Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

ZOFF AUS VILLA KUNTERBUNT

7/10

 

birdsofprey© 2020 Warner Bros.

 

LAND: USA 2020

REGIE: CATHY YAN

CAST: MARGOT ROBBIE, EWAN MCGREGOR, MARY ELIZABETH WINSTEAD, ROSIE PEREZ, ALI WONG, JURNEE SMOLLETT-BELL, CHRIS MESSINA U. A. 

 

Was wäre eigentlich aus Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf geworden? Wir wüssten es, hätte die schwedische Kinderbuchautorin jemals über die Zukunft ihres Rotschopfs auch schriftlich nachgedacht. Vielleicht hat sie das, ich weiß es nicht. Aber falls nicht, so könnte ich mir vorstellen, dass Pippis Zukunft womöglich durchaus jener von Psychiaterin Harlinn Quinzel geähnelt hätte. Vorausgesetzt natürlich, Pippi wäre mit Mitte Dreißig immer noch so von infantiler Anarchie beseelt gewesen wie sie es zu ihrer Kindheit war, völlig autark in ihrer Villa Kunterbunt residierend, mit Affe und Pferd, während sie die örtliche Exekutive permanent an der Nase herumführt. Harley Quinn allerdings hat zwar kein Pferd, aber immerhin eine Hyäne, die sich durchaus gern an Menschen vergreift. Die Gespielin vom Joker (allerdings des Jokers aus dem Suicide Squad-Universum, nicht aus jenem von Tod Phillips) ist, wenn man so will, eine Art Feedback bei dem Versuch, sich vorzustellen, was Pippi als Erwachsene wohl für einen Radau machen könnte. Der Grund dafür war bei Harley Quinn der Korb vom Joker. Aus ist´s mit der Bonnie & Clyde-Masche, Wahnsinn im Doppelpack. Ohne den Dauergrinser ist Quinn gar nicht mehr so auffallend durchgeknallt. Neben der Spur auf alle Fälle, aber zumindest kommen da viel deutlicher ihre nerdigen Ecken und Kanten zum Vorschein, die irgendwie sympathisch sind. Das findet natürlich „Obi-Wan“ Ewan McGregor gar nicht, der mit garstiger Spielfreude den Antagonisten ekelhaft fies anlegt. Harley Quinn ist ihm, da nun solo, ein Dorn im Auge, Gründe dafür gibts viele. In diesem dampfenden Sündenpfuhl des Bezirkes East-End kommen ihr aber noch ganz andere Beinchensteller in die Quere, die aber alle nicht Quinn, sondern irgend etwas anderes wollen, um am Ende aber festzustellen, dass sie als rach-, glücks- und ehrgeizsüchtige Girlie-Gang eine ganze Menge verbindet.

Ihr Auftritt bitte: Black Canary, Huntress und Cassandra Cain dürften eingefleischten DC-Comiclesern wohl ein Begriff sein. Ich jedenfalls bin noch nicht so tief in den Dschungel Gothams vorgedrungen, umso unvoreingenommener ließ sich für mich auch dieses Stelldichein an trotziger Emanzipation genießen, was sich in seiner Gesamtheit entschlossen hat, tatsächlich einer der sehenswertesten Comicfilme aus dem DC-Universum zu sein. Birds of Prey – The Emancipation of Harley Quinn ist wirklich gelungen. Margot Robbie ist sowieso die Idealbesetzung für diese schräge Figur, die nicht viel weniger grinst als der Joker, Oneliner schiebt und mit gedrechseltem Holz gerne Mannsbilder vermöbelt. Während bei Todd Philipps Joker gar nichts mehr auf die leichte Schulter genommen wird und Zack Snyders heroische Ikonographien nur bemüht selbstironisch sind, verortet man in Cathy Yans Origin-Story serientaugliche Action-Comedy, die zwar keine besonders satirischen Spitzen loslässt wie Taika Waititis Thor, dafür aber den Drive in einem knackigen Script verorten kann. Wie, wo, warum und weshalb hier eine Handvoll Damen zum knochenbrechenden Kränzchen antanzen, ist souverän verknäuelt, setzt die Konsequenzen ihres Handelns völlig richtig und hält sich nicht unnötig mit bemüht komplizierten Wendungen oder nebenher laufenden Storylines auf, die niemanden interessieren. Birds of Prey macht Spaß und hat genau das Quantum an Teamspirit, das sich vorrangig bei Joss Whedon (bestes Beispiel: Buffy) verorten lässt (was bei Justice League aber nicht groß geholfen hat) und genau hier seine richtige Balance findet. Birds of Prey ist ein verkappter, frecher Teeniefilm. Oder das martialische, durchaus dezent-blutige Zerrbild einer High School-Clique, die als einzige den Absprung verpasst hat und sich folgedessen nirgendwo mehr integrieren will. Die mal mehr oder weniger begabten Superheldinnen lassen ihrer Ambivalenz freien Lauf, und erlauben sich im Grunde, was ihnen gerade einfällt. Womit wir wieder bei Pippi wären, die niemals was anderes getan hat, die später auch mal auf die schiefe Bahn geraten hätte können, um sich dann wieder auf ein paar Werte zu besinnen, die unter anderem besagen: die Feindinnen meines Feindes sind meine Freundinnen. Was soviel heisst wie: Lieber gemeinsam als einsam asozial.

