Spider-Man: Far From Home

WIR MÜSSEN JETZT STARK SEIN

6,5/10

 

spidermanfarfromhome© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON WATTS

CAST: TOM HOLLAND, JAKE GYLLENHAL, SAMUEL L. JACKSON, JON FAVREAU, MARISA TOMEI, ZENDAYA, COBIE SMULDERS U. A.

 

Gibt es denn ein Leben nach dem Endgame? Ja, doch, das gibt es. Darüber hinwegzukommen, dass die finale Schlacht um Thanos nicht ohne Verluste blieb, geht natürlich nicht von heute auf morgen. Und auch nicht von Frühling bis Sommer, wie uns der neue Spider-Man klarmachen will. Da hilft meistens nur die Methode, Abstand von alldem zu gewinnen. Denn das sind ja keine Peanuts, wenn man auf fremden Planeten gegen einen violetten Giganten antritt, an der Außenhülle eines Raumschiffs hängt und am Ende noch seinen Mentor verliert. Das schreit nach einer Auszeit fernab jeglichen Heldengetöses, in der sich Jungs wie Peter Parker, nicht mal noch volljährig, auf die eigentlich wesentlichen Dinge des Lebens rückbesinnen können. Auf das Zwischenmenschliche sozusagen. Auf das Mädchen MJ aus Parkers Klasse, die durch ihre unkonformistische Art das Interesse des Fassadenjunkies geweckt hat. Gut, dass die ganze Klasse gemeinsam nach Europa fliegt, denn auf Reisen lässt sich einfacher Bande knüpfen als im Alltagstrott daheim, wo vielleicht ohnehin nur neue Heldentaten auf ihre Erfüllung warten. Was sie auch tun, denn Ex-S.H.I.E.L.D.-Manager Nick Fury versucht verzweifelt, den Jungspund zu erreichen.

Mit Spider-Man: Far From Home endet Phase 3 des Marvel Cinematic Universe. So wie es aussieht holt sich Phase 4 dann doch noch den einen oder anderen Protagonisten mit aufs Boot, das zu neuen Ufern aufbrechen will. Die ganz alten Haudegen dürften Geschichte sein, das lässt sich auch anhand des rührseligen Farewell-Intros des vorliegenden Abenteuers nochmal besser begreifen. Tom Holland aber dürfte noch einiges vorhaben, wie es aussieht. Und mit ihm auch Samuel L. Jackson als Nick Fury oder Jon Favreau als integrer Happy, die gute Seele des Hauses, wenn man so will. Das macht den Abschied leichter, und den Übergang in ein neues Kapitel gar nicht so sehr zu einem Abnabelungsprozess wie befürchtet. Mit Jake Gyllenhaal taucht dann noch dazu ein kompletter Neuling auf, einer, der von einer alternativen Erde stammt, und mit anpackt, wenn es heißt, die neue Bedrohung des Planeten durch die Eternals abzuwenden. Das neue Abenteuer sieht also nach einem jugendlichen Interrail-Trip quer durch Europa aus, nur ohne Interrail und zwischendurch gibt es weltbewegende Giganten, die nicht nur die Lagunenstadt demolieren.

Jon Watts beweist da einmal mehr ein Händchen fürs lockere Inszenieren, fürs unbekümmerte Zusammenspiel seines Ensembles, das sichtlich Spaß an der Sache hatte, sich aber manchmal zu sehr auf ihren kindlich-naiven Charme verlässt, der natürlich einnehmenden Unterhaltungswert hat, allerdings nicht ganz so treffsicher Show macht wie bei Spider-Man: Homecoming. Dessen Esprit war eindeutig besser, und auch Michael Keaton war ein Antagonist, der nicht ganz so sehr einer Allmachtsfantasie erlegen war wie das bei Bösewichten oft der Fall ist. Spider-Man: Far From Home scheint da diesmal gänzlich ohne handfesten Widerpart auszukommen – oder doch nicht? Zu leicht tappt man bei der Rezension des aktuellen Abenteuers ins Spoiler-Fettnäpfchen, an jeder Ecke lauern kleine, nicht immer schlüssige Story-Twists, die aber für enorme Kurzweil sorgen, und die auch richtig schön ins Geschehen katapultieren, sodass sich der Alltag wie bei einer Reise üblich mit dem Fingerschnippen ausknipsen lässt.

