Die schwarze Katze

UNIVERSAL-IKONEN IM CLINCH

5/10


the-black-cat© 1934 Universal Pictures


LAND: USA 1934

REGIE: EDGAR G. ULMER

CAST: BELA LUGOSI, BORIS KARLOFF, DAVID MANNERS, JULIE BISHOP, LUCILLE LUND, EGON BRECHER, JOHN CARRADINE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 6 MIN


Frankensteins Monster gegen Graf Dracula? Schön wär’s. Der aus Österreich-Ungarn stammende Edgar G. Ulmer, seines Zeichens Multitasker beim Film – vom Bühnenbild über die Regie bis hin zur Produktion – trug den Begriff B-Movie fast schon als dritten Vornamen. Zweitklassige Filme, in denen es an allen Ecken und Enden mangelte. Oft schrieb Ulmer seine Drehbücher selbst. Hin gehudelt während des Frühstücks oder am Lokus. Innerhalb weniger Tage waren diese Filme dann auch schon abgedreht. Doch was zählte, war die Resonanz des Publikums, und die war gut. Bei Die schwarze Katze geradezu phänomenal. Mit der gleichnamigen Erzählung von Edgar Alan Poe hat dieser nette Versuch eines Psychothrillers aber nichts zu tun, obwohl dieser im Vorspann steht. Den beiden Universal-Ikonen mag das egal gewesen sein, die waren damit beschäftigt, in diesem kruden Streifen aufeinander loszugehen. Und Ulmer? Der huldigt hier seiner alten Heimat Österreich-Ungarn. Schauplatz ist das Land der Magyaren, manch eine Biographie der Figuren hat österreichischen Bezug.

Worum es also geht? Um ein Ehepaar auf der Hochzeitreise durch Ungarn, das aufgrund eines Autounfalls bei Regen die Hilfe des obskuren Dr. Werdegast annehmen muss, der wiederum jemanden kennt, der eine neumodische Villa auf dem Hügel einer kriegshistorisch bedenklichen Ruhestätte errichtet hat. Dort suchen sie Zuflucht, während sich die Gattin auskuriert. Dieser Herr im Haus, genannt Poelzig, ist noch rätselhafter als Werdegast. Bald wird klar: letzterer ist dem Hausherrn nicht gut gesonnen – ganz im Gegenteil: er sinnt nach Rache aufgrund vergangener Schmach. Den beiden frisch Vermählten hingegen dämmert bald, das irgendetwas in diesen vier Wänden verhindert, dass die beiden wieder weiterreisen.

Boris Karloff ist ein Charakter, so einen gibt’s auch kein zweites Mal. Der grimmige, diabolische Blick, das bedächtige Wandeln durch den Flur. Längst nicht so grobschlächtig wie als Frankenstein, mehr wie der untote Pharao aus Die Mumie. Bela Lugosi hingegen gibt den Geschmeidigen, den Gutmenschen. Der Moment, wenn sich die beiden dann in die Haare geraten, ist sehenswert. Der Schauplatz – eine moderne Villa im Stil der Neuen Sachlichkeit, mitsamt morbid-musealem Kellergewölbe, ebenso. Sonst aber bietet der lediglich 66 Minuten lange Streifen recht behäbige Unterhaltung. Die schwarze Katze ist ein Film, der seine Zeiten nicht ganz so schadlos überdauert hat wie manch anderer Klassiker. Aus gegenwärtiger Sicht betrachtet, ist sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch jede Menge Luft nach oben. Immer dann, wenn’s pikant wird, leiten grobe Schnitte zur nächsten Szene über. Vieles sieht man erst gar nicht, obwohl es stattfindet, vielleicht aus Kostengründen eingespart. Das geht fast schon in Richtung Ed Wood, von Liebe zum Detail kann man nicht gerade schwärmen. Das Frauenbild ist fragwürdig, ja geradezu sexistisch. Die Prise Teufelskult verleiht dem Thriller auch nicht die Würze, die er aus heutiger Sicht vielleicht gebraucht hätte.

Die schwarze Katze ist insofern kurios, da die Hintergründe zum Film, dessen Stars und Regisseur wohl interessanter sind als das Werk selbst.

Die schwarze Katze

Hostiles

BURNOUT IM WILDEN WESTEN

7/10

 

hostiles2© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: SCOTT COOPER

MIT CHRISTIAN BALE, WES STUDI, ROSAMUNDE PIKE, JESSE PLEMONS, BEN FOSTER, THIMOTÉE CHALAMET U. A.

