Gaia – Grüne Hölle

PILZSAISON FÜR QUERDENKER

5,5/10


gaia© 2021 Leonine


LAND / JAHR: SÜDAFRIKA 2021

REGIE: JACO BOWER

CAST: MONIQUE ROCKMAN, ANTHONY OSEYEMI, CAREL NEL, ALEX VAN DYK

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Wir werden alle kontrolliert, gegängelt, gefügig gemacht. Wir sind nur noch Sklaven des Profits und willenlose Befehlsempfänger für entweder Echsen aus dem Outer Space oder einigen wenigen Mächtigen, die uns mit der Covid-Impfung Mikrochips in die Blutbahn jagen. Verschwörungstheorien gibt es viele. Und meist ist es der Mensch, der dem Menschen auf lange Sicht etwas antun will. Was aber, wenn die mutmaßliche Verschwörung von einer Macht ausgeht, der wir von Anfang an auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind? In Gaia zum Beispiel braut sich im südafrikanischen Urwald ein unbemerkt aufziehendes Gewitter zusammen. Ein Schrecken, der noch perfider zu sein scheint als jener, den die Natur bereits mit Corona auf den Weg gebracht hat: Todbringende Pilzsporen.

Dabei fängt alles so an, wie normalerweise Krokodil-Slasher anfangen. Ein Boot unterwegs in der Wildnis, das Boot kentert, das Schuppentier frühstückt. Ganz so ist es dann doch nicht. Rangerin Gabi kundschaftet mit einer Drohne den flussnahen Wald des Tsitsikamma Nationalparks aus, als das Elektroteil von etwas Unbekanntem irgendwo im Dickicht zu Boden gerissen wird. Sie geht der Sache nach – und landet prompt in einer steinzeitlichen Bolzenfalle. Wenig später erwacht sie in der Hütte von zwei Aussteigern – einem Vater und seinem Sohn. Die beiden haben der Zivilisation und allem, was dazugehört, den Rücken gekehrt. Wie Ben Foster und Thomasin McKenzie in Leave No Trace, nur noch radikaler. Zurück zum Ursprung heißt es, und damit auch zurück zu einem Glauben, der dem von indigenen Naturvölkern gleicht, und die eine Entität anbeten, die eins zu sein scheint mit Baum, Pilz und Boden. Was ist da dran, fragt sich Gabi. Und stößt bald auf sichtbare Anzeichen einer alles verschlingenden und absorbierenden Biomasse.

Man könnte ja meinen, dass die eigentliche Gefahr von den beiden seltsamen Hinterwäldlern ausgeht, die – ausgemergelt, mit Schlamm beschmiert und in ihrem Verhalten etwas entrückt – einen auf Wrong Turn machen könnten. Die Möglichkeit eines ausbrechenden Wahnsinns, der sich gegen die Frau von außerhalb richtet, hängt wie das Damoklesschwert über der grünen Szenerie, die wie ein selbst denkendes, kollektives Bewusstsein Motive aus Stanislav Lems Solaris oder Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie variiert. Im Science-Fiction Film Auslöschung gerät Natalie Portman ebenfalls in einen extraterrestrisch umgekrempelten Evolutionsmechanismus, der die Physis mancher Spezies neu zusammensetzt. In Gaia (= die Erdgöttin, die dem Urchaos entsprang) macht selbige ähnliches, nur scheint dieses aggressive Verhalten vorsätzlich und gezielt, wie das Schwarz aus den DC-Comics rund um Swamp Thing. Auch dort mutiert der Pflanzenwuchs und nimmt mitunter menschliche Gestalt an. Wer die Eigenschaften von Myzelien schon seit jeher eher abstoßend und unheimlich fand, wird sich im Film von Jaco Bower hin- und herwinden. Pilzesammeln ist hier nur der Anfang artig drapierter Wucherungen, die als parasitäre Vorhut einer von der Erd- zur Kriegsgöttin umgesattelten Furie den Body-Horror bedienen.

