Paper Tiger (2026)

SCHATTEN IN URBANEN NÄCHTEN

7/10


Miles Teller in Paper Tiger von James Gray
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: USA, BRASILIEN, ITALIEN 2026

REGIE / DREHBUCH: JAMES GRAY

KAMERA: JOAQUIN BACA-ASAY

CAST: MILES TELLER, ADAM DRIVER, SCARLETT JOHANSSON, CINDY KATZ, GAVIN GOUDEY, ROMAN ENGEL, PATRICK MURNEY, YAVOR VESSELINOV, VICTOR PTAK U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN



Diese Szene wird mir als neoexpressionistischer Impuls in einer völlig digitalisierten Zeit wohl länger im Gedächtnis bleiben: Fremde dringen in das Haus von Miles Teller und seiner Familie ein, wir hören anfangs nur Geräusche, Teller schreckt hoch, schleicht den Flur im oberen Stockwerk entlang. Er greift sich in Ermangelung einer Schusswaffe die Spielzeugflinte seines Sohnes, blickt die Treppe hinunter. Dort hört er Stimmen in russischer Sprache, das Verrücken von Möbeln. Im Widerschein der Taschenlampen ein Schatten an der Wand. Miles Teller ruft, sie sollen verschwinden – die dunkle Silhouette wird monströser, verharrt. Teller erstarrt ebenfalls, die Flinte als schwarzes Abbild an der Wand. Für einige Sekunden verharrt das Bild und verbreitet Angst und Schrecken.

Vor einem Flugzeug davonlaufen

James Gray setzt Akzente für eine Art von Thriller, wie man sie vielleicht schon in Orson Welles‘ Im Zeichen des Bösen gesehen hat. Sie dienen zur Widerspiegelung einer Ohnmacht, die James Stewart oder Cary Grant in Alfred Hitchcocks Filmen gegenüber einem schwer zu fassenden Aggressor, der sich über einen Normalbürger hermacht, empfunden haben mussten.

Teller läuft zwar nicht vor einem Flugzeug davon, wohlwissend, dass er sowieso keine Chance hätte, sondern vor einem nachtschwarzen, amorphen Albtraum, den das organisierte Verbrechen als Schattenwurf hinterlässt. Er selbst kann sich mit nichts verteidigen, er ist wie die gesunde Zelle eines Krebsgeschwüres, die keine Chance hat, der malignen Wucherung beizukommen. James Gray spiegelt diese Krankheit in einem urbanen System wider und setzt dieses in eine Zeit zurück, in der die Supermächte im Kalten Krieg lagen. Russland ist da Feindbild Nummer eins, und der Versuch des aufrechten Geschäftsmannes, den Adam Driver darstellt, eine Metaebene zu schaffen, die den Konflikt außen vor lassen soll, scheitert daran, dass andere das Sagen haben, nur nicht er.

Ein Erbe des New Hollywood 

James Gray zeigt stets, bis auf wenige Ausnahmen – wobei vielleicht sein wohl optimistischster Film Zeiten des Umbruchs die einzige darstellt – das Scheitern einer angestrebten Ordnung, die Vernichtung eines Märchens vom Wohlstand. Seine Art des Film Noir, in der Weltkriegsängste wohl nicht zu kurz kommen, hält das New Hollywood eines Martin Scorsese, Paul Schrader, William Friedkin oder Sidney Lumet am Leben. Er entzieht sich kinematografischen Trends, filmt analog und beherrscht dabei den urbanen Realismus, als wäre er von vornherein schon mit dabei gewesen, als die stilistische Zäsur in den Kinos stattfand. Doch besser ist es wohl, wenn man feststellt, aus der alten Schule so gut gelernt zu haben, dass man zumindest genauso gut wird wie die alten Meister. James Gray ist das mit Paper Tiger so gut wie gelungen.

