The Death of Robin Hood (2026)

ACH, WÄR ICH DOCH MEIN MYTHOS

7/10


Hugh Jackman als Robin Hood in The death of Robin Hood von Michael Sarnoski© Panda Lichtspiele Filmverleih 


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

KAMERA: PAT SCOLA

CAST: HUGH JACKMAN, JODIE COMER, BILL SKARSGÅRD, MURRAY BARTLETT, NOAH JUPE, FAITH DELANEY, JADE CROOT, TABITHA SMYTH, CLIVE RUSSELL, BEAU THOMPSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Wie wir alle wissen, gibt es im Genre des Westerns sämtliche Unterkategorien, von denen manche – auch ich – noch nie etwas gehört haben. Zum Beispiel der Begriff Acid-Western. War euch der geläufig? Viel eher lässt sich mit der Bezeichnung Spätwestern etwas anfangen – was sich aber, fälschlicherweise, nicht auf die zeitliche Ebene bezieht, in der ein solcher Western spielen soll. Sondern auf die Melancholie und die Schwere später Einsicht, die Akzeptanz eines Endes, auf den Abgesang.

Raus aus den Strumpfhosen!

Auch im Historienfilm, oder eben im Genre des Mittelalterfilms, gibt es ihn: Den Spät-Mittelalterfilm. Und gab es ihn vorher nicht, hat ihn Michael Sarnoski jetzt, mit seinem Death of Robin Hood, endlich etabliert. Natürlich lässt sich Robin und Marian von Richard Lester auch als Spät-Mittelalterfilm bezeichnen.

Auch dort ist der Vagabund des Sherwood Forest eine alternde, desillusionierte Persönlichkeit, die das Abenteuer bereits weit hinter sich gelassen hat. Sarnoskis Mythos des Helden in Strumpfhosen, mit Feder in der Kappe und Sinn für Gerechtigkeit – den gibt es nicht. Oder eben nur in Geschichten. Und selbst diese Geschichten sind nur Ausreden dafür, dass einer wie Robin Hood eben plündern, morden und brandschatzen kann, was geht – trifft es doch laut eigener Meinung sowieso immer nur die „Bösen“.

Vom Monster, das keines mehr sein will

Mit so einem Robin lebt man eher mit Arm ab als dass man arm dran dahinvegetiert in einer Welt, die so unwirtlich, undankbar und gewalttätig ist, dass selbst einer wie Robert Eggers seinen Northman als braven Buben präsentieren kann, der auch nur einfordert, was ihm zusteht, während dieser Robin Hood hier sein Lebtag lang nur genommen hat, was nicht sein eigen ist.

Und jetzt – Jahrzehnte später, der Mann ist alt, mit verfilztem grauem Haar wie ein erschreckend auf Entzug gesetzter Geralt von Riva aus dem Witcher-Kosmos – denkt der große Bogenschütze über sein Leben nach. Und er ist müde, womöglich krank, jedenfalls einfach durch und durch desillusioniert, weil auf der Habenseite dieses Lebens nichts mehr existiert außer die Freiheit. Manche würden sagen: das ist ja nicht nichts. Aber Geborgenheit, Ruhe, ein Platz zum Verweilen – wäre angesichts des Lebensabends durchaus wünschenswert. Und auch die Tatsache, dass das, worauf einer wie Robin Hood zurückblicken kann, irgendwie nichts wert ist.

Morden ist wie Blumenschneiden

An Disneys kecken Fuchs ist dabei nicht zu denken. An Kevin Costners edler Gesinnung, unterlegt von Bryan Adams schmachtender Stimmlage, auch längst nicht mehr. Michael Sarnoski (Pig, A Quiet Place: Tag eins) liefert uns unwirtliche, sturmumtoste Hochebenen und einen beissenden Schneesturm. Hier ist es endlich kalt, abkühlen lässt es sich alleine durch diesen Anblick einer zumindest was die Witterung angeht lebensfeindlichen Welt, in der ein in Lumpen gehüllter Waldschrat gerne diesen Mythos gelebt hätte, in dem er steckt, der sich selbst verleugnet und für den das Töten immer noch so ist wie Blumenschneiden.

Ist Robin Hood nur eine Variable?