Leider jedoch kokettiert Jaco Bower viel zu sehr mit der esoterischen Komponente seines Öko-Thrillers. Traumsequenzen und surreale Einsprengsel hindern den Film am Vorwärtskommen. Viel zu oft verweilen die wenigen Gestalten in müder Stagnation, ahnen und fürchten sich vor etwas, dass so langsam daher kriecht wie Efeu am Verputz. Das Creature-Design der sogenannten Fungus ist hingegen recht ansprechend und erinnert an Guillermo Del Toros Stil. Diese formschön schrecklichen Aggressoren werden von konspirativem Geschwurbel zu sehr in die Ecke gedrängt, wenngleich man nicht sicher sagen kann, wie das ganze Abenteuer letztlich enden wird. Dafür bleibt genug Suspense, und trotz einiger dramaturgischer Abstriche gerät die faszinierende Welt der Pilze genussvoll und fast schon auf der eigenen Haut spürbar auf die schiefe Bahn.

Gaia – Grüne Hölle

Die Wache

BEFRAGT GEJAGT

6/10


diewache© 2018 Diaphana Distribution


LAND / JAHR: FRANKREICH 2018

BUCH / REGIE: QUENTIN DUPIEUX

CAST: BENOÎT POELVOORDE, GRÉGOIRE LUDIG, MARC FRAIZE, ANAÏS DEMOUSTIER, ORELSAN, PHILIPPE DUQUESNE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 11 MIN


Es gibt Situationen, da kommt es vor, dass ein Kommissar einen Affen befragt. So gesehen in David Lynchs Kurzfilm What did Jack do. In anderen Situationen wiederum genügt es, wenn der Zeuge eines Todesfalls zur Befragung auf die Wache zitiert wird. Das muss ja prinzipiell mal nichts Außergewöhnliches sein. Meist spitzt sich das, wenn man vor allem französische Thriller zu Rate zieht, zu einem verbal-spannenden Schlagabtausch zu, und die Lösung des Falls offenbart sich dann vor der dramatischen Kulisse eines Donnerwetters. Die Dinge laufen aber radikal anders, wenn einer wie Quentin Dupieux auf dem Regiestuhl sitzt, der noch dazu seinen eigenen Entwurf verfilmt. Und wir wissen: Dupieux hätte in Luis Buñuel oder in Eugène Ionesco seine wahren Freunde gefunden. Was der eine fürs Kino war, konnte der andere für sich verbuchen: Meister des Absurden, des Surrealen, der grotesken Komik und der obskuren Wendungen. Dupieux, der mit einem Bein auch als Musiker fest im Kunstbusiness steht, vertritt ein Genre, das wohl die wenigsten wagen würden: Absurdes Kino, das sich selbst genügt, und gar nicht als mehr verstanden werden will – außer, dass es das Reale durchbricht.

In der zeitlich genauso wie Monsieur Killerstyle knapp bemessenen Groteske sieht man anfangs einen nur in Unterhosen bekleideten Mann auf freiem Feld, der ein Orchester dirigiert. Kurze Zeit später wird dieser von der Polizei gejagt. Zur späteren Handlung trägt das nichts bei, doch damit ist zu rechnen, wenn man Dupieux‘ Filme kennt, in denen Autoreifen oder Lederjacken zu Killern mutieren. Wenig später hat Benoît Poelvoorde als Kommissar Buron einen Zeugen geladen, der vor seinem Wohnhaus einen Toten in einer Blutlache entdeckt hat. Neben der Leiche ein Bügeleisen. Wir erfahren in heillos abgleitender Verzettelung, warum der Befragte zu diesem Zeitpunkt siebenmal seine Wohnung verlassen hat. Schlauer wird das Publikum dabei nicht. Der Kommissar ebenso wenig. Und der Zeuge auch nicht. Der Abend ist lang, und je später es wird, umso zerfahrener wird die ganze Situation. Und es passieren Dinge auf dieser Wache, die den ausgehungerten Zeugen immer tiefer in eine Situation hineinreiten, deren Fassade durch eine radikale Wendung irgendwann zusammenbrechen muss.

Die Wache setzt sehr auf Dialoge, deren Gesprächspartner gerne und viel aneinander vorbeireden und sich permanent missverstehen. Auf den Punkt bringt hier niemand was, und dieses Aus-dem-Ruder-Laufen hat schon etwas richtig klassisch Bühnentaugliches. Auf diese Weise wirkt der Streifen trotz seines rücksichtslosen Irrsinns fast schon ein bisschen altbacken, wie eine Komödie aus den Sechzigern, in denen Filmnormen ja gut und gerne verdreht wurden. Statt Poelvoorde wäre die Rolle des Kommissars auch gut und gerne mit einem wie Louis de Funes besetzt gewesen, der sich im Klassiker Hasch mich, ich bin der Mörder mit Bertrand Blier als Kommissar in ähnlichen situationskomischen Momenten wiederfand. Auf diese Art des schrägen Humors nimmt Dupieux offensichtlich Bezug, verbeugt sich sogar. Und es wäre wohl eine Frage der Zeit, bis sich der Allrounder, der für diesen Film auch Kamera und Schnitt übernommen hat, auch mal auf der Theaterbühne sein Glück probiert. Die Wache würde im Grunde dort hingehören.

