aller Zeiten. Zumindest ist die Begeisterung groß bei den jeweils drei Männern und Frauen, die sich auch nicht wirklich die Mühe geben, die Bauersleut‘ über die pikanten Umstände aufzuklären.

Da gehört schon ein ordentliches Quantum an Respektlosigkeit dazu, allerdings auch ein gesundes Revolutionsbewusstsein, das in heller Koitusfreude die katholizistische Prüderie der amerikanischen Predigergesellschaft aufzubrechen gedenkt. Nicht mit den Alten, lautet in Ti Wests blutigem Psychothriller die Devise. Denn die sind immer noch da und gefälligst ernst zu nehmen. Auch wenn sie den Eindruck vermitteln, längst im Morast der Demenz zu versinken.

Selten hat man die Generation der 80 plus so sehr der Hilfsbedürftigkeit entledigt gesehen wie in X, abgeleitet vom X-Faktor, dem gewissen Etwas. Altwerden geht hier einher mit Missgunst, Frust und Manie. Anders Houchang Allahyaris generationenübergreifender Liebesfilm Der letzte Tanz. Hier haben wir Erni Mangold als innerlich junggebliebene Tänzerin, die im Altersheim eine Beziehung mit einem Pfleger eingeht, der ihr Enkel hätte sein können. Auch so lassen sich die Bedürfnisse des Alters darstellen. In Don’t Breathe ist der mit Vorurteilen getarnte Mythos der Senilität das letzte Überbleibsel einer wehrhaften Elite, die der Ignoranz der heutigen Jugend effektiv die Stirn bietet. Anders bei Ti West: Dort ist das Alter das marode Ergebnis einer Gleichung aus Moraldiktatur und vorenthaltener Freiheiten. Da es sich bei X natürlich um Entertainment-Horror handelt, werden auch entsprechend und auf vielfältige Art und Weise brutal die Leviten gelesen. Dabei greift West in den stilistischen Zitatenschatz der italienischen Giallo aus den Siebzigern, verbunden mit Elementen des Haunted House-Horrors und amerikanischer Grindhouse-Slasher. Mittendrin Mia Goth als zukünftiges Porno-Starlet, die wohl mit Simon Rex aus Red Rocket eine Freude gehabt hätte, gefolgt von einer bestens auf Siebziger getrimmten Gefolgschaft, die nach und nach dezimiert wird.

Das beinhaltet nun nicht die große Palette an Überraschungen, die auf einen zukommt. Überraschend sind wohl eher einige Ungereimtheiten im Skript, die verhindern, dass der Film seine logischen Parameter hat. Oder wie lässt sich sonst erklären, dass ein seniles Ehepaar wie dieses einen ganzen Bauernhof führt? Plausibilitätsferne Symbolik ist in X vermehrt zu finden, darunter auch der ganz besonders inszenierte Ekel vor dem Altwerden, das mit dem Rühren an Tabuthemen auch sein Publikum verschrecken will. Ob das gelingt? Kommt ganz auf die Toleranz der Zuseher an.

X

Super – Shut up, Crime!

ZWISCHEN DEN PANELS

7/10


supershutupcrime© 2010 That is That


LAND / JAHR: USA 2010

BUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: RAINN WILSON, ELLIOT PAGE, LIV TYLER, KEVIN BACON, MICHAEL ROOKER, GREGG HENRY, ANDRE ROYO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Natürlich gibt es Superhelden, die keinerlei Superkraft haben. Batman zum Beispiel, Hawkeye oder The Falcon. Diese Weltenretter und -verbesserer kompensieren aber den Mangel ihrer physischen und metaphysischen Kräfte entweder mit Know-How oder mit Geld. Stellt sich die Frage: wie ist es denn mit Superhelden, die weder spezielle Fähigkeiten haben, noch Geld, noch in irgendeinem ihrer Skills Weltmeister sind? Nun, die gibt es auch. Aber sind das dann Superhelden? Kommt drauf an. In Super – Shut up, Crime! bringt es Loser Frank auf den Punkt: Superhelden sind sie bereits dann, wenn sie bereit sind, gegen das Böse zu kämpfen. Das allein genügt. Die Erfolgschancen, hier heil durch die Heldenkarriere zu kommen, dabei allerdings äußerst gering. Außer man hat genug Wut im Bauch wie Michael Douglas in Falling Down.

