End of Watch

BLUTSBRÜDER AUF STREIFE

7,5/10


endofwatch© 2012 Tobis Film

LAND: USA 2012

DREHBUCH & REGIE: DAVID AYER

CAST: JAKE GYLLENHAL, MICHAEL PEÑA, ANNA KENDRICK, AMERICA FERRERA, DAVID HARBOUR, FRANK GRILLO, NATALIE MARTINEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Zugegeben: es gibt Filme, für die braucht es einen zweiten Anlauf. Ein solcher war End of Watch. Den hatte ich mal vor Jahren sichten wollen – die vulgäre Sprache und das Gewackel der Handkamera hatten mir damals die Freude verdorben. Dieses vorschnelle Urteil war jedoch nicht fair. End of Watch verdient eine zweite Chance. Ich ergreife sie – und zieh´s natürlich durch bis zum Ende. Und ja: man soll bei Filmen nie zu früh die Flinte ins Korn werfen, denn: David Ayers Buddy-Movie ist wohl einer der besten seinen Genres. Da haben Klassiker mit ähnlichem Aufbau (ich will jetzt keine Namen nennen) deutlich das Nachsehen. Und das liegt an mehreren Punkten.

Erstens mal an Ayers Originaldrehbuch. Der hat, um diesen Film zu schreiben, nur einige Tage gebraucht. Ein Geschenk des Himmels, wenn einem mal die kreative Arbeit so sehr von der Hand geht, dass sie wie aus einem Guss plötzlich am Papier geschrieben steht. Umso weniger an einem Script herumgezupft wird, umso mehr hat die erste Wahl des dramaturgischen Konzepts das Anrecht, umgesetzt zu werden. End of Watch, das sieht man, kam aus dem Bauch heraus und das in positivem Sinn.

Zweitens das Duo Jake Gyllenhal und Michael Peña. Die müssen sich auch abseits vom Set sagenhaft gut verstanden haben, denn anders lässt sich diese Bruderliebe ja gar nicht darstellen. Beide setzen voll auf Empfindung, wissen wohl selbst, was für ein Gefühl deppensichere Freundschaft auslöst und wie es ist, sich auf jemanden verlassen zu können.

Drittens probiert David Ayer kameratechnisch einiges aus. Er filmt nicht nur mit einer mobilen Kamera, er filmt auch mit dem Handy, mit Überwachungsequipment, Body Cams – im Grunde mit allem, was zur Verfügung steht. Oder mit allem, was gerade in der entsprechenden Situation greifbar scheint. Dabei ist End of Watch kein semidokumentarisches Reality-TV. Ist mal keine, in die Szenerie eingebettetes Medium zur Hand, tut’s dann auch die Profikamera aus dem Off. Was Ayer da aber zusammenmontiert und geschnitten hat, wird zu einem virtuosen Thrillerdrama, das prinzipiell mal nicht viel anderes erzählt als in so manchen Polizistenfilmen bereits erzählt wurde, in denen Buddys auf Verbrecherjagd gehen und für Recht und Ordnung sorgen. Aber wie Ayer das erzählt, und wie lückenlos sein Drehbuch in das ganze Projekt hineinpasst, angefangen vom Abchecken der Lage bis zum tragischen Finale, das hat seine ganz eigene, manchmal auch eben erschreckende, aber vor allem menschliche Faszination. Zwischen all dieser Poilzeiarbeit steckt überdies noch ganz viel ungeschminkter Sozialnotstand, den die beiden Cops Taylor und Zavala tagtäglich verarbeiten müssen. Sie können das nur, weil sie die besten Freunde sind. Das ist so ein gewinnender Zustand, da perlt der Schmutz der Straße ab wie Regen auf einer imprägnierten Oberfläche.

End of Watch

Bright

WACHZIMMER WARCRAFT

5,5/10

 

bright© 2017 Netflix

 

LAND: USA 2017

REGIE: DAVID AYER

MIT WILL SMITH, JOEL EDGERTON, NOOMI RAPACE, LUCY FRY, ÉDGAR RAMIREZ U. A.

 

Schon des Öfteren bedienen sich Drehbuchautoren im Genre des phantastischen Films der Philosophie, die der Hypothese eines Multiversums innewohnt. So gibt es z.B. die Überlegung, was wohl wäre, wenn die Nationalsozialisten den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten (The Man in the High Castle). Oder die Idee, dass alles, was wir uns je ausgedacht haben, tatsächlich irgendwo seine reale Existenzberechtigung in Anspruch nimmt. Irgendwo, in irgendeinem Universum, in irgendeiner Dimension. Da könnte man leicht der Frage nachgehen, wie eine Welt aussehen könnte, in der sich die World of Warcraft mit unserer Realität kohärent verhält. Oder anders formuliert: wie sähe eine Mittelerde der Zukunft aus? Irgendwann erleben auch Gandalf, Frodo und Co den unvermeidlichen Fortschritt. Kann es sein, dass diese wunderbar-furchteinflößende Welt voller Orks, Elben und Menschen mal so aussehen könnte wie die unsere? Und wo die Nachkommen Aragorns vorm Smartphone sitzen?

