Die My Love (2025)

JENNIFER LAWRENCE STECKT FEST

5/10


© 2025 MUBI / Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: LYNNE RAMSAY

DREHBUCH: LYNNE RAMSAY, ALICE BIRCH, ENDA WALSH, NACH EINEM ROMAN VON ARIANA HARWICZ

KAMERA: SEAMUS MCGARVEY

CAST: JENNIFER LAWRENCE, ROBERT PATTINSON, LAKEITH STANFIELD, SISSY SPACEK, NICK NOLTE, SARAH LIND, GABRIELLE ROSE, VICTOR ZINCK JR., DEBS HOWARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Laut dem Portal gesundheit.gv.at äußern sich die Anzeichen für eine postnatale Depression wie folgt so: Andauernde getrübte Stimmung, Ängste, Schlafstörungen, Störungen der Konzentration, Grübeln, Zweifel am Selbstwert und Verlust von Interessen. Letzteres Symptom ist bei Jennifer Lawrence ganz stark ausgeprägt: Die junge Mutter, die mit dem neugeborenen Sohn und ihrem Ehemann ins leerstehende Haus von dessen Onkel zieht, der sich, wie sich später herausstellt, mit der Schrotflinte umgebracht haben soll, findet sich in Lynne Ramsays neuestem Film in einem festgefahrenen Zustand wieder, der mit der Überdrüssigkeit gleichgesetzt werden kann, nicht schon wieder all die Stereotypen einer kinderpflegenden Hausfrau zu übernehmen, die nur darauf wartet, dass der geldverdienende männliche Part endlich heimkommt, um dann in die bereits bereitgestellten Hauspantoffeln zu schlüpfen, die ihn geradewegs an den Mittagstisch bringen, wo das mit Liebe zubereitete Essen auf die Minute genau vor sich hindampft.

Wenn Rollenbilder langweilen

Grace, diese zutiefst gelangweilte Mutter, will das nicht. Es kotzt sie an, es quält sie Tag für Tag, es unterfordert sie, ihren geliebten Sohn, dem sie für all das nicht die Schuld gibt, im natürlichen Rhythmus der Monotonie beim Heranwachsen Gesellschaft zu leisten. So was machen Mütter eben? Mittlerweile längst nicht mehr. Doch Robert Pattinson kommt nicht auf die Idee, diese Rollenbilder neu abzuwägen, obwohl er ganz genau weiß, dass Grace sehr wohl Ambitionen hat, als Schriftstellerin Karriere zu machen. In diesem ländlichen Amerika bringt die Verweigerung eines solchen Umdenkens vielleicht eine Art Rosenkrieg. Letztes Jahr auf der Viennale lief ein ähnlicher Film, weitaus komödiantischer, der sich mit den verteilten Rollen innerhalb eines familiären Mikrokosmos auf phantastische Weise auseinandersetzt: Nightbitch. Während Amy Adams den Determinismus der Mutterfigur auf archaische Weise hinterfragt, will Jennifer Lawrence einfach nur dieser Stasis entkommen.

Auf der Stelle rotieren

Doch Jennifer Lawrence steckt fest. Weil Lynne Ramsay feststeckt. Die My Love, basierend auf dem schwarzhumorigen Roman Mátate, amor der Argentinierin Ariana Harwicz, will Lawrence spielfilmlang die Möglichkeit geben, in mannigfaltiger Ausdrucksweise Symptome der Langeweile und der Antriebslosigkeit darzustellen. Da fällt ihr vieles ein – was man eben so tut, wenn man sich zu nichts überwinden kann, wir kennen so einen Zustand zumindest temporär und ohne klinischer Diagnose mehr als gut. Da gibt es Tage, da hat man zu gar nichts Lust. Jennifer Lawrence hat das zwei Stunden lang. Vorzugsweise kriecht sie dabei wie ein Tier auf allen Vieren durchs kniehose Gras vor dem Haus. Depressiv wirkt sie dabei nicht, eher auf pauschalisierte Weise durchgeknallt, was nun weniger ein Krankheitsbild darstellt als die Möglichkeit, ungehemmt zu schauspielern. Wonach genau sie sich dabei orientiert? Ihre Rolle gibt keine Richtung vor, nur den Unwillen für alles, den Willen des Ausbruchs überspielend. Robert Pattinson ist die ganze Zeit zwar auch zugegen und gleichzeitig aber auffallend abwesend, als hätte er gegen das exaltierte Spiel seiner Schauspielkollegin sowieso keine Chance.

Rockstar der Psychose

Das sieht auch Ramsey so und interessiert sich kaum für alles Periphere in diesem Psychogramm des Stillstands, das lediglich eine Ausgangssituation für etwas beschreibt, was die ganze Zeit nicht kommt. Immer und immer wieder das gleiche, immer und immer wieder die indisponierte Jennifer Lawrence zwischen kindlicher Überdrehtheit und an den Wänden hochgehender Fadesse, stets auf eine Weise angekündigt, die den großen, abgründigen, gespenstischen Psychothriller verspricht, und dann aber nur Zaungast der ersten Reihe die rockstarähnliche Aufbäumung einer Psyche anhimmelt, die in einer saftigen Krise steckt. Mehr wird das Ganze nicht, und irgendwann ist nicht nur Jennifer Lawrence langweilig, sondern auch mir, dem Zuseher, der hinter all der Verhaltensauffälligkeit einen hohlen Kern vermutet.

