Spider-Man: Brand New Day (2026)

DU ENTSCHULDIGE ICH KENN‘ DICH …

7/10


Tom Holland entdeckt neue Fähigkeiten an sich selbst in Spider-Man: Brand New Day
© 2026 TMG / MARVEL


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

DREHBUCH: CHRIS MCKENNA, ERIK SOMMERS, JUSTIN KURITZKES

KAMERA: BRETT PAWLAK

CAST: TOM HOLLAND, ZENDAYA, JACOB BATALON, SADIE SINK, JON BERNTHAL, MARK RUFFALO, TRAMELL TILLMAN, LIZA COLÓN-ZAYAS, FLORENCE PUGH, MICHAEL MANDO, MARISA TOMEI, OLIVIA BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Kevin Feige im Kabelsalat

Diese Multiversum-Saga hat keinen roten Faden mehr, obwohl das neueste Abenteuer der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft immer noch dazugehört. Du meine Güte, wie haben sich Disney und Marvel, genauer genommen Kevin Feige hier nicht verheddert wie man sich sonst nur in einem Kabelsalat verheddern kann, der hinter dem Schreibtisch vor sich hinstaubt.

Zu Beginn war noch alles relativ strikt und stringent erzählt, bevor all die neuen Gesichter, Protagonisten und Antagonisten überhandnahmen, zwischendurch mal auftauchten, dann wieder gekippt wurden und gar nicht mehr weitergeführt, da es schier unmöglich schien, an all diesen Sidestorys, Nebenplots und sonstigen Abenteuern dranzubleiben. Die Multiversum-Saga hat irgendwann, vielleicht nach der letzten Folge der Serie Loki, ihren Geist aufgegeben. Die ganze Phase des MCU nennt sich vermutlich nur proforma so, damit das ungeliebte Kind einen Namen hat.

Bingewatching mit den Kinofilmen

Filme und Serien wurden seltener, die Abstände zwischen den Releases so enorm, dass wohl kaum jemand mehr den Konnex zu einem der älteren Filme herstellen würde. The Fantastic Four? Stimmt, da war doch was. Die sollten angeblich die Phase 6 des MCU einläuten, und nicht, wie es logischer wäre, die Thunderbolts* aka New Avengers. Die Fantastic Four: First Steps mit Pedro Pascal und Vanessa Kirby schwammen letztes Jahr irgendwo im Sommerkino mit, erzählten so nebenbei ein Abenteuer über und mit dem gigantomanischen Galactus, bevor das Alternative-Universum-Abenteuer wieder sang und klanglos aus dem Gedächtnis verschwand. In Avengers: Doomsday sollen sie dann erneut antanzen. Vermisst hat man sie nicht. Vielleicht aber einen wie Spider-Man mit Tom Holland in seiner Paraderolle – was spätestens seit der Odyssee klar wird. Statt Telemachos lieber Peter Parker.

Mister Anonym im Großstadtdschungel

Und der schließt mehr oder weniger nahtlos (5 Jahre später) an einen noch weiter zurückliegenden Film an, nämlich Spider Man: No Way Home. Dieses Abenteuer hat so seine Spuren hinterlassen, mitunter auch jene der anderen beiden Spider-Man-Darsteller: Toby Maguire und Andrew Garfield. So wurden die Sony-Filme in die MCU-Timeline aufgenommen, Stiefkind bleibt dabei nach wie vor Venom.

Aber gut: Dieser neue alte Peter Parker hat doch, um die Menschheit und seine Geliebte MJ (Zendaya) zu retten, seine Identität aus allen Gedächtnissen auf diesem Planeten gelöscht. Spider-Man: Brand New Day trifft es also ziemlich gut: Ein Neuanfang steht ins Haus, Business as usual, möchte man fast meinen – wozu auch gehört, einigen Mittelklasse-Bösewichten wie dem Skorpion (Michael Mando, Better Call Saul) das Handwerk zu legen.

