Ghostbusters: Legacy

FERIALPRAKTIKUM IM GEISTERFANGEN

6,5/10


ghostbusters_legacy© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: JASON REITMAN

CAST: MCKENNA GRACE, FINN WOLFHARD, LOGAN KIM, PAUL RUDD, CARRIE COON, BOKEEM WOODBINE, CELESTE O’CONNOR, DAN AYKROYD, BILL MURRAY, ERNIE HUDSON, TRACY LETTS, ANNIE POTTS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MINUTEN


Einfach nur Fan-Service oder wirtschaftliches Kalkül? Was treibt die Studios wohl schon eine ganze Dekade lang dazu an, bewährte Kult-Franchises aus den Achtzigern immer wieder aufzuwärmen und wiederzubeleben, manchmal schlechter, manchmal besser? Nur Spaß an der Freude kann es nicht sein – es ist das Arbeiten mit Formeln und erfolgsversprechenden Parametern, die auf alle Fälle jene Generation an Kinogehern abholen sollen, die mit Stars Wars, Terminator, Ghostbusters und Co aufgewachsen sind. Es ist, als würde man auf einer niemals enden wollenden Comic-Convention all jenen Figuren aus den geliebten fiktiven Realitäten begegnen, an die wir uns gerne erinnern. Manchmal ist die Aufmachung lächerlich, manchmal aber atemberaubend gut ausgearbeitet.

Die vier Kerle, die im Manhattan des Jahres 1984 eine sumerische Gottheit mit dem überdimensionalen Marshmallowman in ihre Schranken verwiesen, haben mit nur zwei Filmen und einer Animationsserie ein unverwechselbares, für sich allein stehendes Universum erzeugt, dass Geister nicht als das hässliche Böse wie in Conjuring oder Insidious darstellt, sondern als familientaugliches, buntes Geisterbahn-Bestiarium zwischen pummeligen Allesfressern und finster dreinblickenden Machthungrigen, die ihren eigenen Tempel oder ihr eigenes Gemälde mitbringen. Das ist mehr Fantasy als Grusel, und genau diese recht unbekümmerte, in ihren Dosen nicht zu verändernde Verbindung macht es aus, das Ghostbusters quer durch alle Altersschichten und Geschmacksrichtungen funktioniert. Stranger Things hat das Ganze dann noch mit der Spielberg´schen Mystery kombiniert, die natürlich viel ernster daherkommt – hier weicht der Spaß am Bannen knautschiger Monster einer beklemmenden Paranoia.

Zum Glück macht Jason Reitman kein Zugeständnis in irgendeine andere Richtung, und auch nicht in Richtung Klamauk, wie die Damenrunde aus dem Jahr 2016. Anscheinend geht das nur, wenn man wirklich und ohne Umschweife Bezug nimmt auf das Original. Um sich dann vielleicht loszulösen. In Ghostbusters: Legacy (hätte eigentlich letztes Jahr ins Kino kommen sollen) erbt die Tochter des Geisterjägers Egon Spengler (Harold Ramis, 2014 leider tatsächlich verstorben) dessen Grund und Boden irgendwo im Nirgendwo nahe einer Kleinstadt. Das Gemäuer erinnert an das Haus der Addams, und mehrere Holzverschläge bergen wohl erinnerungswürdige Artefakte und Gegenstände, die wir alle kennen sollten. Die Enkelin Phoebe ist so klug wie ihr Opa und kommt in den Sommerferien dem wahren Geheimnis ihres Verwandten auf die Spur, das mit der Einsicht endet: Geister gibt es wirklich. Und was für welche. Längst verbannt geglaubte Gottheiten quälen sich an die Oberfläche, und Phoebe, ihr Bruder Trevor (Stranger Things-Star Finn Wolfhard) und der schräge Nerd Podcast treten in die Fußstapfen jener, die zuletzt vor mehr als dreißig Jahren den Schleim von ihren Schultern wischten.