Bekannte Gesichter blicken verzweifelt

Der Filmemacher schart hier ein kleines Staraufgebot um sich, zu dem auch Scarlett Johansson gehört, die mit blonder Dauerwelle eine konservative und zugleich doch progressive Mutterfigur gibt. Auch sie, so stellt sich heraus, ist im Laufe des sich zuspitzenden Eskalationsthrillers von Krankheit gezeichnet – sie spiegelt auf menschlicher Ebene die irreversible Erkrankung eines ganzen Gesellschaftssystems wider.

Dabei hat alles so vielversprechend ausgesehen, als Miles Tellers Filmbruder Adam Driver das Geschäft ihres Lebens an Land zieht. Der Kunde ist aber Teil der russischen Mafia, in deren Mühlen Teller und seine Familie geraten. Adam Driver als einer, der als Ex-Bulle so seine Beziehungen hat, versucht, seine Liebsten schadlos zu halten. Doch angesichts einer Bedrohung, die James Gray so messerscharf modelliert, dass die Unerbittlichkeit der Übermacht selbst dem Publikum regelrecht Angst einjagt, wird die Welt niemals eine ideale. Selbst am Ende versucht sich Gray in einem kultverdächtig scheinenden Showdown im Maisfeld – fast schon zu herausfordernd schulmeisterlich, direkt etwas kitschig.

Mit der Prämisse eines sinnlosen Aufbäumens flüstert Gray eine düstere Ballade in selten manieristischem Retro-Look ins Ohr bekennender Kino-Nostalgiker, die Filmkunst eben wirklich noch von Können ableiten, wie es das Handwerk erfordert.

Paper Tiger (2026)

Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

ZWISCHEN DEN KLASSEN EIN STERBENDER SCHWAN

7/10


Isaac Hernández und Jessica Chastain haben eine Beziehung in Dreams – Gefährliches Verlangen
© 2026 Panda Filmverleih


LAND / JAHR: MEXIKO 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: JESSICA CHASTAIN, ISAAC HERNÁNDEZ, RUPERT FRIEND, MARSHALL BELL, ELIGIO MELÉNDEZ, MERCEDES HERNÁNDEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Am Ende wird alles gut…

Es gibt wirklich wenige Filmemacherinnen und Filmemacher, die den Mut und die Beharrlichkeit haben, ihren Geschichten, die sie erzählen, das entsprechend konsequente Ende zu geben – eben jene Konklusio, die unweigerlich kommen muss, wenn es darum geht, das Gezeigte als markerschütternd böses Gleichnis für einen Missstand zu instrumentalisieren.

Im Falle des Michel Franco lässt sich davon ausgehen, dass er wohl niemals irgendeinen Film machen wird, der einem das gute Gefühl gibt, alles käme in Ordnung, geschweige denn die Gewissheit, dass im Grunde alles einem wohlgefallenen Ende zustreben muss, denn die Welt ist ja schließlich so aufgebaut.

… und wird es das nicht, ist es trotzdem das Ende

Bei Michel Franco ist sie das nicht. Der Mexikaner kann mit dieser Naivität, die im Kino als Kompromiss in der Handlung auf seufzende Akzeptanz stößt, reichlich wenig anfangen. Und setzt stattdessen auf Radikalität.

Mit seinem Debütspielfilm New Order – Die neue Weltordnung macht er 2020 die Filmwelt auf sich aufmerksam – und verstört sie gleichermaßen. Seine erschütternde Chronik eines Volksaufstandes, der letztlich in einer Militärdiktatur mündet, zieht einem auf grimmige und kompromisslose Weise den Boden unter den Füßen weg.

Seine dahingleitende, rätselhafte Psychostudie Sundown mit Tim Roth ist auf versöhnliche Weise weniger destruktiv, während mit Memory erstmals Jessica Chastain aufspielt und vielleicht schon als Francos Muse gilt. Kann man das bei zwei Filmen schon sagen? Ich vermute es.

