28 Weeks Later

DIE NÄCHSTE WELLE KOMMT BESTIMMT

6,5/10


28-weeks-later© 2007 Twentieth Century Fox


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, SPANIEN 2007

REGIE: JUAN CARLOS FRESNADILLO

CAST: ROBERT CARLYLE, IMOGEN POOTS, MACKINTOSH MUGGLETON, JEREMY RENNER, ROSE BYRNE, IDRIS ELBA, CATHERINE MCCORMACK, EMILY BEECHAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Vermutlich ist’s verlorene Liebesmüh, tatsächlich 28 Wochen zu warten, um die Fortsetzung von Danny Boyles 28 Days Later zu besprechen. Von dieser Anspielung hab womöglich nur ich was davon, also verliere ich keine Zeit, 28 Weeks Later gleich jetzt in den Filmgenuss-Pool zu werfen. 28 Wochen, da wäre noch eine lange Zeit bis dahin. Das wäre irgendwann Ende September und die Erinnerungen an das brachiale Sequel wohl nicht mehr so taufrisch wie gerade eben. Nach 28 Wochen könnte man aber meinen, eine Endemie durchgestanden zu haben. In diesem gottseidank fiktiven Fall hat sich das Virus vorbehaltlich selbst aufgezehrt. Sprich: die Befallenen sind verhungert. Und jene, die den Kelch an sich vorübergehen ließen, sind evakuiert worden, darunter womöglich auch Cillian Murphys Figur des Jim, von dem wir aber niemals wissen werden, was aus ihm geworden ist. Eigentlich hätte dieser, wenn es nach Alex Garland und Danny Boyle gegangen wäre, gar nicht mal überleben dürfen. Doch das war dem Publikum des Test-Screenings zu düster. Woraufhin jetzt, fünf Jahre danach, Regisseur Juan Carlos Fresnadillo womöglich gar niemanden mehr zu einer Vorabsichtung eingeladen hat. Anders lässt sich der vehemente Nihilismus in diesem knüppeldicken Zombie-Actioner nämlich gar nicht erklären. Vielleicht ist Twentieth Century Fox in den wenigen Jahren dazwischen mutiger geworden.

Beschert hat uns das Studio schlussendlich dieses Worst Case-Szenario, das ganz gut beschreibt, was passieren kann, wenn verhängte Restriktionen zur Eindämmung lebensbedrohlicher Seuchen einfach missachtet werden. Und ehrlich: Robert Carlyle’s Filmkinder könnte man durch Sonne und Mond schießen, in Anbetracht dessen, was sie angerichtet haben. Gut, das war keine Absicht – aber genau das ist das Problem: Mit Absicht verursachen wohl die wenigsten irgendeinen Kollateralschaden. Sie nehmen diesen aber in Kauf, wenn es um eigene Interessen geht. So auch diese Kids (was heisst Kids: Imogen Poots geht da schon als junge Frau durch), die gemeinsam mit dem wiedergefundenen Papa (eben Robert Carlyle aus Ganz oder gar nicht) das Zentrum Londons rückbesiedeln. Weil sie unbedingt in ihr altes Haus wollen, um persönliche Dinge abzuholen, umgehen sie die Sperrzone – und stoßen auf Mama, die wider Erwarten gar nicht tot ist, aber auch kein Zombie. Was denn dann? Ein superimmuner Zwischenwirt, weitestgehend symptomfrei (deswegen ist testen ab und an mal gar nicht schlecht), aber Hölle ansteckend.

Omikron braucht längst nicht so viel Bewegungsenergie wie diese Wutviren, verbreitet sich durch diese Ersparnis aber auch nicht effizienter. Dafür agieren jene, die zum Zivilschutz das virenfreie Gelände sichern, umso wütender. Die neue Welle schwappt über die Insel der Seligen wie ein alles vernichtender Tsunami. Gesunde und Infizierte sind in panischer und tobsüchtiger Raserei nicht mehr voneinander zu unterscheiden. 28 Weeks Later macht keine Gefangene mehr, und das bisschen Menschlichkeit schrumpft und schrumpft und schrumpft. Fresnadillo führt den Film kaum noch mit feiner Hand, sondern viel lieber mit Brecheisen und Schlagring: in schnellen Schnitten und hektischer, teilweise völlig orientierungsloser Kamera findet Kameramann Enrique Chediak bluttriefende Abbilder eines finsteren Infernos nah am Trash, dazwischen versuchen eine ganze Menge bekannter Gesichter wie Jeremy Renner, Rose Byrne oder Iris Elba den Überblick zu bewahren. Feingeistiges Horrorkino ist also etwas anderes, und wir haben hier auch keine psychosozialen Spannungen wie im Original. Dafür aber weicht das bislang ungute Gefühl im Bauch spätestens ganz am Ende einer garstig um den Latz geknallten Hoffnungslosigkeit.

