Die Odyssee (2026)

DIE PRAKTISCHE WUCHT DER MYTHEN

7/10

 

Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans Die Odyssee© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, NACH DEM EPOS VON HOMER

KAMERA: HOYTE VAN HOYTEMA

CAST: MATT DAMON, TOM HOLLAND, ANNE HATHAWAY, ROBERT PATTINSON, HIMESH PATEL, CHARLIZE THERON, ZENDAYA, BENNY SAFDIE, LUPITA NYONG’O, JON BERNTHAL, JOHN LEGUIZAMO, ELLIOT PAGE, SAMANTHA MORTON, MIA GOTH, RYAN HURST, COREY HAWKINS, ANDREW HOWARD, JAMES REMAR, BILL IRWIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 52 MIN



Das Warten hat ein Ende – nicht nur für Penelope. Endlich ist er da, der neue Film von Christopher Nolan, der Hit des Sommers und der wohl am heißesten erwartete Film des Jahres, bevor noch die Avengers den Doomsday einläuten.

Dabei aber ist eines klar: Nolan ist niemand, der sein Publikum in erster Linie in den Eskapismus führen will. Seine Filme haben stets Gewicht – sind sie nun intellektuell herausfordernd wie Inception oder Tenet – oder historisch und gleichzeitig gegenwartsrelevant wie Oppenheimer oder Dunkirk.

Fast schon intim und doch riesengroß

Eines macht Nolan nicht, und zwar niemals: Blockbuster. Eventfilme. All das im herkömmlichen Sinn, durch Studios fremdbestimmt und durch die letzten Worte schlecht aufgelegter Sanktusgeber verwässert. Nolan ist ein Independent- oder gar ein Autorenfilmer. Sein neuestes Werk, Die Odyssee, frei nach Homers Epos, ist genau das: Arthouse – mit dem einzigen Unterschied zu anderen unabhängigen Arthouse-Filmen, dass diesmal ordentlich Budget zur Verfügung stand, und Nolan nicht daran denken musste, groß zu improvisieren, um Defizite wettzumachen.

Nolan kann sich zurücklehnen. Für seine Vision bekommt er, was er verlangt. Warum das so funktioniert, ist eine andere Frage. Fakt ist: Hier kehrt das Kino zu einer reaktionären und zugleich progressiven Art von „New Wave“ zurück – zu einem Neo-Neo-Realismus, der so wenig wie möglich mit den Bequemlichkeiten und der fehlenden Echtheit von Studioproduktionen zu tun haben will.

Ein Stoff, von dem wir alle was haben

Um das zu bekommen, mussten Nolan und sein Team wohl einen Stoff vorlegen, der diesen „New Wave“-Weg eigentlich erst rechtfertigt. Das funktioniert am besten mit alten Geschichten, die uns alle verbinden. Mit einem Epos, das in einer Zeit spielt, in der die Geschichte Amerikas lange noch in Europa liegt – wie eine Art Wiege, eine magische Identität, die die USA sonst vergeblich suchen würde und dabei in den Junk-Food-Beglückungen eines Percy Jackson-Abenteuers landen muss, in denen die griechische Götterwelt längst aus Europa auswandern und ins Exil hat müssen und der Olymp womöglich in New York liegt.

Und irgendwann bleib i dann dort…

Die Odyssee gibt einiges her. Gerade im Sommer, wenn das Schippern diverser Stars auf dem Mittelmeer Lust auf Griechenlandurlaub entfachen soll. So manche werden hoffen, dass sie, wenn sie schon nicht dort sind, zumindest ein paar Culture-Vibes aus dem Kinosaal als Souvenir mitnehmen können.

Den Wunsch erfüllt Nolans Version jedoch weniger. Keine exotische, liebliche, abenteuerlustige Mittelmeerkreuzfahrt. Sondern ein Apocalypse Now aus einer Zeit, die längst schon verklärt genug ist, um Schlachten wie die um Troja zu romantisieren.

Lieferengpass für Lotusblüten

Die ganze verdammte Reise des Odysseus, die in mosaikartiger Anordnung ähnlich wie in Homers Vorlage in das kollektive Gedächtnis des Publikums sickert und letztlich auch in den durch Kalypsos Lotusblüten umnebelten Geist des Protagonisten, lehnt den Tonus der feisten Helden-Apotheose strikt ab und schenkt dem listig-kreativen Krieger, dem Troja auch selbiges Pferd zu verdanken hat, einen psychologischen Irrweg der Reue und der Schmach.