Die knisternde Exotik einer Liaison

Im neuen Werk Dreams – Gefährliches Verlangen, was dank der deutschsprachigen Untertitelvergabe eher nach schwülstigem Erotikthriller klingt, macht Chastain wieder das, was sie am besten kann: Die schicke Unterkühlte mimen, die mit der nötigen Distanz ihrem sozialen Umfeld begegnet und für die stinkreiche Familie, die eine Stiftung verwaltet, unbedingt und immer funktionieren muss. Da diese Stiftung soziales Engagement zeigt und unter anderem auch in Mexiko diverse Projekte unterstützt, lernt Jennifer McCarthy den Tänzer Fernando kennen. Und nicht nur das: auch lieben.

Es knistert gewaltig, wobei man diese Liaison erst im Nachhinein zu greifen bekommt, denn Franco beginnt seine Geschichte mit dem bestürzenden Prozedere einer illegalen Migration. In San Francisco treffen dann die beiden aufeinander – und nichts entwickelt sich so, wie der von Illusionen und eben Träumen gepushte Fernando die Dinge haben will.

Als sich Jennifer nicht zu ihrem Dritte-Welt-Lover bekennen will und ihn auch vor ihrer Familie verheimlicht, da sie weiß, das kommt nicht gut an, geraten die Dinge aus dem Ruder. Dreams entwickelt sich zum Beziehungsthriller, der aber kein Interesse hat, an der Oberfläche herumzustochern und lediglich den Spannungsbogen zwischen Begehren und Blowjob zu bedienen.

Gehen wir lieber auf Distanz

Tatsächlich hat Francos Film zumindest in den ersten zwei Dritteln gehörige Längen. Hinzu kommt Francos distanzierte Art, zu filmen. Seine Bilder erinnern hier an Michael Hanekes Stil, selten geraten Kamera und Ensemble in Berührung. Der Beobachter soll keinen Einfluss nehmen auf das Geschehen, das wie aus einem versteckten Winkel heraus verfolgt wird.

Haneke selbst hat sich auch nie dazu durchgerungen, den Gesichtern vor der Kamera mehr Aufmerksamkeit zu schenken als für die Handlung erforderlich. Weg von der garantierten Wahrnehmung des Stars, hin zu deutlich relevanteren Themen, wie zum Beispiel jenem der Klassengesellschaft, die sich heillos in Doppelmoral und Heuchelei verliert.

Von oben herab

Mit Dreams – Gefährliches Verlangen wird Michel Franco wieder so richtig pessimistisch. Ganz Wohlstandsamerika entlarvt sich selbst in selektivem Rassismus, getarnt durch eine soziale, multikulturelle Agenda.

Die Anklage sitzt, und sie enttarnt den Gutmenschen alleine in seinem Modus Operandi, ohne die Elite vorzuführen wie Karim Aïnouz in seiner auf völlig andere Weise destruktive Groteske Rosebush Pruning. Was dort als Plakativität belächelt wird, findet hier den ganz normalen Machtmissbrauch – darin eingebettet eine sexuell aufgeladene Romanze, die aufgrund von Vorbehalten, Klischees und Abhängigkeit unter Schmerzen scheitern muss.

Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

Nanny (2022)

DIE KINDER ANDERER LEUTE

5/10


nanny© 2022 Amazon Studios


LAND / JAHR: USA 2022

DREHBUCH / REGIE: NIKYATU JUSU

CAST: ANNA DIOP, ROSE DECKER, MICHELLE MONAGHAN, MORGAN SPECTOR, LESLIE UGGAMS, SINQUA WALLS, OLAMIDE CANDIDE-JOHNSON, JAHLEEL KAMARA U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Eine Kinoauswertung für diesen Film gab’s trotz Prämierung keine: Kaum bei den Sundance Filmfestspielen gewonnen, landete zumindest hier in Europa das metaphysische Drama Nanny direkt auf amazon prime – Netflix war da wohl nicht schnell genug. Wäre es aber schade darum gewesen, wenn Nanny sang- und klanglos im Nirvana festival-existenter Independent-Produktionen verschwunden wäre? Man kann auf solche Fragen nicht wirklich eine Antwort geben. Jedes filmische Kunstwerk sollte die Chance haben, für ein größeres Publikum ausgewertet zu werden. Schließlich steckt da eine Idee dahinter, schließlich sind hier Wochen, Monate, wenn nicht gar Jahre investiert worden, um eine Geschichte zu erzählen, die noch dazu filmtechnisch State of the Art sein will.