 

Blutsbrüderschaft wie bei Winnetou – daran ist überhaupt nicht zu denken. Was hat sich Karl May wohl dabei gedacht? Der deutsche Schriftsteller war nicht nur niemals in New York, er hat auch niemals sonst seinen Fuß auf die neue Welt gesetzt. Die Ahnung, die er vom Wilden Westen hatte, war das Ergebnis aus Erzählungen, Reiseberichten, und der eigenen romantischen Verklärung von Cowboy und Indianer. Diese Verklärung lässt Regisseur Scott Cooper weit hinter sich. Sogar noch weiter, als sie Kevin Costner hinter sich gelassen hat, bei Der mit dem Wolf tanzt – ein Film, der an sich schon einen völlig neuen Zugang zur Geschichte Nordamerikas gefunden und wie noch niemals zuvor den tiefen Graben zwischen Invasoren und Urbevölkerung zu überbrücken versucht hat. Rund 20 Jahre früher hat ein Epos wie Little Big Man den weissen Amerikanern das Wilde heruntergeräumt – so schmerzlich und vehement wie Arthur Penn´s Meilenstein haben wenige Werke das Schicksal der indigenen Völker begriffen. Dustin Hoffman als verirrter Weißer inmitten einer völlig fremden Welt hat Costner´s Idee vom Verschmelzen ethnischer Identitäten vorweggenommen und ist damit meines Erachtens nach sowieso im Olymp der besten Rollenfiguren überhaupt gelandet.

Diese Leistung vollbringt Christian Bale zwar nicht, sein verlorener Blick hinter Schnauzer und Dreitagebart spricht allerdings Bände. Es ist kurz vor der Jahrhundertwende, der ehemalige Batman verkörpert einen US Army-Captain, welcher wirklich nichts mehr zu verlieren hat. Wie verbraucht und ausgelaugt vom Leben kann man sein? Der zu Stein entemotionalisierte Befehlsempfänger in blauer Montur ist müde vom Krieg, müde vom Töten, müde vom Hass. Dennoch quält ihn der Gedanke, einen Cheyenne an den Ort der ewigen Jagdgründe zu eskortieren. Doch Befehl ist letzten Endes Befehl, Alternativen enden vor dem Kriegsgericht. Also Zähne zusammenbeissen und auf den Sattel, da warten noch einige Hunderte Kilometer Richtung Westen. Und dieser Weg, der ist wie der sprichwörtliche Gang nach Canossa. Eine wie auf gebrochenen Beinen dahinschleppende Tour der Versuchung, Vergebung und des Friedensschlusses. Scott Cooper (Crazy Heart, Black Mass) zeigt in diesem elegischen, epischen und mit traditionellen Landschaftsgemälden ausgestatteten Sühne-Western, wie schwierig und fast unmöglich es ist, Vergebung zu fordern und gleichzeitig zu verzeihen. Da muss der Mensch in seinem irrationalen Wahn namens Rassenhass mal die Erkenntnis erlangen, dass nicht alles eins zu eins über den Kamm geschoren werden kann.  Dass von nichts auch nichts kommen kann. Dass zum Streiten im Grunde immer zwei gehören müssen. Binsenweisheiten, die aber erst mal begriffen werden müssen, vor allem von Leuten, die in ihrer verknöcherten Wut von einst gefangen sind.

Da trägt eine von Komantschen aus dem Familienleben gerissene Rosamunde Pike auch nicht wirklich zum besseren Verständnis bei. Das völlig verstörte Opfer, das nun mit dem Troß Richtung Montana reitet, scheint vorerst die Kluft zwischen den beiden Parteien zu erweitern – bis die ewige Weite, schmerzlindernde Gesten inmitten unwirtlicher Wildnis und die Feinde der Feinde das Blatt langsam wenden, die Sicht auf die Dinge, auf Schuld und Mitschuld langsam aufklaren lassen. Hostiles ist kein Anti-Western, dafür aber ein langer Ritt der Erschöpfung, das naturbeleuchtete Bild der Nachwirkung langer Kriege, die alle Beteiligten unendlich kraftlos zurücklassen. Die Reserven sind dahin, was bleibt, ist bedrückende Erkenntnis. Und endlich so etwas wie ein Funke menschlicher Weisheit, die über Dingen steht, die nicht mehr reparabel sind – auf die sich vielleicht aber ein neues Fundament errichten lässt.

Hostiles

Dhepaan – Dämonen und Wunder

NIRGENDWO MEHR SICHER

7,5/10

 

dheepan© 2015 Why Not Productions–Page 114–France 2 Cinéma

 

LAND: FRANKREICH 2015

REGIE: JACQUES AUDIARD

MIT ANTONYTHASAN JESUTHASAN, KALIEASWARI SRINIVASAN, CLAUDINE VINASITHAMBY U. A.