Verfolgt von den Bildern eines brennenden und hingemetzelten Königreichs, treibt es ihn und seine Männer an wenig gastfreundliche Gestade – vom Zyklopen Polyphem über die kannibalischen Laistrygonen und der Zauberin Circe, die in einer völlig irren Body-Horror-Sequenz Odysseus‘ Kameraden in Schweine verwandelt, bis hin auf die Insel des Sonnengottes und seiner Kuhherde, an der sich kein Sterblicher vergreifen darf.

Einmal straffen und kürzen, bitte!

Nolan, der Homers Epos in der aktualisierten Version von Emily Wilson als Grundlage verwendet hat, nimmt sich so einige Freiheiten, die nicht dem klassischen Stoff, so wie wir ihn kennen, entsprechen möchten.

Zum Beispiel hier: Polyphem führt niemals einen Dialog mit Odysseus (schade um „Mein Name ist Niemand“). Circe wird im Grunde auf völlig andere Weise bezwungen und ein Floß, wie einst Tom Hanks in Castaway, baut Odysseus eigentlich auch nicht. Vielmehr stößt dieser nach seinem siebenjährigen Aufenthalt auf Kalypsos Insel auf Prinzessin Nausikaa, die ihn am Ende auch nach Ithaka bringt.

Zugegeben, Die Odyssee ist ordentlich Stoff, irgendwo muss Nolan auch kürzen, und irgendwo muss auch er seinen Schwerpunkt setzen, der beim Krieg, beim Verrat und bei einer abenteuerlich konnotierten Katharsis liegt. Da hat das Geplänkel mit dem Zyklopen keinen Platz, da ist Augenzwinkern nicht gefragt, da darf es durchaus bleischwer übers Meer gehen, denn auch die Antike war nichts, wohin man sich wünschen sollte, weil es da womöglich illustrer war.

Die Pflicht, Odysseus‘ Abenteuer abzuhaken

Mit dem Fokus auf den Krieg – am Ende, in einer schauspielerisch grandiosen, weil ruhigen und ausnahmsweise mal nicht wummernden Szene lässt Matt Damon, noch immer verkleidet als Bettler, vor Penelope die Schande mit dem Pferd nochmal Revue passieren – nimmt sich Nolan allerdings kaum Zeit, Odysseus‘ Abenteuer lustvoller zu feiern.

Diese werden, bis auf Kalypso (idealbesetzt: Charlize Theron) chronologisch geordnet, mehr abgehakt als ausgefochten. Kaum sind die Laistrygonen dran, sind sie auch schon weg. Viel mehr will sich Nolan mit Telemachos (blass: Tom Holland) auseinandersetzen, was ihm wieder die Wucht seiner Mythologie nimmt. Stattdessen poppt ab und an Zendaya als angebliche Athene auf – oder als begleitendes schlechtes Gewissen. Doch auch sie bleibt überraschend unscheinbar und maximal eine Fußnote.

Ein Filmdreh als Europareise

Weniger Querverweis, sondern der eigentliche Grund, warum man Nolans Odyssee sehen sollte, ist das streng auferlegte Credo der Authentizität und der exzessive Wille, alles, was nur möglich wäre, „on location“ gedreht zu haben.

Natürliches Licht, echtes Salzwasser, echte Schiffe; ein fast schon echter Polyphem und ein nahezu echtes Troja – Handwerk macht auch in der Welt des Films einen Unterschied. Schließlich fühlt es sich anders an, rauer, physischer, vom Ensemble einfach empfundener. Wenn mehrere Dutzend Statisten ein echtes trojanisches Pferd über den Strand ziehen, so ist das – mit all der Muskelraft, dem Schweiß und dem Sand – einfach geschehen.

Wenn Circes Schweine echte Schweine sind, das Wasser im Gesicht von Matt Damon tatsächlich das Mittelmeer, der dunkle Lavastrand, der den Hades markiert, auch wirklich Lava – so ist das epischer, auf spezielle Weise berührender Realismus, dem virtuell Erstelltes niemals entgegentreten kann. Der Unterschied ist schwer zu artikulieren, und daher eigentlich nur zu erfahren.

Audiovisuelle Stärken

Die Wucht der Bilder entsteht dann aus dieser Anforderung heraus: Wenn Zyklop Polyphem als gespenstischer Golem wie aus einer Zeichnung von Alfred Kubin im Gegenlicht des Höhleneingangs erscheint, wenn nur die Flammen des Feuers ihn erleuchten, dann sind das visuelle Interpretationen, die man so noch nicht gesehen hat. Mitunter ist diese Szene etwas ganz Besonderes, auch der Hades mit all den Toten oder Circes Zauber: düster und gespenstisch zwar, aber, ergänzt durch Ludwig Göranssons kreativem Score als Stimmungsmultiplikator, wegweisend gefilmt.

