Das gewisse Etwas (2026)

MIT DEM HERZEN AUF DER ZUNGE

6/10


Die beeinträchtigte Feriengruppe rund um Mala Emde im Film Das gewisse Etwas
© 2026 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARC ROTHEMUND

DREHBUCH: MURMEL CLAUSEN, NACH DEM FILM VON VICTOR-ARTUS SOLARO

KAMERA: AHMET TAN

CAST: MAX VON DER GROEBEN, MALA EMDE, FLORIAN LUKAS, JASMIN SCHWIERS, LORENZO GERMENO, FRANGISKOS KAKOULAKIS, ANTONIA RIËT, SIMON RUPP, JAN BOBKE, NATALIE KIM LEHMANN, FERDINAND KUNER, LUCA DAVIDHAIMANN, LINN BADE, TIMON HEINZL, PAUL KÖGLER, DIETER LANDURIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Über Untertitelfaulheit

Welchen Sinn hat es eigentlich, Filme, die es schon gibt, nochmal nachzuerzählen, und zwar nahezu bild- und szenengenau? Studios in den USA tun das in der Erwartung, dass knackige Stoffe, die in Europa reüssierten, in ihrem Land vielleicht genauso Erfolg haben, und zwar in originalem US-Englisch, denn Untertitel will dort niemand lesen. Das mag ein guter Grund sein, und glücklicherweise auch die Watchlist europäischer Filmnerds reduzieren, die das Original bereits kennen.

In Deutschland gibt es das auch – da werden gerne französische Originale nachproduziert, wie zum Beispiel Der Vorname. Und jetzt auch Das gewisse Etwas. Ist das deutschsprachige Publikum demnach genauso untertitelfaul wie das US-amerikanische?

Von Drehbuchtexten und anderer Literatur

In Oper und Theater ist es seit Jahrhunderten gang und gäbe, immer die gleichen Libretti und Drama-Vorlagen auf der Bühne nachzuinterpretieren. Da käme wohl niemand auf die Idee, sich darüber zu beschweren, dass zum Beispiel Hamlet doch schon mal inszeniert wurde.

Der Unterschied liegt daran, dass in der Live-Performance wie Oper und Theater die literarische oder kompositorische Vorlage weitaus deutlicher für sich alleine steht als das Drehbuch eines Films. Eine Bühneninszenierung ist wie die andere Meinung eines Künstlers zu einem Werk, das Drehbuch ist Teil eines dicht verzahnten Gesamtkunstwerks und wird daher selten als eigenständiges Werk betrachtet. Somit fällt das Remake eines Films deutlicher auf. Und bei Was ist schon normal? bleibt die Frage tatsächlich wie ein Elefant im Raum stehen. Warum nur nochmal den gleichen Film?

Der ganz spezielle Gute-Laune-Film

Ich kannte das Original nicht, packe also die Gelegenheit beim Schopf und lasse mich von Mala Emde und Fack Ju Göthe-Star Max von der Groeben in Sachen Inklusion eines Besseren belehren. Verantwortlich für dieses Remake zeichnet Marc Rothemund, erfahren in sentimental-ironischen Beziehungskomödien, allerdings auch in schweren Stoffen, nachzuvollziehen am Beispiel Sophie Scholl – Die letzten Tage.

Rothemund will aber diesmal den substanzvollen Gute-Laune-Film für den Spätsommer ans Publikum bringen und sammelt eine illustre Schar an Leuten um sich, die garantiert nicht einfach in Szene zu setzen sind. Es sind Menschen mit Beeinträchtigung – vorzugsweise mit Down-Syndrom. Ein anderer ist spastisch gelähmt, andere womöglich autistisch?

Die Qualität kindlichen Schauspiels

Unterm Strich zeichnet sich dieses Ensemble aber dadurch aus, dass es nicht vorgibt, beeinträchtigt zu sein, sondern es tatsächlich ist. Einer unter ihnen, Frangiskous Kakoulakis, ist tatsächlich schon länger im Schauspielgeschäft unterwegs. Man merkt ihm an, wie gut er seine Rolle beherrscht. Das Erstaunliche daran aber ist: all die anderen ebenfalls. Da sie in ihrem Gemüt fast schon so wie Kinder sind, und Kinder, wie wir wissen, schauspielerisch Unglaubliches leisten, eben weil sie es vorbehaltlos empfinden und nichts von ihrer Rolle in ein Regelkorsett stecken, gelingt auch den Erwachsenen, die in ihrer alljährlichen Sommerwoche in den österreichischen Alpen dem Kommunen-Alltag einen bunten Anstrich verleihen, beeindruckend lebensnahe Performances, die letzten Endes dem ganzen professionellen Ensemble den Rang ablaufen.

