13 Tage, 13 Nächte (2025)

EIN LAND ERLIEGT DEM TALI-WAHN

6,5/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: MARTIN BOURBOULON

DREHBUCH: MARTIN BOURBOULON, ALEXANDRE SMIA, TRÂN-MINH NAM, NACH DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON MOHAMED BIDA

KAMERA: NICOLAS BOLDUC

CAST: ROSCHDY ZEM, LYNA KHOUDRI, SIDSE BABETT KNUDSEN, CHRISTOPHE MONTENEZ, SINA PARVANEH, YAN TUAL, FATIMA ADOUM, SHOAIB SAÏD, SAYED HASHIMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Vor nicht ganz drei Jahren hat uns der Franzose Martin Bourboulon mit einer übertrieben erdfarbenen zweiteiligen Version des wohl berühmtesten Werks von Alexandre Dumas verwöhnt – die Musketiere waren da schon alteingesessene Haudraufs, D’Artagnan wurde von Francois Civil verkörpert – als bittersüße Milady de Winter glänzte Eva Green. Ein schönes Stück Historienkino, wenngleich der zweite Teil niemals ins Kino kam und im Streaming- und Retail-Sektor komplett unterging. Ein unwürdiges Verfahren, um Filme zu verwerten.

Vakuum am Hindukusch

Jetzt aber ist das alte Frankreich vergessen, Bourboulon wendet den Blick über den Nahen Osten hinaus bis ins landschaftlich schöne Afghanistan – zumindest tut er so als ob, denn gedreht hat er diesen Film klarerweise woanders, in diesem Fall in Marokko. Die meisten von uns Zuseherinnen und Zuseher werden wohl kaum nach Afghanistan gereist sein (obwohl: ich kenne jemanden, einen alten Schulkollegen, der das getan hat), somit fällt der Unterschied wohl kaum wirklich ins Gewicht. Viel mehr konzentrieren wir uns in 13 Tage, 13 Nächte auf jene Stunde Null des August 2021, die den Untergang eines vor langer Zeit kultivierten, weltoffenen Landes einläutet: Mit dem Abzug der US-Streitkräfte wird das hinterlassene Vakuum am Hindukusch sehr schnell aufgefüllt, und zwar mit jenen Finsterlingen, die da als Taliban bezeichnet werden: Vorsintflutliche wilde Männer, fanatisch und misogyn, antiliberal und voll mit weiß der Teufel sonst noch an dem Frieden und der Freiheit zuwiderhandelnden Agenden, die wohl alle davonscheuchen, die nicht unbedingt die Hölle auf Erden erleben wollen.

Nichts wie weg

In diesen Tagen des August steht in Bourboulons Film eine reale Person im Mittelpunkt, die man durchaus als eine bezeichnen kann, die Nerven wie Drahtseile besitzt. Ein harter Hund, ein kühler Kopf, ein pragmatisch agierender Franzose, genannt Mohamed Bida, der als Kommandant einer Sicherheitseinheit die letzte noch intakte Botschaft sichert. Die von wehrhaften Betonmauern umgebenen Räumlichkeiten sind das letzte Leo, bevor es gar nichts mehr gibt. Das wissen so einige aus der Bevölkerung, und ehe es sich Roschdy Zem als eben dieser Bida versieht, hat er Hunderte Zivilisten an der Backe, die in Frankreich um Asyl ansuchen wollen. Nebst der eigenen Belegschaft müssen, da gibt es gar keine andere Wahl, alle diese Seelen quer durch Kabul zum Flughafen gebracht werden, um sie dann in die letzten noch verfügbaren Maschinen zu verfrachten und außer Landes zu schaffen. Ein Himmelfahrtskommando? Das kann man laut sagen.

Durch diese hohle Gasse müssen sie kommen

An Roschdy Zems Seite agiert die bildschöne Lyna Khoudri als eine der Flüchtigen, die zufällig die Sprache des Feindes beherrscht. In diesem dichten Wirrwarr an Personen und Bedürfnissen lässt sich auch Sidse Babett Knudsen (Die Wärterin) als Reporterin verorten, die bereit ist, zum Wohle anderer sehr viel einzustecken. 13 Tage, 13 Nächte lässt sich ab eines gewissen Zeitpunkts durchaus als Roadmovie betrachten – irgendwann setzt sich der Konvoi in Bewegung, der etliche Hürden bewältigen muss, die zwischen Schikane und ernsthafter Bedrohung die Nervenkostüme aller Beteiligten ordentlich ramponiert – bis auf Roschdy Zem. Ihn scheint nichts aus der Fassung zu bringen – ein Held inmitten einer humanistischen Katastrophe. Bourboulon bleibt nah an ihm dran, was dann doch noch auf Kosten jener geht, die das Ganze verursacht haben: Die Taliban.

