The Vourdalak (2023)

WARTET NUR, BIS OPA KOMMT

6/10


Der Vourdalak verbeisst sich in seinen Enkel
© 2026 Lighthouse Entertainment


ORIGINALTITEL: LE VOURDALAK

LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE: ADRIEN BEAU

DREHBUCH: ADRIEN BEAU, HADRIEN BOUVIER, NACH DER ERZÄHLUNG VON ALEKSEJ TOLSTOI

KAMERA: DAVID CHIZALLET

CAST: KACEY MOTTET KLEIN, ARIANE LABED, GRÉGOIRE COLIN, VASSILI SCHNEIDER, CLAIRE DUBURCQ, GABRIEL PAVIE, ERWAN RIBAD, ADRIEN BEAU (STIMME) U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN



Was zur Hölle ist ein Wurdalak?

Der russische Schriftsteller Aleksej Tolstoi hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Vampirgeschichten verfasst, die man so jetzt nicht aus dem Stegreif nennen würde, da wäre einem Bram Stokers Dracula durchaus näher. Doch Die Familie des Wurdalak kann man sich merken, für den nächsten Small Talk, beim nächsten Wissensquiz oder einfach, um selbst vielleicht diese Geschichte nachzulesen, die insofern anders als gängige Geschichten bluttrinkender Wiedergänger beschreibt, wie das verfluchte Wesen nichts lieber täte, als das ganze Jahr über mit der Familie Weihnachten zu feiern.

Blut ist tatsächlich dicker

Natürlich war der Wurdalak – oder eben Vourdalak, so die französische Form – früher mal ein normaler, atmender Mensch, wie all die anderen Vampire übrigens auch. Dieser Fluch jedoch begeht im wahrsten Sinne des Wortes eine gewisse Sippenhaftung, da sich Vourdalaks eben ausschließlich ihrer eigenen Familie annehmen, um diese zu zerstören. Oder um diese eben leerzutrinken, wie auch immer.

Tolstois Vourdalak ist im Grunde ein alter Mann namens Gorcha, Oberhaupt einer mehrköpfigen Familie aus Kindern, Enkelkindern und Schwiegerkindern. Wir befinden uns hier im Serbien des frühen 18ten Jahrhunderts, die Türken terrorisieren Europa und Gorcha will es noch einmal wissen, in dem er mit Schwert und Schild gegen den Feind zieht. Sollte er in den folgenden sechs Tagen nicht zurückkehren, so seine Botschaft, dürfe ihn niemand mehr in die Stube bitten, denn dann sei er nicht mehr er selbst, sondern eine Kreatur der Nacht, ein untoter Blutsauger eben, der wohl die ganze Familie ins Unglück stürzen wird.

Ein Hofgesandter im Mythenpool

Wie es der Zufall so will darf diesem paranormalen Geschehen ein Gesandter des französischen Königs beiwohnen, ein weiß gepuderter feiner Geck, der, von Räubern seines Pferdes entledigt, auf einen Ersatz warten und bei Gorchas Familie unterkommen muss. Mit diesem Marquis d’Urfé schafft Adrien Beau einen spätbarocken Kontrapunkt, eine aufgeräumte, geordnete, gepflegte Instanz – die Zivilisiertheit des Damals und der Gegenpol zu einem eher archaischen, von Aberglauben, Mythen und der Metaphysik der Natur durchdrungenen Volksbild der moldawischen Region, fernab jeglicher kontrollierbarer Ordnung. Ariane Labed (Attenberg) gibt dabei die geheimnisvolle, schmuckbehangene Fremde, die dem Pudergesichtigen den Kopf verdreht.

Wenn die Puppen tanzen

Beau muss die alten osteuropäischen Filme der DEFA-Ära, entstanden in den 50er- und 60er- Jahren, wohl zu schätzen gewusst haben, um selbst so eine retrovisuelle Hommage anzufertigen, die mit Farbpatina, verwaschener Optik und gestelztem Spiel auf kurios-befremdliche Weise eigen wirkt.

