Aus dem Nichts

DER MENSCH ALS DES MENSCHEN WOLF

7/10

 

ausdemnichts© 2017 Warner Bros. GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2017

REGIE: FATIH AKIN

CAST: DIANE KRUGER, NUMAN ACAR, SIIR ELOGLU, JESSICA MCINTYRE, ULRICH TUKUR, JOHANNES KRISCH U. A. 

 

Ich will mir das einfach nicht vorstellen müssen: eines Tages nach Hause zu kommen und die Familie ist nicht mehr da. In Fatih Akins Terrordrama passiert genau das. Erleben muss das Undenkbare Mutter Katja, intensiv dargeboten von Diane Kruger. Als sie nämlich ihren Sohn vom Büro seines Vaters abholen will, ist das Büro auch nicht mehr da. Restlos zerstört durch eine Nagelbombe, die vor dem Laden deponiert war. Keiner hat’s bemerkt, niemand hat so etwas kommen sehen, schon gar nicht in einem Viertel Berlins, in welchem ohnehin nur fast ausschließlich Immigranten wohnen und arbeiten. Oder vielleicht genau deswegen. Katja kann das alles natürlich nicht fassen. Kein Boden mehr unter den Füßen. Eine Katastrophe, in die ich mich als Vater garantiert nicht schrankenlos hineindenken möchte – und auch nicht werde, selbst wenn ich vorhabe, dem Geschehen bis zum Ende zu folgen. Hinwegkommen lässt sich über einen solchen Verlust die Zeit eines ganzen Lebens nicht. Ob es sich überhaupt lohnt, weiterzuleben, ist eine andere Frage, die von vielen anderen Faktoren abhängt. Zum Beispiel davon, ob die Tat, begangen aus dem rechtsextremen Milieu, gesühnt werden kann – und die Schuldigen vor Gericht gestellt werden. Das passiert auch, tatsächlich. Und Diane Kruger alias Katja ist sich sicher, dass das junge Nazi-Paar nicht davonkommen wird. Aber wie sicher kann man sein, bei einem Justizsystem, das auf die Eloquenz und taktische Ausgeschlafenheit der Verteidiger und Ankläger setzt, auch wenn die Sache noch so auf der Hand liegt.

Fatih Akin, selbst Staatsbürger türkischer Herkunft, hat sich anhand des unübersehbar schwelenden Rechtsaktivismus in Deutschland so seine Gedanken gemacht. Allerdings nicht im Sinne eines gesellschaftspolitischen Reports. Viel kraftvoller, intensiver und klarer erkennbar ließe sich anhand eines Einzelschicksals Stellung beziehen. Anhand eines Opfers unter den Lebenden, das das eigene Fleisch und Blut zu Grabe tragen muss. Das ist fürchterlich unbequem, schmerzhaft, und eigentlich nichts, was man sich als Zuseher länger antun will. Warum Aus dem Nichts aber dennoch auszuhalten ist, liegt daran, dass Fatih Akin sich nicht damit begnügt, den enormen Verlust bis zur letzten Filmminute anzuweinen. Irgendwann, und das zur rechten Zeit, ist damit Schluss. Dann geht es nicht mehr nur zwingend um die Toten, dann geht es um die, die zurück bleiben – und dem latenten Hass weiter ausgesetzt sind. Die ihre Genugtuung nicht bekommen, die den Staat in diesem Punkt schwächeln sehen und selbst zu radikalen Mitteln greifen.

So ein Szenario kennen wir aus dem Selbstjustiz-Actionkino zu Genüge. Aber das wäre zu platt für einen Film wie diesen. Aus dem Nichts wechselt keineswegs ins Actionfach. Will auch kein Thriller sein. Fokussiert sich rechtzeitig sehr aufmerksam auf Diane Kruger und ihre Figur, die sich als gebrochenes menschliches Wesen klar werden muss, ob es eine Zukunft geben kann und wenn ja, welche. Akin beobachtet genau, lässt sich Zeit. Tritt in der zweiten Hälfte des Films deutlich vom Gaspedal runter, wird weniger schwermütig, dafür aber realistisch – und sogar etwas zynisch. Vom Trauer-, Justiz- und Bewältigungsdrama wird ein im wahrsten Sinne des Wortes bombenfestes Statement über die Sinnlosigkeit von Terror und den destruktiven Mechanismen, die er auslöst, und das innerhalb des kleinsten sozialen Gefüges. Dabei aber distanziert sich der Film immer weiter von seiner Leidensfigur, verklärt nicht, was sie tun muss und verurteilt auch nicht. Bewahrt eine geradezu objektive, fast schon nüchterne Sicht auf das große Ganze. Täter und Opfer sind bald auf einer Ebene, und wir erleben aus der Distanz, wie das Perpetuum Mobile der wechselseitigen Gewalt beginnt – und nicht mehr aufzuhalten sein wird. Dieses Gleichnis lässt sich auf nationale Größe aufblasen, und es ist immer noch dieselbe Dynamik – ob im Irak, in Israel oder eben in Deutschland, völlig egal, wer hier die Zündschnur entfacht. Somit ist aus dem Nichts kein politisches, sondern viel eher ein analytisches Werk zu einer uralten dunklen Seite des Menschseins geworden.