Natürlich behält Peter seine ehemaligen Freunde weiter im Auge und wartet auf den Moment, um neu anzudocken, als kleiner großer Unbekannter. Währenddessen aber macht sich eine schwer zu fassende Präsenz in New York breit: eine, die man nicht sehen kann und nur in den Köpfen der Leute steckt. Ein telepathischer Unhold treibt sein Unwesen, und diese Bedrohung kommt natürlich gerade dann, wenn sich Spideys Spinnen-Gene entschließen, ein organisches Upgrade durchzuführen.

Alleine kann er diese ganzen Herausforderungen nicht stemmen, da braucht es einen alten Bekannten. Ist es Hulk? Ja, der auch, aber nur peripher. Vorrangig ist es der Punisher, die wohl brutalste und gnadenloseste Figur von Marvel, absolut nicht jugendfrei, moralisch zweifelhaft, aber im Ganzen als urbaner Berserker unwiderstehlich.

Der Harte und der Zarte

Tom Hollands Freund Jon Bernthal schafft doch irgendwie das Kunststück, vom brutalen Selbstjustiz-Killer, umhüllt von trostloser Trauer, zur einer immer noch martialischen, aber aufgeweckten und weniger grimmigeren Kampfmaschine zu wechseln. Das heisst nicht, dass sein Charakter, so wie ihn seine Fans bislang kannten, dadurch korrumpiert wird – einzig der Fokus ist ein anderer. Und der Punisher kann durchaus auch mal Licht am Ende des Tunnels sehen, vor allem, wenn er es mit Spider-Man zu tun hat, mit dem er auf Staten Island irgendein Ding gedreht hat und der bei ihm schließlich etwas gut hat.

So haben wir in Brand New Day doch einige bekannte Gesichter, ein überraschendes Cameo – und eine ganz neue Figur, über die ich hier natürlich nichts verrate. Diese Figur aber bemüht sich genauso wie Spider-Man selbst, die Brücke zu schlagen vom letzten Marvel-Film bis zum großen Opus Magnum im Dezember – Avengers: Doomsday.

Ein Superheldenfilm wie damals?

Was Destin Daniel Cretton dabei gelingt: Die Erinnerung an die phänomenale Infinity-Saga zu wecken. Schließlich waren aus diesem Handlungsbogen wohl die besten Superheldenfilme hervorgegangen, die es je gegeben hat und die es womöglich jemals geben wird. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Zusammensetzung war Marvel da am Zenit seiner Kunst.

Cretton kann sich noch daran erinnern, schließlich zählt sein Film Shang Chi and the Legend of the Ten Rings zu einem der besseren Episoden der Post-Infinity-Ära. Cretton weiß, und auch Holland weiß es, wie Spider-Man tickt; was er erlebt hat, und wie sich der Charakter weiterentwickeln könnte. Das fängt er gut ein, und hat auch nicht vor, hier seinen individuellen Stempel aufzudrücken, sondern begnügt sich damit, den Marvel-Kosmos weiter zu atmen.

Mit dem Auftritt von Hulk ist es dann fast so, als säße man wieder in den Avengers-Filmen von damals. Richtig nostalgisch und warm ums Herz wird einem da – auch wenn Spider-Man: Brand New Day wirklich nicht zu jenen Filmen zählt, die die größten Schauwerte und die spektakulärsten Erlebnisse bereithalten.

Es geht um Emotionen

Crettons neue Episode ist wie eine Serien-Staffel in kompakter Form. Sehr viel Freundschaft, sehr viele Begegnungen, dazwischen ordentliche Handgemenge und jede Menge Details, die Kenner der Materie mit Verzückung inhalieren. Auf fast schon bescheidene Weise, die mehr Geschichte erzählen will als wirklich zu beeindrucken, bleibt der Spider-Man: Brand New Day ein entspanntes Young-Adult-Abenteuer, das sich an vieles erinnert, was in diesem Universum schon so passiert ist, das wir als Fans vielleicht schon vergessen haben und das am Ende die Lust auf mehr weckt, auf noch mehr bewährtes Storytelling. Und auf eine Fusion, die manche schon lange herbeisehnen.