Gebändigte Impulsivität

So steht der visuelle Reiz gegen eine verpeilte Dramaturgie, die gerne impulsiver wäre, als sie eigentlich ist, stattdessen verblüffend rational und ernüchtert Odysseus Herausforderungen annimmt. Die Odyssee wirkt fast schon kontemplativ, weniger leidenschaftlich, obwohl die Bilder diese Leidenschaft ausleben möchten, es aufgrund einer verbissenen narrativen Vision aber einfach nicht können.

Matt Damon tut da sein bestes, er selbst verschwindet irgendwann hinter der Figur des Odysseus – und das, obwohl Matt Damon jeder kennt. Ist dieser Wendepunkt erreicht, ist das hohe Kunst. Auch Anne Hathaway ist stark, Robert Pattinson, fies wie noch niemals zuvor, ebenso. Und Elliot Page als Sinon muss wohl die bedauernswerteste Figur des ganzen Epos verkörpern.

Es lebe der praktische Realismus!

Was bleibt, unterm Strich? Nicht zwingend massentaugliches Independentkino mit Riesenbudget und großem ökologischem Fußabdruck, den Nolans Vision rechtfertigen will. Eine erstaunliche Optik, viele reise- und kriegsmüde Männer und ein Manifest auf den praktischen Realismus, der den computertechnologischen Bequemlichkeiten den Kampf ansagt. Bleibt nur die Frage, ob sich Die Odyssee vorrangig durch ihre Absichten und Ambitionen identifizieren will. Abgekoppelt von seiner Entstehung, ist der Film dann immer noch ein Meisterwerk?

Die Odyssee (2026)

Tallulah

FAMILIE ZUM AUSSUCHEN

7/10


Tallulah© 2016 Netflix


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: SIAN HEDER

CAST: ELLIOT PAGE, ALLISON JANNEY, EVAN JONIGKEIT, TAMMY BLANCHARD, DAVID ZAYAS, ZACHARY QUINTO, JOHN BENJAMIN HICKEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Im diesjährigen Oscar-Gewinner Nomadland klappert Frances McDormand mit ihrem Wohnbus durch die Weite der Vereinigten Staaten. Mehr Zuhause gibt‘s nicht. Ähnlich handhabt das Elliot Page im Netflix-Original Tallulah, auch hier ist der charismatische, transgendere Schauspieler (vormals Ellen) so ziemlich entwurzelt, und nur die eigenen vier Blechwände bieten Geborgenheit. Mit so einem Existenzmuster kommt man nicht weit, wenn man erstens sein eigenes Leben noch nicht mal begonnen hat und zweitens auch nirgendwo zu Geld kommt. McDormand, die hat zumindest vorab ein klassisch-geordnetes Leben geführt. Auch sind Gelegenheitsjobs das Um und Auf, um durchzubeißen, während die Verwandten für den Notfall in greifbarer Nähe weilen. Bei Elliot Page ist das nicht so – als Mädchen Tallulah hat sie zumindest einen Freund – der aber bald nichts mehr von dieser Art Leben wissen will und verschwindet. Aus einer gewissen Planlosigkeit heraus wendet sich die Vagabundin an dessen Mutter, zuerst erfolglos, dann aber mit Baby unterm Arm, welches klarerweise nicht ihres ist, was aber keiner weiß. Wie die Jungfrau kommt Tallulah zum Kind – und zu dem Schluss, dass manche Mütter zur Erziehung nicht geeignet sind.

Inszeniert und auch geschrieben hat diese Großstadtballade Sian Heder, die aktuell erst mit CODA, der Neuadaption des französischen Familienfilms Verstehen Sie die Béliers bei den Kritikern recht gut ankommt. Fürs Zwischenmenschliche scheint die us-amerikanische Filmemacherin ein Gespür zu haben, denn Allison Janney (Oscar für I, Tonya) und Page spielen zwar nicht Mutter und Tochter, entwickeln aber ähnliche Gefühle zueinander, die sich auch völlig schnörkellos aufs Publikum übertragen. Das fremde Baby ist der Kit, der Familien manchmal zusammenhält – oder neue entstehen lässt. Von wegen, Familie kann man sich nicht aussuchen – in Tallulah macht die sehr souverän dargestellte Improvisateurin die Probe aufs Exempel, auch wenn hier Gesetze gebrochen werden. Familie ist hier eine Institution, die sich nicht nur an den gemeinsamen Genen misst. Wie wichtig so eine Stütze sein kann, und wieviel eigentlich fehlt, ist davon keine Spur zu finden, erklärt Heder in ihrer aus eigenen Erfahrungen inspirierten Arbeit, die wiederum auf einem eigenen Kurzfilm beruht, ohne dabei selbst Partei zu ergreifen. Das geschieht beobachtend, durchaus mit Sympathie für ihre Figuren, jedoch ohne sie zu beurteilen. 