Na gut, die hat Frank. Denn seine Frau (Liv Tyler) hat ihn verlassen – für einen windigen und herablassenden, zwielichtigen Schnösel (Kevin Bacon, für sowas bestens geeignet). Das geht zu weit, vor allem deshalb, weil dieser Schnösel Franks Geliebte für Drogengeschäfte missbraucht. Also hat Frank alsbald eine seiner göttlichen, recht krass visualisierten Eingebungen – diese rät ihm, es doch so zu machen wie der Heilige Rächer (in köstlicher Parodie: Ex-Firefly-Captain Nathan Filion), nämlich als Superheld da rauszugehen und dem Verbrechen den Mund zu verbieten. Das macht er dann auch – und ist bald nicht mehr allein da, denn Comicshop-Lady Elliot Page lässt sich von diesem Hype ebenfalls anstecken.

Hätte sich Michael Douglas als D-Fens ein Cape übergezogen, wäre er noch lange kein Superheld. Denn dem Antihelden aus Schumachers Meisterwerk kam die Gerechtigkeit ihm selbst gegenüber zu kurz – in größeren Dimensionen gedacht hat er nicht. Frank wiederum beginnt seinen Feldzug ebenfalls aus einer gewissen persönlichen Kränkung heraus, wird aber durch religiösen Erweckungs-Schmarrn und Selbstüberschätzung zu einem (selbst)gerechten Wutbürger namens Blutroter Blitz, der zuwiderhandelnden Personen gut und gerne mit einer Rohrzange den Schädel spaltet. Das soll ein Superheld sein? James Gunn, bereits legendär für seine filmische Umsetzung der Guardians of the Galaxy, will nicht so recht glauben, dass die Rechnung als Superheld jemals wirklich aufgehen kann. Was der Blutrote Blitz mit Sidekick Blitzie alles so anstellt, sind klagbare Verbrechen zweier Moralapostel, die mit Gewalt den Anstand erzwingen. Doch das ist nicht alles, und der Film begnügt sich auch nicht, der Zunft der Superhelden einen Kick-Ass zu verpassen. Er führt seine explizit groteske und durchaus manchmal jenseits des guten Geschmacks befindliche Satire Super – Shut up, Crime! nicht ins Nirgendwo, sondern zu einem Wendepunkt hin, der einen ganz bestimmten Umstand einfordert, um die Idee hinter Cape und Pseudonym tatsächlich auch zu verstehen. Letzten Endes vermutet man aufgrund dieser Prämisse hinter diesem hingerotzten Grunge-Movie zu Recht ein helles Köpfchen.

Super – Shut up, Crime!

Womit haben wir das verdient?

BEKENNTNISSE EINES TEENIES

6,5/10

 

womithabenwirdasverdient© 2018 Neue Visionen

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: EVA SPREITZHOFER

CAST: CAROLINE PETERS, CHANTAL ZITZENBACHER, SIMON SCHWARZ, HILDE DALIK, PIA HIERZEGGER U. A.

 

Cat Stevens hat es getan. Und vor Kurzem Sinéad O’Connor. Beide sind zum Islam übergetreten, beide haben in dieser Weltreligion das gefunden, was ihr Leben bereichert. Die Namen, die beide berühmt gemacht haben, gibt es nicht mehr. Der eine heißt Yusuf Islam, die andere Shuhada Davitt. Der natürliche Endpunkt eines jeden Theologen, meint die irische Sängerin. Soll so sein, so etwas will und kann ich nicht beurteilen. Ich habe mit meinem eigenen Glauben genug zu tun. Und Missionierung geht gar nicht. Missionieren steht den Eltern der 16jährigen Nina allerdings auch nicht im Sinn, da sie selbst nicht wirklich an etwas glauben. Aber der Mund bleibt ihnen dennoch offenstehen. Nina trägt von heute auf morgen einen Hidschab und konfrontiert ihren Vormund im Rahmen einer therapeutischen Familiensitzung. Papa nimmt’s gelassen, die Mama tut sich schwer, das Ganze ernst zu nehmen und hofft auf eine temporäre Provokation ihres pubertierenden Kindes. Falsch gedacht, der Hidschab bleibt am Kopf, und aus Nina wird Fatima. Halal und Haram werden zu Modewörtern in den eigenen vier Wänden, und zur Geburtstagsfeier von Mama Wanda fallen vom Faschingsscherz bis zum gekünstelten Verständnis alle möglichen Meinungen zu einem Umstand, den man getrost Religionsfindung nennen kann.