28 Weeks Later

30 Days of Night

SCHNEEFREI NUR FÜR VAMPIRE

4/10


30-days-of-night© 2007 SND


LAND / JAHR: USA, NEUSEELAND 2007

REGIE: DAVID SLADE

CAST: JOSH HARTNETT, MELISSA GEORGE, DANNY HUSTON, BEN FOSTER, PUA MAGASIVA, MANU BENNETT, MARK RENDALL U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Heute dürfte es hier in Wien so winterlich sein wie im nördlichsten Kaff der USA, in Barrow. Wenn wo der Arsch der Welt ist, dann unter Umständen dort. Im Sommer geht dort die Sonne zwar auch nicht unter, im Gegensatz dazu aber bleibt im Winter die Sonnenbrille zwei Monate lang im Handschuhfach, denn da reicht es gerade mal für eine Dämmerung. Untote Austauschstudenten, die das Sonnenlicht meiden müssen, würden Barrow vielleicht als Eldorado wähnen. Ein bisschen kalt vielleicht, aber kalt sind sie selber. Und so können sich die paar Bewohner dieses eigentlich am Meer gelegenen Städtchens über ungewöhnlich viel Fremdenverkehr freuen. Was sie weniger freut, ist der Blutzoll, den sie dafür zahlen müssen. Denn die Vampire, die per Schiff angereist sind, und einen seltsamen osteuropäisch anmutenden, für den Film erfundenen Kauderwelsch reden, sind dezidiert ausgehungert. Obendrein sind sie schnell, wendig und überhaupt nicht charmant wie vielleicht ihr transsilvanisches Vorbild. Wie sie da so mit der Tür ins Haus fallen – darauf ist niemand vorbereitet. Folglich wird ein Blutbad eingelassen, in welches Cop Josh Hartnett, seine Freundin Melissa George (ebenfalls Cop) und eine Handvoll integrer Gestalten überhaupt nicht hineinsteigen wollen. Blöd nur, dass es finster bleibt. Sowohl aus meteorologischer Sicht als auch in Sachen Erfolgschance.

Die erste Schwierigkeit in David Slades blutigem Spitzzahn-Slasher, der gerne auf Actionfilm tut (was ja nicht verkehrt ist), ist die Inkonsistenz in seinem Setting. Und darüber hinaus generell in der Zeit. Das Drehbuch verlangt, dass wir hier einem Zeitraum von 30 Tagen beiwohnen müssen, damit am Ende die Rechnung aufgeht. Warum auch immer, ist 30 Days of Night aber so konzipiert, dass es ganz klar nur an einer Nacht spielen kann. Verwunderung macht sich breit ob eines Inserts, dass darauf hinweist, bereits 18 Tage lang beim Versteckspiel unserer Helden zugesehen zu haben. Fragt sich, wie diese so lange in den gleichen Klamotten und ohne nennenswerte Nahrung überlebt haben konnten. Und warum die Vampire eigentlich nicht weitergezogen sind, wenn sie doch solchen Hunger haben und das Buffet nur mehr Krümel übrig hat. Was eben auch nicht funktioniert, ist die Sache mit dem Schnee. Es ist ja durchaus in Ordnung, temperaturunempfindlichen Kunstschnee zu verwenden, solange dieser die Szene adrett ausschmückt. Da lässt sich das völlig unsinnige Verhalten, wie der Schnee eben fällt, von mir aus ignorieren. Und den Vergleich zum tatsächlichen gefrorenen Wasser hätten wir auch nicht. Wenn man beides aber mixt, wird’s peinlich. Somit protzt Slade einerseits mit echtem Winter, andererseits ist ihm womöglich das Tauwetter dazwischengekommen. Sieht leider bescheuert aus.

Weniger bescheuert sind zumindest die Vampire mit ihren blutverschmierten Kauleisten und den dunklen Augen, ihrem enervierenden Geschrei und ihrer raubtierhaften Akrobatik. Das Make-up ist ein Hingucker – das übrige Szenario will sich aber leider nicht an gewisse Regeln halten, die die Basis für einen Actionfilm garantieren sollen, der in sich selbst logisch sein muss, um überhaupt zu packen.