So baut man ein Erbe auf. Jason Reitman macht anfangs alles richtig, setzt auf Stimmung, gute Bilder und einem phänomenalen Cast, der mit Mckenna Grace (auch bekannt aus der Serie Young Sheldon) wirklich ins Schwarze getroffen hat. Die drei Freunde sind längst keine austauschbaren, gestelzt vor sich hin agierenden Jugendlichen mehr, wie zum Beispiel in Filmen wie Das schaurige Haus. Das sind Charakterköpfe, die noch mehrere Fortsetzungen tragen könnten, sollte es welche geben. Da ist Teamgeist, Individualismus und Herzlichkeit drinnen, wie bei den Vieren von damals. Bis es so weit kommt, und die Truppe ihren Einstand feiert, nimmt sich Reitman viel Zeit, um all das Drumherum und auch die Bedürfnisse der Fans und Popkultur-Nostalgiker mit Liebe und Geduld zu stillen. Dabei entgleitet ihm die Zeit, das Timing kippt. Viel bleibt nicht mehr, um die Geschichte auszuerzählen. Viel zu spät lenkt der Höhepunkt den Film in die Zielgerade. Was folgt, ist ein gehetzter Showdown, der im Vergleich zu allen anderen Filmen enttäuschend wenig spukende Artenvielfalt in petto hat. Das ist dann doch ein bisschen mager. Etwas einfallslos auch das Rezitieren des Originals in zwar anderem Umfeld (von der Stadt aufs Land), aber in genau derselben Abfolge wie damals. Überraschungen gibt es keine, man hält sich an das Spiel der Jungdarsteller, während das Meet & Greet mit bekannten Gästen wie ein halbherziger, pflichtbewusster Bühnen-Gig wirkt.

Einerseits schade, hier nicht gleich mit dem Ecto 1 die erste Kurve genommen zu haben. Andererseits aber macht Kennern die alte neue Hommage an ein Genre-Phänomen großen Spaß, und ja, es ist wie auf einer Comic Con – das Fanherz schlägt höher, ganz von allein. Allerspätestens bei Ray Parkers One-Hit-Wonder.

Ghostbusters: Legacy

The French Dispatch

DAS KLEINGEDRUCKTE IM FILM

5/10


frenchdispatch© The Walt Disney Company Germany


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: WES ANDERSON

CAST: BILL MURRAY, OWEN WILSON, BENICIO DEL TORO, LEA SEYDOUX, ADRIEN BRODY, FRANCES MCDORMAND, TILDA SWINTON, TIMOTHÉE CHALAMET, MATHIEU AMALRIC, EDWARD NORTON, WILLEM DAFOE, SAOIRSE RONAN, CHRISTOPH WALTZ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Die Gefahr, Wes Andersons Filme mit anderen zu verwechseln, geht gegen null. Werke wie diese nachzudrehen, erfordern außerdem viel zu viel Kleinarbeit. Der Einzige, der an diese Art des Filmemachens noch rankommt, ist der zumindest phonetisch namensgleiche Schwede Roy Andersson (zuletzt mit Über die Unendlichkeit im Kino). Beide verbindet die Liebe zum Tableau, zum akkuraten Arrangement, und zum genau kalkulierten, punktgenauen Auftreten der Figuren, die dann genauso punktgenau wieder die Bühne verlassen. Doch um ehrlich zu sein, findet im Gegensatz zu Wes Anderson Namensvetter Roy den richtigen Ausgleich zur visuellen Exzentrik – er reduziert das gesprochene Wort und lässt stattdessen seine Arrangements sprechen. Der andere Anderson hingegen tut das nicht, oder sagen wir: immer weniger. Sein neuestes Werk The French Dispatch begeht überdies den Fehler, keine durchgängige Geschichte zu erzählen, sondern in sich abgeschlossene Miniaturen zu errichten, die das Kleinteilige nochmal zerkleinern und sich als vollgestopfte Setzkästen in dafür vorgesehene Setzkästen sortieren. Eine Fülle, in der sich Menschen mit Sammlerwut vielleicht zurechtfinden können – alle anderen, die gerne sammeln, das aber nicht exzessiv betreiben, sind versucht, manches in diesem Film gar nicht mehr wahrnehmen zu wollen.