Nikyatu Jusu erzählt schließlich nicht irgendeine Geschichte. Sie kurbelt schließlich keinen Wühlkorb-Reißer herunter, sondern bringt eine ordentliche Meta-Ebene mit in ihr Projekt. Da Jusu selbst afrikanischer Herkunft ist, in Atlanta allerdings geboren wurde, ist naheliegend, dass sie weiß, wovon sie geschrieben hat. Und das fast ein ganzes Jahrzehnt lang, immer wieder, bis ihr Skript auf die Blacklist der besten noch nicht verfilmten Drehbücher kam. Dann aber war’s so weit. Und ein Film mit so viel Herzblut, den darf man ganz einfach nicht irgendwo abstellen. Der hätte ins Kino kommen sollen, und er hätte geteilte Meinungen über ihn sicher gut vertragen. Denn das Konzept hinter Nanny ist zweifelsohne spannend, die Umsetzung selbst hat mich nicht ganz so überzeugt. Doch das werden andere sicher anders sehen. Wie gesagt: Filmkunst ist subjektiv. Und ja, so gesehen wäre es schade darum gewesen, wenn sich keiner der Streamer diesem Werk angenommen hätte.

Im Zentrum des genreübergreifenden Dramas steht Anna Diop als Senegalesin Aisha, die bei ihrer Tante wohnt und nicht nur als Fremdsprachenlehrerin, sondern in ihrer freien Zeit noch als Kindermädchen arbeitet. Warum sie sich keinerlei Verschnaufpause gönnt? Um ihren kleinen Sohn Malik in die Vereinigten Staaten zu holen, braucht es jede Menge Kapital. Das lässt sich nur dann lukrieren, wenn neureiche Familien mit liberaler Einstellung jemanden wie Aisha einzustellen gedenken. In diesem Fall sind es Amy und Adam (Michelle Monaghan und Morgan Spector), die eine kleine Tochter haben, womöglich in dem Alter wie Aishas Nachwuchs. Bevor also das eigene Fleisch und Blut umsorgt werden kann, kommen die Kinder anderer Leute in den Genuss von Aishas betreuerischer Kompetenz. Nur leider ist das Ehepaar zwar begeistert von deren Arbeit, andererseits erliegen sie der Versuchung, jemanden Angewiesenen wie sie auch gehörig auszunutzen, während die Bezahlung vieler Stunden auf sich warten lässt. Dann wird auch noch der Ehemann übergriffig und zu allem Übel plagen Aisha Erscheinungen westafrikanischer Mythen, allen voran der Wassergeist Mami Wata und Anansi, der als Spinne manifestierte Gott des Schabernacks, die ihr seltsame Botschaften übermitteln, die wiederum mit dem Ertrinken zu tun haben.

Der als Horrorfilm beworbene Film ist natürlich nur bedingt diesem Genre zuzuordnen. Die Sorge, sich bei dessen Sichtung zu erschrecken, ist eher unbegründet – viel mehr aber ist die Stimmung darin eine bedrückende. Nanny braucht lange, um in die Gänge zu kommen und erzählt etwas zu behutsam und zögerlich von den Hoffnungen immigrierter Afrikaner, die sich in den Staaten die große Chance erhoffen. So schwer, wie diese Träume in die Realität umzusetzen sind, so sehr stemmt sich der Film gegen eine entgegengesetzte Strömung. Was Jusu vielleicht niemals wollte, ist, hier zu sehr in eine angstmachende Metaphysik zu kippen. Da ist es wohl besser, sich zurückzunehmen, und nur immer wieder mal die Heimsuchung aus anderen Welten einzustreuen. Durch diese gestrenge Selbstzügelung kann Nanny nicht die Wucht ihres Potenzials ausspielen. Die einnehmende Erscheinung Anna Diops reicht dann leider nicht aus, um sich mit dem Strom eines zu erwarteten Schicksals mitreißen zu lassen.

Nanny (2022)