Was hat dieser Mann – überzeugend dargeboten von Hugh Jackman, der hinter seinen Zotteln kaum wiederzuerkennen ist – denn eigentlich noch mit Robin Hood gemein? Das könnte doch genauso gut irgendein anderer Kerl sein, ein anderer Verbrecher. Wie entstand also dieser Mythos?

Nur vage traut sich Sarnoski an die Beantwortung dieser Frage. Er behält sich auch vor, abzubilden, wie es zu diesem Sinneswandel bei Robin Hood überhaupt kommen konnte. Jedenfalls gesellt sich schon zu Beginn der gute alte Little John zu seinem Spezi, der ihn bittet, sein ebenfalls unrechtmäßig erworbenes Hab und Gut einschließlich Ehefrau und Kind zurückzuholen, das ihm von der Familie des von ihm getöteten Ex-Ehemannes entwendet wurde.

Vom Blutrausch zur Besinnung

Die anfänglichen zwanzig bis dreißig Minuten dieses Films sind dann auch eine bis zum Exzess getriebene, archaische Blut- und Gewaltorgie, währenddessen Robin und Little John versuchen, ihr unrechtmäßiges Recht einzufordern. Sarnoski findet Bilder von urtümlicher Kraft, monströse Schattenrisse vor brennenden Höfen, pelzummantelte Hünen, Blut, Beuschel und Gebrülle. Menschen werden zu Tiere, das Mittelalter war furchtbar, richtig furchtbar.

Und dann der Twist – auch der stilistische Twist, die Kamera wird ruhiger, alles wird heller, Jodie Comer kommt ins Spiel als Priorin eines Klosters am anderen Ende des Königreichs. Der halbtote Robin Hood setzt zur Genesung und zur Besinnung an, entdeckt sowas wie Reue und die Möglichkeit, Konflikte auch anders klären zu können als nur mit roher Gewalt.

Die Legende hat keinen wahren Kern

Doch der Mythos wird immer noch nicht zu Robin Hood selbst, er ist das große Versäumnis eines Lebens, eine idealisierte Alternative, die einer wie er hätte leben können. Nun wird’s philosophisch, still, kontemplativ, aber immer noch von einer gewissen animistischen Magie durchdrungen, die gar nicht so sehr Christentum sein will.

The Death of Robin Hood wird zum Abgesang bar excellence, mehr absingen geht nicht. Das letzte bisschen Würde, wenn es denn überhaupt eine gab, lässt Sarnoski seiner Figur nun angedeihen. Diese Ruhe, diese Entwicklung alleine im Gespräch, in den Blicken und im Bauen von Bögen mag die Erwartungshaltung so mancher für diesen Film, die mit den ersten zwanzig Minuten gut konnten, völlig zuwiderlaufen und auch enttäuschen.

Am Ende siegt die Selbstgerechtigkeit

Doch man tröste sich, die Enttäuschung teilt man sich mit Robin Hood, den die Selbstgerechtigkeit dann doch noch holt. Lieber gleich wissen, was gut und richtig ist, denkt sich der auf ein sinnloses Leben zurückblickende, als sich nach Lust und Laune durch ein solches treiben zu lassen, dessen Weg unzählige Leichen pflastern.

Niemals wieder wird Robin Hood so sehr entzaubert werden können wie hier. Beschützer der Witwen und Waisen? Zumindest am Ende noch. Doch selbst da beugt er sich keinem Willen.

The Death of Robin Hood (2026)

A Quiet Place: Tag eins (2024)

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DIE KATZE

6/10


aquietplacetageins© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

CAST: LUPITA NYONG’O, JOSEPH QUINN, ALEX WOLFF, DJIMON HOUNSOU, ALFIE TODD, ELIANE UMUHIRE, ALEXANDER JOHN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Katze ist das Symbol des erfolgreichen Widerstands. Denn sie gibt keinen Mucks von sich. Sie weiß, dass sie nicht mal schnurren, geschweige denn miauen darf. Keine Schwierigkeit für so einen Stubentiger. Die leisen Pfoten sind dabei angeborene Gadgets, die wir Menschen uns angesichts einer Endzeit wie dieser gerne wünschen würden. Doch leider spielt es das nicht. Des Menschen Schwerfälligkeit und Ungelenkigkeit, die lärmfreudigen Sohlen festen Schuhwerks und das ständige Keuchen, Husten und panische Kreischen angesichts monströser Schreckgestalten macht uns zur leichten Beute, während Katzen bald die Welt regieren. Gemeint sind mit den Aggressoren extraterrestrische Kreaturen, die warum auch immer eines schönen Tages auf die Erde herabregnen und, sobald sie gelandet sind, aus den Kratern kriechen und Jagd auf alles machen, das Lärm verursacht.

