Ein Kind wie Jake

KLEIDER MACHEN KINDER

2/10


einkindwiejake© 2018 Sundance Institute


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: SILAS HOWARD

BUCH: DANIEL PEARLE, NACH SEINEM THEATERSTÜCK

CAST: CLAIRE DANES, JIM PARSONS, PRIYANKA CHOPRA, OCTAVIA SPENCER, ANN DOWD, LEO JAMES DAVIS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Besondere Filme, in denen besondere Kinder eine Rolle spielen, gibt es einige. Jodie Fosters Regiearbeit Das Wunderkind Tate zum Beispiel, oder, erst vor einigen Jahren erschienen, Begabt mit „Captain America“ Chris Evans als Vater einer superklugen Tochter. Allerdings gehts auch weniger hochbegabt: Die belgisch-niederländische Produktion Girl oder das poetische Drama Mein Leben in Rosarot über einen Jungen in Mädchenkleidern. Letzteres ist auch Thema in der Verfilmung des Theaterstückes Ein Kind wie Jake von Daniel Pearle, der sein Werk auch für die Regie von Silas Howard adaptiert hat. Nur: es eignen sich zwar wiederholt Theaterstücke für das Medium Film, und gelangen zur wirklich brillanten Entfaltung, während sie ihre Bühnenvorlage in den Schatten stellen. Dieses Drama jedoch ist eines jener Beispiele, anhand derer klar wird, das manche Adaptionen auch wirklich gar nicht funktionieren.

Schade nur, dass sich so bemerkenswerte Darsteller wie Claire Danes und Jim Parsons, der in seiner Rolle als heterosexueller Vater natürlich bewusst gegen seine eigentliche Orientierung besetzt ist und laut trendig-militanter, laut monierender Correctness so etwas ja gar nicht spielen dürfte, an schwergewichtig scheinenden, aber unendlich redundanten Dialogen abarbeiten müssen. Doch wofür? Salopp gesagt hat dieser Film kaum nennenswerte Handlung. Es ist, als würde man das Vorsprechen für die kommende pädagogische Einrichtung des eigenen Nachwuchses verfilmt haben. Für die Eltern, die es betrifft, natürlich nachhaltig relevant. Für das Publikum da draußen? Endenwollend brisant.

Um es kurz zu machen (und es ginge gar nicht länger): Das vielbeschäftigte Wohlstands-Ehepaar Wheeler hat einen Sohn, der dazu neigt, lieber mit Prinzessinnen und in Tüll-Röcken abzuhängen als in durchgeknieten Kinderjeans Dinos aufeinander losgehen zu lassen. Darf das denn sein? Klar darf es das. Wobei das uns allen eingeimpfte Rollenbild von Bubenblau und Mädchenrosa allerdings obsolet wird. Was tun bei so einer Gesellschafts-Anomalie? Unbedingt darüber langmächtig diskutieren und die elitärsten aller elitären Einrichtungen für die kommende Vorschule abklappern, dabei Octavia Spencer das Herz ausschütten und ratlos in der hauseigenen Küche herumstehen. Wie es Jake dabei wohl geht? Zumindest inhaltlich dreht sich alles ums Kind, genauer betrachtet bleibt dieses allerdings eine schier wortlose Staffage, die das Hegen elterlicher Befindlichkeiten pusht. Was für mich wiederum fast schon arrogant wirkt. Denn dieser Jake, der spielt eine untergeordnete Rolle, unüblich bei Filmen über verhaltensoriginelle Kinder. Da würde das Script normalerweise eine gewisse Balance zwischen den Sorgen der Erwachsenen und der des Kindes bereitstellen. Andererseits sind wir hier, in einem Film, der über Abweichungen von der Norm erzählt, auch, was das Konzept des Dramas betrifft, mit dem Aufzäumen des Problempferdes von hinten konfrontiert. Kann man versuchen – haut aber nicht hin.