Ungewohnt offenherzig

Obwohl aufgeschlossen für Inklusion und soziale Agenden, fällt es in Das gewisse Etwas anfangs gar nicht leicht, mit den beeinträchtigten Schauspielerinnen und Schauspielern warm zu werden. Sie geben sich exaltiert, ehrlich, selbstbewusst schräg. Es geht uns wie den beiden Bankräubern Alex und Karlo, die nicht glauben können, wo sie da hineingeraten sind. Bis sich diese Menschen letztlich öffnen, bis man ihr Verhalten kennt, ihren Charakter schätzen lernt. Innerhalb kurzer Zeit sind einem selbst diese emotional stark involvierten Menschen, die ihr Herz auf der Zunge tragen, auch an selbiges gewachsen.

Ein Plot, der unterfordert

Angesichts dessen wird der komödiantische Aufbau – das narrative Gerüst um Lug, Trug und romantische Gefühle – zum trivialen, simpel gestrickten Extra, das allzu viel behauptet und auch selbst nicht daran glaubt, was es da erzählt. Zwischen Mala Emde und Max von der Groeben sprühen keine Funken, Florian Lukas als dessen Vater? Wohl kaum.

Gelungen ist Rothemunds Film in jenen Szenen, in denen das beeinträchtigte Ensemble zur Norm wird und die „Normalen“ um Inklusion buhlen. Wenn sich der Spieß also umdreht, wenn sich die „Behinderten“ ihrer eigenen Behinderung so bewusst werden wie nie zuvor und mit diesem gewissen Etwas auch umgehen, als wäre es ein Skill, den alle anderen bedauerlicherweise nicht haben.

Dieses Rollenspiel hat Witz und Charme – schade nur, dass sich Rothemund vom französischen Original nicht abheben und etwas Eigenes schaffen wollte, mit einer vielleicht weniger unterfordernden Rahmenhandlung.

Das gewisse Etwas (2026)

Night Always Comes (2025)

BARGELDLOS DURCH DIE NACHT

5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BENJAMIN CARON

DREHBUCH: SARAH CONRADT, NACH DEM ROMAN VON WILLY VLAUTIN

KAMERA: DAMIÁN GARCÍA

CAST: VANESSA KIRBY, JENNIFER JASON LEIGH, ZACK GOTTSAGEN, RANDALL PARK, STEPHAN JAMES, JULIA FOX, MICHAEL KELLY, ELI ROTH U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Neben dem omnipräsenten Pedro Pascal ist wohl Vanessa Kirby spätestens seit ihrer Oscar-Nominierung für Pieces of a Woman in gefühlt jeder zweiten Filmproduktion dabei. Gerade eben durfte sie als Sue Storm den wasweißichwievielten Versuch, die integren Fantastischen Vier endlich mal erfolgreich auf die Leinwand zu bringen, tatkräftig unterstützen. Zwischendurch widmet sich die gebürtige Londonerin aber nach wie vor dem Arthouse-Film und produziert auch gerne selbst das eine oder andere Projekt – ganz besonders schien ihr die Verfilmung des Romans Night Always Comes von Willy Vlautin am Herzen gelegen zu haben, der eine Frauenfigur in den Fokus rückt, die ambivalent genug ist, um sie schauspielerisch ordentlich auszufüllen. Nichts eindimensionales, sondern facettenreich und mit einer ordentlichen Portion Verzweiflung, denn ohne diese würde Night Always Comes gar nicht erst mal in die Gänge kommen. Prämisse ist also eine ausweglose Situation, und wie in den meisten ausweglosen Situationen, wenn es sich dabei nicht um eine Krankheizt oder einen Survival-Unfall handelt, geht es folglich um den Mammon. Dieses ist nicht da, oder besser gesagt: wäre da, wenn Mutter Jennifer Jason Leigh nicht das notwendige Kleingeld für einen Neuwagen verprassen würde, das eigentlich dafür bestimmt war, die familiäre Immobilie zu sichern. Schließlich ist auch noch der nach besonderen Bedürfnissen verlangende Bruder Kenny mit von der Partie, der rund um die Uhr Betreuung braucht.

