Ghostbusters: Legacy

FERIALPRAKTIKUM IM GEISTERFANGEN

6,5/10


ghostbusters_legacy© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: JASON REITMAN

CAST: MCKENNA GRACE, FINN WOLFHARD, LOGAN KIM, PAUL RUDD, CARRIE COON, BOKEEM WOODBINE, CELESTE O’CONNOR, DAN AYKROYD, BILL MURRAY, ERNIE HUDSON, TRACY LETTS, ANNIE POTTS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MINUTEN


Einfach nur Fan-Service oder wirtschaftliches Kalkül? Was treibt die Studios wohl schon eine ganze Dekade lang dazu an, bewährte Kult-Franchises aus den Achtzigern immer wieder aufzuwärmen und wiederzubeleben, manchmal schlechter, manchmal besser? Nur Spaß an der Freude kann es nicht sein – es ist das Arbeiten mit Formeln und erfolgsversprechenden Parametern, die auf alle Fälle jene Generation an Kinogehern abholen sollen, die mit Stars Wars, Terminator, Ghostbusters und Co aufgewachsen sind. Es ist, als würde man auf einer niemals enden wollenden Comic-Convention all jenen Figuren aus den geliebten fiktiven Realitäten begegnen, an die wir uns gerne erinnern. Manchmal ist die Aufmachung lächerlich, manchmal aber atemberaubend gut ausgearbeitet.

Die vier Kerle, die im Manhattan des Jahres 1984 eine sumerische Gottheit mit dem überdimensionalen Marshmallowman in ihre Schranken verwiesen, haben mit nur zwei Filmen und einer Animationsserie ein unverwechselbares, für sich allein stehendes Universum erzeugt, dass Geister nicht als das hässliche Böse wie in Conjuring oder Insidious darstellt, sondern als familientaugliches, buntes Geisterbahn-Bestiarium zwischen pummeligen Allesfressern und finster dreinblickenden Machthungrigen, die ihren eigenen Tempel oder ihr eigenes Gemälde mitbringen. Das ist mehr Fantasy als Grusel, und genau diese recht unbekümmerte, in ihren Dosen nicht zu verändernde Verbindung macht es aus, das Ghostbusters quer durch alle Altersschichten und Geschmacksrichtungen funktioniert. Stranger Things hat das Ganze dann noch mit der Spielberg´schen Mystery kombiniert, die natürlich viel ernster daherkommt – hier weicht der Spaß am Bannen knautschiger Monster einer beklemmenden Paranoia.

Zum Glück macht Jason Reitman kein Zugeständnis in irgendeine andere Richtung, und auch nicht in Richtung Klamauk, wie die Damenrunde aus dem Jahr 2016. Anscheinend geht das nur, wenn man wirklich und ohne Umschweife Bezug nimmt auf das Original. Um sich dann vielleicht loszulösen. In Ghostbusters: Legacy (hätte eigentlich letztes Jahr ins Kino kommen sollen) erbt die Tochter des Geisterjägers Egon Spengler (Harold Ramis, 2014 leider tatsächlich verstorben) dessen Grund und Boden irgendwo im Nirgendwo nahe einer Kleinstadt. Das Gemäuer erinnert an das Haus der Addams, und mehrere Holzverschläge bergen wohl erinnerungswürdige Artefakte und Gegenstände, die wir alle kennen sollten. Die Enkelin Phoebe ist so klug wie ihr Opa und kommt in den Sommerferien dem wahren Geheimnis ihres Verwandten auf die Spur, das mit der Einsicht endet: Geister gibt es wirklich. Und was für welche. Längst verbannt geglaubte Gottheiten quälen sich an die Oberfläche, und Phoebe, ihr Bruder Trevor (Stranger Things-Star Finn Wolfhard) und der schräge Nerd Podcast treten in die Fußstapfen jener, die zuletzt vor mehr als dreißig Jahren den Schleim von ihren Schultern wischten.

So baut man ein Erbe auf. Jason Reitman macht anfangs alles richtig, setzt auf Stimmung, gute Bilder und einem phänomenalen Cast, der mit Mckenna Grace (auch bekannt aus der Serie Young Sheldon) wirklich ins Schwarze getroffen hat. Die drei Freunde sind längst keine austauschbaren, gestelzt vor sich hin agierenden Jugendlichen mehr, wie zum Beispiel in Filmen wie Das schaurige Haus. Das sind Charakterköpfe, die noch mehrere Fortsetzungen tragen könnten, sollte es welche geben. Da ist Teamgeist, Individualismus und Herzlichkeit drinnen, wie bei den Vieren von damals. Bis es so weit kommt, und die Truppe ihren Einstand feiert, nimmt sich Reitman viel Zeit, um all das Drumherum und auch die Bedürfnisse der Fans und Popkultur-Nostalgiker mit Liebe und Geduld zu stillen. Dabei entgleitet ihm die Zeit, das Timing kippt. Viel bleibt nicht mehr, um die Geschichte auszuerzählen. Viel zu spät lenkt der Höhepunkt den Film in die Zielgerade. Was folgt, ist ein gehetzter Showdown, der im Vergleich zu allen anderen Filmen enttäuschend wenig spukende Artenvielfalt in petto hat. Das ist dann doch ein bisschen mager. Etwas einfallslos auch das Rezitieren des Originals in zwar anderem Umfeld (von der Stadt aufs Land), aber in genau derselben Abfolge wie damals. Überraschungen gibt es keine, man hält sich an das Spiel der Jungdarsteller, während das Meet & Greet mit bekannten Gästen wie ein halbherziger, pflichtbewusster Bühnen-Gig wirkt.