Alles im Blick, auf Kosten der Details

Hier ist Ende Legende mit der Glaubwürdigkeit. Die Gesinnung, das Weltbild, die Mentalität dieser Leute: Bourboulon kann sie nicht greifen. Zumindest nicht so sehr, um ein Gefühl der Authentizität zu erzeugen. Schauspieler Shoaib Saïd als Gruppenführer der Invasoren fühlt sich viel zu feingeistig an, um ihn als jemanden anzunehmen, der Karriere bei den Taliban gemacht hat. Glaubhaft oder nicht: Zumindest liefert Bourboulon in seinem Politthriller, den er chronologisch erzählt und dabei versucht, nichts Wichtiges zu vergessen, was die True Story vervollkommnet, beeindruckende Schauwerte. Wenn die Bevölkerung Kabuls den Flughafen stürmt und dabei jedes Mittel recht scheint, um die letzte Hürde zu nehmen, lässt sich das Ausmaß der Tragödie erahnen. Umso mehr, da während des Abspanns die tatsächlichen Bilder dieser Tage zu sehen sind.

13 Tage, 13 Nächte – sie vergehen wie im Flug. Und obwohl der Film zumindest meint, einen Einblick zu gewähren, indem er den Paradigmenwechsel so groß als möglich und auch ziemlich straff inszeniert: Die Rekonstruktion der Ereignisse nimmt sich wenig Zeit für seine Figuren und erfasst sie lediglich im Ausnahmezustand. So, als würden sie nur dann existieren.

13 Tage, 13 Nächte (2025)

Die drei Musketiere – D’Artagnan (2023)

VIELE MÄNTEL, VIELE DEGEN

6,5/10


musketiere_dartagnan© 2023 – CHAPTER2 – PATHE FILMS – M6 FILMS – Constantin Film Verleih GmbH/Ben King


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, SPANIEN 2023

REGIE: MARTIN BOURBOULON

BUCH: ALEXANDRE DE LA PATELLIÈRE & MATTHIEU DELAPORTE, NACH DEM ROMAN VON ALEXANDRE DUMAS

CAST: FRANÇOIS CIVIL, VINCENT CASSEL, PIO MARMAÏ, ROMAIN DURIS, EVA GREEN, LOUIS GARREL, VICKY KRIEPS, LYNA KHOUDRI, ÉRIC RUF U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Das Genre des Mantel- und Degenfilms hat endlich wieder zu seinen begriffgebenden zwei Substantiven zurückgefunden. Tatsächlich wehen in der was weiß ich wievielten Neuverfilmung von Alexandre Dumas‘ Klassiker, auf die eigentlich niemand gewartet hat, mehr wettergegerbte Lederklüfte als in Sergio Leones Spaghettiwestern. Darüber hinaus verleiht der Dreispitz dem, der ihn trägt, und sei er auch noch so ein übler Bandit, eine gewisse Grazie. Die geschliffenen Handwaffen mit vibrierender Spitze – nun, die bohren kleine tödliche Löcher ins Gegenüber, hinterlassen aber weniger Sauerei als würde man mit der Axt ausholen. Mantel und Degen haben Stil. Und das reicht auch, meint zumindest Martin Bourboulon (u. a. Eiffel in Love), der sich des legendären und mittlerweile wirklich schon auserzählt scheinenden Stoffes angenommen hat. Diesmal will er das große Polit- und Agentenabenteuer aus der Epoche des dreißigjährigen Krieges als zweiteiligen Eventfilm komponieren – mit genug Zeit dafür, seine Charaktere zu entwickeln und den fein gewobenen Intrigen von Kardinal Richelieu und Milady de Winter jene nötige Aufmerksamkeit schenken, die ein eigentlich komplexer Actionkrimi wie dieser verdient hat.