Dass da Homo Sapiens in seiner Massenhysterie laut schreiend und völlig orientierungslos den staksigen Lauschern in die Klauen fällt – diese Verhaltensweise wird in John Krasinskis erdachtem Horrorszenario zur frappanten Reduzierung der menschlichen Bevölkerungszahl führen. Die wenigen, die es dennoch schaffen, trotz höllischer Angst ruhig zu bleiben, sind jene, die sich evolutionstechnisch gesehen als jene, die auf tonlose Weise umherschleichen, die Zukunft sichern. Wie das in urbanem Gelände funktioniert, wo ja alles irgendwie Geräusche macht, und sind es nun tapsende Schritte auf von Splittern übersätem Asphalt, zeigt A Quiet Place: Tag eins. In dieser uns mittlerweile vertrauten Apokalypse findet sich die todkranke Sam wieder, gespielt von Lupita Nyong’o, die mit gruseligen Endzeitszenarien längst schon Bekanntschaft gemacht hat – wären es nun Zombies in Little Monsters oder mörderische Klone in Jordan Peeles kreativem Verschwörungsthriller Wir. Nun sind es Wesen, deren Kopf im Grunde aus gewaltigen Hörorganen besteht, die ein bissfestes Kiefer umrahmen. Das scheint Sam, die ja sowieso nicht mehr viel zu verlieren hat, kaum davon abzubringen, ihre Tagesagenda unbeirrt weiterzuverfolgen. Sie will an den Ort Ihrer Kindheit zurück – und nochmal Petsy‘s Pizza probieren. Auf dem beschwerlichen Weg dorthin trifft sie auf Eric (Joseph Quinn), der nicht mehr von ihrer Seite weicht.

Viel mehr erzählt A Quiet Place: Tag eins tatsächlich nicht. Außer, dass wir endlich mal ein Bild davon bekommen, wie alles angefangen hat. Im Grunde hat man dies in Auszügen bereits in Krasinskis Original gesehen. Braucht es da wirklich noch die ausgewalzte Darbietung eines Schreckens, der nicht wie eine klassische, technologisch überlegene Invasion daherkommt, sondern wie das Hereinplatzen einer invasiven Art, die das autochthone Leben eines Ökosystems namens Erde auseinandernimmt? Nyong’o hat sehr viel Angst, Joseph Quinn ebenso. Die Katze nicht. Sie gibt, als symbolisches Best-Case-Testimonial vor, wie man sich zu verhalten hat. Sie zeigt auf erschreckende Weise, wie unzulänglich der Mensch einer natürlichen Katastrophe entgegentreten muss, während Katzen die Skills dafür bereits besitzen, sich aus dem Chaos heraus neu zu ordnen.

Nyong’o und Joseph Quinn entwickeln das leise Szenario einer Zweckgemeinschaft, Regisseur Michael Sarnoski, der zuletzt Nicolas Cage in Pig auf die Suche nach seinem Lieblingsschwein geschickt hat, setzt auch hier den Fokus viel stärker auf die Fähigkeit des Menschen, zu improvisieren. Eine Besonderheit, die aber nur in der Kooperation funktioniert. Dieses emotionale Zusammenspiel lässt den Grund der Katastrophe fast zur Nebensache werden – es ist wie im Genre des Zombiefilms. Auch hier sind die Untoten nur die Variable einer Ursache, eines von vielen Symptomen für den Ausnahmezustand. Ob nun Monster aus A Quiet Place oder die unabbildbare Entität im Bird Box-Franchise, die alle, die sie sehen, in den Selbstmord treibt: Der Kampf ums Überleben ist in A Quiet Place: Tag eins einer von vielen, fast austauschbar präsentiert sich dieses auf leisen Sohlen dahinwandelnde Abenteuer, das von A nach B oder B nach C  balanciert. Das Extra mit der Stille erhält dadurch aber keine neuen Aspekte – die kreativen Ansätze John Krasinskis in den beiden eigentlichen Filmen finden sich alle genau dort – und weniger in diesem Spin Off, das als Kurzfilm vielleicht weniger Längen gehabt hätte – denn sooft die beiden Survivalisten auch durchschnaufen müssen – jedes Mal scheint einmal zu viel.