Die österreichische Drehbuchautorin und Schauspielerin Eva Spreitzhofer hat, das muss ich wirklich sagen, Mut bewiesen, eine Komödie über den Islam zu drehen. Ein heißes Eisen, vor allem im Zeitalter des islamistischen Terrors und der Flucht aus dem Nahen Osten, der das gesellschaftspolitische Gefüge in Europa gehörig erschüttert hat. Brisant ist gar kein Ausdruck. Die Vielzahl der Meinungen unübersehbar. Die Sitten des Islam und die Stellung der Frau im kulturellen Kontext oftmals Gegenstand nicht enden wollender und oftmals hitziger Debatten. Wäre ich Filmemacher, wäre mir das Thema viel zu riskant, obwohl es mich allemal reizen würde. An der eigenen Meinung festzuhalten und trotzdem nicht die Balance zwischen Kritik und Anbiederung zu verlieren – das ist ein Umstand, der Fingerspitzengefühl erfordert. Ein durchdachtes Drehbuch, ein kluger Plot. Spreitzhofer, die ihren Film auch geschrieben hat, versucht merkbar diplomatisch, sich durch das Chaos eines Culture-Clash zu winden, ohne irgendwo anzuecken. Das Ausbleiben des Unbequemen mag in anderen Filmen langweilig wirken, in Womit haben wir das verdient? gerät es zu einem versöhnlichen Alltagslustspiel, das nichts weniger will als zu diffamieren. Die Religion an sich bleibt unangetastet, blasphemisch ist hier gar nichts. Das war es allerdings bei Das Leben des Brian der Monty Pythons genauso wenig, und doch hagelte es Proteste. Vielleicht, weil manche gewisse Details übersehen haben. Das kann bei Spreitzhofer´s Film nicht passieren. Behutsam wie beim Errichten eines Kartenhauses erklärt sich die gut besuchte, österreichische Erfolgskomödie mit fast jeder Szene als Botschafterin eines repsektorientierten Miteinanders, und zieht einzig und allein die stets widersprüchliche Auslegung verfasster Dogmen durch den Kakao. Dabei geht es viel weniger um Religion als um die individuellen Befindlichkeiten gesellschaftlicher Eitelkeiten, für die Selbstreflexion ein Fremdwort ist. Im Zeitalter der Sozialen Medien überbrückt das Ereifern im Glauben persönliche Defizite, und deklariert seine eigene Unzulänglichkeit, mit sich und der Welt gelassen klarzukommen. Womit haben wir das verdient? provoziert nicht, und entlässt das Publikum auch nicht mit gemischten Gefühlen. Mit gehörig Understatement gelingen die besten satirische Spitzen in unaufgeregten Nebensätzen, welche Widersprüche in bigottem Verhalten so manche Konformität hinfällig werden lassen. Das ist erhellend, vollkommen logisch und nichts was es zu diskutieren gilt. Das sieht ein jeder, egal ob und wenn ja welchem Glauben er anhängt. Das macht den Film auch so richtig zu einem gewieften Feel Good Movie, das sich nicht lustig macht, sondern abendfüllend zum Schmunzeln einlädt, obwohl mit mehr Reibung und weniger Rücksicht auf Befindlichkeiten das ganze verdientermaßen nachhaltiger und griffiger geworden wäre.

Schauspielerisch ist hier einiges an Luft nach oben, vor allem Chantal Zitzenbacher als Teenager auf konfessionellem Egotrip ist manchmal zu aufgesetzt genervt von allem, was ihre Figur auch anfangs unsympathisch macht. Caroline Peters hingegen ist ideal besetzt und leidenschaftlich genug in ihrer selbstlosen Mutterliebe, Simon Schwarz in einer Nebenrolle hat vor allem in der jetzt schon kultigen Niqab-Szene die meisten Lacher auf seiner Seite. Trotz der wechselnden Schauspielqualitäten und der schaumgebremsten Ambitionen ist Womit haben wir das verdient? pfiffige Unterhaltung mit liberalen Einsichten und dialogfähigen Aussichten, mit oder ohne Hidschab. Am liebsten aber ohne.

Womit haben wir das verdient?