Zimmer mit Aussicht

FLANIEREN MIT MANIEREN

5/10

 

zimmermitaussicht© 1986 Kairos-Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 1986

REGIE: JAMES IVORY

CAST: HELENA BONHAM-CARTER, MAGGIE SMITH, JULIAN SANDS, JUDI DENCH, DANIEL DAY-LEWIS U. A.

 

Es müssen nicht immer die neuesten Kino-Releases sein. Die sind in den Print- und Online-Medien ohnehin zahlreich vertreten. Was nicht heissen soll, ich spar mir von nun an meinen Senf. Doch wie wäre es trotzdem mal mit einem etwas reiferen Werk, das, sagen wir mal, rund 30 Jahre auf dem Buckel hat? Da gibt es eines, das kennen wahrscheinlich gar nicht mal so viele, und wäre dieses Werk nicht einer der Lieblingsfilme eines guten Freundes von mir, hätte ich mit Sicherheit vergessen, es auf die Watchlist zu setzen: Zimmer mit Aussicht.

Der zumindest für Pauschaurlauber höchst verlockende Titel steht für das bekannteste Frühwerk des amerikanischen Filmemachers James Ivory, der Zeit seines künstlerischen Schaffens eine ausgeprägte Vorliebe für britische Literatur an den Tag gelegt hat. Nicht zu glauben, dass Ivory eigentlich Amerikaner ist, so europäisch, wie er sich in seinen Filmen gibt. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Oscarverleihung 1993 erinnern, als das distinguierte Meisterwerk Was vom Tage übrig blieb nach dem Roman des japanischstämmigen Briten Kazuo Ishiguro achtmal für den Goldjungen nominiert war und dann doch leer ausging. Der Film mit Emma Thompson und Anthony Hopkins in seiner wahrscheinlich besten Rolle ist eine Sternstunde der Schauspielkunst, aber auch der leisen, zarten Inszenierung. Für große Gefühle in kleinen Dosen war James Ivory stets ein Spezialist. Im Jahr davor wurde immerhin Wiedersehen in Howards End ausgiebigst prämiert – für Emma Thompson, Szenenbild und Drehbuch. Howards End war eine Verfilmung eines der Romane des Briten E. M. Forster – und nicht die erste. Zimmer mit Aussicht war 6 Jahre früher dran, und konnte bei den Oscars 1987 ebenfalls punkten, zumindest in den Nebenkategorien. Soviel also zu den Fakten, die in ihrer trockenen Aufzählung jetzt vielleicht ein bisschen für Langeweile gesorgt haben könnten, vor allem bei jenen, die ohnehin über James Ivorys Œuvre Bescheid wissen. Allerdings stimmt dieser kleine, recht langatmige Einblick bestens auf vorliegenden Film ein, der vorrangig eines ist: langatmig.

Dieser Müßiggang, um ein anderes Wort dafür zu finden, kann durchaus ein gepflegter sein. In Zimmer mit Aussicht sogar vom pedikürten Zeh in weißen Socken und Schnallenschuhen bishin zum Spitzenschirmchen, das unter der Sonne der Toskana vor allzu sengender Frühlingshitze schützen soll. Und diese Frisuren – das waren sicher Stunden beim Hairstylisten, der vor allem bei Helena Bonham-Carters sperriger Mähne ins Schwitzen gekommen sein muß. Die damals blutjunge Schauspielerin, gerade mal 19 Jahre alt, feierte mit Zimmer mit Aussicht ihr Kinodebüt. Ihr zur Seite als Anstandswauwau: die legendäre Maggie Smith, oscarnominiert und erschreckend etepetete, fast schon so wie in ihrer späteren Performance als Zauberin Minerva McGonagall, nur in Ivorys Sittenbild bereits schon pikiert, wenn Männer jungfräuliche Damen einfach so von der Seite her anquatschen. Eine zugeknöpfte Zeit, dieses anfängliche 20te Jahrhundert. Und ein Sittenbild, dass vor lauter Kostümen gar nicht mehr weiß, wo der Kleiderhaken hängt. Das künstlerische Florenz mit all seinen Meisterwerken der Renaissance und das dazugehörige flanierende, kunstbeflissene Klientel präsentiert eine Gesellschaft auf fein ziseliertem Silbertablett. Wenn dann die frühsommerlichen Wiesen mit all ihren Mohn- und sonstigen Blumen der Ort eines verstohlenen Kusses sind, werden die impressionistischen Bilder eines Auguste Renoir zum Leben erweckt. Da greift das weiß behandschuhte Filmteam tief in die Requisitenkiste und rückt akribisch ausgesuchte Locations wie handkolorierte Postkarten ins richtige Licht. Das ist natürlich geschmackvoll. Und nach wie vor langatmig.