Spider-Man: Brand New Day (2026)

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings

NEUE HELDEN BRAUCHT DAS LAND

7,5/10


shang-chi© 2021 Marvel Studios


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

CAST: SIMU LIU, TONY LEUNG, AWKWAFINA, BEN KINGSLEY, FALA CHEN, MICHELLE YEOH, FLORIAN MUNTEANU, BENEDICT WONG U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Warum auch immer Black Widow als Auftakt für die neue Phase des MCU hergenommen wurde – Scarlett Johanssons womöglich letzter Ausflug als Natasha Romanoff scheint eher wie der Epilog der letzten Phase zu sein. Der Final Curtain für eine schneidige Heldin. So richtig frischen, neuen Wind, und das noch aus einer ganz anderen Himmelsrichtung, nämlich von dort, wo die Sonne aufgeht, bläst uns erst Shang-Chi oder The Legend of the Ten Rings ins Gesicht. Wie fühlt sich dieser Luftwechsel an? Ungefähr so, wie sich bereits die Serie Loki angefühlt hat. Dort wiederum, auf dem hauseigenen Streamingportal, ist das MCU längst schon an neuen Ufern angekommen. Der Gott des Schabernacks, Wanda Maximoff und der neue Captain America haben sich bereits schon warmgelaufen für das, was da noch kommen möge. Jetzt allerdings haben wir seit Captain Marvel nach langer Zeit wieder mal eine Origin-Story, die natürlich die gängigen Parameter für so eine Genese zu atmen hat, die aber durch sein wild wucherndes Märchen-Kolorit den Alles-ist-möglich-Wahnsinn der Guardians of the Galaxy auf die Erde wuchtet.

Dabei ist das MCU seit jeher ein zwar stets zusammenhängendes und auch homogenes, aber in seiner Sprache manchmal hochgradig unterschiedliches Universum. So zu Beispiel bleibt die Captain America-Fraktion mit Winter Soldier, Nick Fury oder eben Falcon auf gesellschaftspolitischer Bühne und zeichnet das unserer Realität am nächsten kommende alternative Weltbild. Auf der anderen Seite stehen die Guardians und alles, was da so aus dem interstellaren Raum auf uns eintrudelt. Knallbunt, phantastisch und verspielt. In dieses Fahrwasser begibt sich auch der Neue unter den Weltenrettern: ein typ namens Shang-Chi, der den Infinity-krieg gut überstanden hat und so tut, als wäre er ein ganz normaler Amerikaner mit Migrationshintergrund, der seinen Alltag bestreitet wie jeder andere auch. Dem ist natürlich nicht so, und eines Tages tauchen wilde Kerle auf, die Shang-Chi an den Hals wollen. Um diesen hängt nämlich das Erbstück seiner verstorbenen Mutter, das Papa Xu unbedingt haben will. Und nicht nur das – die Familie, in dessen Besitz die zehn magischen Ringe fallen, soll wieder zusammenkommen, um Rache an denen zu nehmen, di Xus bessere Hälfte und Mutter von Shang-Chi gefangen halten.

Wie in Black Widow dreht sich auch in Shang-Chi an the Legend of the Ten Rings sehr viel um die Familie und dessen Zusammenfindung. Familie war Disney immer schon wichtig – man merkt deutlich den Einfluss des Mauskonzerns auf das Marvel-Franchise. Doch das macht nichts, diese Formeln fügen sich ganz gut in einen neuen, vielversprechenden Überbau, indem Magie, Zeit und Dimensionen eine große Rolle spielen werden. Dementsprechend heisst es bei Destin Daniel Crettons Marvel-Debüt: alle Sinne auf Empfang, denn da kommt was Unerwartet großes auf uns zu. Und auch wenn es im Film niemals ausgesprochen wird – es scheint, als wäre das von Mythen umrankte Tal Shangri La nun endlich gefunden worden.

