Our Girls (2025)

NOT KENNT KEIN GEBOT

6/10


Thekla Reuten, Fedja van Huêt, Noortje Herlaar und Valentijn Dhaenens bangen um ihre Töchter im Film Our Girls
© 2025 Keplerfilm / Nuts Bolts Film Company


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, BELGIEN, NIEDERLANDE 2025

REGIE / DREHBUCH: MIKE VAN DIEM

KAMERA: MARTIN GSCHLACHT

CAST: THEKLA RHEUTEN, FEDJA VAN HUET, NOORTJE HERLAAR, VALENTIJN DHAENENS, ROSA VAN LEEUWEN, FRÉDÈRIQUE VAN BAARSEN, KARL MARKOVICS, PROSCHAT MADANI, JEREMY MILIKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Alles beginnt im Sandkasten. Dort spielt die kleine Madelon seelenruhig, was Kinder eben so spielen – bis sich Elise dazugesellt. Die beiden haben bereits von klein auf nichts gemein. Es gibt zwar ein Erinnerungsfoto, doch so missmutig, wie die beiden da dreinschauen, so erquickend kann die Zukunft werden, wenn die Mädchen zwangsweise befreundet sein müssen, sind doch die Eltern untereinander scheinbar bewundernswert kompatibel. Kaum kennengelernt, kauft man bereits gemeinsam ein Elysium von Eigenheim exponiert in den österreichischen Alpen, mit Blick auf selbige und weit und breit ohne Nachbarschaft.

Hat man gute Freunde, braucht man keine Nachbarn

Einmal im Jahr treffen sich beide Familien zum sommerlichen Stelldichein. Je älter die Teenagermädels werden, umso unwilliger wird ihr Dabeisein. Beide hängen am Handy und lassen sich von diversen Social Media-Trends provozieren. Madelon, die stille, immer wieder unfreiwillig in die Defensive beorderte. Elise, die aufmüpfige, waghalsige, selbstinszenierende. Die Woche, von der dieser Film erzählt, wird letztlich zum Wendepunkt im Leben aller Beteiligten, als die Mädels beim Quad-Fahren einen verheerenden Unfall bauen. Die eine, Elise, liegt mit Schädelfrakturen im Koma. Der anderen scheint auf den ersten Blick nichts passiert zu sein.

Wie nun damit umgehen, als Eltern, als Mitbewohner, als Freunde? Sind sie das wirklich? Und wie sehr können die einen unterdrücken, dass sie besser dran sind als die anderen?

Das freie Spiel sozialer Kräfte

Mike van Diem, Oscarpreisträger für seinen Film Karakter, weiß nicht so recht, wohin mit seinem Thema. Führt er seine Charaktere vor? Fühlt er mit ihnen? Weiß er es überhaupt besser und betrachtet lieber in süffisantem Abstand, wie Menschen im sozialen Kräftemessen scheitern können?

Bereits zu Beginn, in der Prologszene im Sandkasten, sollte eigentlich klar sein, wohin der Hase läuft. Die kleine Elise knallt der kleinen Madelon, die viel besser Sandburgen bauen kann als die andere, eine Schaufel ins Gesicht. Tja, unsere Mädchen, könnte man an dieser Stelle seufzend kommentieren und mit den Augen rollen.

Das Drama wäre gerne Satire

Eine bissige Satire scheint sich anzubahnen. Etwas, womit sich zum Beispiel Ruben Östlund auskennt. Seine messerscharfen und unbequemen Werke wie Höhere Gewalt oder The Square loten die Grenzen der gesellschaftlichen Integrität gar nicht mal so auf witzige, aber dennoch überspitzte Weise aus.

Mike van Diem entwickelt eine ähnliche Sprache, einen ähnlichen Stil. Kameramann Martin Gschlacht findet dafür wie gewohnt kühle, nüchterne, distanzierte Bilder, die selbst die wildromantische Bergwelt als ein lethargisches Niemandsland darstellen. Darin verborgen eine ziemlich bleischwere Tragödie, die wider Erwarten auf polemische Spitzen verzichtet, obwohl alles den Anschein hat, dass hier vielleicht auch van Diem selbst auf Distanz geht, um latenten Sarkasmus walten zu lassen.

