Primate (2025)

DEM HERRENTIER HERR WERDEN

5,5/10


© 2026 PARAMOUNT PICTURES. ALL RIGHTS RESERVED / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOHANNES ROBERTS

DREHBUCH: JOHANNES ROBERTS, ERNEST RIERA

KAMERA: STEPHEN MURPHY

CAST: JOHNNY SEQUOYAH, TROY KOTSUR, JESSICA ALEXANDER, VICTORIA WYANT, BENJAMIN CHENG, GIA HUNTER, MIGUEL TORRES UMBA, CHARLIE MANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN



Was Schimpansen-Expertin Jane Goodall zu Primate wohl sagen würde? Sie würde sagen: Film ist Film, Realität ist Realität, beides muss man wohl streng auseinanderhalten. Denn was der Tierhorror aus primatologischer Sicht an schockierenden Schauwerten liefert, lässt Zoologen und Verhaltensforscher die Haare raufen. Menschenaffen, die mit Tollwut infiziert sind: was werden sie wohl tun? Im Grunde zeigen sie ganz ähnliche Symptome wie der Mensch, schon allein deshalb, weil die DNA beider Primatenarten (ja, das sind wir, wir zählen zoologisch gesehen immer noch zu den Primaten) zu mehr als 90% identisch ist. Bekanntestes Symptom bei Infektion mit dem Tollwut-Virus: Aggression, Wut, Reizbarkeit – all das. Doch selten geplantes, bösartiges Verhalten. Ben, der Affe, tut aber, als wäre er von einem Dämon besessen. Es stellt sich somit gar nicht mehr die Frage, wie würde sich ein Schimpanse wirklich verhalten – und schon gar nicht die Frage, wie würden sich seine kognitiv versierteren Verwandten verhalten, die diesem Affen ausgesetzt sind, der natürlich an dieser Krankheit sichtlich leiden muss?

Der Affe im gemachten Nest

In Primate unterliegt logischerweise alles dem Konzept des expliziten Slashers, der alle erdenklichen Parameter abliefert, die notwendig sind, um eine scheinbar ausweglose Situation zu erzeugen. Überraschend ist das nicht, und vielleicht will man sich ja auch als Horror-Affiner gerne in ein gemachtes Nest setzen, umgeben von vertrauten Versatzstücken, um mit Schadenfreude, Ekel und Schreckstarre in den Gliedern einem eskalierenden Szenario zu folgen, dass gleich zu Beginn eine aus dem Kontext der späteren Handlung gerissene Szene als Prolog zitiert. Das wirkt etwas undurchdacht, doch wie auch immer: Roberts hat große Lust, uns den Horror auf nüchternem Magen zu servieren, damit jeder weiß, wie sehr es später zur Sache geht. Will heißen: Wo auf einer Gewaltskala von eins bis zehn Primate seinen wie vom wilden Affen gebissenen Affen randalieren lässt. Die paar Mädels und Jungs, knapp beschürzt und natürlich kein bisschen ahnend, welche Nacht des Grauens sie wohl alle erleben werden, hat Johannes Roberts auch nicht gerade neu charakterisiert. Mal sehen, wie souverän der Macher vom Taucherhorror 47 Meters Down und 47 Meters Down: Uncaged den recht trivialen Plot auf Spur bringt.

Intelligenzbestien und menschliche Leuchten

In den Achtzigerjahren trieb ein Film mit dem Titel Link, der Butler vor allem in den Videotheken sein Unwesen. Synopsis des Thrillers: In diesem Fall randaliert – oder besser gesagt – erwehrt sich ein Orang-Utan im Hause eines Primatologen mit allen ihm zur Verfügung stehenden tödlichen Mitteln der Euthanasie. Tierhorror der alten, natürlich billigen Schule, obgleich mit Elisabeth Shue und Terence Stamp. Für den neuen Affenhorror verpflichtet sich der gehörlose CODA-Star Troy Kotsur als des Schimpansen Vertrauter, der, leider auf Geschäftsreise, besagter Handvoll Jugendlicher das abgelegene Luxusanwesen zwecks Sommerparty überlässt. Soweit aber kommet es hat nicht, stört doch der mit Tollwut infizierte Ben die Nachtruhe, um gezielt Terror und Tod zu verbreiten. So viel Verständnis kann man für die Erkrankung des Herrentieres gar nicht aufbringen, um dem blutrünstigen Berserker seine bewusst ausgeführten Verfehlungen nicht übelzunehmen. Das Tier wird so zum Monster, infolgedessen beantwortet man, was zu erwarten war, die Frage nach adäquatem Verhalten einer Handvoll Homo sapiens im Publikum wohl etwas anders als im Film. Es ist so wie bei der Millionenshow: Daheim ist man immer klüger, mittendrin wohl unterliegt die planende Intelligenz wohl jener des Schimpansen, was die felllosen, knapp beschürzten und im Pool vor sich hin winselnden Zweibeiner nicht gerade als Vorzeigeexemplare unserer Spezies ausersieht.