Ein Kind wie Jake

The Boys in the Band

GEMEINSAM EINSAM

7,5/10


boys-in-the-band2© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: JOE MANTELLO

CAST: JIM PARSONS, ZACHARY QUINTO, MATT BOMER, ROBIN DE JESÚS, TUC WATKINS, BRIAN HUTCHISON, MICHAEL BENJAMIN WASHINGTON, ANDREW RANNELLS U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Derzeit werden wieder die Nobelpreise verliehen. Sheldon Cooper hat seinen schon. Mit diesem wahrgewordenen Traum ging die Ära der Bewohner eines Appartementhauses in Pasadena zu Ende. Was wohl aus all diesen schrägen Charakteren geworden ist? Einen von ihnen kann man bereits auf Netflix wiederentdecken: Jim Parsons. Als theoretischer Physiker mit leichten Ansätzen von Asperger war er das Zugpferd des Fernsehkults The Big Bang Theory.

2018 gab der bekennende und auch verheiratete Homosexuelle die Hauptrolle in einem Bühnenklassiker von Mart Crowley, dessen Ensemble hier nochmal gemeinsam vor die Kamera tritt: The Boys in the Band, ein zu seiner Zeit revolutionäres Theaterstück rund um eine Gruppe schwuler Freunde, die eine Geburtstagsparty für einen ihrer Vertrauten schmeißt. Während des Abends aber, so kann man sich denken, kochen jede Menge Emotionen hoch, und einer nach dem anderen vollführt seinen ganz persönlichen Seelenstriptease. Das Stück entstand 1968, in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche. The Boys in the Band war ein absoluter Hit, einzigartig im offenen Umgang mit Homosexualität, wurde gleichzeitg aber auch von Schwulen scharf kritisiert, da sie sich selbst zu sehr in die Opferrolle gedrängt sahen. Homosexualität also als schöngeredete Bürde, mit der man leben muss?

Damals, vor mehr als 50 Jahren, war Crowleys Stück seiner Zeit voraus. Ein halbes Jahrhundert später sollte sich doch einiges an der LGBT-Front geändert haben und The Boys in the Band wie ein Relikt aus grauer Vorzeit der Intoleranz wirken. Verblüffend – und gar ernüchternd – ist die Tatsache, dass das Kammerspiel immer noch ein Stück weiter voraus ist als die Zeiten es momentan zulassen. Abgesehen von einer gewissen medialen Prüderie, die Filme wie diese erst für Zuseher ab 16 Jahren empfiehlt, ruft die dargestellte, frei ausgelebte Zuneigung unter Männern womöglich immer noch jene Resonanz hervor, welche die heterosexuelle Figur des Freundes Allen im Film inne hat. Der ehemalige Kommilitone von Jim Parsons Filmfigur kreuzt just an jenem Tag der geplanten Geburtstagsfeier auf, um seinem alten Bekannten etwas Dringendes mitzuteilen. Doch dazu wird es nie kommen. Inmitten dieser homosexuellen Gesellschaft wirkt dieser mit seinen intoleranten Ansichten mehr als verloren, während sich im Rahmen eines indiskreten Telefonspiels schmerzliche Wahrheiten an die Oberfläche schummeln. Das Resümee: Alle sind in ihrer Rolle, die sie nicht erwählt haben, und die viel Mut erfordert, gelebt werden zu wollen, gemeinsam einsam. Möglich, dass damals so manchen Schwulen diese wehmütige Sicht auf sexuelle Identitäten irritiert haben könnte.

Generell geht das Stück unter Joe Mantellos edel fotografierter Inszenierung sehr sensibel mit seinen Charakteren um, es stellt sie weder bloß noch bringt es sie in Verlegenheit, gleichsam hütet es sich davor, augenscheinlich schwules Verhalten zu überzeichnen. Im Film wird deutlich, das The Boys in the Band auf die Bühne gehört, doch Martell macht das Beste daraus – und inszeniert feines Stage-Kino mit einer Dialogdichte, die es problemlos mit Werken von David Mamet aufnehmen könnte. Zwischendurch erinnert der Film an Das perfekte Geheimnis mit Karoline Herfurth – doch so viel Spaß wie dort gibt es hier dann doch nicht. Jim Parsons ist auch jenseits von Sheldon Cooper ein absoluter Gewinn, „Spock“ Zachary Quinto herrlich arrogant und gleichzeitig unglaublich verletzlich. Das Ensemble harmoniert und lässt Crowleys Stück ungemein zeitlos wirken. Zumindest noch bis jetzt.

