Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

DIE WAHREN ABENTEUER SIND IM KOPF

7,5/10

 

wieichlernte© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: RUPERT HENNING

DREHBUCH: ULI BRÉE, RUPERT HENNING

CAST: VALENTIN HAGG, KARL MARKOVICS, SABINE TIMOTEO, ANDRÉ WILMS, GERTI DRASSL, UDO SAMEL, WERNER FRIEDL, MARIANNE NENTWICH U. A.

 

Das Salto-Rückwärtskind mit Paketperücke – Die Wirklichkeit die Wirklichkeit trägt wirklich ein Forellenkleid. Und überhaupt sind die wahren Abenteuer nur im Kopf – Zeilen aus den Liedern und Texten von André Heller, seines Zeichens schillernder Poet, Phantast und kindlicher Kaiser, der es neben diversen Zaubergärten und Folklore-Projekten sowohl hier als auch jenseits des Mittelmeeres zu stilbildendem Ansehen gebracht hat. Natürlich verhält es sich mit André Heller aber auch so: man mag ihn und seine dekorative Metaphysik, oder man mag ihn eben nicht. Nun, ich muss ganz ehrlich sagen – ich mag ihn. Heller ist ein auffallend kreativer Kopf, er vereint zahlreiche Formen der Kunst auf eine gauklerhaft sichtbare, selbstverliebte Weise, die sich einer unverhohlenen, fast schon jovialen Arroganz nähert. Noch dazu, und das muss ich Heller hoch anrechnen, hat er das klassische Kasperltheater in der Wiener Urania vor dem letzten Vorhang bewahrt. Wer, wenn nicht er, hätte sich der streitbaren Zipfelmütze noch annehmen können? Zu so jemandem wie André Heller muss man aber auch erst mal werden. Womöglich auf eine Art, die in seiner autobiographisch gefärbten Erzählung Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein beschrieben wird. Wieviel davon er selbst erlebt hat, und wieviel davon einfach die Geschichte einer Familie ist, aus der Sicht des Jüngsten, das kann nur Heller selbst beurteilen. Ich darf also interpretieren, und zumindest glauben, was wohl alles dem zwölfjährigen André, der in genannter Erzählung als Alter Ego Paul Silberstein auftritt, wirklich wiederfahren ist. Jedenfalls stimmt es schon, dass Heller einer Süßwarendynastie entstammt. Doch wenn ich jetzt anfange, dessen Biographie zu recherchieren, würde dies am eigentlichen Thema vorbeilaufen, nämlich, Rupert Hennings filmgewordenes Jahrmarktspektakel näher zu bewundern. Denn um André Heller, um den geht es dann doch nur zweitrangig.

Eigentlich, und überhaupt, geht es um die Kraft des eigenen Willens, des noch so seltsamen Ichs und der unwirtlichen Verrücktheit des Lebens. Aus keiner Perspektive lässt sich das besser betrachten als aus der eines Kindes. Mit Ausnahmen, natürlich. In Die fabelhafte Welt der Amelie ist es eine junge Frau, die den Alltag zu etwas Poetischem verklärt. Mitsamt Häschenwolken, sprechenden Nachtischlampen und kauziger Schüchternheit. Aber kindliche Gemüter stecken in allen von uns, manchmal mehr, manchmal weniger. Also ist das Alter der Filmheldin oder des Filmhelden in diesen Belangen gar nicht mal so ausschlaggebend. Bei sich selbst Kind zu sein, das ist etwas, das die Essenz unserer Persönlichkeit zu fassen bekommt, das ist ein loderndes Bündel an Energie, die uns ausmacht und uns das machen lässt, was wir lieben. Das kann uns auch keiner nehmen, das ist eigentlich unkaputtbar und geschützt vor allerlei Widrigkeiten von außen. Dieses „Bei sich selbst Kind zu sein“ ist das, was sich entwickelt und für immer manifestiert, wenn wir noch unter Kuratel der Erwachsenen stehen, uns krümmen oder emporgehoben werden. Dieser Paul Silberstein, der muss sich anfangs krümmen, hat allerlei Ängste und Sorgen und hasst den Internatsalltag in der Klosterschule. Am Schlimmsten jedoch ist neben der verachtenden Diktatur der katholischen Geistlichkeit – für die sich der Film viel Zeit und Wut nimmt – der über allem wie ein Damoklesschwert schwebende Patriarch, der Horror einer Vaterfigur. Die Mutter, die verliert sich in resignativen Tagträumen, der ältere Bruder in der tröstenden Zweidimensionalität seiner Briefmarken.