Man verrät sich, man betrügt sich, man hat’s besser als die anderen

Selten gelingt es ihm, das Ensemble um Thekla Reuten so sehr aus der Reserve zu locken, damit ihnen ihr eigenes Dasein unangenehm genug wird. Ruben Östlund hat damit keine Schwierigkeiten, van Diem kommt mit den Konsequenzen seiner Geschichte nicht ganz klar. Vielleicht, weil er die Schwere gar nicht mal abgesehen hat und erst im Dreh das wahre Ausmaß zutage treten durfte.

Our Girls bleibt ein lakonisches Drama um das freie Spiel von Mitleid, Opferbereitschaft und Zusammenhalt, das ihren Figuren gegenüber fast zu milde gestimmt ist. Vielleicht, weil alle ohnehin schon genug leiden. Eine nüchterne und kompromissvolle Erkenntnis, die einen genauso ausgenüchtert zurücklässt wie die vom Schicksal Gezeichneten im Film.

Our Girls (2025)

Das gewisse Etwas (2026)

MIT DEM HERZEN AUF DER ZUNGE

6/10


Die beeinträchtigte Feriengruppe rund um Mala Emde im Film Das gewisse Etwas
© 2026 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARC ROTHEMUND

DREHBUCH: MURMEL CLAUSEN, NACH DEM FILM VON VICTOR-ARTUS SOLARO

KAMERA: AHMET TAN

CAST: MAX VON DER GROEBEN, MALA EMDE, FLORIAN LUKAS, JASMIN SCHWIERS, LORENZO GERMENO, FRANGISKOS KAKOULAKIS, ANTONIA RIËT, SIMON RUPP, JAN BOBKE, NATALIE KIM LEHMANN, FERDINAND KUNER, LUCA DAVIDHAIMANN, LINN BADE, TIMON HEINZL, PAUL KÖGLER, DIETER LANDURIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Über Untertitelfaulheit

Welchen Sinn hat es eigentlich, Filme, die es schon gibt, nochmal nachzuerzählen, und zwar nahezu bild- und szenengenau? Studios in den USA tun das in der Erwartung, dass knackige Stoffe, die in Europa reüssierten, in ihrem Land vielleicht genauso Erfolg haben, und zwar in originalem US-Englisch, denn Untertitel will dort niemand lesen. Das mag ein guter Grund sein, und glücklicherweise auch die Watchlist europäischer Filmnerds reduzieren, die das Original bereits kennen.

In Deutschland gibt es das auch – da werden gerne französische Originale nachproduziert, wie zum Beispiel Der Vorname. Und jetzt auch Das gewisse Etwas. Ist das deutschsprachige Publikum demnach genauso untertitelfaul wie das US-amerikanische?

Von Drehbuchtexten und anderer Literatur

In Oper und Theater ist es seit Jahrhunderten gang und gäbe, immer die gleichen Libretti und Drama-Vorlagen auf der Bühne nachzuinterpretieren. Da käme wohl niemand auf die Idee, sich darüber zu beschweren, dass zum Beispiel Hamlet doch schon mal inszeniert wurde.

Der Unterschied liegt daran, dass in der Live-Performance wie Oper und Theater die literarische oder kompositorische Vorlage weitaus deutlicher für sich alleine steht als das Drehbuch eines Films. Eine Bühneninszenierung ist wie die andere Meinung eines Künstlers zu einem Werk, das Drehbuch ist Teil eines dicht verzahnten Gesamtkunstwerks und wird daher selten als eigenständiges Werk betrachtet. Somit fällt das Remake eines Films deutlicher auf. Und bei Was ist schon normal? bleibt die Frage tatsächlich wie ein Elefant im Raum stehen. Warum nur nochmal den gleichen Film?

