Raum

AUF DER ANDEREN SEITE DER WAND

7,5/10 


raum© 2015 Film 4


LAND / JAHR: KANADA 2015

BUCH: EMMA DONOGHUE, NACH IHREM ROMAN

REGIE: LENNY ABRAHAMSON

CAST: JACOB TREMBLAY, BRIE LARSON, JOAN ALLEN, WILLIAM H. MACY, TOM MCCAMUS, SEAN BRIDGERS, CAS ANVAR U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Was gibt es nicht für menschliche Monster auf dieser Welt. Damit meine ich nicht mal Diktatoren und Kriegsherren, die das Schwarzbuch füllen, sondern der unscheinbare Otto Normalverbraucher, dessen Horizont maximal bis zur Befriedung des eigenen kaputten Egos reicht, und dessen Kindheit womöglich selbst ganz anderen unscheinbaren Otto Normalverbrauchern zum Opfer gefallen sein könnte. Jene, die sonst, wohin sie auch blicken, nur ihr eigenes Unvermögen erkennen, halten sich zwecks Kompensation dieses Umstands rechtlose Leibeigene, die in Isolation Wochen, Monate und Jahre damit zubringen, nicht gänzlich zu zerbrechen. Ich kann mich noch genau an das erste Fernsehinterview von Natascha Kampusch erinnern, die nach 3096 Tage in Gefangenschaft unter der Herrschaft eines gewissen Priklopil von ihrer geraubten Kindheit erzählt hat. Den ruinierten Seelen unter Peiniger Fritzl blieb so eine Medienkonvertierung erspart. Was Buchautoren aber, inspiriert durch diese skandalösen Zustände, nicht davon abgehalten hat, ähnliche Szenarien zu entwerfen. Zum Beispiel die Kanadierin Emma Donoghue. Ihre Vorlage Raum aus 2010 wurde zum Bestseller. Solche Inhalte stillen die Neugier am Schrecklichen, am geradezu Undenkbaren. So tickt die Psyche so mancher Leser und Seher nun mal – der Impact des Leidens anderer stillt die Furcht und relativiert die eigene Ohnmacht, die dann nicht mehr ganz so farbintensiv im Alltag verweilt.

Der irische Filmemacher Lenny Abrahamson, der vor seinem Durchbruch mit Raum Michael Fassbinders Konterfei im Künstlerdrama Frank hinter Fiberglas versteckt hat, wendet sich allerdings weitgehend davon ab, peinlich berührten Voyeurismus zu bedienen. Donoghues Drehbuch fokussiert von Anfang an jene Figur, aus dessen Sicht diese ganze Geschichte erzählt wird. Es ist nicht Brie Larson als die 7 Jahre in Gefangenschaft dahindämmernde Joy – sondern es ist der kleine, in ebensolche Isolation hineingeborene Jack, sagenhaft gut verkörpert von Jacob Tremblay, und der eigentlich den ganzen Film so ziemlich im Alleingang trägt, da kann selbst sein oscarprämierter Co-Star nicht viel ausrichten, obwohl auch Larson natürlich zeigt, was in ihr steckt. Bei Kinderdarstellern verblüfft so ein Umstand aber immer mehr: das war auch schon im österreichischen, äußerst sehenswerten Film Die beste aller Welten so, in der Jeremy Miliker den mimischen Realismus neu definiert zu haben schien. Tremblay macht das genauso. Und das Beste an Raum: Donoghue und Abrahamson geht es nicht in erster Linie, und auch nicht in zweiter Linie, um die Chronik eines Martyriums, dessen Ende und dessen Nachwehen, die sowieso nur halbherzig erörtert werden. Die Wahrnehmung der Welt und ihrer inhärenten Freiheiten ist das, was Raum so interessant macht. Nicht das Täter-Opfer-Gefüge. Sondern – wenn man so will – die Relativierung einer Realität mit all ihren Parametern zu einer nächsten, viel größeren. Eine Art Erleuchtung sozusagen. Und das einem Fünfjährigen!

Der Mensch bleibt angesichts seines nach oben hin offenen Erkenntnispools sowieso immer ein Kind. Zu entdecken gibt´s immer noch etwas. Tremblays Charakter des Jack ist wie die Art Höhlenbewohner aus Platons Gleichnis, der die Schattenbilder in seinem Raum wahrnimmt, sie als die alles umfassende Freiheit, als seinen Kosmos empfindet. Demzufolge scheint ihm nichts zu fehlen. Die Definition der Geborgenheit scheint anfangs auch in diesen kargen vier Wänden zu funktionieren. Was fehlt, ist das Wissen jenseits der Wände. Das Wissen über den Ursprung der Schatten, um bei Platon zu bleiben. Die Entdeckung dieses Neulands ist die zu bewältigende Aufgabe dieses Dramas, und Tremblay mittendrin. Larsons Rolle der Mutter ist da nur ein Leo, ein Fixpunkt, das Mutterschiff sozusagen.

