Vom Ende einer Geschichte

BLICK ZURÜCK IN REUE

5/10


endeeinergeschichte© 2018 Wild Bunch


LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: JIM BROADBENT, HARRIET WALTER, CHARLOTTE RAMPLING, MATTHEW GOODE, EMILY MORTIMER, MICHELLE DOCKERY, BILLIE HOWLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Den britischen Schauspieler Jim Broadbent kennt die breite Front der Kinogeher wohl am ehesten aufgrund seiner Rolle als Horace Slughorn, verschrobener Professor für Zaubertränke aus der Harry-Potter-Episode um den Halbblutprinzen. Dank ihm, also dieser Figur, wissen wir Bescheid über Horkruxe. In der Verfilmung eines Romans des Engländers Julian Barnes hat er alles Magische abgelegt und lebt als Pensionist ein Leben der Gelassenheit und der Freude an alten Fotoapparaten. Um seine Rente aufzubessern, führt er auch noch einen winzig kleinen Laden für Analoges aller Art. Irgendwann aber bekommt der Senior einen Brief vom Notar. Anscheinend hat er was geerbt – genauer gesagt ist es ein Tagebuch von einem ehemaligen Kommilitonen aus der Studentenzeit, das aber wiederum in die Hände der eben verstorbenen Mutter seiner ehemaligen Freundin geraten war. Was hat es damit wohl auf sich? Broadbent wassert nach. Mit ihm der Film, der natürlich, wie es für BBC-Produktionen oft typisch ist, auf zwei weit auseinanderliegenden Zeitebenen fährt. In einer davon lernen wir Broadbents Ich in jugendlichen Jahren kennenlernen. Und kommen der ganzen Sache mit dem Tagebuch langsam, aber sicher, auf die Spur.

Vom Ende einer Geschichte, inszeniert vom indischen Filmemacher Ritesh Batra (Lunchbox, Photograph) ist wirklich kein Film, der lange in Erinnerung bleibt. Kein Wunder, dass die Figur des Rentners Tony sich nur vage an all die Dinge von damals erinnert, so verdröselt und detailverliebt kommen sie daher. Im Grunde ist die Literaturverfilmung kein schlechter Film, aber auch nichts wirklich Bewegendes. Klassische Prosa, über Liebe, Freundschaft und tragischen Zufällen, die das Leben so einiger beeinflusst haben. Doch mich wundert nicht, das Vom Ende einer Geschichte allzu gemächlich vor sich hinsinniert und eigentlich lieber als Vorlage gelesen werden will: Ritesh Batra ist nicht wirklich dafür bekannt, fesselnde Geschichten zu erzählen. Zumindest mir nicht. Photograph war eine arg hölzerne Romanze. Dieser Film hier hat zumindest den professionell aufspielenden Jim Broadbent als Star in petto. Die Story selbst aber ist für einen Film recht bemüht konstruiert, über mehrere Ecken gehend, das Kolorit früherer Jahre so gerne einfangend. Dabei aber immer so in den Erinnerungen kramend, wie man es tut, wenn alte Fotoalben gesichtet werden und verschiedenste Bilder im Kopf wieder aufpoppen. Das ist für den, der dabei war, sicher emotional erregend. Für den fremden Betrachter einer solchen Geschichte ist das eine biedere Schicksalsnummer über Verantwortung und Widergutmachung, gesprächig und gut besetzt, allerdings recht distanziert und umständlich.

Vom Ende einer Geschichte

Geheimnis eines Lebens

PATT FÜR DEN WELTFRIEDEN

4/10

 

geheimniseineslebens© 2019 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: TREVOR NUNN

CAST: JUDI DENCH, SOPHIE COOKSON, TOM HUGHES, STEPHEN CAMPBELL MOORE U. A.

