Der verlorene Sohn

SEELENGEISSELN MIT DEM BIBELGÜRTEL

6,5/1

 

BOY ERASED© 2018 Kyle Kaplan / Focus Features

 

ORIGINALTITEL: BOY ERASED

LAND: USA 2018

REGIE: JOEL EDGERTON

CAST: LUCAS HEDGES, NICOLE KIDMAN, RUSSEL CROWE, JOEL EDGERTON U. A.

 

Der liebe Gott will das alles gar nicht. Nicht diese Qual, nicht diese Verzweiflung. Menschen, die im mehrere Bundesstaaten umfassenden Biblebelt ihre Homosexualität entdecken, können sich glücklich schätzen, wenn es keiner merkt. Denn gleichgeschlechtliche Liebe, die ist im Südosten der USA etwas, das für all die anderen frommen Gläubigen nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Da muss die mittelalterliche Ahnung einer manipulativen Finsternis herhalten, die sich im Hexenwahn Europas und in der Manifestation des Teufels in den Dingen des Alltags schon Jahrhunderte zuvor austoben konnte, zum Leidwesen tausender unschuldiger Opfer. Erschreckend, dass sich diese Auslegung der heiligen Schrift im Pietismus der evangelikalen Kirche in zwar gesitteter, aber nicht weniger grausamen Form erhalten hat. Denn Homosexualität ist nichts, was den lieben Gott sauer aufstößt. Sondern Teil einer komplexen Biologie, die weder umgepolt, noch verdrängt, noch weggebetet werden kann.

Diese Erkenntnis hat der 19jährige Jared nach seinem Austreibungsseminar allerdings auch erlangt. Und noch etwas ist ihm klar geworden: Das die Reparativtherapie des bigotten (ebenfalls homosexuellen) Seminarleiters Victor Sykes nichts anderes als sektiererische Gehirnwäsche sein kann, in der Schwule und Lesben Sünden bekennen müssen, die sie bei Gott nicht getan haben. Schon wieder Gott, obwohl Vater unser in Joel Edgertons Film nur lediglich namentlich erwähnt wird – und sich ganz weit entfernt hat von Menschen, die die Weisheit mit dem letzten Abendmahl gegessen und keine Ahnung davon haben, wie das Wesen Mensch überhaupt funktioniert. Das sind auch die, die womöglich daran glauben, dass unsere Welt erst 6000 Jahre alt ist. So einem Schwachsinn sind junge Menschen wie Jared ausgeliefert. In Person des eigenen Vaters (schwerfällig: Russel Crowe), Victor Sykes und der Gesellschaft eines ahnungslos intoleranten Glaubens. Denn Glauben heißt doch nichts wissen. Und weiß man einmal mehr, ist man verdächtig. Jared, der fügt sich erstmal, macht gute Miene zum beschämenden Spiel. Und findet sich im Laufe des therapeutischen Programms in einem zermürbenden Umfeld aus Erniedrigung und den Abnötigungen absurder Geständnisse wieder. Und irgendwie, so erscheint es mir, gibt es Szenen in diesem auf wahren Begebenheiten beruhenden Drama, die mich an Stanley Kubricks Antikriegsfilm Full Metal Jacket erinnern. Auch in dieser seelenbrechenden Vorhölle haben Bestimmer jungen Menschen deren Identität geraubt – zwar nicht ihre sexuelle, aber sonst den ganzen Rest. Die Ideale, die nach diesem Flächenbrand zurückbleiben, sind jene, die zur erfolgreichen Vernichtung des anderen führen, und die bereits im Drill der Kadetten ihren Anfang nimmt. Da wie dort gibt es manche, die der psychischen Geißelung nicht standhalten können. Und bevor es zu spät ist, zieht Jared die Reißleine.

Joel Edgerton, der neben der Regie auch die Rolle des jovial-durchtriebenen Reparativtherapeuten übernommen hat, ist natürlich nicht ganz so gnadenlos perfide wie „Sergeant Hartmann“ R. Lee Ermey, aber jemand, dessen bekehrender Eifer Angst macht. Klar führt diese fragwürdige Indoktrinierung in einer Institution, die es nur gut für sich selbst meint, Erfolg maximal zur Leugnung von einem selbst. Das mitanzusehen, ist keine erquickende Bibelrunde zur Festigung der Gemeinde, und auch keine zwei Stunden entspannende Kinounterhaltung. Mit Der verlorene Sohn oder Boy Erased, wie der Film im Original heißt, arbeitet Edgerton Fakten auf, die Empörung fordern. Sein Film ist der erhellende Bildbericht eines Skandales, eine Reportage über verzweifelten Selbstverrat, über die Zensur der Freiheit, festgehalten in herbstlichen, fast ausgedörrten Bildern. Lucas Hedges, der mit Manchester by the Sea erstmals auf sich aufmerksam machte, bietet mit einer wieder mal famosen Nicole Kidman als hin und hergerissene, aber allen voran liebende Mutter überzeugende Schauspielkunst. In Rollen, die sicherlich nicht leicht zu interpretieren oder auszubalancieren sind. Die durchaus belasten können, wenn man beim Verstehen der filmischen Identität keine halben Sachen machen will.

Der verlorene Sohn bespricht ein Thema, das natürlich bereits vorhandenes, notwendiges Interesse voraussetzt. Das ungeschönte, allerdings aber auch hoch emotionale Drama ist ein sehr spezieller Film, der vor allem jenen, die sich ebenfalls die eigene sexuelle Orientierung verbieten, und zwar aus religiösen Gründen, etwas mitgeben können auf den Weg zu mehr Eigenakzeptanz und einem festeren Boden unter den Füßen.