30 Days of Night

Das Waisenhaus

SIE WOLLTEN DOCH NUR SPIELEN

8,5/10


orphanage© 2008 Senator Filmverleih


LAND: SPANIEN 2007

REGIE: JUAN ANTONIO BAYONA

CAST: BELÉN RUEDA, FERNANDO CAYO, ROGER PRINCEP, MABEL RIVERA, GERALDINE CHAPLIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Guillermo del Toro ist, meiner filmischen Erfahrung nach, wohl jemand, der im Übernatürlichen dieser Welt nicht zwingend etwas sieht, das den Menschen nur Böses will. Meist stehen hinter seinen Erscheinungen und Begebenheiten sehr irdische, menschliche, diesseitige Bedürfnisse wie die Sehnsucht nach Nähe, Liebe und die Angst vor Verlust. Auch Reue, die Suche nach etwas, all das, was Geister vielleicht so herumtreibt, sollte es sie geben, wofür leider noch kein einziger Beweis existiert. Interessant wäre es, mehr über das zu erfahren, was unser Verstand nicht erklären kann oder wir nicht sehen können. Das französische Drama Eine größere Welt erzählt die wahre Geschichte über die ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Schamanismus. Etwas, das del Toro und Regisseur Juan Antonio Bayona (Sieben Minuten nach Mitternacht, Jurassic World: Das gefallene Königreich) durchaus fasziniert. Wobei das keinen Gesetzen oder noch besser: eigenen Gesetzen folgende Andersartige, manchmal auch Monströse, das mit so einer größeren Welt in Verbindung steht, genau das ist, was die beiden dazu bewogen hat, ihr Gruseldrama Das Waisenhaus in die Kinos zu bringen.

Das Unerklärliche erschreckt uns, oder wir verdrängen es. Zu wissen, dass etwas nicht unserem Erlernten unterliegt, irritiert und verstört: das ist der Motor einer Geistergeschichte. Genau so etwas ist Das Waisenhaus, jedoch von einer Art, die sich jenseits von Insidious, The Conjuring oder Annabelle nicht mit fiesen Dämonen herumschlägt, sondern das Paranormale ernst nimmt, von plakativem Horror absieht und dem Grusel, der diesem Paranormalen vorausgeht, auf den Grund gehen will. Was zum Vorschein kommt, ist meist nichts Glückliches, denn die Glücklichen sind anderswo und schleichen nicht durch irdische Gemäuer, weil sie irgendetwas nicht zu Ende bringen konnten, als Rest einer Energie, die hinter den Tapeten, knarzenden Dielen und verschlossenen Tapetentüren steckt.

Dass in diesem alten Waisenhaus, das die ehemalige Insassin Laura gemeinsam mit ihrer Familie beziehen und neu eröffnen will, irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht, wird ihr erst bewusst, als ihr an HIV erkrankter Adoptivsohn Simon plötzlich verschwindet. Haben dessen imaginäre Freunde etwas damit zu tun? Auf Zeichnungen hat Simon die sechs Kinder verewigt – eines davon hat einen Sack über dem Kopf. Was hat es mit diesen Visionen auf sich? Ist Lauras Sohn verrückt geworden? Ist es diese Einsamkeit hier draußen? Versteckt er sich? Rätselhaftes nimmt überhand, eine alte Frau taucht auf, geistert des Nächtens auf dem Grundstück herum. Und plötzlich steht der maskierte Junge da – ist es Simon? Laura beginnt zu recherchieren. Lässt ein Medium durch die Zeiten wandern. Und deckt eine Tragödie auf, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen.

Juan Antonio Bayonas Gruselfilm ist neben Alejandro Amenábars ähnlichem, genialem Spukwerk The Others das für mich bislang beeindruckendste Werk über paranormale Begebenheiten. Das Waisenhaus ist atmosphärisch, dramatisch, wie ein klassisches Schauerdrama, aber keineswegs altmodisch. Viel mehr erinnert es an Guillermo del Toros eigener, subtiler Geisterbegegnung The Devil’s Backbone. Bayona erzählt in düsteren, satten, gleichsam opulenten Bildern. Er erzeugt Gänsehaut, macht neugierig und Mut für das Andere, Unerklärliche. Die Angst vor dem Gespenstischen ist überwindbar, und es macht sich bezahlt, einen Schritt über vermeintlich unheilvolle Schatten zu springen, die offene Wunden offenbaren, die die Lebenden imstande sind zu heilen. Diese Prämisse macht diesen Film unendlich traurig, berührend. Und zu einem komplex erzählten Erlebnis im Kino des Übernatürlichen.