 

Die paradiesische Insel Sri Lanka war noch bis vor knapp einem Jahrzehnt ein vom übellaunigen Schicksal gebeuteltes Eiland südlich des indischen Subkontinents. Bereisen konnte man das Land dennoch, nur eben nicht an Orte, die von den tamilischen Separatisten besetzt waren. Da herrschten ähnliche Zustände wie im Norden Sumatras. Dort kämpften ebenfalls bis vor kurzem noch die muslimischen Aceh um die Unabhängigkeit. Dann kam 2004 der Tsunami – irgendwie der Anfang vom Ende. In diese Zeit hinein – wann genau ist aus dem Film nicht zu erfahren – gelingt drei zu einer falschen Familie zusammengewürfelten Personen die Flucht nach Paris. Dhepaan, der tamilische Krieger, eine wildfremde junge Frau und ein Waisenkind. Alle drei wollen anfangs nichts voneinander wissen. Das Konzept Familie kommt ihnen aber relativ gelegen – die Chance, auf diese Weise irgendwo neu anzufangen ist so deutlich größer. Familien haben Vorzug. Familien muss geholfen werden. Yalini, die junge Frau, will aber nach London, zu ihrer Cousine. Das Mädchen selbst, das bald in Frankreich auf die Schule muss, will nirgendwo hin, nur bei ihren neuen Eltern bleiben. Zu sagen, dass dies Menschen sind, die nichts mehr zu verlieren haben, erscheint zumindest bei der Reservemama und der Ziehtochter unangebracht. Den Frieden wollen sie finden und bewahren. Das Glück und die Geborgenheit eines beständigen Neuanfangs.

Das wollte Rambo auch. Heimgekehrt aus dem Vietnamkrieg, war die Visage des schlaksigen Stallone nirgendwo mehr willkommen. Zuflucht in der Heimat? Keine Chance. Aber, anders gefragt, wie komme ich jetzt auf Rambo? Beide Filme haben natürlich nicht viel, aber Wesentliches gemeinsam. Dazu muss man die Figur des Dheepan näher betrachten. Der bärtige Tamile ist der einzige, der nichts mehr zu verlieren hat – Familie tot, Land verwüstet. Traumatisiert durch Bomben, Granaten und dem Gräuel, den der Krieg mit sich bringt. Aber Dheepan reißt sich zusammen. Macht seinen Job als Hausmeister besser als gut, geht den Dealerbanden im Pariser Banlieue so ziemlich aus dem Weg, will sich also integrieren. Und mit der Zeit folgt so etwas ähnliches wie Respekt. So ein Problemviertel heißt aber nicht umsonst Problemviertel – es dauert nicht lange, dann erbeben die Wohnblocks irgendwo am Rande der Staat unter den Schüssen übervorteilter Gangsterbanden. Dheepan stolpert also weg vom Krieg in einen neuen hinein. Die Trigger sind aktiv, der Horror übermannt ihn. Der Krieger kehrt zurück. Wie bei Rambo. Beide finden sich in einem Gefecht wieder, der in ihren Köpfen tobt. Proben den Ausfall, wo Rückzug durchaus möglich wäre. Doch das Trauma gestattet kein Winseln um Gnade. Plötzlich geht es um Überleben oder Auslöschung.

Jacques Audiard meistert wieder mal einen Film, der seinen Figuren so genau zusieht, dass es fast schon zu distanzlos wird. Nur sehr langsam kommt Dheepan – Dämonen und Wunder in die Gänge, verliert sich aber niemals in Periphärem. Akribisch beobachtet Audiard die Integration in eine fremde Welt. Die Anpassung wird zur Zerreißprobe mit Höhen und Tiefen, das Wunder eines Neuanfangs hadert mit den Dämonen der Entbehrung. Interessant, wie der Film das Wirrwarr an Sprachen löst. Übersetzt wird das Tamilisch der drei Darsteller, bei Französisch und Englisch liest man die Untertitel. Die Gliederung zwischen Vertrautheit und Fremde wird damit fabelhaft vollzogen. Und wenn man glaubt, dass die Lüge, welche die Familie vorerst zusammenhält, dem Druck der Bewährung nicht mehr standhält, fällt die bereits angekündigte Bedrohung eines neuen Krieges, und sei es nur ein Kleinkrieg, über die Schutzsuchenden her. Nirgendwo ist es mehr sicher. Audiard kennt wenig Trost, nur den Wert des Zusammenhalts. Und die zweite Chance, die eigene Familie vor dem Untergang zu bewahren.

Dheepan – Dämonen und Wunder ist nicht umsonst ausgezeichnet worden. Auch wenn der Film vom Dasein als Flüchtling erzählt, ist er dennoch mehr als nur das – sondern eben auch eine Art des Antikriegsfilms, die nicht sofort als solche zu erkennen ist. Doch meist liegt in den Posttraumata, wie sie Dheepan mit sich herumträgt und womöglich niemals loswerden wird, die ganze Anklage an den Krieg verborgen. Dheepan ist so distanzlos wie kraftvoll, so poetisch wie radikal. Ein Film, der den Flüchtenden als hadernden Menschen besser verstehen lässt.