Tallulah ist interessantes Schauspielkino ohne Leerlauf, gehaltvoll und relativ meinungsfrei. Um so mehr lässt sich bei Betrachtung der Begebenheiten eine eigene – oder gar keine Meinung bilden, da der Kontext der Umstände viel zu viel Einfluss nimmt auf Richtig oder Falsch.

Tallulah

Super – Shut up, Crime!

ZWISCHEN DEN PANELS

7/10


supershutupcrime© 2010 That is That


LAND / JAHR: USA 2010

BUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: RAINN WILSON, ELLIOT PAGE, LIV TYLER, KEVIN BACON, MICHAEL ROOKER, GREGG HENRY, ANDRE ROYO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Natürlich gibt es Superhelden, die keinerlei Superkraft haben. Batman zum Beispiel, Hawkeye oder The Falcon. Diese Weltenretter und -verbesserer kompensieren aber den Mangel ihrer physischen und metaphysischen Kräfte entweder mit Know-How oder mit Geld. Stellt sich die Frage: wie ist es denn mit Superhelden, die weder spezielle Fähigkeiten haben, noch Geld, noch in irgendeinem ihrer Skills Weltmeister sind? Nun, die gibt es auch. Aber sind das dann Superhelden? Kommt drauf an. In Super – Shut up, Crime! bringt es Loser Frank auf den Punkt: Superhelden sind sie bereits dann, wenn sie bereit sind, gegen das Böse zu kämpfen. Das allein genügt. Die Erfolgschancen, hier heil durch die Heldenkarriere zu kommen, dabei allerdings äußerst gering. Außer man hat genug Wut im Bauch wie Michael Douglas in Falling Down.

Na gut, die hat Frank. Denn seine Frau (Liv Tyler) hat ihn verlassen – für einen windigen und herablassenden, zwielichtigen Schnösel (Kevin Bacon, für sowas bestens geeignet). Das geht zu weit, vor allem deshalb, weil dieser Schnösel Franks Geliebte für Drogengeschäfte missbraucht. Also hat Frank alsbald eine seiner göttlichen, recht krass visualisierten Eingebungen – diese rät ihm, es doch so zu machen wie der Heilige Rächer (in köstlicher Parodie: Ex-Firefly-Captain Nathan Filion), nämlich als Superheld da rauszugehen und dem Verbrechen den Mund zu verbieten. Das macht er dann auch – und ist bald nicht mehr allein da, denn Comicshop-Lady Elliot Page lässt sich von diesem Hype ebenfalls anstecken.

Hätte sich Michael Douglas als D-Fens ein Cape übergezogen, wäre er noch lange kein Superheld. Denn dem Antihelden aus Schumachers Meisterwerk kam die Gerechtigkeit ihm selbst gegenüber zu kurz – in größeren Dimensionen gedacht hat er nicht. Frank wiederum beginnt seinen Feldzug ebenfalls aus einer gewissen persönlichen Kränkung heraus, wird aber durch religiösen Erweckungs-Schmarrn und Selbstüberschätzung zu einem (selbst)gerechten Wutbürger namens Blutroter Blitz, der zuwiderhandelnden Personen gut und gerne mit einer Rohrzange den Schädel spaltet. Das soll ein Superheld sein? James Gunn, bereits legendär für seine filmische Umsetzung der Guardians of the Galaxy, will nicht so recht glauben, dass die Rechnung als Superheld jemals wirklich aufgehen kann. Was der Blutrote Blitz mit Sidekick Blitzie alles so anstellt, sind klagbare Verbrechen zweier Moralapostel, die mit Gewalt den Anstand erzwingen. Doch das ist nicht alles, und der Film begnügt sich auch nicht, der Zunft der Superhelden einen Kick-Ass zu verpassen. Er führt seine explizit groteske und durchaus manchmal jenseits des guten Geschmacks befindliche Satire Super – Shut up, Crime! nicht ins Nirgendwo, sondern zu einem Wendepunkt hin, der einen ganz bestimmten Umstand einfordert, um die Idee hinter Cape und Pseudonym tatsächlich auch zu verstehen. Letzten Endes vermutet man aufgrund dieser Prämisse hinter diesem hingerotzten Grunge-Movie zu Recht ein helles Köpfchen.

Super – Shut up, Crime!