Das quirlige Actionspektakel mit allerhand Akrobatik hat aber zum Glück nicht vergessen, seine Story auch mit einem Quäntchen Zeitgeistkritik zu versehen. Hier dreht sich viel um Social Media, Fake News und Meinungsmache, nah am Puls technophiler Trends. Dem wird mit viel süffisanten Seitenhieben und durchaus auch aufrichtiger Skepsis begegnet, wobei das Vermächtnis des Tony Stark und all die paranormalen Gewaltakte der letzten 22 Filme sehr starken Einfluss auf Spider-Man: Far From Home haben, denn nichts bleibt ohne Folgen, schon gar nicht im MCU, weshalb hier auf Details geachtet und auf ein gutes Erinnerungsvermögen gesetzt werden muss, bis zurück an die Anfänge. Wichtig ist es auch, sitzen zu bleiben bis nach dem Abspann, und ich meine, ganz nach dem Abspann, denn die Post Credit-Szenen, die wir bei Endgame schmerzlich vermisst haben, sind wieder da – und haben es in sich, wie selten zuvor. Wobei klar wird: das Bündel, das der Junge im Stretch tragen muss, wird schwer auf seinen Schultern lasten, aber was hilft´s – wir alle müssen jetzt Stark sein 😉 Oder kann es doch nur einen geben?

Spider-Man: Far From Home

Captain Marvel

SCHATZ, DU STRAHLST JA SO!

7/10

 

null© 2019 Marvel Studios/Walt Disney

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANNA BODEN, RYAN FLECK

CAST: BRIE LARSON, SAMUEL L. JACKSON, JUDE LAW, LEE PACE, BEN MENDELSOHN, ANNETTE BENING, CLARK GREGG, DJIMON HOUNSOU U. A.

 

Sollten sich die beiden Tangenten des Marvel– und DC-Universums jemals berühren, oder sollten sich beide ganz bewusst zu einem Crossover durchringen, dann hätte Krypton-Halbgott Superman mit Carol Denvers ernsthafte Konkurrenz. Denn Denvers, auch bekannt unter den Kree als Vers und spätestens jetzt, nach Sichtung des neuen Solo-Heldenrelease, sowieso als Captain Marvel ein Shooting-Star, hat wie Clark Kent exorbitante Skills auf Lager. Warum Captain, das wird nie wirklich erklärt oder jemals erwähnt. Lieber will die blonde Crash-Pilotin, die garantiert niemals mehr einen Handwärmer benötigt, bei ihrem eigentlichen Namen genannt werden. Der ist anfangs noch nicht Bestandteil ihres Bewusstseins, fühlt sie sich doch als Zugehörige des meist blauhäutigen Kriegervolks der Kree. Ja, die habe ich jetzt schon das zweite Mal erwähnt, und für die, die entweder die galaktischen Eskapaden zusammengewürfelter Guardians of the Galaxy verschlafen oder nicht ganz aufgepasst haben: gegen die Kree unter dem finsteren Warlord Ronan leisten Star Lord und seine biodiverse Truppe in Peter Gunns Kino-Erstschlag heftigen Widerstand. Daß dieser und letztendlich auch alle anderen Finsterlinge mit Schurke Thanos in Verbindung stehen, erklärt sich da fast von selbst. Und Ronan, der gibt auch in Captain Marvel seinen nachgereichten Einstand. Weil wir hier einige Zeit vor den Geschehnissen rund um das epische Gerangel der Infinity-Steine sind, nämlich im Jahr 1995. Und jene, die – und sei es auch nur ansatzweise – in Marvels Agent of S.H.I.E.L.D. reingeschielt haben, werden auch Agent Coulson wiederfinden, der als Frischling an der Seite von Nick Fury der kraftstrotzenden Amazone ohne Vergangenheit habhaft wird.