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

Justice League

DIE WÜRFEL SIND GEFALLEN

6,5/10

 

HAR_DM_FIRST LOOK RND F04© 2017 WARNER BROS. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC / Courtesy of Warner Bros. Pictures/ TM & © DC Comics

 

LAND: USA 2017

REGIE: ZACK SNYDER, JOSS WHEDON

MIT BEN AFFLECK, GAL GADOT, JEREMY IRONS, EZRA MILLER, JASON MOMOA U. A.

 

Steppenwolf, Steppenwolf… irgendwas sagt mir das. Ja, genau, und zwar drei Dinge. Erstens ist das der Name einer Rockband, die mit Born to be Wild das Titellied zu Easy Rider komponiert hat. Zweitens ist das auch ein Roman von Hermann Hesse. Drittens – der Vollständigkeit halber – bezeichnet die Astronomie als Steppenwolf vagabundierende Planeten ohne fixer Umlaufbahn. Und viertens? Viertens ist der Steppenwolf ein Superschurke aus dem DC-Universum, kreiert von Jack Kirby und erstmals erschienen in einem Comic aus dem Jahre 1972. Dieser gehörnte Psychopath und machtgierige Bosnigl treibt nun auch in der neuesten Verfilmung der sprechenden Bilder rund um Batman sein Unwesen – und erinnert an eine etwas einfallslose Mischung aus dem gehörnten König aus Ridley Scott´s Legende, dem Feuerdämon Surtur aus Thor – Tag der Entscheidung (schon alleine wegen des Helmes) und Apocalypse aus dem letzten, leider misslungenen X-Men-Abenteuer. Betrachtet man aber die Comics von damals, so ist gegen die Darstellung des größenwahnsinnigen Berserkers nichts einzuwenden – Zack Snyder hat, wenn auch nicht ohne Hilfe von außen, alles richtig gemacht. Und das meine ich tatsächlich so, wie ich es sage, ohne Sarkasmus. Snyder ist womöglich der wirklich einzige Filmemacher unter der Blockbuster-Riege, der das Wort Comic-Verfilmung wörtlich nimmt. Dem Visionär, welcher mit Watchmen tatsächlich einen Meilenstein der laufen lernenden Panels erschaffen hat, merkt man seine Liebe zu dem meist belächelten Nischenmedium an. Comics sind für Snyder nicht nur lose Vorlage – seine Interpretationen sind aufrichtige Huldigungen an Text, Tinte und Papier. 