Beworben wird Zimmer mit Aussicht als zauberhafter Film über die Macht der Gefühle, als große Liebesgeschichte. Das kommt meines Erachtens nicht wirklich hin. E. M. Forsters Roman mag da vielleicht anders ticken, mag da vielleicht die Gefühle von George und Lucy, der beiden Liebenden, die im Zentrum des Filmes stehen, besser umschreiben. In Ivorys Verfilmung ist die leidenschaftliche Liebe bar jeder Leidenschaft und maximal ein halbherziges Geplänkel. Julian Sands, der den liberalen Freigeist George spielt, fährt noch etwas mehr Drive auf, der ist aber mehr dem Anspruch seiner eigenen Quergedanken geschuldet als einer hingebungsvollen Schwärmerei. Und Bonham-Carter? Sie steckt mit ihrer Sehnsucht im besten Wortsinn noch in den Kinderschuhen. Für eine Liebesgeschichte mangelt es zwischen Florenz und der britischen Heimat zu sehr an empfundener Leidenschaft, da sind Hopkins und Thompson als emotional verschlossenes Hauspersonal im Vergleich dazu geradezu in euphorischer Ekstase. Rund um diesen gedehnten „Lamourhatscher“ schlägt ein edler Cast in nobel eingerichteten Zimmern, auf Wiesen und in Gärten eigentlich die Zeit tot, und stellt die Steifheit einer elitären Zwangsgesellschaft voller hemmender Etiketten lustvoll aufgedonnert zur Schau. Wenn schon kein Kuppler, dann ist James Ivory immerhin ein genauer Beobachter einer Zeit, die in strenger Pietäthaftigkeit Lyrik zitiert oder mit gespreizten Fingern Tee trinkt. Daniel Day-Lewis ist in Zimmer mit Aussicht noch der kurioseste Hingucker schlechthin – seine geckenhafte Performance eines fast schon asexuellen Feingeist-Faktotums wäre schon damals auszeichnungswürdig gewesen und fügt sich fabelhaft ein in das wortlastige, zögerliche und ewig flanierende Porträt eines verstockten Establishments.

Zimmer mit Aussicht

Ocean´s 8

DIEBISCHE DIVEN

6/10

 

oceans8© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: GARY ROSS

CAST: SANDRA BULLOCK, CATE BLANCHETT, HELENA BONHAM-CARTER, ANNE HATHAWAY, RIHANNA, SARAH PAULSON, MINDY KALING U. A.

 

Diese Tatsache dürfte spurlos an mir vorübergegangen oder nicht mal bis zu mir vorgedrungen sein – dass Danny Ocean, fast schon an der Grenze zum Kult souverän verkörpert von George Clooney, der mittlerweile lieber am Comer See weilt als nach dem Desaster von Suburbicon wieder neuen Filmstoff aufzubereiten, das zeitliche gesegnet hat, war dann doch zu Anfang des Filmes etwas ernüchternd. Allerdings würde ein Cameo des immer mehr ergrauenden Schönlings vielleicht sogar Sandra Bullock die Show stehlen, doch das glaube ich kaum. In Gravity hat das ja schließlich auch funktioniert. Doch in Anbetracht eines gänzlich weiblichen Hochglanz-Heist-Movies haben Danny´s Spießgesellen hier rein gar nichts verloren. Das haben die Macher bei der XY-Chromosomen-Variante von Ghostbusters noch nicht so eng gesehen. Bill Murray und Ernie Hudson hatten zumindest ihre Ehrenrunde gedreht. In Ocean´s 8 dreht sich maximal Clooney im Urnengrab um – und das nicht wegen der Qualität des Filmes: Ocean´s 8 mit Lady Bullock und Cate Blanchett an der Spitze ist überraschend besser gelungen als ich vermutet hätte.

Die fließend deutsch sprechende Oscarpreisträgerin wird als als Danny Ocean´s Schwester aus dem Kittchen entlassen – nur um wieder neue Pläne zu schmieden, weil das Robin Hood-Gen innerhalb der Ocean-Familie ja irgendwie Hummeln im Hintern hat und das Bestehlen der ohnehin Superreichen eigentlich nur ein Kavaliers- oder Ladys- Delikt sein kann. So ein Klunker, der gestohlen werden muss, ist ja der Inbegriff einer wirklich nicht notwendigen Dekadenz, da kann man schon vertrackt wirkende Pläne schmieden und noch den einen oder anderen weiblichen Superstar Hollywoods mit ins Boot holen. Sogar Rihanna in Dreadlocks und Schlabberlook darf Computer hacken, Helena Bonham-Carter in willkommener Exaltiertheit eine Modedesignerin mimen und Anne Hathaway prinzessinenlike den Star im Starfilm mit all seinen Allüren so richtig rauslassen. Ein illustres und launiges Ensemble, dass Gary Ross hier versammelt hat. Jede auf ihrem Posten, stets bemüht, der anderen nicht die Show zu stehlen. Unter dieser Regel funktioniert sogar ein solcher Ensemblefilm, und das hätte ich bis dato doch nur Steven Soderbergh zugetraut. Falsch gedacht, Ross gelingt das Ganze ebenso. Es macht Spaß, den Damen zuzusehen, auch wenn der wiederholte Story-Twist dann doch sehr vorhersehbar seine Karten ausspielt. Verbrechen werden in Oceans 8 zum Bungee-Sprung für sektnippende Schlauköpfe, ein zeitvertreibender Nervenkitzel für bis zur Langweiligkeit verwöhnte Jetsetterinnen und ausgebrannte Kreative, stets nicht auf den Mund gefallen und immer mit dem Kopf über Wasser. Das weiß der Zerstreuung suchende Zuschauer ohnehin zu Beginn, will aber so gerne wissen, auf welche Art einer verknöcherten Elite das Handwerk gelegt werden wird, um sich dann mitzufreuen, wenn die Katze im Sack ist.

Oceans 8 ist eine freudvolle Trickbetrügerei, bei der selbst Sammy Davis und Dean Martin geschmunzelt hätten. Durchhänger gibt es keine, Leerlauf ebensowenig, die spitzzüngige Antwort auf das Testosteron-Understatement von Clooney, Damon, Pitt und Co ist auf Zug inszeniert und hält was es verspricht, wobei es auch nicht mit dem etwas Mehr überrascht, was vielleicht dazu geführt hätte, die Krimikomödie zwischen Celebrity und Mission: Impossible-Anleihen samt Handtäschchen mit Nachdruck weiterzuempfehlen.

Ocean´s 8