 

Da jätet man im Vorgarten sein Unkraut, und macht es sich sonst so im betagten Alter bequem, da holt einen plötzlich die Vergangenheit ein – und das mehrere Jahrzehnte später. So passiert bei Judy Dench im Film Geheimnis eines Lebens, oder wie im Original noch treffender: Red Joan. Warum dieses? Warum ist diese Joan eine rote? Rot, das sind die Sozialisten, und Rot ist auch der Kommunismus, und der war ein Dorn im Auge aller anderen Großmächte, nur nicht Russlands. Das, woran sich Joan Stanley erinnert, das ist die finstere Zeit des Wettrüstens, des Entwickelns und Ausbaus der verheerendsten Waffe der Menschheitsgeschichte: Der Atombombe.

Diese Joan Stanley aber, die hat es nie gegeben. Eine Person mit dem Namen Melita Norwood aber schon – und die hat genau das gemacht, was für Judy Dench Jahrzehnte später während eines gemütlichen Tages in der Pension wie ein Damoklesschwert plötzlich niederfährt. Um wegen Spionage ins Zuchthaus zu wandern, dafür ist man nie zu alt. Spione, das sind die Personas Non Grata schlechthin, auch wenn ihr Beweggrund dafür ein redlicher gewesen sein mag – oder einer, der den Weltfrieden gewährleistet hat, zumindest für einige Zeit. Aber Verräter ist Verräter, da geht’s laut Staat irgendwie ums Prinzip. Und die alte Joan Stanley aka Dench, die in einem auffallend devastierten Zustand und mit grabentiefem Faltenwurf da vor dem Verhörkommando sitzt, erzählt ihre Geschichte. Dumm nur, dass Regisseur Trevor Nunn für die junge Spionin Joan die Schauspielerin Sophie Cookson gecastet hat – die nämlich mit der Intensität ihrer Rolle nur sporadisch zurechtkommt. In den Anfangsszenen vielleicht, aber längst nicht mehr dann, wenn das Netzwerk von Spionage, Verrat und Übergabe so richtig ins Rollen kommt. Gut, nicht jeder Spion kann mit Mark Rylance besetzt werden, der in Spielbergs Bridge of Spies der absolut Richtige für diesen Job war. Oder mit Ulrich Mühe aus Das Leben der anderen. Weibliche Spione lassen sich mit Rylance aber leider nicht besetzen, und junge Spioninnen schon gar nicht. Cookson erreicht hier einfach nicht die Tiefe, die für diese Figur wünschenswert gewesen wäre. Und auch die Kompanie der männlichen Nebendarsteller, die sich um Cookson scharen, entwickeln kein Charisma, haben kaum eine Biografie. Das ganze Ensemble bedient sich grundsoliden Stereotypen, die schon hundertmal ihren Auftritt hatten, die aber im Grunde nicht so viel Schaden anrichten, um einen Film so richtig zu vermasseln.

Ganz vermasselt ist Geheimnis eines Lebens demnach eben nicht. Die Story mag schon interessant sein, die Prämisse dahinter, mit einer Pattsituation unter den Großmächten den Frieden zu sichern, indem die Pläne der Atombombe wie ein Wanderpokal an Russland weitergereicht werden, ist so radikal wie mutig und von einer frappanten Logik. Aber dennoch – Trevor Nunns Spielfilm (normalerweise ist der Mann Indendant der Shakespeare Company und im Theater zuhause) ist nicht mehr als ein zögerliches Fernsehfilmereignis als BBC-Bildungsauftrag, der wie ein Postit an jedem Kader des Films hängt. Warum darin Melita Norwood plötzlich anders heisst, kann mir auch keiner erklären, vielleicht hat das etwas mit Namensrechten zu tun, wer weiß. Nachkommen der britischen „Mata Hari“ gibt es ja. Doch das ist das geringste Problem. Ein Fall wie dieser hat filmtechnisch mehr Sorgsamkeit verdient. Und weniger das Prädikat eines uninspirierten Schulfernsehens, schauspielerisch wie inszenatorisch.

Geheimnis eines Lebens