Krönendes Element dieser tragödienhaften Schauermär ist natürlich der Vourdalak selbst – die marionettenhafte Puppe eines wandelnden Toten: knochendürr, lippenlos, gespenstisch nicht wirklich. Diese offenkundige Zurschaustellung analoger – ich will nicht mal sagen – Tricktechnik ist entweder ein Armutszeugnis aufgrund budgetärer Grenzen – oder ein absolut gewolltes Stilelement, um eben jener kauzigen Ära gerecht zu werden, die Filme wie diese improvisationsfreudig und mit begrenzten Mitteln damals zur Schau stellten.

The Vourdalak mag man seltsam finden, durch das hölzerne Spiel kommt relativ wenig Stimmung auf, und die Puppe selbst ist so verwunderlich wie faszinierend. Genau dadurch aber hat Adrien Beaus Film in gewisser Weise ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen – dank der Dreistigkeit, den tolstoischen Schrecken als Live-Act-Marionettentheater auferstehen zu lassen.

The Vourdalak (2023)

September & July (2024)

WER PFEIFT, SCHAFFT AN

5/10


© 2025 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: SEPTEMBER SAYS

LAND / JAHR: FRANKREICH, GRIECHENLAND, IRLAND, DEUTSCHLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: ARIANE LABED

DREHBUCH: ARIANE LABED, NACH DEM ROMAN VON DAISY JOHNSON

CAST: PASCALE KANN, MIA THARIA, RAKHEE THAKRAR, BARRY JOHN KINSELLA, CAL O’DRISCOLL, NIAMH MORIARTY, SHANE CONNELLAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Familie kann man sich nicht aussuchen, das ist längst klar wie der grüne See. Mit Geschwistern muss man zusammenleben, zumindest bis zur Volljährigkeit. Am besten, man arrangiert sich. Oder hat das Glück, nach Herz- und Seele-Manier miteinander zu verschmelzen, sich gegenseitig zu ergänzen und füreinander da zu sein. Auf den ersten Blick scheint es so, als wären September & July, womöglich benannt nach ihren Geburtsmonaten, das ideale Gespann, das dynamische Duo. Je länger man hinsieht, wird klar: Das ist es ganz und gar nicht. September ist dominant, sie pfeift, und July kommt gelaufen. July ist naiver, hingebungsvoller, erschreckend devot. Allerdings auch mutiger, freier und neugieriger. Das passt September ganz und gar nicht. Sie hat das Bedürfnis, ihre Schwester beschützen zu müssen, was aber insofern nach hinten losgeht, da July sich unterordnet. September Says lautet der Film im Original, und damit ist im Gegensatz zur deutschen Übersetzung deutlich mehr gesagt. Wenn September also anschafft, muss July spuren. Obwohl es scheint, als wäre alles nur ein Spiel, sagt dieses Kräftemessen einiges über das Verhalten der Figuren aus. Diese sind sowieso anders als der Mainstream, sind in der Schule personas non grata, sind Außenseiter aufgrund ihrer ungefälligen, sperrigen Art, ihres trotzigen Verhaltens und der Tendenz aufzubegehren, auf Kosten anderer. Das führt dazu, dass die Familie – die alleinerziehende Fotokünstlerin Sheela und ihre beiden Töchter – von Oxford nach Irland ziehen. Warum dieser Ortswechsel, erfahren wir erst viel später. Dort spitzt sich die Lage zu, die Zweisamkeit nimmt toxische Züge an, die Mutter selbst gibt sich distanziert. Womit wir beim Problem des Films wären.

Ariane Labed, bislang vorzugsweise als Schauspielerin in Filmen wie Lanthimos‘ The Lobster, Assassin’s Creed oder Flux Gourmet zu sehen, nimmt sich für ihr Spielfilmdebüt das Genre des Coming of Age-Films her – des suspenselastigen, unheilvollen Familiendramas, basierend auf dem Roman Sisters von Daisy Johnson. Labed besetzt ihr kühles Psychospiel mit frischen Gesichtern, lässt diese aber unnahbare Figuren verkörpern, die sich nicht darum bemühen, ihr Publikum in ihre Welt mitzunehmen. Weder September noch July noch deren Mutter gehen einem nahe, wenn man so will, dann vielleicht noch July, die in ihrem vulnerablen Pioniergeist eines jungen Menschen nachvollziehbar bleibt.