Die Wache

Die Blüte des Einklangs

EIN PILZ HEILT ALLE WUNDEN

3/10

 

blueteeinklangs© 2018 Filmladen

 

ORIGINALTITEL: VISION

LAND: JAPAN, FRANKREICH 2018

REGIE: NAOMI KAWASE

CAST: JULIETTE BINOCHE, MASATOSHI NAGASE, TAKANORI IWATA, MARI NATSUKI U. A.

 

Die beste Zeit für Schwammerlsucher ist rein witterungsmäßig nach ausgiebigem Regen, und zu einer Jahreszeit, in der es noch relativ warm ist. Das heißt: Dampfen muss der Wald, dann sprießen sie schon wie die besagten Pilze aus dem Boden, diese Pilze. Eine noch bessere Zeit zum Pflücken dieser Lebensformen, die weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen gehören, ist im Abstand von 100 Jahren genau dann angebrochen, als die Französin Jeanne im Zug durch Japan fährt. Sie ist auf der Suche nach diesem Gewächs namens Vision, das angeblich ultimative Heilung bringen soll, für Körper und Seele, aber mehr für die Seele, so wie mir scheint. Juliette Binoche spielt diese Reisende, und sie ist in Begleitung einer Dolmetscherin, da sie selbst kein japanisch spricht und auch so Schwierigkeiten hat, mit der Lebensgewohnheit des eremitischen Försters Tomo klarzukommen. Andererseits aber fasziniert er sie – und sie verliebt sich in ihn. Von Tomo, dem lakonischen Eigenbrötler, lässt sich das schwer sagen. Emotionen sind nicht dessen Stärke. Dafür aber Kontinuität in der Ein-Mann-Forstwirtschaft. Aber so wird man eben, wenn man in der Einschicht lebt, da spricht man nur noch mit den Bäumen, oder mit angeblich 100 Jahre alten, blinden Frauen. Die einiges zu wissen scheinen über diese Pflanze, diese Blüte oder diesen Pilz? Von dem keiner genau weiß, was es ist. Aber irgendwie hängt alles mit einem magischen Baum zusammen, und mit der Geburt eines Kindes mitten im Wald – und Juliette Binoche hat damit zu tun.

Ach du liebe Zeit, was ist nur aus dir geworden? In Naomi Kawases superesoterischer Filmmeditation spielt temporäre Stringenz überhaupt keine Rolle. Und auch sonst nichts, was zu einer handfesten Geschichte beitragen würde. Die Blüte des Einklangs, die interessiert nur eines: so verschwurbelt wie möglich einen Einklang zu finden, doch was Kawase da alles an magischen Zutaten in den brodelnden Kessel wirft, trübt die Sinne. Die Liebesgeschichte zwischen Juliette Binoche und ihrem Hinterwäldler ist so hölzern wie die aparte Forsthütte im grünen Nirgendwo, und die Suche nach der wirkungsvollen Pseudo-Blüte so zerstreut wie der Versuch, während eines Traumes den Fortgang des Erlebten zu bestimmen. Allein: es klappt nicht, sofern man sich nicht vor dem Einschlafen ausdauernd sein eigenes gewünschtes Traumprogramm suggeriert. Das hat Kawase nicht getan, sie hat sich beim Verfassen ihres Scripts sehr auf Assoziationen verlassen, hat sich womöglich gar während einer meditativen Phase dem willkürlichen Verlauf ihres Drehbuchs hingegeben. Am Ende kommen zwar manche Fäden zusammen, aber die Metaphysik dieser entrückten Welt ist viel zu pinseldick aufgetragen. Die Blüte des Einklangs versucht, bedeutungsschwer genug zu sein, um als erlesene Filmkunst zu gelten. Spätestens wenn sich mitten im Wald hingebungsvolle Individuen in bizarren Ausdruckstänzen zu erklären versuchen, indem sie nichts erklären, ist für mich im Gegensatz zu Juliette Binoche der Zug ins transzendente Hinterland Japans abgefahren.

Die Blüte des Einklangs