Der ganz spezielle Gute-Laune-Film

Ich kannte das Original nicht, packe also die Gelegenheit beim Schopf und lasse mich von Mala Emde und Fack Ju Göthe-Star Max von der Groeben in Sachen Inklusion eines Besseren belehren. Verantwortlich für dieses Remake zeichnet Marc Rothemund, erfahren in sentimental-ironischen Beziehungskomödien, allerdings auch in schweren Stoffen, nachzuvollziehen am Beispiel Sophie Scholl – Die letzten Tage.

Rothemund will aber diesmal den substanzvollen Gute-Laune-Film für den Spätsommer ans Publikum bringen und sammelt eine illustre Schar an Leuten um sich, die garantiert nicht einfach in Szene zu setzen sind. Es sind Menschen mit Beeinträchtigung – vorzugsweise mit Down-Syndrom. Ein anderer ist spastisch gelähmt, andere womöglich autistisch?

Die Qualität kindlichen Schauspiels

Unterm Strich zeichnet sich dieses Ensemble aber dadurch aus, dass es nicht vorgibt, beeinträchtigt zu sein, sondern es tatsächlich ist. Einer unter ihnen, Frangiskous Kakoulakis, ist tatsächlich schon länger im Schauspielgeschäft unterwegs. Man merkt ihm an, wie gut er seine Rolle beherrscht. Das Erstaunliche daran aber ist: all die anderen ebenfalls. Da sie in ihrem Gemüt fast schon so wie Kinder sind, und Kinder, wie wir wissen, schauspielerisch Unglaubliches leisten, eben weil sie es vorbehaltlos empfinden und nichts von ihrer Rolle in ein Regelkorsett stecken, gelingt auch den Erwachsenen, die in ihrer alljährlichen Sommerwoche in den österreichischen Alpen dem Kommunen-Alltag einen bunten Anstrich verleihen, beeindruckend lebensnahe Performances, die letzten Endes dem ganzen professionellen Ensemble den Rang ablaufen.

Ungewohnt offenherzig

Obwohl aufgeschlossen für Inklusion und soziale Agenden, fällt es in Das gewisse Etwas anfangs gar nicht leicht, mit den beeinträchtigten Schauspielerinnen und Schauspielern warm zu werden. Sie geben sich exaltiert, ehrlich, selbstbewusst schräg. Es geht uns wie den beiden Bankräubern Alex und Karlo, die nicht glauben können, wo sie da hineingeraten sind. Bis sich diese Menschen letztlich öffnen, bis man ihr Verhalten kennt, ihren Charakter schätzen lernt. Innerhalb kurzer Zeit sind einem selbst diese emotional stark involvierten Menschen, die ihr Herz auf der Zunge tragen, auch an selbiges gewachsen.

Ein Plot, der unterfordert

Angesichts dessen wird der komödiantische Aufbau – das narrative Gerüst um Lug, Trug und romantische Gefühle – zum trivialen, simpel gestrickten Extra, das allzu viel behauptet und auch selbst nicht daran glaubt, was es da erzählt. Zwischen Mala Emde und Max von der Groeben sprühen keine Funken, Florian Lukas als dessen Vater? Wohl kaum.

Gelungen ist Rothemunds Film in jenen Szenen, in denen das beeinträchtigte Ensemble zur Norm wird und die „Normalen“ um Inklusion buhlen. Wenn sich der Spieß also umdreht, wenn sich die „Behinderten“ ihrer eigenen Behinderung so bewusst werden wie nie zuvor und mit diesem gewissen Etwas auch umgehen, als wäre es ein Skill, den alle anderen bedauerlicherweise nicht haben.

Dieses Rollenspiel hat Witz und Charme – schade nur, dass sich Rothemund vom französischen Original nicht abheben und etwas Eigenes schaffen wollte, mit einer vielleicht weniger unterfordernden Rahmenhandlung.