Womit Labed sichtlich Probleme hat, ist, sich ernsthaft mit ihren Figuren auseinanderzusetzen. Viel wichtiger sind ihr die redundanten Symptome einer ungesunden Schwesternbeziehung, von denen die undurchdringliche Rolle der Mutter immer wieder ablenkt – welchen Nutzen das für die Geschichte hat, bleibt fraglich. Als Arthouse-Independentfilm kommt September & July niemals so richtig in die Gänge, er bleibt verhalten, wenig selbstbewusst, als müsste Labed ihren eigenen Stil sowieso erst finden, und als wäre diese ihre Arbeit etwas, worin sich ihr Stil erst finden lassen könnte. Geschwisterfilme wie diese gibt es einige, bestes Beispiel der österreichische Psychothriller Ich seh ich seh von Veronika Franz und Severin Fiala, der sich mit dieser britisch-französischen Produktion am ehesten vergleichen lässt. Nur: Franz und Fiala wussten genau, was sie wollten und wohin die Reise gehen soll, man brauchte die Story nur ins Rollen zu bringen. Labed versucht eher, ihre Familien-Suspense immer wieder anzuschieben, um sicherzugehen, dass die Story letztlich auch aufgeht. September & July ist ein zu gewolltes Spiel um Besessenheit, Abhängigkeit und Verlust. Eine Mystery, an die sich schwer andocken lässt, da sie einen wegstößt, sodass man versucht ist, sich gar nicht mehr darauf einzulassen. Psychologisch bleibt September & July ungenau beobachtet, am Ende reißt ein vielleicht erwartbarer Twist den Status Quo aus seiner Tristesse.

September & July (2024)

Flux Gourmet

HEISSER GEKOCHT ALS GEGESSEN

3/10


flux-gourmet© 2022 Bankside Films, IFC Productions


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA, UNGARN 2022

BUCH / REGIE: PETER STRICKLAND

CAST: MAKIS PAPADIMITRIOU, FATMA MOHAMED, ARIANE LABED, GWENDOLINE CHRISTIE, ASA BUTTERFIELD, RICHARD BREMMER, LEO BILL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Was brutzelt, blubbert und zischt denn da? Grillt da der Henssler? Mitnichten. Hier kocht kein Haubenkoch das erlesene Menü für die Elite wie demnächst Ralph Fiennes im gleichnamigen Thriller und auch keine Madam Mim braut hier ihren Zaubertrank. Hier, in Peter Stricklands Künstlersatire, wird das Kochen und Zubereiten diffuser Gerichte, die nicht das Zeug dazu hätten, auf irgendeiner Speisekarte zu landen, zum Klangerlebnis für ein Grüppchen umherstehender Lustgenießer, die den Aktionismus wohl bereits lange vermisst hatten und nun endlich Zeuge davon werden können, wie es ist, nach einer Nacktperfomance in Tomatensoße gleich darauf einer Kolonoskopie beizuwohnen. Ein bisschen wie das Warten auf eine Darmspiegelung kommt mir Flux Gourmet des Autorenfilmers Strickland dann auch vor. Ich habe zwar keine Ahnung, wie stimmungsvoll sowas sein kann, doch die unbequeme Seitenlage und ziehende Schmerzen im Rektalbereich lassen sich angesichts der Fadesse beim Zerpflücken einer Künstlerkommune kaum vermeiden.