Martial Arts war klar – die Fights sind formschön und übersichtlich choreographiert. Action State of the Art, was anderes hätte man ja nicht zu erwarten brauchen. Was letzten Endes die Erwartungen durchaus sprengt, ist der gegen Mitte des Films erhaltenen Drall Richtung sagenhafter Märchenwelt – im Gegensatz dazu wirkt das jüngste Mulan-Abenteuer wie eine solide Terra X-Doku. Neben den sympathischen Sidekicks wie die gewohnt burschikose Awkwafina und eines ganz besonderen, alten Bekannten aus den frühen MCU-Phasen sorgen phantastische Tierwesen, welche die Möglichkeit eines Crossovers mit dem Harry Potter-Universum einräumen könnten, für überraschtes Staunen. Und es kommt noch dicker, bunter und spektakulärer. Shang-Chi and the Ten Rings beginnt wie ein geerdeter Marvel-Film, zieht daraufhin sämtliche Asse an Schauwerten aus dem Ärmel und endet als folkloristisch angehauchtes und selbstbewusstes Eventkino. So beeindruckend der virtuose Bilderreigen auch sein mag – er hätte längst nicht so eine treffsichere Wirkung erzielt, wären die Protagonisten nicht so gewissenhaft gecastet worden wie sowieso schon immer im MCU (mit Ausnahme von Captain Marvel vielleicht). Serien- und nunmehr Kino-Shootingstar Simu Liu verleiht dem asiatischen Helden eine bescheidene Natürlichkeit. Wie Hawkeye, nur statt Pfeile sind es folglich Ringe, die noch eine wichtige, wenn nicht gar sehr wichtige Rolle spielen werden. Denn nach dem Abspann heißt es wieder: Sitzen bleiben!

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings

Just Mercy

GNADE VOR UNRECHT

7/10

 

Just_Mercy_Picture_No_1© 2020 Warner Bros GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

CAST: MICHAEL B. JORDAN, JAMIE FOXX, BRIE LARSON, TIM BLAKE NELSON, O´SHEA JACKSON U. A.

 

Da blieb kein Auge trocken: Als der reuige und zum Glauben gefundene Sean Penn in Dead Man Walking seinen titelgebenden letzten Gang antreten musste, war die Schmerzgrenze des zumutbar Tragischen eigentlich längst erreicht. An seiner Seite: Susan Sarandon, die als Emotional Support des zum Tode Verurteilten ihren Oscar erhielt. Wen allerdings dieser ultimative Film zur Todesstrafe noch immer nicht ganz davon überzeugt hat, dass dieses drakonische Mittel nichts mehr anderes ist als ein so sinnloser wie obsoleter Rest aus dem Mittelalter; wer nach diesem Film immer noch nicht verstanden hat, dass die Dunkelziffer aller Fehlverurteilten erschreckend hoch und Tod durch Tod keine Lösung ist, der könnte sich durch den vor Corona im Kino angelaufenen und nun auf amazon als Streaming-Highlight abrufbaren Justizdrama nun die letzten Prozent seines Zweifels ausräumen lassen. Just Mercy beruht auf den als Buch verfassten Erfahrungen des Bürgeranwalts Bryan Stevenson und präsentiert ein ausgeschlafenes Ensemble, das gegen die Todesstrafe und für eindeutig mehr Gnade wettert.

Gnade vor Unrecht könnte der Slogan sein, der dieser Art von Strafe den Tod bringen kann. In vorliegendem Film wagt der Harvard-Jurist Stevenson, souverän und einnehmend verkörpert von Michael B. Jordan, das Abenteuer Südstaaten – und lässt sich gerade dort nieder, wo die rassistische Kacke Ende der 80er immer noch gehörig am Dampfen ist. Mutter sieht das kritisch, ungefährlich ist dieses Unterfangen nicht. Doch Stevenson will helfen, ist durch und durch Humanist und steht für eine Gerechtigkeit, die verhindern soll, das „Herrenmenschen“ Menschenrecht mit Füßen treten. Getreten werden die Schwarzen dort tagaus tagein. Leicht ließe sich die Darstellung weißer Rednecks in Uniform als gängiges Klischee interpretieren. Die erschreckende Erkenntnis wird aber sein: diese Darstellung ist womöglich gar noch untertrieben. Ein Schwarzer als Sündenbock ist schnell mal herbei intrigiert und Zeugenaussagen zum Schaden anderer sehr leicht eingeholt. Jamie Foxx, der landet dann in der Todeszelle. Natürlich für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Stevensons CEO-Anwaltskanzlei, speziell auf Todesstrafen und deren Revision fokussiert, will es in diesem Fall wissen – und legt sich mit korrupten, kriminellen Mechanismen auf Seiten des Gesetzes an.