Über den Plot brauchen, wie ich denke, gar nicht so viele Worte verloren werden. Jede und jeder kennt die Geschichte des jungen Mannes aus der Cascogne, der um jeden Preis Musketier werden will und sich daher, mit einem Empfehlungsschreiben seines alten Herrn, in Paris einfindet, um sich anzuwerben. Während seines Bemühens, sich Gehör zu verschaffen, eckt er mit Athos, Porthos und Aramis an – den hartgesottensten Recken der königlichen Garde, die aber trotz ihres Heldenmuts als richtige Mimosen rüberkommen, wenn’s um ihre Ehre geht. Also fordern sie D’Artagnan zum Duell – wobei dieser sicher den kürzeren gezogen hätte, wären da nicht Richelieus Männer dazwischengeraten, die den Jüngling als Zeugen eines politischen Attentats beseitigen wollen. Der gemeinsame Feind schweißt die drei mit dem einen zusammen – und das ist erst der Anfang für eine weitere Intrige, für welche der altehrwürdige Athos seinen Kopf hinhalten muss, würde es den anderen nicht gelingen, seine Unschuld zu beweisen. Natürlich mischt Milady de Winter auch kräftig mit, als Superagentin des Klerus. Was wir haben, ist also das gut ausgearbeitete Stück eines straff gezogenen Historienthrillers, der als Setting für eine neue Epochen-Edition des beliebten Game-Franchise Assassins Creed fabelhaft gut geeignet wäre.

Von der poppig-bunten Süßlichkeit von Paul W. S. Andersons Abenteuervehikel aus dem Jahr 2011 mit Logan Lerman und Regisseuren-Gattin Milla Jovovich als Milady ist in dieser erwachsen gewordenen Interpretation nichts mehr zu sehen. Statt Opulenz und Budenzauber herrscht hier eine in satten Brauntönen gehaltene Düsternis, die einfach vorherrscht, wenn ein Konfessionskrieg tobt, der Katholiken und Protestanten auch in Frankreich gegeneinander aufbringen wird. Ein herbstkalter September legt sich über die Szenerie, es wird unter bewölktem Himmel viel über Felder galoppiert und an Türen gelauscht. Das Leben im frühen 17. Jahrhundert ist grau und entbehrungreich. Die Romantisierung der Geschichte besteht darin, selbst in dieser unbunten, erdigen Inszenierung eine nostalgische Melodie zu entdecken, die sich eingeprägt hätte, würde nicht irgendwann alles recht gleichförmig wirken. Das Kolorit ist nicht die Stärke des Films, obwohl es anfangs den Anschein hat. Das Beste bleibt der Cast. Vincent Cassel und Romain Duris scheinen nur darauf gewartet zu haben, endlich diese Rollen zu spielen. Sie verleihen ihnen Authentizität und gütige Strenge. Louis Garrel als Louis VIII. ist aber noch besser: Seine Darstellung des französischen Monarchen ist jede Sekunde glaubwürdig. Die Balance zwischen Machtbewusstsein, Gnade und Hofetikette hält. Vicky Krieps erreicht die Stärke ihrer Sisi-Rolle aus Corsage allerdings nicht.

Natürlich endet der erste Teil mit einem Cliffhanger. Das gibt dem Film den Charme einer Streaming-Produktion, bei der man sowieso längst keine Kosten mehr scheut, die mit ihrem offenen Ende aber unfertig wirkt. Somit lässt sich nicht genau sagen, wie das Werk in seiner Gesamtheit letztendlich abschneidet. Bis dahin ist aber schon so manch Solides auf der Habenseite und die Degen stumpf vom Stechen. Ob Die drei Musketiere – Milady aus einer kurzweiligen Qualitätsroutine das große Event heraufbeschwören kann, wird sich zeigen.

Die drei Musketiere – D’Artagnan (2023)

November (2022)

DIE GEHETZTEN VON PARIS

6,5/10


november2022© 2022 Studiocanal


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH 2022

REGIE: CÉDRIC JIMENEZ

BUCH: OLIVIER DEMANGEL

CAST: JEAN DUJARDIN, ANAÏS DEMOUSTIER, SANDRINE KIBERLAIN, JÈRÉMIE RENIER, LYNA KHOUDRI, STÉPHANE BAK, CÉDRIC KAHN U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Statt des 11. Septembers 2001 war es der 13. November 2015, ein Freitag. Dass die ominöse Zahl noch dazu mit einem Freitag zusammenfiel, war reiner Zufall. Denn wenn das Böse zuschlägt, nimmt es vor allen Dingen keine Rücksicht auf irgendwelchen Aberglauben. Auf die Uhrzeit leider schon. Denn genau dann, wenn ganz Paris nach Dienstschluss und vor dem Wochenende irgendwo auf kulturellen Events verweilt oder im Lokal der Wahl entspannte Gespräche führt, gilt es für die kranken Köpfe des Terrors, zuzuschlagen. Und das taten sie auch. Dieser 13. November war für Frankreich ungefähr das, was Herbst 2001 für die USA bedeutet: ein beispiellos tiefer Messerstich ins Herz einer aufgeklärten, friedfertigen Zivilisation. Und wie auch beim 11. September weiß ich noch genau, wo ich gewesen bin, als die ersten Infos noch als Fußleiste über den Fernsehbildschirm liefen. Sondersendungen würden folgen.