Einerseits schade, hier nicht gleich mit dem Ecto 1 die erste Kurve genommen zu haben. Andererseits aber macht Kennern die alte neue Hommage an ein Genre-Phänomen großen Spaß, und ja, es ist wie auf einer Comic Con – das Fanherz schlägt höher, ganz von allein. Allerspätestens bei Ray Parkers One-Hit-Wonder.

Ghostbusters: Legacy

Tully

KEINE RUHIGE MINUTE

7/10

 

Tully© 2018 DCM Film Distribution

 

LAND: USA 2018

REGIE: JASON REITMAN

MIT CHARLIZE THERON, MACKENZIE DAVIS, MARK DUPLASS, RON LIVINGSTON U. A.

 

„Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin. Und das geht so wie ich vermute bis ich 100 Jahre bin.“ Vom Elterndasein hat der geniale Liedermacher Reinhard Mey ein mittlerweile zum Klassiker gewordenes Liedchen singen können. Schauspielerin und Dior-Schönheit Charlize Theron macht es ihm nach und singt ihren ganz eigenen Song – in einem unaufgeräumten Alltagsmärchen von Juno-Regisseur Jason Reitman, dessen Vorliebe für gediegene Psychosozial-Skizzen auf fruchtbaren Boden fällt. Mit Charlize Theron hat der Sohn von Ghostbusters-Macher Ivan Reitman bereits schon 2011 zusammengearbeitet. In Young Adult kam die Schöne der aktuellen Beziehung ihres Verflossenen in die Quere – nun aber ist sie es selbst, als Marlo, Mutter von drei Kindern, die sich im Weg zu stehen scheint, während sie ihren zappeligen Nachwuchs und obendrein noch ihrem drallen Babybauch so gut es geht alle Hindernisse aus dem Weg räumt – und handelt es sich dabei auch nur um Schmutzwäsche, Kotze oder trittfestes Lego am Parkettboden.

Jeder, der Kinder hat, weiß, wie das ist. Da gibt es eine Phase, da geht gar nichts mehr. Kindern alles hinterherzuräumen, Schulbeistand zu leisten und obendrein noch die schmutzigen Windeln des Frischlings zu wechseln ist fast schon gegen die Menschenrechte. Papa tut in der Arbeit, was er kann, doch irgendetwas liegt immer brach, um erledigt zu werden. Und irgendein Sprössling hat immer Bedürfnisse, denen entsprochen werden muss. Genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn das Maß des Möglichen zum Bersten voll ist, steckt Marlo´s Bruder ihr die Adresse einer Night Nanny zu, die fortan die schwierigste Zeit im Leben einer Familie leichter machen soll. Fast unmerklich taucht die junge Mittzwanzigerin auf, bringt engelsgleiche Gelassenheit mit und ist scheinbar nur dazu da, der überforderten Mama fortan Gutes zu tun – mit dem geschmeidigen Imperativ, sich wieder auf ihr eigenes Ich und ihre eigenen Bedürfnisse zu besinnen. Wie gut es diese Marlo hat, dass da plötzlich wer kommt, der die Defizite versteht und mit ihnen und dem Saustall namens Wohnung aufräumt. Am besten wäre, die Night Nanny würde niemals wieder verschwinden.

Charlize Theron zeigt wieder mal, was in ihr steckt. Eben noch war sie als agentenkillender Vamp in Atomic Blonde zu sehen, aufreizend bis zum Gehtnichtmehr, durchtrainiert und apart. Und plötzlich diese Rolle als strickwestentragende Mama mit leichtem Übergewicht, fettigen Haaren und muttermilchdurchtränktem BH. Dieser Rollenspagat, der will gekonnt sein. Theron meistert ihn mit Bravour, wie schon seinerzeit in Monster. Das Äußerliche muss der inneren Figur entsprechen – gesagt, getan. Und sie setzt dort auf Authentizität, wo in anderen Filmen überzogener Klamauk herrscht. Denn leicht kann es passieren, und das Chaos Familie gerät zur schadenfrohen Schadensminimierung. Da schrammt Jason Reitman manchmal knapp vorbei, und wenn man denkt, es ist zu viel auf einmal und noch dazu im selben Moment – hält Mary Poppins´ freidenkende Urenkelin Tully Einzug ins biedere Idyll, undurchschaubar nett dargeboten von Mackenzie Davis. Die leidenschaftliche Chronik eines bröckelnden Perfektionismus längst identitätsverlorener Mamas hat Wiedererkennungswert für unterm Strich so gut wie alle Erziehungsberechtigten, die im Kino das Gesehene wohlweislich nickend belächeln, kommentieren und verstehen werden. Gesagt zu bekommen, dass man als Elternteil durchaus auch noch der sein darf, der man im Erstarken der eigenen Selbstständigkeit einmal war, ist wohltuend, bestätigend und beruhigend. So wie Tully, eine sonnenwarme Feel-Better-Dramödie mit einem Supermodel zum Gernhaben. In der alles und jeder seinen Weg finden muss – und auch wird.

Tully