Dass die ganze Familie auf der Straße steht, ist ein No-Go. Und Lynette, so die Rolle der verzweifelten jungen Frau, die eine zwielichtige Vergangenheit mit sich herumschleppt, muss binnen einer Nacht ein ganz schönes Sümmchen auftreiben, damit das Undenkbare nicht passiert. Wie sie das macht, hätte ich dieser Person gar nicht zugetraut. Und auch während sie versucht, mit dem Mut der Verzweiflung sogar in die kriminelle Düsternis Portlands einzutauchen und so einige Straftaten zu begehen, natürlich alles für den guten Zweck: Kirby ist all das nicht zu glauben. Vielleicht liegt es an dieser Sanftmütigkeit, mit der sie ihre Rolle untermauert. Die dunklen Jahre minderjähriger Prostitution und Abhängigkeit hinterlassen im Charakterbild Kirbys keine Spuren, letztlich fehlt es an der notwendigen Portion Zynismus, um zu glauben, was man sieht. Ähnlich vage bleibt Jennifer Jason Leigh als dem Schicksal die kalte Schulter zeigende Zynikerin, die keine Vorstellung von einer grimmigen Zukunft hat. Einerseits wirkt sie versoffen, dann wieder völlig resignierend wie jemand, der im White Trash-Milieu nichts mehr zu verlieren hat – was aber nicht den Tatsachen entspricht. Wohin Benjamin Caron (u. a. Sharper mit Julianne Moore) seine Familie positioniert, mag diffuses Terrain sein. Einzig Zach Gottsagen, der Schauspieler mit dem Down-Syndrom, der schon an der Seite von Shia LaBeouf in The Peanut Butter Falcon brilliert hat, wirkt wie ein stoischer Fels in der Brandung, der von allen Beteiligten, obwohl orientierungslos, noch die beste Orientierung hat.

Zu sehr gefällt sich Kirby in der Rolle der Verzweifelten, im nachtschwarzen Milieu zwischen Drogen, Geldraub und längst nicht verjährter Traumata. Sie selbst hat sich von Arbeiten wie Good Time der Gebrüder Safdie und dem deutschen One-Shot Victoria inspirieren lassen – beiden Filmen fehlt aber das Gemächliche, die bausteinartige Struktur, die dem Chaos einer Nacht zuwiderläuft. Kirbys Erlebnisse greifen nicht ineinander, sondern folgen nacheinander, Virtuosität weicht gefälligem Existenzialismus, der wohl lieber die Emanzipation aus der Verantwortung probt als sich dem Thrill zu unterwerfen. Der Effekt dabei: Night Always Comes unterhält zwar und hat einige Spitzen auf Lager, die dicht genug sind, um dranzubleiben und nicht wegzudriften. Im Ganzen aber bleibt diese Nacht trotz seiner prekären Abenteuer eine unter vielen.

Night Always Comes (2025)

The Peanut Butter Falcon

ANDERS ALS WIR DENKEN

7/10

 

PBF_0681.TIF© 2019 Tobis Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: TYLER NILSON, MICHAEL SCHWARTZ

CAST: SHIA LABEOUF, ZACK GOTTSAGEN, DAKOTA JOHNSON, BRUCE DERN, JOHN HAWKES, THOMAS HADEN CHURCH U. A. 

 