Dementsprechend ikonisch wirken seine Bilder. Nahezu jede Einstellung eignet sich für ein attraktives Cover lang erwarteter Heftausgaben für Fans, wie Jack Snyder einer ist. Im Grunde ist Justice League also ein Fanfilm – von Fans für Fans. In kaum einer anderen Produktion aus dem wohl am meisten gemobbten Subgenre des Fantasyfilms ist das hochstilisierte Fabulieren mit den Kultfiguren stärker zu spüren – und zu erfahren. Wenn Batman ganz weit oben am Dach eines Altbaus in Gotham City kauert und über den Moloch blickt, wähne ich mich im Comic-Zweiteiler Batman: Hush zu blättern. Ganz großes Bilderkino, das muss man dem Burschen lassen. Obwohl, naja, manch Weltherrschaftsfantastereien meistens nur lächerlich sind. Aber das sind sie in den Comics auch. Das ist ihnen eigen. Übertrieben aufzutreten, nicht nur die eine Katze, sondern auch gleich mehrere von der Sorte aus dem Sack zu lassen. Und endlich ist es auch soweit – DC antwortet den Avengers aus Marvel mit der Liga der Gerechtigkeit. Die kann sich sehen lassen – allen voran natürlich Gal Gadot als die leibhaftige Amazone. Apart, faszinierend und mit ganz viel sinnlich-kokettem Understatement. Ihr zur Seite ein quirliger, heillos konfuser Flash, der zwar etwas bemüht, aber immer mal wieder für Schmunzeln sorgt. Ein Raubein von einem Wassermann, mit Inbrunst verkörpert von „Khal Drogo“ Jason Momoa. Seine Grunge-Attitüde und seine zynische Sicht auf die Welt ist ihm auf den schuppig gepanzerten Leib geschrieben. Sogar Cyborg, mit dem ich im Vorfeld so meine Zweifel hatte, macht eine gute, wenn auch enorm kybernetische Figur. Allen höchst unterschiedlichen Charakteren gelingt die Entwicklung von leicht identifizierbaren Persönlichkeiten. Gut, Wonder Woman hatt da schon einen gewissen Heimvorteil. Und Batman auch. Batman – viele Fans des dunklen Ritters haben schlaflose Nächte, wenn sie daran denken, dass einer wie Ben Affleck maskiert durch die Nacht hirscht. Nun, obwohl ich mich hier nun der Gefahr eines Shitstorms aussetze – tatsächlich halte ich den besten Freund von Matt Damon als die bislang idealste Verkörperung von Bruce Wayne seit Michael Keaton. Der Wayne aus den Comics ist längst nicht so ein Dandy wie Christian Bale. Aber auch nicht so ein naiver Schönling wie Val Kilmer und George Clooney welche waren. Der Milliardär ist ein bulliger, verkorkster Materialist, ein Bandleader, der nur durch Vermögen und sagenhafter Technik als Superheld gilt. Nicht unbedingt ein sympathischer Zeitgenosse, aber ein persönlich motivierter, pflichtbewusster Moralist, der wie ein Bill Gates mit Muskelmasse Verantwortung für die Welt übernehmen muss – einfach weil er es kann.  

Spaß an der Sache hat Batman keinen – das Publikum aber schon. Justice League ist deutlich klarer strukturiert als der Vorgänger Batman vs. Superman. Um nicht zu sagen – der Plot ist straioght, aber sehr dünn. Stattdessen haben die Figuren zwischen all dem Getöse. bröckelnden Mauern und Gefechten mit Schwert, Kanone und Dreizack mehr zu sagen als sonst. Wie gesagt – Zack Syder hat da schon alles richtig gemacht. Zwar ein bisschen von Marvels humoristischer Leichtigkeit abgeguckt, aber immer noch den eigenen Stil beibehalten, der so anders ist als der aus dem Marvel Cinematic Universe. Dieser dramaturgische Sinneswandel verdankt Warner Bros. der Aushilfe von Buffy-Erfinder Joss Whedon bei Regie und Drehbuch. Inoffiziell hat der Avengers-Experte sogar tatsächlich vollends die Regie übernommen, da Snyder aus familiären Gründen aus dem Projekt aussteigen musste. Dass die bierernste Erzählweise des neuen Bat- und Superman die eigentliche Achillesferse der bisherigen Filmreihe war, ließ sich leicht diagnostizieren. Mit Vitamin W für Whedon ist der Klotz am Bein beseitigt worden. Dennoch – es ist immer noch Snyders Film daraus geworden, soviel Respekt unter den Kollegen muss sein. Dementsprechend geklotzt und blickdicht aufgetragen sind seine martialischen Visionen daher immer noch. Und sehr wahrscheinlich wird Snyder auch wieder in weiteren Batman-Abenteuern, sofern Affleck dabei bleibt, das Zepter führen. Was ich nicht bedaure, denn aus Fehlern kann man nur lernen. Diese zweite Chance sollte man gewähren. Und im Kino nicht daran vorbeisehen. Genausowenig wie die Post Credit Szene nach dem Abspann – Sitzenbleiben, denn es zahlt sich diesmal wirklich aus!

Justice League