Hals- und Kieferbruch!

Film ist Film, könnte hier wieder Jane Goodall meinen. Schon in Ordnung, sehen wir uns einfach an, wie nun einer nach dem anderen über des Affen Klinge springt. Und da will Roberts die FSK-Freigabe ohne mit der Wimper zu zücken in den Rotbereich befördern. Wie Ben seine Opfer im wahrsten Sinne des Wortes mitunter auseinandernimmt, ist, als würde Evil Dead wiedermal risen. Der sabbernde Schimpanse hat den diabolisch grinsenden Finsterblick dermaßen gut drauf, da kann einem schon anders werden. Wie in der Prologszene von Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum ereifert sich der brachiale Tierkiller, um ordentlich einzudreschen. Zugegeben, das ist astrein gefilmt, ordentlich explizit und auch der Affe selbst überzeugt in so gut wie jeder Szene.

Viel Neues fällt Roberts aber auch nicht ein, ganz bewusst hält er an Bewährtem fest, womöglich, weil alte Besen eben gut kehren und das Genre-Publikum vorzugsweise in der Sektion gefährliche Tierarten gar nichts anderes will, als das Bewährte. Viel Spielraum scheint es dabei nicht zu geben. Wobei: Man müsste sich nur Dangerous Animals ansehen. Der Genremix aus Tierhorror mit klassischem Serienkillerthriller ist als Rechnung verhaltensauffällig gut aufgegangen.

Primate (2025)

Sasquatch Sunset (2024)

BIGFOOT OHNE HENDERSONS

5,5/10


sasquatchsunset© 2024 Protagonist Pictures

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID & NATHAN ZELLNER

DREHBUCH: NATHAN ZELLNER

CAST: RILEY KEOUGH, JESSE EISENBERG, NATHAN ZELLNER, CHRISTOPHE ZAJAC-DENEK

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Allen ernüchternden Ausreden zum Trotz und auch obwohl es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, da ja schließlich sein kann, dass der Kerl auf dem verwaschenen Video aus den späteren Sechzigerjahren einfach nur ein Mensch in einem Kostüm war, bin ich, einfach aus Liebe zum Thema, fest davon überzeugt: Bigfoots oder Sasquatchs gibt es wirklich. Denn wer kann schon behaupten, all diese ausgedehnten Wälder Nordamerikas wirklich gründlich erforscht zu haben? In diese botanische Tiefsee bettet sich eine primitive, dürftig intelligente Spezies, die rein zur Selbsterhaltung den Dreh insofern raushat, nicht entdeckt zu werden. Wie diese Wesen wohl die Welt sehen? Ob sie wissen, dass sich eine andere Spezies, eben Homo sapiens, die Erde längst untertan gemacht hat? Oder ist unsere Existenzblase aus ihren Augen ebenso eine mythenumrankte Möglichkeit, eine Legende, der man nicht unbedingt auf den Zahn fühlen muss, weil es eben sein kann, dass sich danach vieles vielleicht auch zum Schlechten ändert?

