Die reichste Frau der Welt (2025)

DER GÖNNERHAFTE GLEICHMUT EINER DIVA

4/10


Isabelle Huppert und Pierre Lafitte im Film Die reichste Frau der Welt
© 2026 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: THIERRY KLIFA

DREHBUCH: THIERRY KLIFA, CÉDRIC ANGER, JACQUES FIESCHI

CAST: ISABELLE HUPPERT, LAURENT LAFITTE, MARINA FOÏS, RAPHAËL PERSONNAZ, ANDRÉ MARCON, MATHIEU DEMY, JOSEPH OLIVENNES, MICHA LESCOT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Isabelle Huppert mag vielleicht, neben Catherine Deneuve und Juliette Binoche, wirklich zu einer der reichsten Frauen zumindest Frankreichs gehören. Bei dieser Ausdauer kann schon einiges an Kapital zusammenkommen, denn Mrs. Huppert hält sich wacker seit den Anfängen der Siebziger – sie ist , so könnte man es fast bezeichnen, der Rolling Stone unter den Akteurinnen. Und was ihr dabei zugute kommt, ist folgendes Phänomen: Sie altert nicht.

Die Serviette des Picasso

Bei einer fast schon sechzigjährigen Karriere kann es allerdings passieren und der Ehrgeiz, sich schauspielerisch nochmal neu zu entdecken, sei anderen Künstlerinnen gegönnt. Sicher nicht mehr Isabelle Huppert, denn schließlich muss sie längst nichts mehr beweisen. Als womöglich unkomplizierter Star gerne gefragt, schüttelt sie wohl ihre Routine aus dem Ärmel wie Picasso, der – wir alle kenne die Anekdote – für ein Gekritzel auf einer Tischserviette Millionen verlangen konnte.

Die Made im Speck

Apropos Millionen: Davon hat Hupperts Figur der Marianne Ferrere jede Menge. Und zwar so viele, dass sie eben als reichste Frau der Welt gilt, dank einer Kosmetikkette, die wie Red Bull ihren globalen Absatz findet. Doch irgendwie ist neben all dem materiellen Elysium irgendetwas im Argen. Die Lust am Leben weicht einer depressiven Stimmung, die Leute wohl befällt, die nichts mehr erreichen müssen.

Wie gerufen kommt da die Anfrage eines Establishment-Journals für ein Interview – inklusive Fotoshooting. Dieses darf der windige Alleskönner Pierre-Alain Fantine absolvieren, einer nicht nur mit dem Talent für das Lichtbild, sondern auch, andere, die vielleicht bedürftig nach etwas mehr Abwechslung sind, um den Finger zu wickeln. Fantin ist letztlich ein Hochstapler – einer, der mit lautem Auftreten und vulgärem Vokabular das konservative Dasein dieser älteren, aber nimmermüden Dame umkrempelt und für sich beansprucht. Fantin wird zur Made im Speck, eine Zeit lang sieht die Familie dabei zu, bevor auch ihnen die Hutschnur reisst.

Wir wollen niemanden beim Namen nennen

So ganz verfolgt hatte ich die Affäre rund um die L’oreal-Erbin Bettencourt, die in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends Frankreich erschüttert hat, leider nicht. Denn hätte ich das, wären mir all die Parallelen des Films von Thierry Klifa sofort aufgefallen.

Auch im realen Fall spielt ein Fotograf die Erbschleicher-Rolle, illegale Spenden an politische Parteien und die Klage der eigenen Tochter sind nur einige Fakten, die auch im Film wiederkehren. Das alles ist streng genommen und unterm Strich ein wohl erdrutschartiges Drama, die Destruktion einer Familie und ein Pamphlet über die Schande des Reichtums.

Über den Ernst der Lage hinweglächelnd

Herausgekommen ist eine halbgare Sache, eine enervierende Dramödie, die sich so anfühlt, als wäre sie vergnügliches Zerstreuungskino. Nicht unwesentlich daran beteiligt mag die gehetzte Tonalität sein, die man aus den Komödien eines Louis de Funès oder mittlerweile Christian Clavier kennt, der ja immer noch den Eindruck vermitteln will, so gut zu sein wie der Gendarm von Saint Tropez.

Helles Licht, französischer Strand und ein Kommen und Gehen prägen den Rhythmus. Als Zwillingsfels in der Brandung sind Diva Isabelle Huppert und Laurent Lafitte zu sehen, frei nach dem Motto: Kennt man eine Szene, kennt man alle. Ein Fehler? Durchaus.

Huppert scheint den Eindruck zu vermitteln, ihrer Rolle wohl kaum mit Ehrgeiz begegnen zu müssen. Ihre Mimik ist immer die gleiche, ihr Schmunzeln ebenso. Keine Trauer, kein Ärger, keine Freude – Gefühlswelten, die Die reichste Frau der Welt allerdings verlangt, die von Huppert aber mit einer gönnerhaften Gleichform interpretiert werden. Auf der anderen Seite Laurent Lafitte (beide kennen  sich aus Paul Verhoevens Elle) – immer gleich aufgekratzt, immer gleich vulgär, immer gleich überheblich grinsend.