Das gewisse Etwas (2026)

Die Theorie von Allem (2023)

DAS TRAURIGE LOS VERKANNTER PHYSIKER

6/10


dietheorievonallem© 2023 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH, SCHWEIZ 2023

REGIE: TIMM KRÖGER

DREHBUCH: TIMM KRÖGER, RODERICK WARICH

CAST: JAN BÜLOW, OLIVIA ROSS, HANNS ZISCHLER, GOTTFRIED BREITFUSS, PHILIPPE GRABER, DAVID BENNENT, IMOGEN KOGGE, EMANUEL WALDBURG-ZEIL, PAUL WOLFF-PLOTTEGG, PETER HOTTINGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Johannes Leinert (Jan Bülow), seines Zeichens Physikstudent und unter der Fuchtel eines herrischen Doktorvaters, wäre wohl ein Kandidat für das Goldene Brett vorm Kopf gewesen. Pseudowissenschaftlicher Unfug, reinste Spekulation, nichts Handfestes; nicht mal eine Theorie, vielleicht eine Hypothese, doch mit Hypothesen kann niemand etwas anfangen. Was wohl den Inhalt seiner Arbeit darstellt: Nichts Geringeres als eine Formel zur Erbringung der Theorie von Allem – den mathematischen Schlüssel zur Welt, den Zahlenstairway to Heaven, und wenn das nicht hinhaut, dann zumindest der Beweis für die Existenz von Multiversen, die nicht nur neben, sondern innerhalb der uns bekannten existieren. Dieser Leinert, dem wird nicht nur einmal gesagt, er soll die Klappe halten und rechnen, denn Mathematik ist schließlich die Sprache der Wissenschaft. Sein Mentor, Dr. Julius Strathen (Hanns Zischler), hat den eifrigen Jungspund in die Schweizer Alpen mitgenommen, zu keinem futurologischen, aber physikalischen Kongress, an welchem bahnbrechende Erkenntnisse offengelegt werden sollen, die womöglich die Welt verändern könnten.

Nur: besagter Redner kommt nicht, die Veranstaltung verzögert sich, Leinert und Strathen entschließen sich zu warten. Ein Fehler? Ja und nein, zumindest für den Studenten verkompliziert sich die ganze Sache, denn nicht nur bekommt dieser seine Doktorarbeit zurückgeschmissen – er trifft auch auf eine rätselhafte junge Frau, die ihm seltsam bekannt vorkommt und die wiederum Dinge von ihm weiß, die sie nicht wissen kann. Der seltsamen Tatsache nicht genug, ziehen apokalyptisch anmutende Wintergewitter über Graubünden dahin, gesäumt von seltsamen Wolkenformationen. Das ließe sich vielleicht noch irgendwie erklären, aber nicht der Umstand, dass einer der Physiker, ein gewisser Dr. Blomberg, eines Tages tot aufgefunden wird, während er gleichzeitig andernorts aufschlägt. Wie kann das sein? Welche Anomalien sind da im Gange? Und was rumort denn so, unter dem Hotel?

Diese Mystery fängt so gut wie alle Motive ein, die in den letzten Jahren so im Dunstkreis trendiger Mindfuck-Science-Fiction Mode war. Portale in andere Welten, Multiversen, Zeitreisen und Personen, die doppelt oder gar dreifach verfügbar sind. Wer Dark gesehen hat, wird den Knoten im Kopf vielleicht noch gar nicht gelöst haben. Everything Everywhere All at Once trieb die Paralleluniversen-Hypothese bis zum ermüdenden Exzess, und das MCU lässt Loki und die TVA an den Zeitsträngen herumschrauben. Die beschauliche Kleinstadt Hawkins (Stranger Things) wiederum hat sich selbst als düstere Kehrseite zu bieten, mit allerlei Monstern darin. Timm Kröger ist aber nicht danach, xenomorphen Schrecken auf die Menschheit loszulassen. Ihm gefällt es, all diese Überlegungen lediglich anzudeuten und ein großes Mysterium daraus zu machen, dass als neoexpressionistischer Quantenkrimi im Sixties-Look klassische Paranoia-Motive bemüht, die in den Werken eines Franz Kafka zu finden wären. Seltsame Männer mit Hut, die grimmig dreinblicken, darunter ein dubioser Inspektor mit heller Stimme, dargestellt von Ex-Blechtrommler David Bennent, der bei Josef K‘s Prozess vermutlich dabei gewesen war. Ein bisschen Lovecraft, ganz wenig Lynch und ganz viel Conny & Peter-Albtraum in kontrastreichem, mitunter gruseligem Schwarzweiß, erdrückt vom dominanten Score eines Big Band-Orchesters, das mit der Tür ins Haus fällt.