David und Florian Zellner, bislang eingefleischten Westernfans vielleicht bekannt dank ihres feministischen Westerns Smoking Gun mit Mia Wasikowska und Robert Pattinson, haben mit Sasquatch Sunset den Spies umgedreht und eine namenlose pelzige Primatenfamilie ins nordkalifornische Humboldt County geschickt, um die Welt aus ihren Augen für uns Fortschrittsmenschen erfassbar zu machen. Man darf davon ausgehen, dass diese Sasquatchs wohl nicht einer alphabetischen Sprache mächtig sind. Sie grunzen und brummen, alles Übrige drückt sich durch Gestik und Mimik aus. Es sind vier Individuen, ein älteres Männchen, ein jüngeres Männchen, ein Weibchen und ein noch nicht ganz ausgewachsenes, kindliches Exemplar. Wie die Verwandtschaftsverhältnisse wohl zueinander sind, wird wohl nie ganz klar. Das älteste Männchen und somit auch deren Anführer ist stets drauf und dran, mit dem Weibchen zu kopulieren, doch dieses hat nur Augen für den Jüngeren. Der Alte ist aber immerhin so weit in seinem Denken fortgeschritten, dass er andauernd versucht, Dinge zu zählen, ob Beeren an einem Strauch oder die Sterne am nächtlichen Himmel. So ziehen diese vier durch die Wälder, man möchte meinen, wir wären in einem Land vor unserer Zeit, wie Jean-Jacques Annaud dies mit Am Anfang war das Feuer bereits ebenfalls ohne Worte verfilmt hat. Die Natur ist ihre Welt, instinktive Bedürfnisse und Triebe dominieren das Dasein. Und dann passiert das: Der Alte lehnt sich zu weit aus dem Fenster des Abenteuers, berauscht sich mit Pilzen und Beeren und landet auf dem Speiseplan eines Pumas. Drei bleiben über, und auch sie müssen mit den Tücken der Natur klarkommen. Und nicht nur das: Es scheint, als gäbe es da noch eine andere Spezies, die seltsame Spuren hinterlässt, mit denen die Sasquatchs wenig anfangen können.

Zellners Film ist eine Hommage und eine Huldigung auf jene, die nicht die geringste Lust verspüren, sich zu offenbaren. Als kultisch verehrte Bigfoots geben sich Riley Keough und Jesse Eisenberg im Ganzkörper-Fursuit und mit mühsam applizierten Gesichtsmasken die Ehre, bei genauer Betrachtung unterscheidet sich die Qualität des Make-Ups wohl kaum von jener, die bereits damals in den Sechzigern für den Planet der Affen zum Einsatz gekommen war. Aus Budgetgründen wurde wohl von Motion und Facial-Capture abgesehen. Doch Sasquatch Sunset hat gar nicht den Anspruch, technisch State-of-the-Art sein zu müssen. Die analogen Kostüme haben ihren Reiz, die offensichtliche Künstlichkeit der Visagen verleihen diesem in freier Natur gedrehten Drama etwas Kunstbewusstes, nämlich den leisen Status eines aktionistischen filmischen Denkmals, das als Installation in einem Museum of Modern Art gut und gerne im Endlosloop laufen könnte.

Es ist dies die Zeitspanne eines Jahres, die gezeigt wird, inhaltlich viel zu entdecken gibt es dabei nicht, daher lässt sich Sasquatch Sunset auch nur szenenweise betrachten, ohne das große Ganze unbedingt im Auge behalten zu müssen. Eigenwillig ist das ganze Experiment aber trotzdem. Für einen richtigen Spielfilm ist es gar zu wenig, als Kurzfilm hätte Zellners Blickwinkelspiel genauso funktioniert. Romantisiert und weichgezeichnet wird, um auch jüngere Semester für dieses Machwerk zu interessieren, allerdings gar nichts. Sex und Tod und die Ausscheidungen des Körpers schmeicheln dem Ideal eines kryptozoologischen Wunders gar nicht. Will man diese Wesen denn so sehen, in all ihren Unzulänglichkeiten? Oder doch lieber Mister Link aus den Aardman Studios? Wie wäre es mit Bigfoot und die Hendersons? Diesen sind wir längst gewohnt. Da erscheinen die Individuen aus Zellners Machwerk geradezu sperrig und ungefällig.