Seinen Untergang nimmt er mit Lippenbekenntnissen, beiden sind ihre Rollen zu voluminös, während Thierry Klifa an der auf mehreren Ebenen komplexen Dramatik des Stoffes unweigerlich scheitert.

Die reichste Frau der Welt (2025)

Verlorene Illusionen (2021)

DIE INFLUENCER VON DAMALS

7/10


verloreneillusionen© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: XAVIER GIANNOLI

DREHBUCH: XAVIER GIANNOLI & JACQUES FIESCHI, NACH DEM ROMAN VON HONORÉ DE BALZAC

CAST: BENJAMIN VOISIN, CÉCILE DE FRANCE, VINCENT LACOSTE, XAVIER DOLAN, SALOMÉ DEWAELS, JEANNE BALIBAR, GÉRARD DEPARDIEU, ANDRÉ MARCON U. A.

LÄNGE: 2 STD 24 MIN


Honoré de Balzac hat es schon immer gewusst. Und wir – wir wissen das auch nicht erst seit Inseratenaffären, Chat-Nachrichten und sympathisierenden oder antipathierenden Zeitungsartikeln, die die einen pushen und die anderen fallen lassen. Wer Geld hat, schafft an. Und hat das, soweit man zurückblickt, so schon immer praktiziert. In der Verfilmung des Romans Verlorene Illusionen aus dem neunzehnten Jahrhundert und geschrieben von niemand geringerem als Honoré de Balzac, gibt es keine Untersuchungsausschüsse oder Gerichtsverhandlungen wegen falscher Aussagen. Es gibt keine Prozesse wegen Rufschädigung oder übler Nachrede. In diesem Sündenpfuhl namens Paris ist niemandem, der Einfluss hat, auch nur irgendetwas heilig. Wer den Schaden hat, hat den Spott, wer die richtigen Beziehungen, der kann sich so lange hofieren lassen, bis andere mehr bieten, bessere Beziehungen haben oder einfach die schiere spitzbübische Freude daran finden, ohne Rücksicht auf Verluste die Gesellschaft nach Gutdünken zu manipulieren, bis nicht mehr erkennbar scheint, was eigentlich dessen Meinung war.

In dieses freie Spiel der Kräfte, in diesen Ring, in dem jeder gegen jeden kämpft, Bündnisse schließt, um sie wieder zu brechen – in diese Urgewalten aus Einfluss und Redefluss wirft sich der junge, noch nicht sehr wohlhabende Dichter und Schreiberling Lucien (Benjamin Voisin) dank der gönnerhaften Verliebtheit seiner Mäzenin Louise de Bargeton (Cécile de France), die, und das darf keiner wissen, mit dem knackigen Feschak längst eine Liaison hat. Im frühen 19. Jahrhundert können amouröse Verbindungen zwischen unterschiedlichen Klassen das Gefälle im Ansehen nicht überwinden, und da Louise de Bargeton keine Lust auf jedwede Ächtung hat, bleibt das Gspusi geheim. Wie Felix Krull, der vorgab, etwas zu sein, was er nicht hat, stehen Lucien dank seiner Mäzenin manche Türen offen, um in der Haute Volée mitzumischen. Bald wird bekannt, dass der Möchtegern-Literat weniger mit seinen sperrigen Gedichten auf sich aufmerksam macht, als vielmehr mit seiner spitzen Feder, die tief in die süffisante Polemik taucht, um Snobs und VIPs zu diskreditieren. Die Zeitungen sehen sowas gerne, die Leserschaft zerreißt sich die Mäuler, der Content wird zum Gesprächsstoff – und Lucien wird bald ganz oben angekommen sein. Was einen dort oben erwartet, ist erstens von kurzer Dauer und zweitens aus fast jeder moralischen Erzählung wie das Amen im Gebet: Wer hoch steigt, wird tief fallen. Und bald nutzen ihm all seine Beziehungen nichts mehr, nicht mal die mit dem resoluten Verleger Dauriat, dem Gerard Depardieu im wahrsten Sinne des Wortes Gewicht verleiht.

Eine gewisse opulente Schwere kann man Xavier Giannolis Schicksalsschwarte von einem Film auch nicht wirklich absprechen. Statt gekleckert wird geklotzt, es biegen sich die gebohnerten Parkettböden in schmucken Hallen unter der Last des fein rausgeputzten Wer-bin-ich-wer-war-ich-Establishments, es trägt Benjamin Voisin als Lucien sein für die Öffentlichkeit erdachtes Ich zur Schau, als gäbe es kein Morgen mehr. Jenseits dieser Herrenhäuser und Prunkräume wird die Hauptstadt Frankreichs zu einem alle Werte über Bord werfenden Sodom und Gomorrha der Influencer und Follower von anno dazumal, zu einer geschichtlichen Anti-Nostalgie in üppigen Bildern, bei der man mit Erschrecken – obwohl man es längst gewusst hat – feststellt, dass die Welt niemals anders war. Dass seit jeher Meinungen gemacht wurden, Fake News verbreitet und Verlierer, die aus irgendwelchen Gründen auch immer plötzlich büßen müssen, durch den Dreck gezogen werden. Einen fast schon investigativen Gesellschaftsroman hat Balzac da geschrieben, Giannoli tischt uns die entsprechenden Bilder dazu auf, zusammengepresst auf ohnehin noch zweieinhalb Stunden, und dennoch zum Bersten voll mit Intrigen, Begehrlichkeiten und gnadenlosem Anarcho-Kapitalismus, der das ganze Räderwerk erst zum Laufen bringt. Es läuft bis heute.