Die Handlung eines solchen Streifens lässt sich auch kaum in ein paar Sätze packen. Einerseits tut sich auffallend viel, andererseits sind das Ereignisse, die aufgrund ihrer durchaus eitlen, artifiziellen Darstellung auf der Stelle treten. Die Basis dieser Episodensammlung bildet das Verlagshaus der Zeitschrift The French Dispatch in der fiktiven französischen Stadt Ennui-sur-Blasé. Chefredakteur und Gründer Arthur Howitzer (gespielt von Bill Murray) ist eben verschieden. Seinem letzten Willen nach soll es der Verlag seinem Gründer gleichtun. Für eine letzte Ausgabe finden sich eine Handvoll Journalisten ein, die für Howitzer geschrieben haben – vom radfahrenden Reporter bis zum Schreiberling für kulinarische Kostbarkeiten. Bevor diese allerdings einen Nachruf formulieren können, zeigt uns Wes Anderson, wer von diesen Leuten genau was zu Papier gebracht hat, jeweils anhand eines Artikels. Der Film „liest“ sich dann auch dementsprechend, hat insgesamt 75 Seiten und behält seine vage rote Linie dadurch, dass zwischendurch immer wieder Szenen aus dem Verlagshaus durchsickern, die Howitzer beim Lesen des eben inszenierten Geschriebenen zeigen.

Wie schon im Film Grand Budapest Hotel, der zumindest eine stringente Geschichte erzählt und dadurch auch deutlich griffiger erscheint, stehen auch hier namhafte Stars allein schon für einen Cameoauftritt Schlange. Die Liste ist lang, und leicht lässt sich der eine oder die andere übersehen, weil der andauernde Kommentar aus dem Off niemals Ruhe gibt. Das sind gewaltig viele Worte, und gleichzeitig aber gewaltig viele detailreiche Bilder, die auch noch beachtet werden wollen. Kaum glaubt man, mit all dem Input à jour zu sein, bröckeln die Episoden ins Tausendste. The French Dispatch ist ein Film, der dazu verleitet, einiges, nach eigenem Ermessen für nicht sonderlich relevant Befundenes in Klammer zu setzen. Anderson treibt es auf die Spitze, denn sein exzentrisches Herumblättern ist nicht nur ein verfilmtes Magazin mit all seinen Beiträgen, sondern auch mitsamt des Glossars, den Fußnoten und dem Quellennachweis, den das Publikum auch noch lesen muss.

The French Dispatch

On the Rocks

GUT GEPFIFFEN IST HALB GESTALKT

5/10


ontherocks© 2020 A24


LAND: USA 2020

REGIE: SOFIA COPPOLA

CAST: BILL MURRAY, RASHIDA JONES, MARLON WAYANS, JESSICA HENWICK, JENNY SLATE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Bill Murray war schon in Zeiten der Geisterjagd ein Frauenheld erster Güte. Und auch in Jim Jarmuschs Broken Flowers konnte er beileibe nicht herausfinden, wer denn eigentlich die Mutter seines Sprösslings war, so viele Damen kamen und gingen. In On the Rocks macht der Kult-Comedian eine ähnliche Figur, allerdings um einiges fröhlicher. Da stellt sich die Frage: was ist dran an diesem Lifestyle? Trägt er gar autobiographische Züge? Je älter Murray wird, desto mehr wird er zum selbstironischen und äußerst charmanten Belami, dessen treuherzigem Blick wohl keine Frau widerstehen kann. Da muss er nur aus dem Auto lächeln – und schon hebt sich die Stimmung. Denn die, die ist in Sofia Coppolas neuester Regiearbeit nicht ganz so rosig, wie sie gerne wäre.