Der nette Gag am Ende des Films, der munter so weiterlaufen könnte bis zum Tag ihrer endgültigen evidenten Entdeckung, ist zwar ein netter Schlusspunkt, doch die nagende Überlegung, man hätte den ereignislosen Alltag weniger lang breitgetreten und stattdessen mehr das Drama zwischen Legende und Entdeckung in den Fokus genommen, vereint sich mit dem unbefriedigenden Gefühl, etwas verpasst zu haben. Sasquatch Sunset ist wie ein verwackeltes Found Footage-Video: Wieder fehlt das gewisse Etwas, das alles hätte beweisen können.

Sasquatch Sunset (2024)

Planet der Affen: New Kingdom (2024)

DER MENSCH ALS DEM AFFEN UNTERTAN

7,5/10


KINGDOM OF THE PLANET OF THE APES© 2024 20th Century Fox. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: WES BALL

DREHBUCH: JOSH FRIEDMAN

CAST: OWEN TEAGUE, FREYA ALLAN, KEVIN DURAND, PETER MACON, WILLIAM H. MACY, TRAVIS JEFFERY, LYDIA PECKHAM, NEIL SANDILANDS, EKA DARVILLE, DICHEN LACHMAN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 25 MIN


Die Postapokalypse ist eine, die der Natur in die Hände spielt. Im Gegensatz zu einem verwüsteten Planeten wie in Mad Max, Terminator oder Fallout hat sich hier, hunderte Jahre nach dem Niedergang der Menschheit, die Botanik scheinbar alles zurückgeholt, was sie verloren hat. Das neue Zeitalter hat scheinbar wieder ein stabiles Klima, die Zivilisation des Homo sapiens wäre ein Fall für den Affen-Archäologen, sofern es welche gäbe. Lange Zeit nach dem Tod der Leitfigur Cesar leben Primaten nicht mehr auf Bäumen, sondern haben sich die nur langsam dahinbröckelnden Fragmente des Industriezeitalters zunutze gemacht, um darauf ihre Reiche zu errichten. Wie im Original Planet der Affen von Franklin J. Schaffner beherbergt der Planet der Affen zwar immer noch unsere Spezies, doch diese hat nun den Platz des instinktgesteuerten Tieres eingenommen, das von manchen Affenclans gerne gejagt und versklavt wird. Ein durch die Wolkendecke stürzender Astronaut namens Charlton Heston bleibt diesmal aber aus – dass der Planet nämlich unsere liebe Erde ist, die dank eines Virus den Affen das kognitive Denken brachte und uns die Verdummung, ist von vornherein klar, da braucht es keine Freiheitsstatue, die an den Ufern halb vergraben gen Himmel ragt. Ein Story Twist, den mittlerweile jeder kennt.

In dieser neuen Erzählwelt gibt es wie bei uns Menschen die Guten und die Bösen, zu den Guten zählt der Clan der Adler, allesamt Schimpansen, die es sich auf Strommasten gemütlich gemacht haben und alljährlich gewisse Rituale pflegen, welche die Jungspunde der Gemeinschaft aufeinander einschwören sollen. Leider Gottes führt der Ehrgeiz eines gewissen Noa (Owen Teague) dazu, dass marodierende Brutalos aus Gorillas und Bonobos Noas Clan dem Erdboden gleichmachen und viele davon entführen. Ihm selbst gelingt es, zu flüchten, dabei nimmt er sich vor, Familie und Freunde zu befreien.  Eine Menschenfrau folgt ihm dabei auf Schritt und Tritt, und es hat den Anschein, dass dieses Individuum zu höheren Denkleistungen fähig ist als alle anderen. Ein Orang-Utan macht das Trio komplett, doch der dubiose Proximus, der sich selbst als neuer Cesar hält, hat seine Leute überall. Ein Entkommen scheint aussichtslos.