Filmische Psychogramme, die Krankheitsbilder geschickt in einen Thriller verpacken, mögen mitunter gelingen, so wie Roman Polanskis nihilistisches Paranoia-Drama Ekel mit Catherine Deneuve, die auf eine Weise dem Wahnsinn verfällt, da läuft es einem kalt den Rücken runter. Suspense trifft auf Psychose – den Suspense lässt Die My Love nicht durch die Tür.

Die My Love (2025)

Angel has fallen

SCHMERZ IST WAS FÜR WEICHEIER

6/10

 

angelhasfallen© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

CAST: GERARD BUTLER, MORGAN FREEMAN, NICK NOLTE, DANNY HUSTON, JADA PINKETT SMITH, TIM BLAKE NELSON, PIPER PERABO U. A.

 

Der Actionfilm steckt ein bisschen in der Sinnkrise. Entweder behelfen sich die Macher aktuell mit den guten alten Skills der Achtziger und lassen auch entsprechend grobkantige Stereotypen wieder auferstehen – oder sie mixen plakative Kalauer mit überzeichnetem Bombast, der das klamaukige Abenteuer vertritt, am Liebsten mit Dwayne „The Rock“ Johnson, der ja an sich sehr sympathisch ist, nicht umsonst hat er die meisten Follower auf Instagram. Was das Actionkino wiederum in Fernost bietet, ist ein ganz anderes Kaliber, da wird mit härteren Bandagen gekämpft, da ist das Publikum ganz andere Prioritäten gewohnt. Wo Martial Arts zuhause ist, wird bei Sichtung von Filmen wie The Raid sonnenklar. Stirb langsam war für Übersee-Begriffe wohl die unerreichte Benchmark – und bleibt es bis heute. Daran hätte bislang nur Gerard Butler als Mike Banning im Erstling Olympus has fallen zumindest ansatzweise etwas ändern können. Antoine Fuquas Belagerung des Weißen Hauses war in seiner Konsequenz und mit all seinen Opferzahlen die Tabula Rasa-Version für den Actionfilm der 2010er Jahre. Die Nachfolger des Mike Banning-Franchise allerdings weniger. London has fallen war wieder genauso austauschbar und nichtssagend wie gefühlt mehr als die Hälfte aller Actionfilme, die momentan so produziert werden. Größte Schwachstelle: der Antagonist. Unglaubwürdige Sinneswandlungen, sarkastisches Dauergerede und undifferenzierte Boshaftigkeit, vor allem aber irgendwelche abstrusen Ideale ziehen ansatzweise gute Plots in einen Mahlstrom cineastischer Reißbrett-Verhaltensmuster. Kawumm alleine reicht schon längst nicht mehr. Im Actionkino, das für Schauwerte auf das unserer Realität inhärente Spektrum an Möglichkeiten zurückgreifen muss und sich nicht auf Phantastisches verlassen kann, muss, und das scheint wichtiger als jeder Stunt, ein plausibler Plot für Spannung sorgen können. Irgendwie geht das nicht mehr, denn alles, was das Genre in seinem Bauchladen haben kann, war schon mal da.

Überrascht hat zuletzt Luc Besson mit seinem Actionfilm Anna. Das gleiche Thema wie eh und je, aber er hat es geschafft, sein Muster zu variieren, Wieso gelingt das im gängigen Elite-Actionkino nicht? Fragen wir den Stuntman und Filmemacher Ric Roman Waugh, ob er eine Antwort weiß. Denn der hat nämlich heuer das zweite Sequel der Banning-Eskapaden verfilmt. Und ehrlich gesagt: so richtig rund fällt seine Antwort auch nicht aus. Angel has fallen ist zwar deutlich stärker als der Vorgänger, doch letzten Endes verfällt Waugh genau den gleichen Schnittmustern, denen andere Actionfilme ebenso verfallen. Doch ich muss fair bleiben – Angel has fallen macht als Bodyguard-Version von Auf der Flucht längst nicht alles falsch. Schon gar nicht in Sachen Schauspiel. Gerard Butler gibt den Actionhelden, der eigentlich keiner mehr sein will, noch kaputter und psychisch geräderter als es Bruce Willis je war. Sein Mike Banning leidet an Schlafkosigkeit, Angstzuständen, Kopf- und Rückenschmerzen – der jüngste ist er auch nicht mehr. Diese Attitüde des Desolaten macht den Film an sich kerniger, erdiger, nicht so überzeichnet heroisch. Ihm zur Seite: ein rauschebärtiger, völlig nonkonformistischer Nick Nolte – das verschrobene Highlight schlechthin. Die beiden passen gut zueinander, ihre gemeinsamen Szenen sind das Beste, was der Film hergibt, die sehe ich lieber als das ganze Projektilgewitter, dass auf den Zuseher natürlich noch hereinbrechen wird. Und Morgan Freeman? Der ist freilich auch schon älteren Semesters und wirkt wie die afroamerikanische Ausgabe des Österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen. Dabei wäre es witzig, sich den Ex-Grünenpolitiker mit Hang zu Nikotin (raucht er noch?), Hunden und politischer Zuversicht in einem Actionfilm wie diesen vorzustellen. Nun – es geht! Erstaunlich gut sogar 😉

Angel has fallen