Bill Murrays Filmtochter Laura (Rashida Jones) macht auf Autorin und plagt sich mit einer alltagsbedingten Schreibblockade, da die Kinder versorgt werden müssen, während Göttergatte Dean (Marlon Wayans) rund um die Uhr sein Business auf Vordermann bringt, dabei auch dauernd auf Dienstreise weilt und Strohwitwerin Laura langsam den Verdacht hegt, dass der toughe Geschäftsmann zweigleisig fährt. Einmal den Papa am Telefon und ihm das Herz ausgeschüttet, steht der adrett gekleidete ältere Herr samt Limousine und Chauffeur auch schon auf ihrer Matte. Das gemeinsame Ziel: dem Schwiegersohn auf den Zahn fühlen – und bestenfalls in flagranti erwischen.

Sofia Coppola hat schon mal mit Bill Murray zusammengearbeitet – da war er im fernen Tokyo so ziemlich Lost in Translation, was nicht einer gewissen Kulturschock-Skurrilität entbehrt hat. Co-Star Scarlett Johansson stand da noch am Anfang ihrer Karriere. So, wie die beiden hier miteinander harmoniert haben, so hätte ich das auch gerne in On the Rocks gesehen. Nur: Rashida Jones ist nicht Scarlett Johansson. Murray ist aber Murray, diese Tatsache ruht wie ein Fels in der Brandung, womit wir auch eine Analogie zum Titel hätten, der sich mir sonst nicht erschließen würde, denn „on the rocks“ trinken Vater und Tochter nämlich gar nichts. Aber gut – was in dieser äußerst gemächlich dahingleitenden, stets im zurückgelehnten Plauderton verweilenden Alltagskomödie im Vergleich zu Lost in Translation auch fehlt, ist das gewisse – ich will nicht sagen zwingend exotische, aber immerhin – das gewisse Etwas. Natürlich, das grundverschiedene Duo liebt und neckt sich, doch Jones bleibt zu phlegmatisch und gelangweilt, während Murray gegen die Wand spielt und sich im dramaturgischen Spagat versucht. Doch wo genug Halt finden? Maximal am Lenkrad des kleinen roten Cabrios, mit dem die beiden zu jazzigen Klängen durch die nächtliche Großstadt flitzen. Sonst aber ist Coppolas Drehbuch ein maues Lüftchen in den Gassen New Yorks – hört man genau hin, kann man darin den Ruf nach Woody Allens wortstarker Raffinesse vernehmen.

On the Rocks

Zombieland: Doppelt hält besser

ALLTAGSWITZE ZUR ENDZEIT

6/10

 

zombieland2© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: RUBEN FLEISCHER

CAST: WOODY HARRELSON, JESSE EISENBERG, EMMA STONE, ABIGAIL BRESLIN, ROSARIO DAWSON, LUKE WILSON U. A.

 

Die Welt der Witze. Es gibt Schülerwitze, Beamtenwitze, morbide Witze und Sexwitze. Es gibt für jede Kategorie im Leben ganz spezielle Witze. Es gibt auch für Zombies Witze. Ruben Fleischer, Macher des Venom-Erstlings (Teil 2 soll folgen) hat eine Menge solcher Witze zusammengesammelt, gehortet und einen Film daraus gemacht. Entstanden ist: Zombieland: Doppelt hält besser. Wenn man so will: Band 2 einer Witzeanthologie, dessen Inhalt sich natürlich ausgiebig und herrlich süffisant über das Wesen des Zombieseins mokiert. Und über den Alltag derer, die diese Apokalypse überleben wollen. Dabei hat man in Zombieland, wenn man es richtig anstellt, eigentlich das schönste Leben. Gratis Stromversorgung (dass alle Umspannwerke dieser Welt immer noch in Betrieb sind, ist bemerkenswert), kostenlose und unverderbliche Waren aller Art, und vor allem Munition, denn die ist lebenswichtig. Und natürlich das ganze Weiße Haus für die Familie rund um Tallahassee, seines Zeichens glorreicher Siebter, der Padre unter den versprengten Nerds. Woody Harrelson agiert als väterlicher Sprücheklopfer mit ausreichend kumpelhaftem Sarkasmus und geradezu kindlicher Spielfreude. Endlich mal wieder eine Rolle, die so leicht von der Hand geht, als wäre erlerntes Schauspiel gar nicht gefragt. So geht es Emma Stone, Jesse Eisenberg und Abigail Breslin auch. Zombieland verlangt nämlich nur eines: Sinn für perfiden Humor, Scheißdirnix-Attitüden und die Bereitschaft, jede Albernheit auszuleben.