So viel zur natürlich recht überschaubaren Geschichte, die all den Zeitreise-Firlefanz außen vorlässt und ein hemdsärmeliges, sehr griffiges Abenteuer ohne Längen erzählt, dessen Verlauf nicht immer ganz vorhersehbar bleibt. Diesmal hat Wes Ball, verantwortlich für die Maze Runner-Trilogie und erfahren, was postapokalpytische Szenarien betrifft, die Regie übernommen. Sein Fokus liegt dabei auf Charakterzeichnung, auf die akkurate Imitation äffischer Bewegungsmuster, Mimiken und Verhaltensweisen. Ball bringt mit dem Orang-Utan Raka eine derart liebenswerte Person ins Spiel, die schon in den ersten Minuten zum geheimen Star des ganzen Films wird, zum hoch geschätzten Humanisten unter den Primaten, zum Philosophen und Anwärter für den Friedensnobelpreis. Proximus, kongenial verkörpert von Kevin Durand (zuletzt gesehen in Abigail), lässt Planet der Affen: New Kingdom zum Shakespeare’schen Königsdrama werden, schicksalhaft und hochdramatisch. Dank dieser Vorzüge bewegt sich der vierte Teil des Reboots auf selbstbewussten narrativen Pfaden und schickt Bilder ins Gedächtnis der Zuseher, die durchaus als ikonisch bezeichnet werden können. Wenn auf Pferden reitende Gorillas gefesselte Menschen vorantreiben, im Hintergrund die rostzerfressenen Wracks ehemaliger Containerschiffe, dann triggern Retro-Flashbacks die Liebe des Dystopie-affinen Zusehers zu den Filmen aus den Sechzigern und Siebzigern, zu einer geradlinigen Art von globaler Wissenschaftsvision und Endzeit. Die Stimmung ist perfekt, die Tricktechnik sowieso. Immer wieder erstaunt es, was Motion Capture alles kann, wie Haut- und Felltexturen nachempfunden werden können, obwohl noch immer genug Luft nach oben ist und der Unterschied zum echten, lebenden Schimpansen im direkten Vergleich sicherlich noch frappant genug ist.

Planet der Affen: New Kingdom macht vieles richtig und setzt klug die Prioritäten. Was dem Film nicht ganz gelingt oder ihn davon abhält, als Meisterwerk durchzugehen, sind der Geschichte geschuldete Kompromisse in Sachen Plausibilität, Logik und der Physik der Gezeiten. Hätte sich das Skript in diesen Dingen nicht zu sehr bequemt, wäre die hochemotionale, wunderbar anzuschauende Charakter-Odyssee ein Science-fiction-Abenteuer allererster Güte geworden. Der beste Teil der ganzen neuen Reihe ist es aber immer noch.

Am Ende kann man nur hoffen, dass der gnadenlos besitzergreifende Homo sapiens (Freya Allan als Menschenfrau Mae lebt es vor) nicht wieder auf die Idee kommt, vermehrt sein Gehirn zu gebrauchen. Mit denkenden Affen ist es nämlich so viel schöner.

Planet der Affen: New Kingdom (2024)

Planet der Affen: Survival

AUF DIE BÄUME!

7,5/10

 

affen3

REGIE: MATT REEVES
MIT ANDY SERKIS, WOODY HARRELSON, STEVE ZAHN, AMIAH MILLER

 

Das Sympathische an Andy Serkis ist, dass laut eigener Aussage sein Gesicht niemand kennen muss. Dieser angenehm uneitle Performancekünstler ist ein Handwerker auf dem Gipfel seines Könnens. Und sein Erfolg liegt in der Spezialisierung seiner Arbeit: Es ist die des Motion Capture. Eine kinematographische Kunstrichtung, die ihre holprigen Anfänge in Filmen wie Beowulf und Der Polarexpress hatte, beide von Robert Zemeckis. Anstatt die Technik des Ganzkörper-Marionettentheaters zu verfeinern, überließ der Schöpfer von Zurück in die Zukunft und Forrest Gump das Feld jemand anderem. Bekannt wurde Serkis durch sein Quasi Alter Ego Gollum aus den Herr der Ringe-Filmen. Die tragische Kreatur war der Beginn einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte. Ihren vollendeten Status Quo findet die ausgefeilte Kinoillusion in der Trilogie über die Affen-Genese. Dabei war selbst im Zeitraum von 6 Jahren, von 2011 bis 2017, ein erstaunliches Qualitätsgefälle nach oben hin zu beobachten. Was den Zuseher mittlerweile im dritten und vorläufig letzten Teil des apokalyptischen Evolutionswechsels erwartet, ist der aktuelle Stand der Technik – und kaum bis gar nicht mehr von der Realität zu unterscheiden. Schon gar nicht, wenn keine Vergleiche mit echten Primaten zur Hand sind, was im Kino wohl eher schwer zu bewerkstelligen ist. Bewegung, Körper, Struktur und vor allem Gesichter sind sogar im Close Up auf der großen Leinwand so dermaßen täuschend echt, dass man versucht ist, an Wunder zu glauben. Für Außenstehende gibt’s hier keine technisch nachvollziehbare Erklärung mehr. Vor allem keine, die ein Laie versteht. Die Perfektion der Texturen ist gewaltig. Das Zusammenspiel realer Settings mit den computergenerierten Körpern ist lückenlos. Schmunzelnd denke ich an Zeiten zurück, in denen das Agieren der Schauspieler vor der Blue Screen von einer scherenschnittartigen hellen Corona umgeben war. Auch nicht schlecht, zumindest für damals. Hätten die Trickser von damals gewusst, welchen Olymp die Technik des Kinos erreichen kann, hätten sie vor lauter Scham ihre Ideen gar nicht erst umgesetzt. Doch ohne deren Ideen wären wir jetzt nicht da, wo wie jetzt sind. Inmitten von lebendig gewordenen Affen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Motion Capture Performance womöglich zu einer neuen Oscar-Disziplin wird. Steve Zahn als Eremiten-Schimpanse „Bad Ape“ wäre da schon eine Nominierung wert.