Und viel mehr außer exquisit fotografierter, aber viel heißer Luft, die nicht nur aufgrund des Kochdunstes entsteht, lässt sich aus Flux Gourmet auch nicht mit nachhause nehmen. Es ist, als würde man einer intellektuellen Late Night-Talkrunde beiwohnen, die mit umständlichen Satzkonstruktionen und sonderbaren Eitelkeiten jeden Zaungast dastehen lässt wie den reinsten Höhlenmenschen, da er den Mehrwert brodelnden Gepansches nicht erkennt oder das Schneiden einer Zucchini. Doch so sehr Peter Strickland auch das Konzept eines absurden Narrativs auf die begehbare Schaubühne geleiten will – es bleibt bei einer verschwommenen Idee, die sich nicht die Mühe macht, jene Werte, die aus so einer Performance vielleicht tatsächlich lukriert werden könnten, herauszuarbeiten. Wichtig scheint nicht, womit und was diese drei Künstler hier bewerkstelligen, sondern wer diese drei Künstler sind, die hinter ihrem Konzept stehen. Das ist, gelinde gesagt, zu viel Biografie von gänzlich Unbekannten, die es nicht wagen, einen Schritt aus ihrer Blase zu wagen. Und dadurch kaum Stellung zu ihrer Umwelt nehmen.

Diese drei Künstler ergeben das sogenannte kulinarische Kollektiv. Was sie tun? So dies und das, was mit den Klängen blubbernder Töpfe zu tun hat, mit räkelnden Damen und ärztlichen Untersuchungen. Sie gastieren für vier Wochen in einer Residenz namens Sonic Catering Institute, deren Managerin ist die stets festlich gekleidete und wie ein Fremdkörper wirkende Gwendoline Christie (allseits bekannt geworden als Brienne von Tarth im Knüller Game of Thrones). Diesmal versucht sie mit allen Mitteln, ihre eigenen künstlerischen Visionen ins Programm ihrer Schützlinge zu bringen, was aber auf Ablehnung stößt. Das eigenwillige Treiben beobachtet ein extra dafür angeheuerter griechischer Journalist, der unter Verstopfing und dauernden Blähungen leidet und sich einem bizarren Arzt anvertraut, der aus Jeunets Die Stadt der verlorenen Kinder entsprungen sein könnte, so vertrauenserweckend scheint sein saloppes Weintrinken während der Gastroskopie. Damit nicht genug: Diese schräge Partie ist obendrein noch seltsamen Anschlägen einer verschmähten anderen Künstlergruppe ausgesetzt, die mit Schildkröten um sich wirft. Ob Schildkröten oder Schwäne, die das Schicksal verändern – manchmal scheint es, als wäre man im neuen Werk des Theatermachers Peter Greenaway (A Zed & Two Noughts) angelangt, einem besonderen Mann fürs Opulente, der in den Achtzigern und Neunzigern die Art des Filmemachens auf ein noch nie zuvor dagewesenes, reichhaltiges Level hob: die des modernen, aber barocken Ausstattungskinos in strengen Tableaus, aber mit existenzialistischer Metaebene. Strickland lässt in ähnlicher Weise die Mäzenin in exaltierter Mode aufmarschieren, mit Kajal und süßlichem Gerede. Auch der Rest der Truppe gibt seine Sicht auf die Dinge preis, der Grieche sitzt derweil am Lokus und der Mixer mixt.

Flux Gourmet hat weder großes Interesse an der Kochkunst noch an der Frage, was Kunst noch so alles bedeuten kann. Eine Liebe zum Essen und dessen Zubereitung ist nirgendwo zu sehen. Eine Liebe zur Eitelkeit und zum Narzissmus allerdings schon. Flux Gourmet bewegt sich in diesen eng gezogenen Quadratmetern einer entrückten Welt weder vor noch zurück, das viele Geschwafel gibt nichts Erhellendes preis und Satirisches über Kunst gibt es in Filmen wie The Burnt Orange Heresy hundertmal besser. Die Enttarnung einer hohlen Kunstwelt ohne bekennender Ideale lässt die bemühte Provokation bröckeln, dahinter befindet sich nichts außer dünner Suppe, die, zwar heiß gekocht, letztlich kalt serviert wird.

Flux Gourmet