Das Waisenhaus

Rogue – Im falschen Revier

MACH MIR DIE TODESROLLE

5,5/10

 

rogue© 2007 Dimension Films

 

LAND: AUSTRALIEN 2007

REGIE: GREG MCLEAN

CAST: MICHAEL VARTAN, RADHA MITCHELL, SAM WORTHINGTON, MIA WASIKOWSKA, HEATHER MITCHELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Alligatoren kann man gut aus dem Weg gehen – in „Gatorland“ Florida sind sie Teil der natürlichen Infrastruktur. Für Kaimane weiter im Süden, im Pantanal zum Beispiel, muss man Bittgesuche einreichen, um die einzig verfügbare Straße durch den Sumpf zu nehmen. Auch kein Problem, die machen sich eben fauchend vom Acker, mehr tun sie aber nicht. In Australien sieht das ganze schon anders aus, denn die ums x-fache größeren Salzwasserkrokodile der Northern Territories, die legen schon die eine oder andere Strenge an den Tag. Australien ist tiertechnisch sowieso eine Klasse für sich. Gefühlt alles ist dort giftig oder gefährlich, selbst Känguruhs können boxen – die einzig harmlosen Zeitgenossen dürften Koalas sein. Und Wombats – allerdings durchwühlen die den Mist. Natürlich klar, dass die australische Filmwelt nichts unversucht lässt, Panzerechsen im Rahmen perfider Survival-Thriller zum Star zu machen. Wie zum Beispiel im Film Black Water über zwei Schwestern, die nach dem Kentern ihrer Nussschale im Geäst der Mangroven ums Überleben kämpfen müssen. Ein ordentlicher Reißer. Ein weiterer ist Rogue – Im falschen Revier. Auch hier kommen unbedarfte Touristen, denen stets die Attitüde der peinlichen Verletzlichkeit und der Unschuldsvermutung anhaftet, weil sie doch nur Touristen sind, zum Handkuss, während sie selbige verlieren.

Diesmal ist allerdings nicht der Mangrovensumpf Ort des blutigen Gelages, sondern eine kleine Insel inmitten eines Gezeitenkanals. Dorthin konnte sich nach Leckschlagen des Ausflugbootes eine Handvoll Leute retten. Großer Dank an den Tourguide, der, mit seinen Schützlingen im Schlepptau, einem Hilferuf per Leuchtpistole hat folgen müssen. Die drängende Frage: Warum nicht im Vorfeld all die Touristen an Land bringen und dann solo nach dem Rechten sehen? Keine Ahnung, jedenfalls hätten wir dann keinen Film. Was aber passiert ist, ist passiert. Und die Insel der Havarierten wird bald unter der hereinbrechenden Flut versinken, würden sie es nicht schaffen, ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen. Ein Wettlauf mit der Zeit und dem Krokodil beginnt, das eigentlich keinen Hunger hat, das eigentlich nur tierisch nervt, unerwarteten Besuch in seinem Territorium dulden zu müssen.

Rogue – Im falschen Revier ist ein ganz klassischer Wildlife-Slasher. Mit von der Partie sind einige bekannte Gesichter, die später mal in Blockbustern mitspielen werden, damals schrieben wir noch das Jahr 2007: Sam Worthington treibt sich als Motorboot-Macho herum, Mia „Alice“ Wasikowska darf um ihre Eltern bangen und Radha Mitchell weiß damals noch nicht, dass sie nach Silent Hill verschlagen wird. Der wirkliche Star auf dieser gesundheitsgefährdenden Bootsfahrt aber ist das Krokodil selbst: ein Meisterwerk der Mechatronik, aber nicht nur das: Sicherlich eine Kombination an sorgsam eingesetzten CGI-Animationen, echten Aufnahmen und eben einem 7-9 Meter langen Modell, dass so dermaßen echt agiert, als könnte man meinen, es tatsächlich mit einer Sternstunde der Reptiliendressur zu tun zu haben. Black Water also oder Rogue – Im falschen Revier? Erstgenannter ist raffinierter, weniger vorhersehbar, einfach fieser.

Rogue – Im falschen Revier ist immerhin ein kurzweiliges Drown-a-Human mit Todesrolle und subaquatischen Blutwolken, gesponsert vom Tourismusverband Down Under, der mit beeindruckenden Landschaftsaufnahmen die Gefährlichkeit der Fauna fast schon vergessen macht. Allerdings nur fast.

Rogue – Im falschen Revier

Black Water

OH WIE SO TRÜGERISCH

7/10

 

blackwater© 2007 The Australian Film Commission

 

LAND: AUSTRALIEN 2007

REGIE: ANDREW TRAUCKI, DAVID NERLICH

CAST: DIANA GLENN, MAEVE DERMODY, ANDY RODOREDA, BEN OXENBOULD U. A. 