Kröger liebt es, seiner Theorie von Allem diesen wilden Retro-Schliff zu verpassen und sich vor Alain Resnais Letztes Jahr in Marienbad auf die Knie zu werfen. Dieser zugegeben sperrige Kultfilm lässt sein Verwirrspiel ebenfalls in einem Hotel stattfinden, und auch dort sind so manche Identitäten längst nicht mehr mit sich allein. War der Stil dort aber von unterkühlter Ordnung geprägt, herrscht in diesem Film hier verwirrtes Chaos, und das Werk mag so tun, als trüge es die Offenbarung, die nicht mehr lange geheim gehalten werden kann, unter einem dicken, schwarzen Wintermantel. In Wahrheit aber sind all die gängigen Versatzstücke zu Zeit und Raum längst durchgewunken worden, während Kröger nicht wirklich viel davon mitbekommen hat. Ganz beglückt von seiner wuchtigen Bildsprache, in die er sein Herzblut leitet, merkt er kaum den Fahrtwind, den all die anderen Filme und Formate verursacht haben, die an ihm vorbeigerauscht waren. Was bleibt, ist ein nettes, atmosphärisch allerdings stimmiges Retrospektakel mit Film Noir-Romantik und schrägen Subjekten, viel zu dominanter Musik und einem kolportiertem Verständnis für Quantenphysik. Manch Mysteriöses scheint dabei weniger zu verbergen, als es den Anschein hat.

Die Schwurbeleien mal außen vorgelassen, könnte Die Theorie on Allem als Ballade vom verkannten Physiker noch viel besser funktionieren. Dieses traurige Los, der Wahrheit so nahe gekommen zu sein wie Ikarus der Sonne, und dabei nicht über den Tellerrand geblickt zu haben, ist vielleicht ein Umstand, den so einige Vertreter der Wissenschaft bisweilen schlaflose Nächte bereitet.

Die Theorie von Allem (2023)

Der Mann aus dem Eis

TATORT ALPEN

7/10

 

Iceman@ 2017 Adventure Pictures

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN, ÖSTERREICH 2017

REGIE: FELIX RANDAU

MIT JÜRGEN VOGEL, SUSANNE WUEST, FRANCO NERO, ANDRÉ HENNICKE U. A.

 

Ich kann mich noch ziemlich genau an die Schlagzeilen erinnern –  im September des Jahres 1991 fanden Wanderer beim über 3000m hohen Tisenjoch in den Ötztaler Alpen eine Mumie im Eis. Die Bedeutung dieses Fundes lag anfangs im Dunkeln, unsachgemäße Bergung war die Folge. Erst nach eingehender Untersuchung wurde klar – der Mann vom Similaun ist niemand aus jüngerer Zeit, der sich vielleicht verstiegen hat oder unbedingt Jagd auf Steinböcke machen wollte. Die Leiche aus dem Eis ist nach heutigen Erkenntnissen mindestens 5200 Jahre alt – und hat somit in der späten Jungsteinzeit gelebt. Bedeutend für die Geschichte und für jede Menge Theorien, welche die Umstände des Todes oder überhaupt der letzten Lebenstage Ötzis, wie man ihn später nennen wird, glaubhaft definiert, war auch die Tatsache, dass erst rund zehn Jahre später in seinem Rücken mithilfe von Röntgenaufnahmen eine Pfeilspitze gefunden wurde. Sie stammte womöglich von seinem Verfolger. Ötzi könnte ermordet worden sein. Hoch oben im Nirgendwo. Ein einsamer, eisiger Tod.