Verlorene Illusionen (2021)

Die Tanzenden

EINE FLOG ÜBERS KUCKUCKSNEST

5,5/10


dietanzenden© 2021 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: MÉLANIE LAURENT

CAST: LOU DE LAÂGE, MÉLANIE LAURENT, EMMANUELLE BERCOT, BENJAMIN VOISIN, CÉDRIC KHAN, MARTINE CHEVALLIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


In der Comicverfilmung The Umbrella Academy beherrscht einer des mit ungewöhnlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ensembles an Weltrettern die Gabe, mit den Toten zu kommunizieren. Haley Joel Osment konnte das in The Sixth Sense ebenfalls mit Bravour. Ende des neunzehnten Jahrhunderts wäre das allerdings ein Fall für die Klapsmühle gewesen. Im französischen Roman Le bal des folles von Victoria Mas hadert eine junge, unverheiratete Dame ebenfalls mit so einem paranormalen Benefit. Eugénie kann die Toten hören und mitunter auch sehen. Sie spürt ihre Anwesenheit und behält den Umstand natürlich lange für sich. Bis es einmal so weit kommt, und Eugénie ihre Fähigkeiten dafür nutzt, ein lange verloren geglaubtes Erbstück der Familie wiederzufinden. Den Hinweis hat sie von ihrem toten Opa.

Mehr hat Eugénie nicht gebraucht – ihrem Vater platzt bei so viel Mysterium der Kragen und so steckt dieser die Tochter kurzerhand in eine Heilanstalt für psychisch erkrankte Frauen, von denen maximal eine Handvoll der Internierten wirklich pathologische Gründe für ihr Dasein hat. Das weiß auch Krankenschwester Geneviève (Mélanie Laurent), die trotz anfänglich gewahrter Distanz Eugénie immer näherkommt, sich bald von ihrer tatsächlichen Gabe überzeugen kann und darauffolgend ihre Flucht plant.

Mélanie Laurent, international bekannt geworden mit Quentin Tarantinos Inglourious Basterds, ist mit Herzblut nicht nur als Schauspielerin beim Film, sondern längst auch schon als Regisseurin. Ihr Roadmovie Galveston mit Ben Foster zum Beispiel ist dabei zwar kein Meisterwerk, aber immerhin eine achtbare Arbeit geworden, die gesellschaftlichen Außenseitern als melancholisch-traurige Ballade begegnet. Auch ihre Literaturverfilmung unter dem Titel Die Tanzenden widmet sich geheimnisvollen Randfiguren, die im Normalfall und in Zeiten wie diesen keinerlei Rückhalt hätten. In einem Filmdrama mit Metaebene darf vor allem die Rolle der Frau und ihre Streben nach Selbstbestimmung nicht ohne dramaturgisch konstruierte Unterstützung einfach so verhallen. Den Widerstand gegen die soziale Ordnung beschreibt Laurent, in dem sie weit ausholt und in langsamem Rhythmus einen womöglich auch nicht gerade seitenarme Buchvorlage beschreibt, die über weite Passagen hinweg eher durch seine konventionelle Erzählweise ermüdet als fasziniert. Einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Behäbigkeit des Historiendramas leistet Schauspielerin Lou de Laâge, welche die paranormal begabte Eugénie verkörpert, die emotionale Gewichtigkeit ihrer Rolle aber nur selten stemmen kann. Verzweiflung, Panik, Angst: alles nur scheinbar. Nähe zum Publikum findet die Französin keine. Da kann Laurent selbst als Co-Star wohl auf authentischere Weise ihrer Rolle entsprechen.

Leicht ist die feministische Vorlage sicher nicht. Vielleicht gar eine Nummer zu groß. Das Zeitkolorit, Kostüme und genug Spielraum zur Beobachtung damaliger Umstände in einer Nervenklinik faszinieren aber dennoch. Fast scheint es, als wäre Eugénie ein Pendant zu Nicholsons MacMurphy in Einer flog übers Kuckucksnest – als nonkonformer Rebell, der sich gegen den erduldeten Starrsinn eines Systems auflehnt. In Die Tanzenden geht’s pittoresker zu – dafür bleibt die Metapher eines ausgemachten Endgegners zu wenig präzise, wenn nicht gar eher klischeehaft umrissen.

Die Tanzenden