Zum Glück holt dieser Film mehr als eine Handvoll dieser Gedanken an die narrative Oberfläche. Auch gelingt Raum, niemals seinem inhaltlichen Skandal zum Opfer zu fallen, indem er diesen Umstand geradezu als unkommentierte und fast wertfreie Gegebenheit hinnimmt. Raum ist überraschend objektiv, trotz all seiner Emotionen, die da hochkochen und überkochen. Trotz all dieser beruhigenden Melodien, die den grauenhaften Zustand so mancher panikmachenden Aussichtslosigkeit überspielen sollen. Tremblay bleibt aber über allen Dingen – als kindlicher Superheld, als ein Entdecker, der Übermenschliches leistet, um all die Ohnmacht umzukehren.

Raum

Blood Father

DER PAPA WIRD´S SCHO RICHTEN

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bloodfather

Er ist zurück! Hollywoods berühmt-berüchtigtster Australien-Export und temporäres Enfant Terrible – so lange, bis sich ein anderer Promi unkotrollierterweise selbst erniedrigt und die sprichwörtliche Sau rauslässt – auf Kosten von Ruf, Anstand und Würde. Kaum zu glauben, dass Mel Gibson früher mal, zu Zeiten von Lethal Weapon, tatsächlich mal ein gern gesehener Schauspieler war. Und ja, sympathisch und irgendwie authentisch hat er ja auch gewirkt. Eigentlich meistens. Und aus der Geschichte des Filmes wegzudenken ist er sowieso längst nicht mehr. Da gäbe es, angefangen von Mad Max über seine engagierte Regiearbeit Braveheart bis hin zu Die Passion Christi und Apocalypto einiges zu berichten. In Anbetracht dessen bräuchte sich Gibson tatsächlich nicht mehr anzustrengen. Und das tut er auch nicht, zumindest schauspielerisch und in der Wahl seiner Filme nicht. Schon seit geraumer Zeit beehrt der mittlerweile auch schon ziemlich angegraute und zerknitterte Star aus den 80ern Filmsets, an denen sich normalerweise stereotype Actionhelden wie Dolph Lundgren oder Steven Seagal (dieser wahrscheinlich vor allem aufgrund seiner physischen Expansion mittlerweile auch nicht mehr) herumtreiben. Doch Mel Gibson versucht ganz einfach wieder Fuß zu fassen. Sein Auftritt als Schurke in Stallone´s Expendables 3 hat anscheinend nicht gereicht, um ihn weitestgehend zu rehabilitieren. Doch ehrlich gesagt war sein Mitmischen bei all den Galionsfiguren aus dem verblichenen Videotheken-Zeitalter eher ein Schritt zurück in die falsche Richtung – der er sich nun wieder entgegenstemmt – mit einer neuen Regie. Hacksaw Ridge wird in Kürze in den Kinos anlaufen.

Doch zurück zum eigentlichen Thema, zum Film Blood Father, der Mel Gibson als filzbärtigen, tätowierten Ex-Knacki im Feinripp präsentiert. Zufälligerweise hat dieser eine Tochter, die in großer Gefahr schwebt und Papi um Hilfe bittet. Ganz nach guter alter Charles Bronson-Manier, aber um einen gehörigen Tick warmherziger und einer breiter gefächerten Mimik als das stahlharte Ledergesicht aus den 70ern. In jedem Fall aber besinnt sich der geläuterte Ex-Alkoholiker auf seine elterlichen Pflichten und legt sich mit einem Haufen finsterer Typen an. Und wem diese Fülle an Handlung nicht reicht, der wird leider Gottes enttäuscht durch die Finger schauen müssen. Denn der Thriller des französischen Regisseurs Jean-Francois Richet, der viel und gerne mit Vincent Cassel zusammenarbeitet, ist zwar eine Romanverfilmung, aber trotz allem ziemlich dürftig. Und auch wenn Gibson sich eindeutig mehr anstrengt als all die anderen Haudegen aus vergangenen Zeiten – er kann den Film nicht retten. Zu einsilbig ist die Geschichte, zu vorhersehbar und einfach zu abgedroschen. Ein Vater, der seine Tochter rettet, seiner Tochter beisteht oder was auch immer, dabei über sich selbst hinauswächst und den ganzen finsteren Bösewichten Mores lehrt – das gibt’s einfach schon zu oft. Natürlich nicht mit einem rauschebärtigen Mel Gibson, der dann auch der Grund dafür ist, in den Film aus reiner Neugierde mal reinzuschauen. Doch das Interesse an der Persona non grata ist rasch gestillt und man folgt nur mehr relativ desinteressiert den restlichen Geschehnissen.

Action Made in France, unoriginell bis zum Geht-Nicht-Mehr und bescheiden in all den anderen Eigenschaften, die einen guten B-Movie-Reißer a la 96 Hours von Pierre Morel ausmachen würden. Hinter der Kamera ist Mel mittlerweile eindeutig besser aufgehoben.

 

Blood Father