Just Mercy ist ein hemdsärmeliges, gehaltvolles Stück Justizdrama, alles nach Fakten. Jamie Foxx war nach Ray womöglich nie mehr so gut, sein nachvollziehbares Verhalten zwischen gottergebener Resignation vor dem Damoklesschwert der Ungerechtigkeit und dem Fall ins Bodenlose balanciert der Schauspieler in einer intensiven Performance. Die Szenen im Todestrakt erinnern etwas an The Green Mile, und auch der Schrecken selbst – der Tod auf dem elektrischen Stuhl – zeigt sich wiedermal als Barbarei, die sich vom Ketzerverbrennen am Scheiterhaufen nicht viel wegbewegt hat. Ein guter Film, ein durchaus wichtiger Film, und einer, der diesen ewigen Kampf gegen die Windmühlen der US-Strafgesetze wieder in Erinnerung ruft.

Just Mercy

Schloss aus Glas

DIE REGELN DER ERZIEHUNG

6/10

 

SCHLOSS AUS GLAS© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

MIT WOODY HARRELSON, BRIE LARSON, NAOMI WATTS U. A.

 

Elternführerschein für alle! Nach der längst überfälligen Ehe für selbige in Österreich wäre dies der nächste Schritt zu einer besseren Welt, oder sagen wir: einer besser erzogenen. Die Eckpfeiler einer guten Erziehung finden sich maximal in guten Ratgebern. Aber wie viele der Eltern lesen schon Ratgeber. Einfach nur mit der Tatsache, erwachsen zu sein und seine eigene Kindheit mehr oder weniger durchgestanden zu haben, lässt sich noch kein Nachwuchs zielsicher durchs unruhige Gewässer der menschlichen Entwicklung steuern. Da gehört Feingefühl dazu, Vernunft, Selbstlosigkeit. Ja, vor allem Selbstlosigkeit. Und ein gesundes, in sich ruhendes Ego, mit zeitlosen Werten geprägt. Oft aber haben familiäre Leitfiguren ein zerrüttetes, beschädigtes, zerstörtes Ich, das bereits mit dem nicht zu vergessenden Trauma einer schallenden Ohrfeige beginnen kann. Oder mit der unkontrollierten Machtausübung des Stärkeren, womöglich auch selbst aus einer gewissen Fehlprägung heraus. Denn Kinder galten Anfang des vorigen Jahrhunderts noch nicht mal als vollwertige Menschen. Das muss man sich mal vorstellen. Da wundert einem eine teils neurotische wie psychotische Welt nicht mehr. 