Irgendeine Tragödie muss es also gegeben haben. Ein folgenreiches Drama, eine Verfolgungsjagd über den Gletscher. Das plausible Schicksal aus einer Zeit zu rekonstruieren, die noch vor dem Beginn der Epoche des alten Ägypten angesiedelt ist, lockt so manchen Wissenschaftler und Filmemacher hinter dem Schreibtisch hervor. Da man von Ötzi und der Jung- oder Kupfersteinzeit relativ viel weiß und auch Ötzis Habseligkeiten ziemlich gut erhalten geblieben sind, waren die Anforderungen für eine authentische erzählerische Rekonstruktion ohne besondere Schwierigkeiten zu erfüllen. Bücher über den Mann aus dem Eis gibt es ohnehin jede Menge. Und schon 1999 hatte der österreichische Dokumentarfilmer Kurt Mündl das Dokudrama Der Ötztalmann und seine Welt inszeniert. Jetzt, 18 Jahre später, war Felix Randau dran – sein Film ist weniger ein lehrreiches Stück Frühgeschichte, als vielmehr ein archaisches, düsteres, wenn auch spekulatives Rachedrama. Was aber nicht heißt, dass Der Mann aus dem Eis nicht genügend Einblicke in das Alltagsleben der Steinzeitmenschen beschert. Bis ins kleinste Details, und mit Sicherheit auch akribisch recherchiert, eröffnet sich dem Kinopublikum eine virtuelle Reise in eine fast greifbare Vergangenheit. Die Geburt eines Kindes, das Jagen wilder Tiere, der Wert eines Menschen, die Bereitschaft zur Gewalt – der fast wortlose Einblick in eine von Menschen spärlich bevölkerte Wildnis, in welcher der Mensch versucht, sesshaft zu werden, weiß zu faszinieren. Noch dazu, dass Felix Randau auf eine Verfälschung der Sprache verzichtet. Die paar Worte, die gesprochen, geschrien oder geflüstert werden, sind von einem rätischen Sprachdialekt. Übersetzt wird hier gar nichts. Umso leichter ist es, neben den wuchtigen, urtümlichen Bildern auch die Akustik des Damals aufzufangen. Ungefähr so hat es sich angehört. Mehr gab es damals nicht. Schon Jean Jaques Annaud hat in dem von mir sehr geschätzten Urzeitfilm Am Anfang war das Feuer komplett auf verbal ausgereifte Artikulation verzichtet. Er ging sogar so weit, seine Erzählung aus der Frühgeschichte des Menschen noch früher anzusiedeln. Ähnlich wie Randau´s Film ließ Annaud Mimiken, Gesten und Stimmungen sprechen.

Inmitten des urzeitlichen Europas wandert der bis zur Unkenntlichkeit verwandelte Jürgen Vogel als namenloser Rächer über Berg und Tal. Wie ein Django aus der Steinzeit, ein verbitterter, trauriger, aber irgendwie auch pragmatisch denkender Jäger, der sich der Gnadenlosigkeit all der Umstände, die dieses Hier und Jetzt vor 5000 Jahren mit sich bringen, voller Schmerz, aber auch mit dem Willen zum Überleben begegnet. Keine Zeit für Trauer, keine Zeit für Jammern. Ötzi zieht in den Krieg wie der namenlose Rückkehrer aus Andreas Prohaska´s Schneewestern Das finstere Tal. Im Grunde ist der Mann aus dem Eis ein geradliniger Alpenthriller, eine Tragödie zwischen Eis, Schnee, Fels und Firn. Eine einfache, aber ungemütliche Geschichte und eine mögliche Wahrheit von vielen, die Ötzi mit sich ins Grab genommen hat. Sein Grab, das findet er dann auch, und stürzt von einem Abhang genau in die Position, in welcher er 5000 Jahre später gefunden wird. Der Mann aus dem Eis ist durchaus packendes, erdiges Kino der Frühgeschichte: unwirtlich, blutig und gnadenlos.