Rupert Henning, Autor der Brüder-Trilogie und oftmaliger Bühnenpartner von Erwin Steinhauer, hat ein für österreichische Begriffe völlig unübliches und merkwürdiges Stück Leinwandkino entworfen, das dem Wortschatz eines Andre Heller gerecht wird und den funkelnden Hundling einer Coming of Age-Erzählung zwischen den grotesken Märchen eines Jean-Paul Jeunet und den schwelgerischen Eskapaden eines Emir Kusturica oder György Pálfi tänzeln lässt. Die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten, die bietet für das Schicksal der Familie Silberstein eine wahrlich barocke Kulisse, so verziert und entrückt wie ein Grimm´sches Hexenhaus, darin die dunkel getäfelten Flure und die hallenartige Leere einer ignoranten Kälte, die vor allem von Vater Karl Markovics ausgeht. Der Schauspieler mutiert in ein bizarres Zerrbild eines vom Krieg traumatisierten Tyrannen, während Sabine Timoteo einen geheimnisvoll stillen Wahnsinn an den Tag legt. Erstaunlich wieder mal: der junge Valentin Hagg als zentrale Figur dieses teils schauerlichen, teils entzückenden Theaters einer Kindheit. Der Zwölfjährige outet sich hier als unbeugsamer, gewinnender Revoluzzer, der die Sympathien auf seiner Seite hat. Dessen Gedanken wir hören und den wir als Einzigen in seinem Handeln verstehen können. Der sich aber nicht in eine irreale Welt zurückzieht wie das Mädchen Ofelia aus Pans Labyrinth, sondern diese Welt herüberholt in die uns allen vertraute und einzige Realität.

Lange dauert dieser Film, aber diese Zeit muss er sich nehmen. Denn zu lernen, bei sich selbst Kind zu sein, geht nicht von heute auf morgen. Das passiert, wenn irgendwann mal alle Stricke reißen, wenn die Not Mutter neuer Gedanken wird. Und mehr noch: ganzer Gedankenkonstrukte, die mit so wegweisenden Prämissen wie Werde nicht wie all die, die du nicht sein möchtest zum Zirkus des Lebens laden. Auf und davon! ist die Devise des kleinen Paul. Diese Selbstfindung ist mitreißend, mitunter abstoßend und bizarr. Und manche Episoden, die wie Seifenblasen lose umherschwirren und kaum was bezwecken, hätten nicht sein müssen. Aber bei all den Abenteuern im Kopf, die für niemanden lesbar im Buche stehen, ist das versponnene Epos so eigenartig betörend und duftend wie der erste nachtschlafende Frühlingstraum bei offenem Fenster, wenn der Winter einer farblosen Disharmonie unter den wärmenden Lichtern einer Heller´schen Akrobatik dahinschmilzt.

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

Marie Curie

FORSCHEN ODER LIEBEN

7/10

 

mariecurie© 2016 P’Artisan Filmproduktion

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, POLEN 2016

REGIE: MARIE NOELLE

MIT KAROLINE GRUSZKA, SAMUEL FINZI, CHARLES BERLING, ANDRÈ WILMS U. A.

 

Betrachtet man die Geschichte der Wissenschaft, fällt auf, dass jene, die Bahnbrechendes auf ihrem Gebiet geleistet haben, nicht nur mit ihrem Partner, sofern sie einen hatten, sondern auch mit ihren Projekten verheiratet waren. Da blieb kaum Platz für anderes. Wissenschaftler und -innen, solchen Masterminds haftet neben dem oft zitierten Dasein als verrückter Fachidiot das Brandmal der exzentrischen, eigenbrötlerischen Beziehungsunfähigkeit an. Wissenschaft und soziale Kompetenz – das ist ohnehin wie Kinder und Spinat. Das passt selten zusammen. Und passt es einmal, dann ist die Opferbereitschaft für die Mission, dem Leben seine letzten Geheimnisse zu entreißen, nicht groß genug, um wirklich etwas entdecken zu können. So nebenbei, zwischen Mann, Frau und Familie, kann kein Nobelpreis gewonnen werden. Oder doch? Die Serie The Big Bang Theory nimmt die Unfähigkeit zu einer zwischenmenschlichen Beziehung vor allem bei der Figur des Sheldon Cooper gekonnt aufs Korn. Seine überdurchschnittliche Intelligenz und sein unerbittlicher Eifer, so etwas Ähnliches wie das Higgs-Boson zu entdecken und dafür den Nobelpreis zu bekommen, lässt ihn als Neutrum erscheinen.