Eine ziemlich reizvolle, teils entzaubernde Vision. Suicide Squad-Regisseur David Ayer hat aus diesem angenommenen Ist-Zustand im Auftrag des Online-Giganten Netflix einen Film gedreht. Bright heißt dieses Werk, und hat niemand Geringeren als Will Smith als Zugpferd im Sattel. Doch Bright – auf Deutsch: strahlendes Licht – hat wohl laut vielen Kritikern der Medienbranche gar nicht so viel Glanz abbekommen, wie im Vorfeld vielleicht vermutet wurde. Der Fantasyfilm im Gewand eines Cop-Thrillers wurde ziemlich zerrissen – Action platt, wenig Seele. Meine Liebe zu den Orks mal außen vor – im Nachhinein muss ich feststellen, dass Bright längst nicht so vernichtend schlecht ist wie manch eine Rezension verkünden ließ.

Klar, der Film ist keineswegs perfekt. Betrachtet man den Plot, ist vor allem hier das Potenzial maximal nur bis zur optimistischen Hälfte ausgeschöpft worden. Die zweitausend Jahre alte Zwangsgemeinschaft zwischen den mythischen Wesen und der Menschen läge als einladendes Filmvorspiel erzählerisch auf der Hand, wurde aber völlig außer Acht gelassen. Auch ignoriert Ayer tunlichst eine gefälligere Vorstellung wichtiger Details, um die es hier geht. Was nun ein Bright ist, und was ein Wand, und wie beides zusammenpasst und wem dieses magische Artefakt niemals in die Hände fallen darf – genau dafür fehlt unterstützendes Wissen. In Ermangelung dessen braucht der Film also seine ohnehin vertane Zeit, bis nicht nur Officer Ward und Ork Jacoby, sondern auch wir fantasyverwöhnte Zuseher den roten Faden finden. Und erst dann macht der wüste Cocktail mit Ideen aus dem Harry Potter-Universum, Warcraft und End of Watch (ebenfalls von David Ayer) tatsächlich sowas wie Spaß.

Visuell ist dem magischen Thriller nichts vorzuwerfen – seine düstere Atmosphäre, die baufälligen Settings und die sozialen Randgesellschaften, die intervenierend nach dem  zauberstabähnlichen Wand gieren, erzeugen einen eigenen verkorksten Mikrokosmos aus Machtwillkür und einem sich heranbahnenden, transzendenten Bösen, das wiederum an Joss Whedon´s Welt aus Buffy und Angel erinnert. Allein – es fehlen die Vampire. Dafür gibt es Elfen, und die haben eine furchtreinflößende Anmut, da würde sich selbst Arwen unwohl fühlen. Noomi Rapace ist die Überraschung des Thrillers – ihre Performance als finsteres Spitzohr ist betörend. Mit verfremdenden Kontaktlinsen und weißblonder Mähne lehrt sie das Fürchten. Und Edgar Ramirez sowie Joel Edgerton als Ork sind nicht weniger überzeugend, vor allem Edgerton bleibt hinter seiner pigmentierten Maskerade als solcher zwar verborgen, haucht seinem mit Hauern bewährten Grünling aber glaubhaft Leben ein. Nur Will Smith stinkt ab – er dürfte bereits im Vorfeld schon so ein Gefühl bekommen haben, dass der Film kein Knüller wird. Seinen löblich bezahlten Job macht man aber trotzdem. Und da hätte sich der Bad Boy durchaus etwas mehr anstrengen können.

Unterm Schnitt ist es nur eine Frage der Zeit, bis Bright ein anständigeres (Serien-)Remake bekommt. Der Film wirkt, als wolle er schnell erledigt worden sein. Die gestressten Takes unter Dach und Fach, fehlenden dramaturgischen Feinschliff sollen Smith und Edgerton wettmachen. Was dabei herauskommt, wirkt stellenweise lieblos abgespult und stolpert erzähltechnisch anfangs ziemlich unbeholfen über Leichen. Die Elfen und Orks allerdings reißen vieles aus der nächtlichen Düsternis, und was bleibt, ist ein ballistisch intensives Abenteuer, das neugierig auf mehr macht. Nur: für dieses Mehr sollten sich die Kreativen zukünftig bitte auch mehr Zeit nehmen.

Bright