Aus nächster Distanz

AGENTEN STERBEN ZWEISAM

3/10


ausnaechsterdistanz© 2018 NFP marketing und distribution

LAND / JAHR: ISRAEL, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2018

REGIE: ERAN RIKLIS

CAST: GOLSHIFTEH FARAHANI, NETA RISKIN, DORAID LIDDAWI, DAVID ALI HAMADE, AUGUST WITTGENSTEIN, MARK WLASCJKE, HALUK BILGINER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Gute Regie ist, wenn der Film so wirkt, als würde all das, was zu sehen ist, auf eine gewisse Weise tatsächlich passieren oder es wäre eben gut vorstellbar, dass genau das passieren könnte. Gute Regie ist, wenn es leichtfällt, sich in welche Filmwelt auch immer so einzuklinken, als wäre man zwar nur als Beobachter, aber doch, unsichtbar für die Protagonisten des Films, in das Geschehen involviert. So einen Fokus des Zusehers zu erzielen – das ist gute Regie. Natürlich auch ein gutes Drehbuch. Und letzten Endes, aber nicht zuletzt, Schauspieler, die diesen Zustand ermöglichen, weil man bei ihnen nicht das Gefühl hat, da ist wer, der eine Rolle spielt, sondern die Rolle vergessen lässt, dass sie einen Schauspieler hat.

Umso interessanter ist es, in einem Film wie Aus nächster Distanz zu beobachten, wie genau all diese Dinge nicht passieren. Das israelische Spionage-Kammerspiel mit Golshifteh Farahani ist eine Inszenierung nach Zahlen, bei der die Arbeit hinter der Kamera deutlicher wird als die davor. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch das unempfundene Spiel von Schauspielerin Neta Riskin, die als Ex-Agentin des Mossad wieder reaktiviert wird, um auf Informantin Mona aufzupassen, die in Hamburg in einem geheimen Unterschlupf des Geheimdienstes darauf wartet, dass ihre Gesichts-OP gut genug verheilt, um mit neuem Namen untertauchen zu können. Bis dahin steht sie auf der Abschussliste der Hisbollah. Der Feind könnte an jeder Ecke lauern oder ganz plötzlich auftauchen. Umso nervöser wird Naomi, umso inniger die Beziehung dieser Zweckgemeinschaft.

Spüren lässt sich diese Verschwisterung allerdings nicht. Eben, weil Neta Riskin so performt, als wäre sie jemand, der sich nichts darunter vorstellen kann, wie Agenten eigentlich ticken. Ihre Version einer solchen jedenfalls scheint keinerlei Erfahrung gesammelt zu haben und agiert wie eine unbescholtene Bürgerin, die wie Jamie Lee Curtis in True Lies ganz plötzlich in ein Spionageabenteuer verwickelt wird – nur ohne humoristischer Note. Durch dieses Spiel und auch durch das laienhaft wirkende Abdrehen einer herbemühten Story gerät Aus nächster Distanz zu einer uninspirierten Arbeit, die sich auf ungelenke Art durch die Szenen quält, bei denen Regisseur Eran Riklis jedesmal froh gewesen sein muss, sie hinter sich zu haben. Denn leicht ist ihm dieser Film im Gegensatz zu einem anderen seiner Werke, nämlich dem weitaus professionelleren Lemon Tree, scheinbar nicht gefallen.

Aus nächster Distanz

Steig.Nicht.Aus!

RITT AUF DER KANONENKUGEL

4/10

 

steignichtaus© 2018 NFP

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: CHRISTIAN ALVART

CAST: WOTAN WILKE MÖHRING, CHRISTIANE PAUL, HANNAH HERZSPRUNG, CARLO THOMA, EMILY KUSCHE U. A.