Die Regeln der Erziehung – gibt es welche? Und können Eltern sie sinnvoll anwenden, wenn sie ihre eigene Erziehung erst noch verarbeiten müssen? Wie dem Nachwuchs eine Existenz schaffen, wenn Papa oder Mama selbst damit hadern? Nun, so viel Trost sei gespendet: der Mensch ist ein Wunderwerk der Evolution, allerdings ein Wunderwerk in progress. Dank der selektiven Radiation ist der Mensch immer noch stets im Wandel begriffen. Kann sich enorm gut anpassen und kann existenztechnisch improvisieren, dank seines Verstandes. Entbehrt das Umfeld des Heranwachsens jeglicher Geborgen- und Sicherheit, absorbiert der juvenile Verstand den Mangel und kurbelt den eigenen Denkapparat an. Der erste Schritt zur frühen Selbstständigkeit. Ein Kind, das, kaum geboren, verhätschelt und übermäßig beschützt wird, braucht selbst seinen eigenen Ist-Zustand nicht zu hinterfragen. Da alles in den Schoß gelegt wird, bleibt die Herausbildung des eigenen starken Ichs vielleicht auf der Strecke. Überspitzt formuliert, und ja, Grauzonen und Mittelwerte außer Acht gelassen. Die italienische Ärztin und Philantrophin Maria Montessori hat ihre Methodik der Pädagogik mit den Worten versehen: Hilf mir, es selbst zu tun. Aber auch dieser befreiende Leitsatz hängt sehr vom genetischen Erbe ab. Und von der Gesundheit eines jungen Menschen. Alles keine leichte Interpretation, alles nur mal angerissen. Aber es sind Gedanken, die sich mir aufdrängen, nachdem ich die Verfilmung der Biografie von Schriftstellerin Jeanette Walls gesehen habe. 

Darin spielt der unvergleichliche Woody Harrelson den asozialen Alltags-Abenteurer Rex Walls, der mit Künstlergattin und seinen vier Kindern dem seines Erachtens nach alles ruinierenden Systems der Gesellschaft zu entkommen versucht und mit vollbeladener Rostlaube von hier nach dort zieht. Dass der idealistisch denkende Über-Vater seinen Nachwuchs nicht in die Schule schickt, allerdings aber nicht mal selbst unterrichtet und das eigene Wissen in losen Anekdoten von sich gibt, ist für diesen Weg der Erziehung nur eine logische Folge. Obwohl – Erziehung ist es keine. Die drei Töchter und der eine Sohne bleiben sich selbst überlassen, müssen oftmals hungern, haben keine Freunde, der soziale Kontakt ist auf die Familie beschränkt. Der Vater selber lebt im Wunderland – sein Lebensstil ist Freiheit, sich niemanden unterwerfen zu müssen. Das Ziel: ein Schloss aus Glas. Für dieses zu bewohnende Kunstwerk werden Pläne gewälzt bis zum Gehtnichtmehr. Und die Begeisterung der Kinder an der Wurzel gepackt. Dumm nur, dass die Ideen des Vaters nur im Kopf passieren. Jeanette Walls und ihre Geschwister schauen durch die dürren Finger – die Tatsache, dass alles nur leere Versprechungen sind, zwingt die dem Ego-Trip der Eltern Unterworfenen zum Handeln. 

Der hawaiianische Regisseur Destin Daniel Cretton lässt Oscarpreisträgerin Brie Larson an ein entbehrliches Damals erinnern und zeichnet ein durchaus vielschichtiges, psychologisch komplexes Familiendrama, indem schwer zu fassende Themen wie Erziehung, Verantwortung und Selbstachtung im Mittelpunkt stehen. Dass sich der Lebensstil von Familie Walls so derart radikal manifestiert hat, erklärt sich nicht ohne schmerzliche Ursache. Auch das versucht der Film mithilfe seines souveränen Ensembles zu verstehen. Ein schwerer Brocken von Film, noch dazu in zwei Zeitebenen. Und um Einiges zu lang. Klar, um das alles unterzubringen, muss es auch ein Drama werden, das Sitzfleisch fordert. Das ähnlich gelagerte Aussteigerdrama Captain Fantastic von Matt Ross, mit Viggo Mortensen als Systemverweigerer mit Anhang, findet klarere Strukturen in der Geschichte. Konzentriert sich zeitgerecht auf einen Erzählfokus, bindet seine Fragen und Antworten besser an den roten Faden. Schloss aus Glas kann den Anspruch gar nicht ganz erfüllen, ohne sich mit einer konservativen Art des Erzählens auszuhelfen. Das wird dann irgendwann zu seifig, und aus dem spannenden Bild einer gestörten Familie wird ein Vater-Tochter-Melodrama, das letzten Endes allzu versöhnlich lächelt.

Schloss aus Glas