The Boys in the Band

Hidden Figures

DER STOFF, AUS DEM DIE HELDINNEN SIND

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hiddenfigures

Die Apartheid der Vereinigten Staaten – das dunkelste Kapitel in deren Geschichte. Und längst keine Fußnote, sondern eine fürchterlich und quälend lange Epoche aus Unterdrückung und Erniedrigung über Jahrhunderte hinweg. Begonnen mit dem Deportieren westafrikanischer Menschen nach Übersee, offiziell beendet mit den Civil Rights Acts Ende der 60er Jahre. Allerdings, wenn man genauer hinsieht. herrscht mancherorts immer noch blanker Rassismus, der meist im Missbrauch einer faschistoiden Exekutive eskaliert und weitreichende Unruhen nach sich zieht. Ein Problem ist es also immer noch. Und dass die Vereinigten Staaten hier lange Zeit auf Regierungsebene tagtäglich Menschenrechtsverletzungen begangen haben, das ist etwas, womit das Land erst langsam klarkommen muss.

So bewusst geworden ist es zumindest dem amerikanischen Film vor allem in den letzten Jahren. Kein Academy Award-Wettbewerb, der nicht Filme unter den Kandidaten hat, die sich mit der Geschichte der Schwarzen in Amerika auseinandergesetzt haben. Regisseure und Drehbuchautoren gehen völlig unterschiedlich an die Sache heran – Quentin Tarantino zum Beispiel lieferte mit Django Unchained eine lautstarke Black Power-Hommage an den Italowestern ab. Steve McQueen mit Twelve Years a Slave bohrte mit dem Finger in den offenen Wunden, welche die beschämende Ära der Sklaverei hinterlassen hat. Und Selma erinnerte auf bewegende Weise an einen Moment in der jüngeren Geschichte des Landes, der Vieles verändert hat. Das sind nur einige wenige Beispiele, die mir spontan in den Sinn gekommen sind und einen gewissen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Wir sehen, vor allem in der Kunst, und vor allem in jener der bewegten Bilder, engagiert man sich geradezu ruhelos, die Schmach der Vergangenheit aufzuarbeiten und den großen Teil der schwarzen Bevölkerung Amerikas zu rehabilitieren.

Auch das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen dieses wichtigen Auftrages. Unter diesen Filmen findet sich auch ein klassisch erzähltes Tatsachendrama rund um den ersten Orbitalflug John Glenns im Jahre 1962. Nun, was hat die Geschichte der Raumfahrt mit der Rassentrennung zu tun? Ganz einfach: angestachelt vom Eifer der Russen, die Juri Gagarin bereits ein Jahr zuvor in den Himmel geschossen haben, ließ die NASA nichts unversucht, im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums mitzuziehen. Dumm nur, dass damals die hellsten Köpfe am Weltraumcampus Afroamerikanerinnen waren. So wird aus einem geschichtlichen Thriller, der in seiner Erzählweise stark an Der Stoff aus dem die Helden sind erinnert und auch als eine ins Detail gehende Ergänzung gesehen werden kann, ein starkes Plädoyer für Gleichberechtigung, Vernunft und gemeinsamem Fortschritt. So konventionell auch die eine oder andere Szene des Filmes daherkommen mag – die Geschichte hat eine mitreißende, kraftvolle Wirkung, verschließt sich nicht vor seinem Publikum und lässt es teilhaben an all den Gefühlswelten der drei Protagonistinnen, die ihren Weg zwischen Ablehnung, Skepsis, Selbstbehauptung und überdurchschnittlicher Intelligenz bis zum erfüllenden, geradezu ruhmreichen Ziel ihrer Laufbahn als Mensch und Mitwirkende einer der größten Momente der Menschheit je gegangen waren. Hidden Figures führt jeden kleinkarierten, vorurteilsvollen Denkansatz ad absurdum, würdigt und beurteilt den Menschen für das, was er leistet. Und nicht, was er ist.

Regisseur Theodore Melfi (St. Vincent mit Bill Murray) hat einen wichtigen, aufschlussreichen und spannenden Film gemacht, der das Wissen und auch so manche Denkweise anhand dieses tatsächlichen großartigen Beispiels bereichern kann. Ein Wiedersehen mit dem souverän aufspielenden Kevin Costner ist übrigens ebenso garantiert wie die gern gesehene selbstironische Rolle von Jim „Sheldon Cooper“ Parsons, der das Zepter des allwissenden Superhirns – unfreiwillig aber doch – diesmal jemand anderem überlassen muss. 

 

Hidden Figures