 

Der Urlaub, die Tour, alles fällt ins Wasser. Balkonien liegt heuer zwangsläufig wieder im Trend. Gut, wenn man unlängst vor dem Lockdown noch die eine oder andere Fernreise hinter sich gebracht hat, da lässt sich natürlich noch ein Zeiterl über die Runden kommen. Es gibt aber auch Leute, die erinnern sich nur ungern an ihre Erlebnisse, die, egal wie lange sie womöglich schon zurückliegen, nur noch schlimmer werden. Ich selbst weiß noch nur zu gut, wie mir damals, vor knapp 20 Jahren, ordentlich die Muffe ging, als ich vor der Küste Sansibars fast ertrunken wäre. Andere haben Erlebnisse in petto, die sind so schrecklich, dass sie verfilmt werden müssen. Zum Beispiel jenes Erlebnis junger Urlauber im Norden Australiens, die während einer Boots- und Angeltour in die Sümpfe der Northern Territories Bekanntschaft mit einem Salzwasserkrokodil schließen mussten. Das war garantiert kein freundschaftliches Händeschütteln. Das war ein Fressen- und Gefressen werden, allerdings eher einseitig.

Salzwasserkrokodile, die sind schon ordentliche Kaliber. Da reichen Alligatoren und Kaimane maximal als Mundschenk, obwohl auch die durchaus stattliche Ausmaße erreichen können. Aber so ein Salzwasserkrokodil, sowieso gefährdet und meist auf irgendwelchen Krokfarmen zur Schau gestellt, weiß zumindest in diesem australischen Abenteuer-Slasher nur zu gut, wer es eigentlich auf seine Spezies abgesehen hat. Und beschließt, nicht nur ordentlich zu frühstücken, sondern auch mal ein bisschen den Racheengel zu spielen. Black Water nennt sich dieser knapp 85minütige, bereits schon 13 Jahre alte Reißer aus Down Under. Faustdick hinter den Ohren hat er´s aber immer noch. Drei Urlauber – ein Ehepaar und die Schwägerin – finden sich alsbald auf einer Mangrove wieder, können weder vor noch zurück, unter ihnen Wasser, soweit das Auge reicht, und das Boot, kieloben treibend. Was also tun in so einer Situation, wenn erstens mal kein Trinkwasser vorhanden ist, die Moskitos quälen und Handys zu lange gebadet haben? Beten wäre eine Lösung. Was auch getan wird. Oder einfach allen Mut zusammennehmen und dem Untier trotzen. Was auch getan wird, wobei das Reptil deutlich im Vorteil sein wird – im Heimvorteil sozusagen, weil: My swamp is my castle.

Vergesst Alexandro Ajas Crawl, der vor nicht allzu langer Zeit bei uns im Kino lief. Gegen Black Water ist der Streifen rund um einen Hurrikan in Florida und wild gewordenen Alligatoren, die sich durch Kellerluken zwängen, ein zwar solider, aber vorhersehbarer Versuch, die Bestie bedrohlich genug ins Bild zu rücken. In Black Water, im Gegensatz zu Crawl natürlich ein astreines Low Budget-Movie, geht das Duo Andrew Traucki und David Neulich die Sache etwas anders an: sie verlassen sich auf die allseits bekannte Prämisse mit dem Teufel: einfach mal annehmen, es gäbe ihn gar nicht. Was aber noch sein könnte, wäre filmen nach Vorbild: nämlich Ridley Scott und sein Alien-Original. Das Wesen aus dem All ist nur am Ende des Films so richtig zu sehen. Die Spannung resultiert daraus, eben nicht zu wissen, wo das Monster anfängt und wo es aufhört, und überhaupt, ob und wo es sich befindet. Im Film der beiden Australier haben wir es mit ähnlichen Finten zu tun – die Bedrohung ist gleichzeitig überall und nirgends. Das schwarze, trübe, sich sanft kräuselnde, ungemein lebendige Gewässer lässt die Bestie auf abstrakte Weise jeden Winkel der Botanik einnehmen. Black Water macht auf raffinierte Weise jedes kleine Luftbläschen auf der Wasserfläche zum Feind, das Spiel mit den Lichtreflexen auf den plätschernden Wellen ist besser als jedes CGI. Wie ein Survivalthriller eben alle Stückchen spielen kann, ohne groß budgetiert zu sein, das zeigt diese kleine, garstige Version des Kinderliedes „Affen auf dem Baum“ zwischen Blut, Schlamm, Hitze und trügerischer Ruhe. Wenn einer eine Reise tut, und das noch überlebt, dann hat er was zu erzählen – in diesem Fall am liebsten dem Therapeuten.

Black Water