A Quiet Place: Tag eins (2024)

Pig

MEHR SCHWEIN ALS SEIN

6/10


pig© 2021 Metropolitan FilmExport

LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH & REGIE: MICHAEL SARNOSKI

CAST: NICOLAS CAGE, ALEX WOLFF, ADAM ARKIN, DARIUS PIERCE, NINA BELFORTE U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Hat man im Mittelalter Schwein gehabt, so war man womöglich als letzter aus welchen Wettkämpfen auch immer mit einem Borstenvieh unterm Arm hervor- und heimgegangen. Als Trostpreis war das zumindest mal nicht nichts. Denn ein solches Tier kann man, wenn man geschickt ist, durchaus zu Sinnvollem abrichten. Wie zum Beispiel dafür, Trüffel aufzuspüren. Manche sind da richtige Naturtalente, und so ein Naturtalent hegt und pflegt der mürrische alte Nicolas Cage in dem höchst eigenwilligen Drama Pig. Der rostrote, niedliche Grunzer schnüffelt für den verwahrlosten Waldschrat den lieben langen Tag nach den edelsten aller Pilze, die dieser dann gegen Lebensmittel tauscht. So lässt es sich leben, abseits der Zivilisation. Bis Rob, so Cages Filmfigur, ganz plötzlich überfallen und das Glücksschwein gestohlen wird. Dass das Tier weitaus mehr Bedeutung für den wortkargen Eigenbrötler hat als nur die Verpflegung zu garantieren, ist längst klar. Also muss Rob zurück in die Zivilisation – und trifft dabei unweigerlich auf Spuren seines früheren Lebens.

Nicolas Cage ist nach wie vor ein faszinierender Schauspieler. Seine abseits vom Mainstream befindliche Filmwahl ist eine Methode, die langsam aufgeht – und die einer wie Bruce Willis zum Beispiel nicht versteht, denn der macht nur noch Schrott. Cage ist flexibel, anpassungsfähig, und vor allem: experimentierfreudig. Dabei entstehen Projekte, die schwer einzuordnen sind, die für Überraschungen sorgen und Coppolas Neffen als Botschafter risikobereiter Extravaganz auf die Bühne holen. Pig ist zum Beispiel auch so ein Film, der – angekündigt als etwas, das ungefähr so sein soll wie John Wick – diesen Erwartungen wohl zuwiderläuft. Macht aber nichts. John Wick ist nicht etwas, das man pausenlos kopieren muss. Die Ausgangssituation mag zwar sehr vage daran erinnern, Nicolas Cages trauriger Gestalt eines vom Leben abgewendeten Aussteigers kommt Gewalt als Lösung aber überhaupt nicht in den Sinn.

In diesem durchaus sehr düsteren Drama um Lebensentwürfe, Verlust und seelischen Schmerz, das sich allerdings weigert, eine Tier-Mensch-Geschichte zu erzählen, gibt Cage ganz ohne überzeichnetem Spiel das Psychogramm eines Elenden. Irgendwie erinnert dieser an das Wiener Original Hermes Phettberg, nur in einer Grunge-Version zum Quadrat. Blut klebt am Gesicht, das Hemd steht von alleine. Und müffeln muss der Typ, der sich niemals wäscht – da können noch so viele Wunderbäume im Auto hängen. Dennoch: Cage alias Rob ist eine Gestalt, die Geschichte hat. Die Suche nach dem Schwein erleichtert das nicht. Stattdessen gelingt dem Faktotum eine Art Läuterungstour durch eine zynische und unechte Gesellschaft, die keine wirklichen Werte mehr besitzt. Und das wenige, was vielleicht einen Wert hätte, nicht mehr zu schätzen weiß.

Ein Thriller oder gar ein Actionfilm ist Pig aber ganz und gar nicht. In seiner Schwermut kommt er gar an das beachtenswerte Rachedrama Aftermath mit Arnold Schwarzenegger heran. Michael Sarnoskis Regiedebüt erfreut aber durch seine ungefällige Mieselsucht längst nicht die Herzen eines breiten Publikums, sondern brütet, von errungenen Erkenntnissen belastet, vor sich hin wie sein verlorener Antiheld, der nicht mal mehr Schwein hat.

Pig