Dabei ist die teerblutige Witzkiste mehr ein Benutzerhandbuch für das Ausleben postapokalyptischer Freiheiten mit allerlei Regeln und Geboten, die dann in dreidimensionalen Lettern durchs Bild rauschen. Fit bleiben ist eine davon, mit leichtem Gepäck zu reisen eine andere. Rund um diese Spaßfreudigkeit aber bleibt der Plot so trostlos leergeräumt wie die ganze ex-zivilisierte Welt. Die Spannungsschraube ist dem erodierenden Verfall preisgegeben worden, und die gut aufgelegte Baller-Kombo liebäugelt aber eigentlich mit einem ganz anderen Medium: mit dem einer Sitcom. Dafür passt Zombieland so angegossen wie der Schuh von Elvis Presley. Die Alltagskalauer, aufgefädelt und aneinandergereiht wie Perlenketten vor die Untoten, folgen – und der Vergleich ist durchaus krass – dem inhaltlichen Konzept der prähistorischen Abenteuer von Ice Age: ein Road- oder Feetmovie von A nach B, währenddessen lernt man neue Freunde oder Feinde kennen, nimmt sie mit oder lässt sie zurück, und am Ende kommt ein Showdown, der nun mal kommen muss, sonst hätte Zombieland genauso wie Ice Age keinen Höhepunkt, sondern würde nur so vor sich hinplätschern wie zwar zerstreuendes und durchaus angenehmes, aber beiläufiges Kaminfeuer. Keine Frage, Zombieland unterhält. Dem Ensemble zuzusehen macht Spaß, man lacht und wundert sich. Und wendet nicht mal angeekelt den Blick von Blut und Erbrochenem ab, weil all diese Körper- und Magensäfte Teil eines Gesamtcartoons darstellen, der in seiner lustwandlerischen Überhöhung als groteske Sketchparade sein Handwerk versteht.

Hat man Zombieland aber nicht gesehen, ist die Lust nach Zombiewitzen entweder längst gestillt oder Witzetypen sind andere, was durchaus in Ordnung wäre, da ein Versäumnis von Ruben Fleischers Ramba-Zamba-Streifen zwar ein Guilty Pleasure, aber kein Call of Duty ist. Für Zerstreuung und Abstand von einem teils zomboiden realen Alltag ist die spielfilmlange Sitcom durchaus ideal. Cameos und Easter Eggs auf die untote Popkultur sind sowieso immer der Bringer. Sonst aber fühlt sich Zombieland an wie ein launiges Zwischenspiel, eine Etappe – ein Intermezzo von etwas Gewichtigerem, Substanziellerem, was aber nicht da ist, was man aber gerne vermuten würde. So wie ein Ziel in diesem ziellosen Amerika, dass anscheinend nur die Zombies haben.

Zombieland: Doppelt hält besser

The Dead Don´t Die

NUR NICHT DEN KOPF VERLIEREN

6/10

 

THE DEAD DON'T DIE© 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 

LAND: UDA 2019

REGIE: JIM JARMUSCH

CAST: BILL MURRAY, ADAM DRIVER, CHLOË SEVIGNY, STEVE BUSCEMI, SELENA GOMEZ, DANNY GLOVER, TILDA SWINTON, TOM WAITS, IGGY POP U. A.