Einer der warmherzigsten Filme des Jahres 2019 soll er gewesen sein, das Roadmovie rund um einen Heimausreißer mit Down-Syndrom und einem schuldzerfressenen Taugenichts aus den Südstaaten: The Peanut Butter Falcon. Relativ leicht ließe sich der Film aber auch anders betiteln. Wie wäre es mit: Der 22jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, frei nach Jonas Jonasson? Wer das Buch des Schweden kennt, weiß, welche Abenteuer der alte Mann da allesamt besteht. Womöglich sind die Abenteuer des jungen Zack weniger irrwitzig, dafür aber umso einschneidender für ein Leben, das noch gelebt und gestaltet werden will. Denn der rundliche, nur mit einer Unterhose bekleidete Zack, der will trotz seines geistigen Handicaps etwas aus sich machen. Er hat Pläne. Und ein Idol, dem er nacheifern will: Der junge Mann will zum Wrestling. Da gibt es einen, der nennt sich Saltwater Redneck, und der hat eine Wrestlingschule irgendwo in den Sümpfen Louisianas, und dort will er hin. In einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten vielleicht tatsächlich umsetzbar. Zufällige Variable, die ihm vielleicht einen Strich durch seine Rechnung machen könnten, die rechnet er natürlich nicht mit ein. Einer dieser Variablen ist – kaum zu erkennen – Shia LaBeouf mit unkontrolliertem Bartwuchs und versiffter Kleidung, auf der Flucht vor der krabbenfischenden Konkurrenz. Und die hat ihr gutes Recht, dem lebensuntauglichen Strauchelnden die Leviten zu lesen. Wie zu erwarten: die beiden Außenseiter treffen aufeinander – und raufen sich zusammen. Denn zweimal lebensuntauglich könnte einmal Lebensmut ergeben – oder nicht? Kein Problem, wäre da nicht Betreuerin Eleanor (reizend und liebevoll: Dakota Johnson), die so gar nicht mit den Plänen ihres Schützlings Zack klarkommt. Zumindest vorerst nicht.

Eine HuckFinniade, die sich Tyler Nilson und Michael Schwartz da ausgedacht haben. Ein zutiefst menschelndes Abenteuer mit einer erstaunlichen Entdeckung: nämlich Newcomer Zack Gottsagen, der die auf seinen Leib geschriebene Rolle mit Bravour meistert, Wortwitze kontert und selber mit genug Ironie die augenzwinkernden, teils lebensphilosophischen Dialoge bereichert. Dass Menschen mit Down-Syndrom auffallend gut schauspielern können, das hat letztens schon Luisa Wöllisch bewiesen, die in der deutschen Handicap-Komödie Die Goldfische für quirlige Diva-Momente gesorgt hat. Nicht zu vergessen natürlich Jaco van Dormaels belgisch-französisches Roadmovie Am achten Tag, in welchem der Schauspieler Pasqual Duquenne (Goldene Palme 1996!) an der Seite von Daniel Auteuil über sich hinauswuchs. Plotmäßig haben beide Filme – The Peanut Butter Falcon und Am achten Tag, deutliche Parallelen. In beiden Filmen ist das Pflegeheim anfangs ein Gefängnis, und hindert sie daran, sich trotz ihres Defizits selbst zu verwirklichen. Der Ausbruch gelingt, und folglich bleiben beide nicht lange allein. Ob Auteuil oder LaBeouf – die Komponente des beschützenden Erwachsenen, der von der Weltsicht des Anderen allerdings profitiert, bringt die herzerwärmende Story erst ins Rollen.

Und ja, das ist sie: herzerwärmend. Und positiv. Und wahnsinnig zuversichtlich. Was man anfangs nicht vermutet. Das Damoklesschwert der einschränkenden Realität hängt permanent über dem Willen nach Freiheit. Anderswo wäre diese Floßfahrt wohl ernüchtenderweise gekentert, zum Beispiel bei Clint Eastwood (A Perfect World), doch Tyler und Schwartz wagen ein brüderliches Märchen, das sich so gut anfühlt wie ein Kurzurlaub mit dem besten Freund oder der besten Freundin, wo man an nichts mehr anderes denkt außer an den Moment, der gerade passiert. Wo es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt. Wo die Zukunft mit links machbar erscheint. Eingewoben in dieses tragikomische Szenario auf schwappendem Untergrund ist die Kulisse der feuchtheissen Swamps der Südstaaten. Die Schwüle, all die Gerüche und Klänge, all dieses Nowhere-Land, dieser Touch unbegrenzter Möglichkeiten, die lassen sich spüren, und die tun gut. Das letzten Endes The Peanut Butter Falcon einen Drall Richtung surrealer Traumphantasie bekommt, war unvermeidlich – das schließt aber auch den Kreis der sich hoffnungslos im Kreis drehenden Outlaws und Weltumdenker, die sich in unterschiedlicher Richtung irgendwann treffen müssen, um gemeinsam auszubrechen.

The Peanut Butter Falcon