Aus dem Nichts

The Foreigner

EIN GLÜCKSKEKS SIEHT ROT

5/10

 

foreigner© 2018 Universum Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN / CHINA 2018

REGIE: MARTIN CAMPBELL

MIT JACKIE CHAN, PIERCE BROSNAN, ORLA BRADY U. A.

 

Jackie Chan – ja, natürlich kenn ich den. Vom Hörensagen. Viel am Hut habe ich mit ihm nie gehabt. Eigentlich eine Frechheit, in Anbetracht des immensen Pensums an Produktionen, in welchen das ostasiatische Multitalent mitgespielt, mitproduziert und mitgeschrieben hat. Im Grunde eine Ikone des Kinos. Von mir schmählich ignoriert. Ich kenne gerade mal zwei Filme, in denen Jackie Chan seinen Auftritt hat – das ist In 80 Tagen um die Welt und The Lego Ninjago Movie. Martial Arts-Kampfsport ist aber auch nicht wirklich das Genre meiner Wahl. Das war damals in den Achtzigern und frühen Neunzigern mit Jean Claude Van Damme etwas anderes, seine Filme sind zwar rückblickend auch unfreiwillig komisch, aber nie so überdreht wie die Filme des mittlerweile in die Jahre gekommenen Hals- und Beinbrechers. Hätte er bei den Expendables mitgemischt, hätte ich jetzt drei Filme zu verzeichnen. Doch da hat ihm wohl Jet Li, der kleine selbstironische Haudrauf, die Rolle weggeschnappt. Macht nix, die Drei bekomme ich auch so zusammen. Und zwar mit The Foreigner.

Hier darf Jackie Chan mit James Bond gemeinsame Sache machen. Und das in zweierlei Hinsicht. Erstens ist niemand geringerer als Pierce Brosnan – sichtlich ergraut, kurzgeschoren und schneidig wie ein Ex-Knacki – das vermeintliche Opfer privat initiierten Terrors. Und zweitens führt Martin Campbell Regie, seines Zeichens Regisseur von Goldeneye – eben mit Pierce Brosnan – und Casino Royale, dem Einstand mit Daniel Craig. Ein Experte also, was Agentenkino betrifft. Weniger ein Experte, was Superhelden betrifft. Denn Green Lantern geht auch auf sein Konto. Zum Glück ist The Foreigner keine Fantasy, sondern handwerklich fehlerloses Selbstjustizkino fürs Heimformat. Warum eigentlich dieses? Nun, Pierce Brosnan wird längst wohl eher mit den Premium-Produkten einer Supermarktkette in Verbindung gebracht als mit Spannungskino von Format. Obwohl der neben Roger Moore wohl am meisten augenzwinkernde Gentleman der Kinogeschichte immer noch das Zeug für letzteres hätte. Man sieht, Brosnan spielt immer noch Brosnan wie ein erfahrener Universitätsdozent, mit Charme und ohne Harm. Dass er dann von Jackie Chan bis aufs Blut getriezt wird, mag man so gar nicht. Der ist nämlich trauernder Vater. Nach dem Bombenanschlag einer IRA-Splittergruppe in London, die seine Tochter auf dem Gewissen hat, kennt der von Schmerz und seelischem Leiden gezeichnete Ex-Elitekämpfer nur noch das Gefühl der Rache – welches sich allerdings in seinem zu Stein gewordenen Konterfei nur bedingt widerspiegelt. Man kann natürlich seine Rolle so verbissen emotionslos wie Jackie Chan anlegen – oder eben wutschnaubend Amok laufen. Wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen. Denn eines kann ich mir schwer vorstellen – dass Chan bei seinen Fans mit der Rolle des schweigsamen Aufräumers im Stile von Takeshi Kitano wirklich gut ankommt. Vielleicht war das auch der Grund, warum die Studios es nicht gewagt haben, The Foreigner auf die große Leinwand zu bringen. Dem Japaner Kitano kann wohl als lakonische Killermaschine niemand den Rang ablaufen. Im Vergleich dazu wirkt Jackie Chan seltsam unbeholfen, ja fast schon unfreiwillig komisch. Wäre ich Ex-Terrorist Pierce Brosnan, würde ich ihn womöglich genauso wenig erst nehmen. Das aber wird sein Fehler gewesen sein.

Den Fehler, mir The Foreigner ein zweites Mal anzusehen, werde ich sicher nicht machen. Zu wenig plausibel sind seine Figuren, zu vorhersehbar der ganze Film. Da wäre es ratsamer, das 1992 erschienene Buch Der Chinese von Stephen Leather zu lesen. Da hat man seine eigenen Figuren im Kopf. Und nicht den quirligen Martial-Arts-Yoda Chan oder Ex-Bond Brosnan, beides Gesichter, die schon zur Genüge für anderes besetzt sind.

The Foreigner