Der Mann aus dem Eis

Wie Brüder im Wind

KLEIN ADLERAUGE

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bruederwind

Das Red Bull-Imperium des österreichischen Geldvirtuosen Dietrich Mateschitz umfasst nicht nur den Fernsehsender Servus mit allerlei Bildungsprogramm und mitunter auch einem wohlsortierten Filmangebot. Es umfasst auch einen Zeitschriftenverlag und zu guter Letzt eine Filmproduktionsfirma, dessen Name ident ist mit der populärwissenschaftlichen Liebhaberzeitschrift Terra Mater. Ein wunderschönes Druckwerk allerdings. mit wunderbaren Bildern und jede Menge Platz, um sich gestalterisch auszutoben. Inhaltlich aber muss sich das Magazin in Anbetracht souveräner Konkurrenz aus dem europäischen Norden geschlagen geben. GEO, herausgegeben von Gruner & Jahr, ist in seinen Reportagen unschlagbar und findet einen ausgewogenen Mittelweg zwischen photographischem Anspruch und mitreißend geschriebener, aufschlussreicher Stories. Aber wieso schreibe ich in einem Filmblog über die Qualität deutschsprachiger Perdiodikas? Ganz einfach – weil sich die etwas unausgewogene Beschaffenheit des österreichischen GEO-Konkurrenten Terra Mater ziemlich genau auf die filmischen Qualitäten des von Ex-Universum-Redakteur Walter Köhler geleiteten Filmstudios übertragen lässt.

Wie Brüder im Wind ist zweifellos ein atemberaubend gefilmter Dokumentarfilm. Ganz so, wie wir es schon seit jeher dienstagabends auf ORF gewohnt sind, mit erstklassig gefilmten, spektakulären Bildern aus aller Herren Länder verwöhnt zu werden. So verwöhnt uns auch diese heimische Produktion vor allem auf der großen Leinwand mit gestochen scharfen, haut- bzw. federnahen Bildkompositionen, die Gänsehaut erzeugen. Überhaupt entfalten solche Tier- und Naturfilme ihr gesamtes Potenzial im Kino, wenn man schon nicht live dabei sein kann, um das Abenteuer Leben mit allen Sinnen zu genießen. Terra Mater weiß, was dem naturinteressierten Zuschauer die Kinnlade herunterklappen lässt.

Allerdings wissen die Macher des Greifvogeldramas nicht, wie man Geschichten erzählt. Und das ist meistens die Krux an Fernseh- und Kinodokumentationen. Sachkundige Filme, die nicht nur durch ihre Bilder, sondern auch durch ihre Geschichte zu fesseln wissen, haben Seltenheitswert. Meist liegt ihre Stärke darin, die Schönheit der Natur einzufangen. Dann wäre Wie Brüder im Wind im Konzerthaus mit Live-Musik-Untermalung besser aufgehoben. Die karge Erzählung von einem alleinerziehenden, mürrischen Bergbauern und seinem Sohn, der ein aus dem Nest gefallenes Steinadlerküken aufzieht, ist zwar gut gemeint und hat auch jede Menge edukativen Wert. Doch die sperrige Dramaturgie und die lose wirkenden, etwas orientierungslos aneinandergesetzten Szenen entbehren jeglichen mitreißenden Erzählfluss. Wie in einem engagierten Laienkino für eine gute Sache stapfen „Leon“ Jean Reno und Tobias Moretti wenig überzeugend über Geröll und durch Schnee, zwischen den beiden Filmstars strengt sich der italienische Jung- und Hauptdarsteller Manuel Camacho vergebens an, so etwas wie Emotion zu erzeugen. Da ist der Mowgli-Darsteller im kürzlich erschienenen Dschungelbuch ja noch die bessere Wahl gewesen.

Schulfernsehen trifft also auf professionelle Naturfilmer. Mehr ist aus dem Jahreszeiten-, Familien- und Tierdrama rund um Verantwortung, Leben und Tod letzten Endes nicht herauszuholen. Vielleicht, weil das Genre des Dokumentarfilmes so ganz anders funktioniert als die des erzählerischen Abenteuerkinos.

Wie Brüder im Wind