 

Schon mal was von Sturgill Simpson gehört? Ein Singer und Songwriter relativ späten Baujahres, vorwiegend Country. Gut, das ist ein Genre, mit dem muss man etwas anfangen können. Das muss man wollen, dieses schmerzliche Romantisieren, dieses intonierte Fernweh an Orte ohne Wiederkehr. Das ist ein bisschen wie das Wienerlied, nur amerikanisch. Sturgill Simpson, der klingt, als wäre er ein Zeitgenosse von Johnny Cash gewesen – ist er aber nicht. Der Musiker aus Kentucky, der könnte mit Jim Jarmuschs neuen Film aus eng gezogenen Kennerkreisen zu höherer Bekanntheit aufsteigen – mit seinem Song The Dead Don´t Die. Mit diesen saitenbewegenden Klängen, und mit bunter Retro-Typo vor schwarzem Hintergrund, damit betritt Amerikas kultigster Autorenfilmer abermals ein Terrain, auf dem er sich bereits 2013 erstaunlich gut zuerechtfand. Aufgrund dieser Trittsicherheit macht sich nun nochmal weihnachtliche Vorfreude breit, in Erwartung, etwas ähnlich neu Intepretiertes vorgelegt zu bekommen. Dieses Terrain, das ist jene des mythenbesetzten Grusels, bevölkert von den Kindern der Nacht, den Untoten. In Only Lovers Left Alive durften Tilda Swinton und Tom Hiddleston im Cure-Look die schlechten Zeiten für Vampire beklagen. Traumverloren und scheinbar nicht von dieser Welt, völlig deplaziert in einer Gesellschaft, die des Tages lange Stunden nutzt und mit Ewigkeit nichts anfangen kann. Eine Filmballade, die Jarmusch daraus gemacht hat, durchaus selbstironisch und durchdrungen von einem erlesen sortierten Soundtrack, der das Ensemble erst so richtig in der Schwebe hielt, der das Szenario im Zwielicht den nötigen psychedelischen Drive mit auf dem Weg in die Finsternis mitgegeben hat.

Jim Jarmuschs Filme sind ohne ihre groovigen Sampler völlig undenkbar. Man nehme nur Broken Flowers. Da sucht Bill Murray die Mutter seines Sohnes. Wenn The Greenhornes den Song There is an End über die Szene schmettert, während Murray, längst kein oberflächlicher Spaßvogel mehr, mit einem Strauß Blumen in der Hand völlig orientierungslos in der Landschaft steht, dann ist das im Ganzen lakonisches Kino vom Feinsten, für Aug und Ohr gleichermaßen. Ähnlich verläuft es mit seinem neuen Streifen, der wieder mal die Skills der Untoten zelebriert, sich diesmal aber deutlich mehr schmutzig macht, mit Friedhofserde unter den Fingernägeln. Die Zombies brechen aus, und sie tun es endlich wieder wie zu Zeiten von Michael Jackson, als das Video zum Disco-Meilenstein Thriller die Ghule aus den Gräbern geholt hat. Von dort sollen sie auch kommen, meiner Meinung nach. Das sind wiedermal Zombies, die sich ihren ursprünglichen Pflichten besinnen, nämlich als Tote wieder aufzuerstehen, und nicht durch einen fragwürdigen, x-beliebigen Virus erst zu solche gemacht zu werden. In The Dead Don´t Die überfallen sie allesamt eine Kleinstadt namens Centerville, fressen natürlich auch Menschenfleisch, zeigen aber deutlich mehr Vorliebe für die Dinge, die sie Zeit ihres Lebens verehrt haben. Kaffee zum Beispiel, Smartphones oder Süßes, vor allem bei Zombie-Kindern. Das ist ein erfrischend origineller Ansatz, der sein Potenzial aber leider nicht allzu bewusst ausspielt.