Dhepaan – Dämonen und Wunder

Thank you for Bombing

REPORTER DES SATANS

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thankyoubombing

Sorry gleich vorweg – aber die Wahl des einleitenden Titels für meine Rezension zu Barbara Eders eben erst mit Filmpreisen überhäuften Episodenfilm muss auf die schon recht abgedroschene, aber unglaublich passende Floskel aus Billy Wilders Filmklassiker fallen. Nicht anders, und wenn, dann nur mit viel mehr Worten kann der für österreichische Verhältnisse relativ untypische Film beschrieben werden. Dabei ist es nur positiv zu bewerten, dass es FilmemacherInnen gibt, die sich an Genres heranwagen, für die unser kleines Land nicht gerade bekannt ist.

Der bittere, enorm zynische Reigen rund um das Geschäft der Kriegsreportage beginnt wie ein Fiebertraum von Friedrich Orter und endet mit konsequenter Radikalität, die an David Fincher´s Fight Club erinnert. Mit Thank you for Bombing ist Barbara Eder tatsächlich etwas Bemerkenswertes gelungen, so verstörend die einzelnen Episoden auch sein mögen. Oder vielleicht sogar deswegen. Wenn Erwin Steinhauer, wohl einer der besten Schauspieler unseres Landes, am Wiener Flughafen am Rande eines Nervenzusammenbruchs wandelt, vermutet der Zuseher bisweilen immer noch gediegenes, aber eher zaghaftes Thrillerkino mit Suspense-Faktor, um schon bei der nächsten Episode, die dann bereits in Afghanistan spielt, den gnadenlosen Sarkasmus Eders auf voller Breitseite abzubekommen. Hier erleben wir den brillanten, wenn auch beklemmend unangenehmen Höhepunkt des Filmes, der an Brutalität und galligem Spott kaum zu überbieten ist. Die Episode über obsessivem Ehrgeiz, Geltungsdrang und Erfolgssucht ist knochenharte Satire und ausgefeiltes dramaturgisches Theater, die den Qualitäten eines Quentin Tarantino um nichts nachsteht. Dicht genug, um zu packen, erstaunlich entlarvend und den Kern der Aussage auf den Punkt gebracht. Allerdings würden jetzt wohl sensiblere Gemüter dann doch lieber den Film wechseln. Doch dranbleiben lohnt sich – das bizarre Finale ist wieder eine Klasse für sich, irgendwo zwischen Breaking Bad und dem südamerikanischen, ebenfalls in Episoden gegliederten Film Wild Tales. Die Groteske spitzt sich zu, verläuft in der Wüste und treibt das Zerrbild des isolierten, mit sich selbst und seinen Albträumen kämpfenden, nach Gefahr lechzenden Medienhelden an die Spitze. Bereit, ihr Leben zu geben. Sich selbst nur in Ausnahmesituationen zu spüren, das eigene Seelenheil im Leiden der anderen zu finden – damit beendet Barbara Eder ihr Requiem auf den inszenierten Krieg im Fernsehen, verstärkt durch einen Knalleffekt, der alle drei Stories letzten Endes doch noch auf einen Nenner bringt. Das Grauen senkt sich über Kabul, und das Fernsehen hat Top-Quoten.

Thank you for Bombing taucht seine Geschichten in scheinbar postapokalyptische, kühle, faszinierende Bilder und findet für seine narzisstischen, paranoiden und obsessiven Protagonisten die ideale Besetzung. Tatsächlich wurde der Film teilweise in Afghanistan gedreht, die Szenen in der Wüste stammen aus Jordanien. Beides gemeinsam verleiht dem ganzen erschreckende Authentizität, in welcher sich die Absurdität der Lust am Krieg umso beklemmender visualisiert.

Das Antikriegs- und Mediendrama ist gleichermaßen ein vernichtendes Pamphlet gegen Sensationsjournalismus, Gier und notwendige Gewalt, der als Zweck die Mittel heiligt. In Thank you for Bombing ist gar nichts mehr heilig. Barbara Eder lädt ein zu einer Radikalkur, die unangenehm nachhallt, aber gezielt ins Schwarze trifft. Wieviel Wahrheitsgehalt hinter ihrer polemischen Reportage steckt, lässt sich nur vermuten – großes, konzentriertes Kino auf internationalem Niveau ist es aber allemal. Spannend, aufrichtig und gemein wie ein böser Scherz.

Thank you for Bombing