Wie man sieht, gibt es in Captain Marvel jede Menge Anknüpfungspunkte, Referenzen und offene Maschen, die gerne mit all den anderen Marvel-Filmen aus dem Cinematic Universe verknüpft werden wollen. Captain Marvel steht also nicht als völlig autarkes Einzelabenteuer da – für diese Genese schadet es nicht, sich in diesem kreuz und quer gesponnenen roten Handlungsbogen zurechtzufinden. Der Mehrwert ist dadurch beträchtlich, und er beträfe eben nicht nur die Filme der Guardians, sondern natürlich auch das bisherige Meisterwerk schlechthin: Avengers: Infinity War. Dort sehen wir in einer Post Credit-Szene den schon etwas älteren Nick Fury, der im Angesicht des Worst Case-Szenarios einen intergalaktischen Pager zückt, um eine Nachricht an jemand ganz Bestimmten abzuschicken – bevor er selbst zu Staub zerfällt. Was es mit diesem Pager auf sich hat, ist nur eine von mehreren Backgroundstories in Captain Marvel – und am wichtigsten ist jene um einen ganz bestimmten Infinity-Stein, dessen Reise durch das MCU unter folgendem Fandom-Link für  firme Comicfilmfans nachverfolgt werden kann, ohne alle Leinwandepisoden nochmal nachsehen zu müssen. Für jene, die Captain Marvel noch nicht genossen haben und auch nicht vorab gespoilert werden wollen, sei das Anklicken auf besagten Link nicht wirklich empfohlen. Ganz eingefleischte Fans brauchen diese Nachhilfe ohnehin nicht – die wissen sowieso alles, nur werden sie vielleicht dennoch wie das Mondkalb vor geschlossenem Pforten stehen, wenn in der Infinity-Storyline der Kreis geschlossen werden will. Da bleibt Captain Marvel immer noch einiges an Bringschuld, ganz erklären lassen sich die hier erzählten Wege zumindest jetzt noch nicht. Aber das kann ja noch kommen, keine Ahnung was Disney/Marvel hier alles noch vorhat. Was auch immer da geplant ist, ich für meinen Teil bleibe denen auf den Fersen. Besonders Samuel L. Jackson, und zwar fast noch lieber als Brie Larson, die allerdings, und das muss ich ihr zugestehen, als weltenbewegendes Energiebündel wirklich eine gute Figur macht. Larson selbst hat mich bislang (mit Ausnahme womöglich von Raum, Nachsichtung folgt) noch nie so wirklich überzeugt, da war in ihren Rollen stets eine leicht überhebliche Verschlossenheit, die ich nie ganz deuten konnte. Dieses Korsett der Unnahbarkeit lässt sie als Carol Denvers etwas fallen, gibt sich sogar das eine oder andere Mal einem verschmitzten Schmugglerschmunzeln a la Han Solo hin und ist auch manchmal für pfiffige Sager zu haben. Wenn sie dann vom Scheitel bis zur Sohle in allen Spektralfarben glüht, gibt es sowieso kein Halten mehr – da wird klar, dass das Universum so oder so gerettet werden kann, dass Thanos sich schon bald warm anziehen muss, da reicht sein funkelnder Handschuh bald nicht mehr aus. Samuel L. Jackson aber, bei dem ich kein einziges Mal gemerkt hätte, er sei digital verjüngt worden, ist als Larsons Sidekick stets ein lässiger Plauderer. Sein selbstironisches und süffisantes Gebaren bewahrt das kosmische Planetenhüpfen vor aufgesetzter Ernsthaftigkeit und entwickelt rund um die Halbzeit genau jenen turbulent-augenzwinkernden Charme, den wir schon bei den Guardians of the Galaxy so zu schätzen gelernt haben. Überhaupt nähert sich Captain Marvel sehr dem knallbunten phantastischen Grundtonus von Groot & Co an, wobei Thor: Tag der Entscheidung in Sachen Witz immer noch die Liste anführt. Humor ist, was das MCU so beliebt macht, und die ganze galaxienumspannende Seriösität an Bedrohung und möglicher Unterjochung wunderbar ausgleicht.

Das Regie-Duo Anne Boden und Ryan Fleck (u. a. Its a Kind of a Funny Story) hat mit der jüngsten Episode aus dem Dunstkreis der Avengers einen höchst unterhaltsamen Film gemacht, der vor allem in der zweiten Hälfte gemeinsam mit Carol Denvers´ erstarkenden Kräften zur Höchstform aufläuft. Anfangs mag es eventuell ein paar Startschwierigkeiten geben, bis man an das Schicksal der blonden Pilotin angedockt hat. Visuell ist das ganze Spektakel aber sowieso wieder State of the Art, da gibt’s genug zu staunen, und auch wenn manch einer mehr Star Trek- als Marvel-Fan ist, könnte der Film eben trotzdem gefallen, da das ethnische Dilemma zwischen Krees und Skrulls an die politischen Diskrepanzen von Romulanern, Vulkaniern und Klingonen erinnert. Das Marvel-Universum ist so eine herrlich irreale Welt, in der man sogar schon die Men in Black als inhärent vermuten könnte, und ganz besonders dann, wenn manch vertrautes Wesen nicht ganz so ist wie es scheint. Das macht einfach Spaß, ist sympathisch und erzählt obendrein eine kluge, bewusst nicht stringente Geschichte (5 Autoren am Drehbuch!), die sich tunlichst davor hütet, all die emotionalen Wesenszüge nicht fehlerfreier Überwesen mit dem Muskelspiel eines brachialen Effektgewitters zu verschütten. Das wäre Marvel mit Age of Ultron fast passiert, danach aber nie wieder, und das ist gut so. Was heißt gut – es wird immer besser, und bis Ende April, wenn die letzten Avengers sich für das Endspiel zusammenrotten, bleibt uns nur noch ein bisschen mehr als einen Monat auszuharren. Um das ganze zu beschleunigen, wünsche ich mir fast den Zeitstein her. Aber den hat leider Thanos.

Captain Marvel