Die hirnlose Sucht nach Dingen und Gewohnheiten, nach Konsum und sozialen Mustern hat John Carpenter damals bei Sie leben viel präziser kritisiert. Dass das Zombie-Genre gerne als gesellschaftskritischer Zerrspiegel angesehen wird, kann man so annehmen, oder aber auch nicht. Dafür sind die mit der Tür ins Haus fallende Bedrohung und die Gier nach Blut vorwiegend zu plakativ und effektorientiert, um eine tiefsinnigere Metaebene deutlich auszumachen. Ausnahmen gibt es natürlich genug, allen voran sicherlich auch George A. Romeros Klassiker in Schwarzweiß – The Night of the Living Dead. Obwohl ich den Film nicht kenne, könnte es gut sein, dass Jarmusch den Horrorstreifen bewusst und von Herzen zitiert hat. Die Szenen einer Welt wie wir sie kennen, in der latent und undefinierbar Bedrohliches aufkommt, die Ruhe vor einem unausweichlichen Sturm, erinnern an Twin Peaks, haben aber einen ganz anderen Rhythmus. Einen, den Jim Jarmusch stets zelebriert – die Langsamkeit, das Entschleunigte. Unterlegt mit den bedrohlich-melodischen Klängen der Postrock-Band Mogwai, ebenfalls in genüsslich zurückgeschraubtem Tempo, entfaltet der eigenwillige Künstler durch eben diesen rätselhaften Chill einen fast schon zeitlosen, beklemmenden Ist-Zustand, wie die windstille Schwüle vor einem Gewitter. Mittendrin ein Cast, der wahrlich ungern Macheten und Katanas schwingt, um die faulenden Rüben der Untoten zu kappen, auf lakonische Komik der Rat- und Kopflosigkeit ausweicht, und der wohl gerne zugibt, mit dieser Art Endzeit nichts mehr anstellen zu können.

The Dead Don´t Die ist längst nicht so parodierend wie Shaun of the Dead zum Beispiel, auch nicht so abenteuerlich wie Zombieland oder so hitzig wie Train to Busan. Jarmuschs Antwort auf den Zombie-Hype ist kein innovativer, aber bewusst träger Zitatenschatz, in versonnenen Alltagsfloskeln verloren und voller verpeilter Sprüche, die dem Unausweichlichen höhnen. Da stellt Jarmusch die richtigen Figuren auf, lässt sie scheinbar unentwegt Sturgill Simpson hören und in aus schierer Überforderung entsprungenem Stoizismus eins und eins zusammenzählen. Das wiederum geht sehr langsam. Aber langsam ist hier gut, fast wie neu entdeckt.

The Dead Don´t Die

Isle of Dogs – Ataris Reise

HUNDE, WOLLT IHR EWIG LEBEN?

6,5/10

 

isleofdogs© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WES ANDERSON

MIT DEN STIMMEN (OV) VON BRYAN CRANSTON, EDWARD NORTON, SCARLETT JOHANSSON, KOYU RANKIN, BILL MURRAY, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

Ihr kennt doch alle diese Bücher, die meist irgendwelche Märchen erzählen, und die, wenn man sie aufmacht, eine ganze Landschaft oder auch ganze Interieurs entstehen lassen, fein säuberlich aus Karton gestanzt, in mehreren Ebenen hintereinander montiert, um Tiefe zu simulieren. Meist lassen sich solche Bücher auf Floh- oder Weihnachtsmärkten finden. Die Produktion solcher Pop-Up-Bücher ist immens aufwendig, meist in Kleinauflage, und dementsprechend teuer. Der neue Film des in seinem Stil unverkennbaren Wes Anderson fühlt sich vergleichbar an. Wie eines dieser Bücher, mit nur wenigen Seiten, die aber im Querformat am Tisch liegend sachte geöffnet werden, bei jeder Seite ein staunendes Aufseufzen des Betrachters. Akribisch sucht der Leser jeden Winkel des staubfrei geschnittenen Sammelsuriums liebevoller Details ab, um natürlich nichts zu versäumen. Denn allzu oft will der Bucheigner sein Kunstwerk nicht vorführen müssen – oder gar selbst die fragilen Seiten zerlesen. Welch ein Glück aber auch – die Parabel Isle of Dogs – Ataris Reise ist nur ein Film, und ein Film lässt sich immer und immer wieder ansehen, ohne Abnützungserscheinungen. Was ratsam wäre, wie bei allen Filmen von Wes Anderson, denn die akkurate Perfektion des unheilbaren Perfektionisten lässt sich nicht auf einmal in seiner Gesamtheit erfassen.