Der verlorene Sohn

Einfach das Ende der Welt

WER NICHT KOMMT, BRAUCHT NICHT FORTGEHEN

7,5/10

 

endederwelt© 2016 Weltkino

 

LAND: KANADA, FRANKREICH 2016

REGIE: XAVIER DOLAN

MIT GASPARD ULLIEL, VINCENT CASSEL, NATHALIE BAYE, LÉA SEYDOUX, MARION COTILLARD

 

Doch Louis kommt. Er kehrt zurück zu seiner Familie. Irgendwo in Frankreich, zu einer unbestimmten Zeit. Denn Louis wird sterben. Sein Weg nach Hause ist ein Kommen, um wieder fortzugehen, und zwar für immer. Im Haus seiner Familie, das nicht das Haus seiner Kindheit ist, trifft er auf seine Mutter, seine Schwester, seinen Bruder und dessen Frau. Warum Louis lange nicht daheim war, verharrt im Unbestimmten. Womöglich ist der schweigsame Sohn ein Journalist, hat hochgelobte Reportagen verfasst. Zumindest so viel wird klar. Alles andere oszilliert in einer traumartigen Wolke des Unnahbaren dahin.

Der frankokanadische Kino-Exzentriker Xavier Dolan hat sich eines Theaterstücks des nicht weniger exzentrischen, aber in Frankreich heiß begehrten Dramatikers Jean-Luc Lagarce angenommen und ein seltsam anmutiges Kammerspiel auf die Leinwand gebracht, welches sich durch die adaptierte, formelhafte Sprache der Bühnenvorlage zu einem kunstformübergreifenden Hybrid verwandelt. Einfach das Ende der Welt atmet sowohl die Luft des Theaters als auch jene eines frei modulierten Kinos ohne Vorgaben und gerät zum Glücksfall, wenn es heißt, einer literarischen Sprache gerecht zu werden und die große Leinwand für sich zu nutzen. Mit Schauspielgrößen wie Marion Cottilard, Vincent Cassel, Nathalie Baye und Léa Seydoux gibt Dolan das Bühnenstück nicht irgendwem in die Hände, sondern bereits etablierten Namen, die aus dem Vollen schöpfen, was das Familiendrama nur hergeben kann. Bemerkenswert ist, dass der etwas mehr als eineinhalbstündige Film seine Geschichte so unartikuliert wie möglich lässt und selbst andauernd von einer unfertigen Metamorphose des Geschehens zur nächsten mäandert. Alles wabert, verharrt in Unschärfe. Das Heimkommen des Sohnes ist ein Ereignis, das alle verunsichert, geradezu verstört, und niemanden wirklich glücklich stimmt. Glücklich war in Lagarce´s Familie von vornherein keiner. Irgendwas ist da im Argen. Sei es die unkontrollierte Wut des älteren Bruders oder das aufgesetzt schrille Gebärden der Mutter. Louis kommt und will vom Tod berichten, der seiner Krankheit folgen wird. Doch statt Louis zuzuhören, wollen die Verwandten gehört werden. Da auch ihnen nie jemand zugehört hat, und da auch ihnen ihr Recht, sich mitzuteilen, Zeit ihres Lebens verwehrt wurde, löst sich nur Gestammel von ihren Lippen. Während der Heimkehrer gar nichts sagt.

Dolan´s Film ist sinnlich fotografierte Kunst der Sprache, die vom Ende der zwischenmenschlichen Achtsamkeit erzählt. Von der Unfähigkeit des Zuhörens und dem Scheitern des Gehörtwerdens. Vom Aneinander vorbeireden und aus den Augen verlieren. Ein melancholischer Reigen, der sich da auftut, die Kamera im Widerspruch der Missstände, nähert sie sich doch aufdringlich nahe den Gesichtern an, studiert und interpretiert sie, während sie sich abmühen, Sinnvolles und Wesentliches zu artikulieren. Irgendwann findet Louis den Moment, Lebewohl zu sagen. Bis dahin darbt und leidet der Zuseher mit, aber es bleibt eine Art Mitleid der Unparteiischen, die im weit genug entfernten, objektiven Abstand die Zerrüttung des großen Ganzen sieht. So verharrt die Familie im ewigen Um-sich-Kreisen, ohne den anderen zu umkreisen. Übrig bleibt Louis, der damit, dass er nichts sagt, alles und viel mehr gesagt hat als die anderen.

Als ehemaliger Dramatiker und Theatergeher sind mir ähnliche Dramen wie jene von Lars Noren oder Jon Fosse ziemlich geläufig. Wer mit diesen Dramatikern oder zum Beispiel mit dem grandios verfilmten Stück Im August in Osage County von Schauspieler Tracy Letts etwas anfangen kann, sollte sich Einfach das Ende der Welt nicht entgehen lassen. Französisches Bühnenkino, kopflastig wie der Schwindel lange vor dem Kater. Es ist lakonischer, halbschwerer Filmgenuss, der so aussieht als wäre das Medium der Fotografie die Wahl des visuellen Filmstils, dessen ausgesuchte Musikstücke die irrlichternde Stimmung unterstreichen und sich tags darauf garantiert in der eigenen Playlist wiederfinden werden.

Einfach das Ende der Welt