Den Nobelpreis, den darf sich Marie Curie aber gleich zweimal aufs häusliche Regal stellen. Die gebürtige Polin, die ihre preisgekrönten Entdeckungen in Frankreich beweisen und publizieren durfte, führt gegen das Klischee der zwischenmenschlich verkümmerten Zunft des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin ihr eigenes Liebesleben ins Feld. Und das war gleichermaßen ein schmerzhaftes wie unmoralisches. Nach dem Tod ihres Lebensmenschen Pierre Curie, mit welchem sie gemeinsam wohl bis heute das Einser-Podest für DAS Wissenschaftler-Ehepaar überhaupt besetzt, nahmen Liebe und Leidenschaft ganz andere Wege. Und zwar jene, die Marie Curie vor allem in der Öffentlichkeit ziemlich schlecht dastehen ließen. Medien und das Nobelpreis-Komitee waren vor den Kopf gestoßen. Kann man denn sowas überhaupt verantworten – ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann? Kann und darf die Gallionsfigur der Wissenschaft, welche die Gesellschaft des beginnenden 20ten Jahrhunderts für sich beansprucht, eigentlich tun was sie will?

Der französischen Regisseurin Marie Noelle, Ehefrau des verstorbenen Filmemachers Peter Sehr (Kasper Hauser) legt keine schulmeisterliche Biografie vor. In ihrem Film Marie Curie liegt die Chronik ihrer Leistungen längst nicht im Fokus der Kamera. Erwähnt werden muss es allerdings trotzdem – ihre Entdeckung des Radiums und die Prägung des Begriffs der Radioaktivität sind untrennbar mit dem ereignisreichen und erfüllten Leben der wohl berühmtesten Physikerin aller Zeiten verbunden. Auch in der Langevin-Affäre, in der ihr Ehebruch, Sittenvergehen und fehlende Moral vorgeworfen werden, sind ihre Leistungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften nicht auszuklammern – obwohl Marie Curie dies womöglich gerne gehabt hätte. Um das Verfechten ihres Rechts auf Privatleben, dem Ausgeliefertsein ihrer Intimität als Person öffentlichen Interesses, davon handelt Noelle´s impressionistisch gefilmtes Tatsachendrama in erster Linie. Curie findet sich in der Rolle eines gesellschaftlichen Vorbildes wieder. Der Preis für ihren Erfolg und dem medialen Interesse, das natürlich auch das notwendige Geld für die Forschung bringt, soll ein gläsernes Dasein bedeuten – womit sich die resolute Kämpfernatur von Forscherin nicht begnügen wird.

Marie Curie setzt auf verwaschene Stimmungsbilder im Gegenlicht. Fahle und doch flirrende Farben dringen in die Düsternis des chemischen Labors. Das blaue Leuchten des Radiums versetzt in Trance. Unschärfen und Anmutungen von Aquarell tauchen die relative früh verstorbene Vordenkerin in abstrakte Gefühlswelten, die sich kaum oder gar nicht von der Unduldsamkeit der Realität abheben. Die Schauspielerin Karoline Gruszka, selbst Polin, verleiht der Urmutter der Strahlungslehre ein idealisiertes, fast schon ikonisches Gesicht zwischen Begehrlich- und Unnahbarkeit. Ihre Figur vermag ungeachtet charakterlicher Authentizität jedenfalls zu faszinieren. Und so wird Physik in Noelles Film zu einem Objekt der Begierde, der Leidensfähigkeit und öffentlicher Rechtlosigkeit, die nur den Anschein hat, zu diktieren. Marie Curie ist gepflogenes, relativ frei interpretiertes biografisches Kunstkino – schöngeistig und idealisierend. Wie ein radiologisches Denkmal in gepflegten Parkanlagen – leicht bewachsen, scheinbar ewig strahlend, in Wahrheit aber mit Halbwertszeit.

Marie Curie