Trickfilme sind eine Sache, Isle of Dogs eine andere. Und vergleichbar mit gar nichts. Angesiedelt in einem Japan der nahen Zukunft, wird die fiktive Stadt Megasaki von einer Hundeplage heimgesucht, die allerlei Krankheiten mit sich bringt, denen sich der Mensch nicht mehr erwehren kann. Megasakis Bürgermeister macht kurzen Prozess – und lässt alle Hunde, ob Streuner oder gepflegter Schoßhund, auf eine vorgelagerte Müllinsel deportieren. Darunter auch den Hund von Atari, dem Mündel des Bürgermeisters. Der 12jährige Junge wagt das Abenteuer seines Lebens – und begibt sich per Flugzeug in die verbotene Zone, um seinen vierbeinigen Freund zu suchen. Nach der unvermeidlichen Bruchlandung und einigen anderen Hunden im Schlepptau macht sich das Mensch-Tier-Kommando auf eine bizarre Reise durch eine postapokalyptische, menschenfreie Welt bis ans andere Ende der Insel.

Wes Anderson schlägt in seiner mit Trommelrhythmen unterlegten Bildgewalt alle seine bisherigen Werke über Längen. Selbst The Grand Budapest Hotel verblasst ein wenig angesichts dieser puppenhausgroßen Tableaus, die Isle of Dogs Szene für Szene vom Stapel lässt. Dabei bleibt nichts dem Zufall überlassen. Jedes Bewegtbild ist das Ergebnis eines im Vorfeld durchdachten, arrangierten Konzepts, auf den Millimeter genau in Position gebracht. Improvisieren ist hier nicht, aus dem Bauch heraus die Leinwand bepinseln – nicht auszudenken. Anderson lässt sich nicht lumpen, am Trickfilm-Set hat alles seine Ordnung. Diese Ordnung unterwirft sich dem Dogma einer beschränkt dynamischen Sachlichkeit, die einem neurotisch sortierten Setzkasten gleicht. Komposition ist alles, den goldenen Schnitt stets bedacht, Ausgewogenheit auf der Schaubühne das Ziel des Visionärs. Seine bewusst verlangsamte Bildfolge bringt den Bewegungsfluss in marionettenhaftes Stocken, was aber genau so gewollt ist und den Zauberkasten namens Leinwand in etwas verwandelt, das nicht unbedingt nur mehr Kino ist, sondern ein unbenanntes Medium dazwischen. Bewegte Miniaturen, projiziert auf Großformat. Anders lässt sich Isle of Dogs nicht betrachten, schon gar nicht im Heimkino, denn da müsste man mindestens knapp einen halben Meter vor dem Bildschirm kauern, damit nichts verloren geht von dieser Fülle an mathematischem Formelreichtum.

Das Ergebnis dieses durchrechneten Arrangierens wirkt seltsam steril. Die kunstvollen Kulissen, davor all die Hunde, die in irrer Optik mal als Close Up, mal weit entfernt einen ungeheuren Raum erzeugen, der die Ebenendynamik von Pop Up Büchern bei Weitem sprengt – das alles ist zugegeben ziemlich virtuos, trotz allem berührt mich die Erwachsenen-Fabel auf Totalitarismus, Hetze und Faschismus nur bedingt. Zu klinisch ist Andersons Bühnen-Ornamentik. Vielleicht auch zu manieriert, jedenfalls von einer statischen, trockenen Pedanterie, die ihresgleichen sucht.

Isle of Dogs – Ataris Reise ist dennoch fraglos ein Kunststück, weit abseits von Gewohntem.

Isle of Dogs – Ataris Reise