Das seit Cloverfield allseits bekannte Naturtalent Matt Reeves holt nun mit Planet der Affen: Survival zum finalen Rundumschlag aus, an dem sowohl Mensch wie auch Affe zu kiefeln haben werden. Denn in Anbetracht des evolutionären Wetteiferns zwischen befellten und fellfreien Primaten kann es aufgrund von Kapazitätsschwierigkeiten auf dem Planeten Erde nur zu einem Entweder-Oder kommen. Einer von beiden muss die Nische verlassen. Doch kein Wesen räumt freiwillig das kognitive Feld. Da muss die Natur schon selbst eingreifen, und zwar mit einem Virus. Mehr wird hier nicht verraten. So verzweifelt Homo sapiens auch um die Vorherrschaft kämpft, so verzweifelt suchen Schimpanse, Bonobo und Co einen friedlichen Ausweg – angesichts dieser Tatsache hätte Primatologin und Umweltschützerin Jane Goddall schlaflose Nächte, zählen doch vor allem Goddall´s Lieblinge zu einer relativ aggressiven Spezies. Doch in einer dystopischen alternativen Zukunft ist alles möglich. Da reflektiert selbst der Wildeste seine Gewaltbereitschaft. So nicht der Mensch. Reeves versteht sein spannendes, hochdramatisches Finale als einen atmosphärischen Abgesang auf Gewalt, Unterjochung und Rassismus, irgendwo zwischen The Revenant und Gesprengte Ketten. Den drohenden Niedergang der Menschheit als bitteren Gefängnisfilm zu inszenieren, hat was. Der Film verbeugt sich aber auch tief vor Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsinferno Apokalypse Now. Die Verballhornung Ape-okalypse Now gilt mittlerweile als Schlagwort für die Affenkrise, und auch der famose Woody Harrelson spielt seine Rolle des endzeitlichen Colonel Kurtz mit geradezu sadistischer Leidenschaft. Er sieht Marlon Brando szenenweise sogar zum Verwechseln ähnlich, vor allem in einer ganz bestimmten Schlüsselszene gegen Ende des Filmes, die wohl zu den Besten des ganzen Filmes zählt. 

Das Ende des Filmes ist es aber dann auch, das Reeves leider nicht ganz zufrieden-stellend hinbekommt. Seine Konsequenz im Erzählen in allen Ehren, doch seine Bequemlichkeit zugunsten höherer Mächte geht auf Kosten einer Radikalität, die ich erwartet hätte. Mit einem Knalleffekt, der fast schon am Präsentierteller dargereicht worden wäre, hätte Planet der Affen: Survival ein fast schon geniales Opus Magnum werden können. So aber wirkt die Apokalypse doch wieder allzu versöhnlich, und die künstliche Sonne beleuchtet unter Tränen eine ungewisse, aber allzu milde Zukunft.

Planet der Affen: Survival