 

Im dritten Teil der Actionfilmreihe Lethal Weapon gibt es doch die Szene, in der Danny Glover alias Sergeant Roger Murtaugh bei der morgendlichen Notdurft Wind davon bekommt, dass unter dem Lokus eine Bombe platziert ist. Was darauf folgt, ist wohl die einzige Episode aus der Buddy-Cop-Actionreihe, die wirklich nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Alleine der Versuch der Exekutive, den Sprengsatz zu entschärfen und den Allerwertesten des kurz vor der Pension befindlichen Althasen zu retten, ist sowohl spannender Thrill als auch humorvolle Situationskomik. Der Vergleich der rund 20 Minuten langen Sequenz mit dem urbanen Bombenthriller Steig.Nicht.Aus! macht mich sicher: Christian Alvart´s Film spielt zwar mit der klaustrophobischen Enge eines stark begrenzten Raumes, entwickelt aber zu keiner Zeit jene kribbelnde Panik wie Roger Murtaugh mit herabgelassener Hose. Das liegt leider zum größten Teil an Wotan Wilke Möhring, der dem Anforderungsprofil seiner Rolle wenig Beachtung schenkt. Dabei soll es sich zum einen um einen zweifachen Familienvater, zum anderen um einen relativ ehrgeizigen, egomanischen Bauspekulanten handeln, der die Rechnung präsentiert bekommt, und zwar zu jener ungünstigen frühen Morgenstunde, in der er ausnahmsweise seinen Nachwuchs in die Schule bringen soll.

Was für ein Typ dieser Karl Brendt sein soll – das weiß Möhring eigentlich nie wirklich. Ehrgeizig? Skrupellos? Ein Charakterschwein? Liebt er seine Kinder und seine Frau, die ihm bis auf weiteres in der Rolle des Opfers keinen Glauben schenkt? Wie grenzgängerisch muss dieser Karl Brendt bislang gewesen sein, damit ihm seine Nächsten den Amokfahrer und Geiselnehmer überhaupt abkaufen? Das Verhalten des Hauptdarstellers erreicht in den aussichtslosesten Momenten, als der eigene Sohn im Auto verletzt wird, schon seine ohnmachtsanfällige Intensität, die aber gleich wieder einer überschaubaren Anspannung weicht, die ungefähr gleichzusetzen ist mit einer zähflüssigen Autobahnfahrt im Stau, wo alle Beteiligten den Umständen entsprechend leicht reizbar werden und es nicht abwarten können, dieser lähmenden Situation zu entkommen. Nach Bombendrohung sieht das Ganze nicht aus. Und so, wie sich die Dinge entwickeln, auch nicht nach einer schlüssigen Lösung des brandgefährlichen Problems.

Wenn der Schauplatz schon so eingeschränkt werden muss, dann hat das Drehbuch auch entsprechend knackig zu sein. In Anbetracht der reduzierten Schauwerte muss umso mehr das Schauspiel alle Register ziehen. Das fällt aber leider schwer. Selbst Hannah Herzsprung gibt ihrer dienstbeflissenen Zurückhaltung fast ein bisschen zuviel Nachdruck. Klar, Bombenentschärfer ist seit The Hurt Locker nicht wirklich ein Job, auf den man sich jeden Morgen beim Aufstehen freut – allerdings hätte Herzsprung´s Rolle ein bisschen mehr Emotion auch nicht geschadet. Die Figur des Bombenlegers und Erpressers ist wohl Christian Alvart´s größter Schnitzer, denn dessen vorerst scheinbar unendliche Überlegenheit lässt sich nicht wirklich plausibel erklären. Das sind nun Plot-Holes, die dem Armaturenbrett-Thriller mit Sicherheitsabstand hinterherhinken. Wirklich mitreißend sind eigentlich nur die Jungdarsteller Carlo Thoma und Emily Kusche, wobei mir letztere in Bully Herbig´s Fluchtdrama Ballon bereits positiv aufgefallen war. Für die beiden Sprösslinge entwickelt sich wirklich so etwas wie Mitgefühl, und ihr Leidensweg am Rücksitz kostet nicht nur dem Papa ein paar Nerven. Dafür lohnt es sich, Steig. Nicht. Aus! vielleicht eine Chance zu geben. Sonst aber ist der poröse Thriller umständlich konstruiert, auf allzu gewollte Unberechenbarkeit gepolt und im Spektrum seiner Handlungsmöglichkeiten viel zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Steig.Nicht.Aus!