Sieben Jahre später hat sich das Trauma insofern in einen wiedergewonnenen Alltag integriert, dass nun die Filmwelt Frankreichs auf den verkrusteten Wunden der Tragödie herumtasten kann. Die USA war da eher bereit: Michael Moore stanzte vier Jahre später mit Fahrenheit 9/11 gleich den ersten thematisch verwandten Film aus dem aschegrauen Boden der jüngsten Vergangenheit, um George W. Bush den Kampf anzusagen. Viele weitere Produktionen, vorrangig Spielfilme, sollten folgen. Mit November brachten die letztjährigen Filmfestspiele von Cannes kein Betroffenheitskino an die Öffentlichkeit, sondern einen akribisch recherchierten Tatsachenthriller, der ganz klar nur eines zeigen will: Den dringlich umgesetzten Willen, all die Drahtzieher besagter Nacht zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu musste man dieser erst habhaft werden. Geht natürlich nicht so leicht. Diese Leute wissen, wie man sich unsichtbar macht, wurden sie doch sehr wahrscheinlich genau auf ihre Rolle vorbereitet, sei es nun in irgendeinem Camp im Nahen Osten oder in einem Hinterzimmer irgendwo im längst unübersichtlich gewordenen Moloch von Paris, der Stadt der Liebe, die ängst ihren Status verspielt hat. Viel zu sehr drängt das an der Peripherie wabernde soziale Chaos langsam aber doch in den Mittelpunkt. Filme wie Die Wütendens – Les Misérables oder der auf Netflix veröffentlichte Anarcho-Actioner Athena bringen die Problematik überhöht zwar, aber doch auf den Punkt.

Cédric Jimenez (Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille) schwebt allerdings ein Film vor, welcher dem fröstelnden Exekutiv-Pragmatismus von Kathryn Bigelow folgt, die in Zero Dark Thirty einer gefährlich unterkühlten Jessica Chastain jene Werkzeuge in die Hand gelegt hat, die später zur Eliminierung des Oberschurken Osama Bin Laden führen sollten. Ein beinharter Thriller ist das geworden, dunkel und voller Nachtsicht-Optik, doch sehr distanziert, was an der Chronologie der Fakten liegt. Filme wie diese sind Tatsachenberichte in Kinoform, die zeigen, was war, aber nicht, welche Menschen dahinterstehen.

November ergeht es genauso. Im Zentrum steht Jean Dujardin, der niemals schläft und auf 1000 Sachen läuft; der sich Ausruhen nicht leisten kann, der danach womöglich zusammenbrechen wird, denn kein menschlicher Organismus hält auf Dauer eine Anspannung wie diese aus. Die Anti-Terror-Abteilung SDAT stellt nach den Attentaten somit alle menschlichen Bedürfnisse auf Pause, um keine Zeit zu verlieren. Regisseur Jimenez tut dasselbe, und hat auch nicht vor, über gewohnte Spielfilmlänge hinauszugehen, denn niemand würde nach zwei Stunden Fakten- und Indiziengewitter noch auf Spur bleiben wollen. So komprimiert er die Chronik der Ereignisse auf eine Handlungsdichte herunter, die keinerlei Luft lässt für Charakterentwicklung oder dafür, die Lage der Nation stimmungsmäßig zu erfassen. Hier wird ausgeschwärmt, spioniert und gestürmt, was das Zeug hergibt. Hier wird verhaftet und wieder freigelassen. Hier wird gehetzt, gewittert und in Augenschein genommen. Es schaltet sich die CIA dazu und es drängt die Regierung. An Dujardins Seite zeigt Anaïs Demoustier jenseits roter Sommerkleider und französischer Lebenslust – so gesehen in Der Sommer mit Anaïs – Vorzeichen hochgradiger Erschöpfung bei so einem Arbeitssoll.

Klar bleibt der Film spannend und hochinteressant. Gerade gegen Ende, wenn November vorhat, seine Jagd zum Ziel zu bringen, entwickeln sich dann doch so einige zwischenmenschliche Momente, wenn die Bekannte einer der Verdächtigen sich zur Mithilfe entschließt und zwangsläufig ihren bisherigen Bekanntenkreis verrät. Da wird die Notlage so richtig fühlbar, während man im Rest der Zeit gar nicht dazu kommt, das gehetzte Handeln zu reflektieren. Ein Film also wie ein Examen auf Zeit – besser schnell Taten setzen, die Besprechung gibt’s nachher.

November (2022)