A War

PAPA IST IM KRIEG

6,5/10

 

A WAR© 2015 Studiocanal Deutschland

 

LAND: DÄNEMARK 2015

REGIE: TOBIAS LINDHOLM

CAST: PILOU ASBÆK, TUVA NOVOTNY, SØREN MALLING, DULFI AL JABOURI, CHARLOTTE MUNCK, ALEX HØGH ANDERSEN U. A. 

 

Will man wirklich viel über das menschliche Verhalten ganz besonders in weniger alltäglichen Situationen erfahren, will man das Spektrum der individuellen Verantwortung bis zur Grenze ausloten, dann sollte man, ferner man nicht in sachkundigen Büchern darüber schmökern will, das dänische Kino heranziehen. Wer fällt mir da natürlich als erstes ein? Susanne Bier, keine Frage. Thomas Vinterberg natürlich, dessen Familiendrama Das Fest nachhaltig im Magen liegt. Martin Zandvliets Unter dem Sand erschüttert nicht weniger und stellt die Frage der Kriegsschuld mitten in den leeren Raum. Tobias Lindholm schließt sich da an. Sein selbst verfasstes Kriegsdrama mit dem schlichten Titel A War tut sich absichtlich schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen dem individuellen Drang, die Liebenden zu schützen und dem entseelten Pragmatismus korrekter Vorgehensweisen im Krieg. Bei Lindholm wissen wir: der Krieg ist nichts für Menschen, denn egal, wie sie sich, wenn es hart auf hart kommt, entscheiden: eine Partei zieht immer den Kürzeren.

Worum geht’s also? Nun, der dreifache Familienvater Claus Michael Pedersen ist Befehlshaber einer Einheit Soldaten, die in Afghanistan einen von Bauern bevölkerten Landstrich sichern sollen. Der wird aber immer wieder von Taliban-Milizen heimgesucht, bevorzugt des Nachts, wenn die ausländischen Krieger in ihren Kojen schlafen und keine Gefahr darstellen. Mit dem Tod ist bei Pedersens Kompanie jederzeit zu rechnen, entsprechend angespannt ist die Situation und spitzt sich zu, nachdem eine von den Taliban bedrohte Familie an der Kaserne um Zuflucht fleht. Das geht natürlich nicht, da könnte ja jeder kommen, die Trennlinie zwischen Zivilisten und Militär muss gezogen bleiben, wir sind ja schließlich Menschen unterschiedlicher Klasse und haben nichts gemein – oder ist in dieser Gleichung da irgendwo der Wurm drin? Das erfährt Pedersen tags darauf am eigenen Leib, als besagte Familie tot in ihrer Hütte liegt – und er selbst mit seinen Leuten ins Kreuzfeuer gerät. Wie aus dieser Situation rauskommen? Befehl an die Luftstreitkräfte: den Angreifer bombardieren, sonst sieht hier keiner den nächsten Morgen. Alsbald stellt sich heraus: das militärische Ziel war eigentlich ein ziviles.

Eines ist ganz klar: A War ist nicht mit Filmen der Art eines Michael Bay wie 13 Hours oder Peter Bergs Lone Survivor zu vergleichen. Lindholms Gleichnis ist um Breitengrade subtiler, und setzt auch rechtzeitig einen viel weiter gefassten Blickwinkel auf die Situation, so wie es einst schon Susanne Bier mit ihrem oscargekrönten Film In einer besseren Welt gemacht hat. Nur so, indem man gleichzeitig zwei völlig gegensätzliche Welten oder gar Genres zusammenbringt, die doch einen gemeinsamen Nenner haben, nämlich den Soldat Pedersen, lässt sich früh erkennen, worauf es hier eigentlich ankommt. Nicht aufs Überleben, nicht auf die Gräuel des Krieges, denn das ist ohnehin klar. Sondern auf die Unmöglichkeit im Krieg, die strategische Vernunft vor persönliche Bindung zu stellen. Der Mensch ist immer noch ein Gefühlswesen, neben den Grundbedürfnissen empfindet er immer noch Angst, Liebe und Wut als die stärksten Triebfedern seines Handelns. Ein Soldat ist schließlich kein Roboter, auch wenn Kubrick in Full Metal Jacket dieses aus seinen Rekruten machen wollte.

Womit ich mir etwas schwer tue, das ist dieses dem Film zugrundeliegende, verantwortungslose Verhalten, das sich natürlich nicht auf den Einsatz in Afghanistan bezieht, sondern auf die eigentliche Entscheidung des Vaters einer fünfköpfigen Familie, die unerlässliche Wichtigkeit einer Vaterfigur hinter berufliches Pflichtgefühl zu stellen – ein Verhalten, das ich nicht nachvollziehen kann. Soldat Pedersen tut es trotzdem – und wird zwangsläufig in den Sog aus Pflicht und Gewissen hineingezogen, was mir allerdings keine Genugtuung verschafft, weil ich mir nicht sicher bin, ob die Erkenntnis letzten Endes genau die war, die ich ihm gewünscht hätte.

A War

Operation: 12 Strong

DER KRIEG, EIN ABENTEUER!

5/10

 

12strong© 2000 – 2017 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: NICOLAI FUGLSIG

MIT CHRIS HEMSWORTH, MICHAEL SHANNON, MICHAEL PENA, WILLIAM FICHTNER U. A.

 

Damals war es Papst Urban II. Heute sind es die Medien. Der Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 ist wohl das ausgefeilteste filmisch dokumentierte Grauen der Neuzeit nach dem zweiten Weltkrieg. Bildmaterial, das vor allem das Herz eines amerikanischen Patrioten auf ganz besondere Weise berührt. Noch dazu, wenn dieser Patriot ohnehin schon Militärdienst leistet. Dieses ehrbare Pflichtgefühl – das sind Emotionen, die können wir hier in Europa gar nicht so richtig nachvollziehen. Schon gar nicht in Österreich – da gibt es zwar auch Patrioten, aber immerhin mit der Fußnote des Opportunismus. Das ist in den USA nicht der Fall. Da gibt es Demokraten und Republikaner. Und Republikaner – die stehen auf für ihr Land, wenn es ums Kämpfen geht. Da greift so manch einer schleunigst zum Schlüsselbund, setzt sich ins Auto und fährt zur nächsten Kaserne, um sich aktiv einer Task Force anzuschließen, die sofort und ohne Abwägen von Vor- und Nachteilen in die Höhle des Löwen reisen soll, um der teuflischen Al-Kaida zu zeigen, wo Thor´s Hammer hängt.

Und ja, ich meine Thor´s Hammer. Denn Chris Hemsworth, Marvel´s führendes Einauge nach Samuel L. Jackson als Nick Fury, ist in Operation: 12 Strong derjenige, der seiner Tochter erklären muss, dass ihr Papa nur mit Restrisiko wieder heimkehren wird. Das mag zwar eine der ersten Szenen des Filmes sein, aber spätestens da stellen sich bei mir schon die Nackenhaare auf. Wenn Heimatland vor Familie kommt, mag Hopfen und Malz verloren sein. Schon denke ich wieder an Papst Urban. Gut, das war das Mittelalter. Und gut, da gab es Lehensherren und Treueschwüre, die Pflicht, für den König zu kämpfen. Man könnte also annehmen, das Mittelalter haben wir weit hinter uns gelassen, die Bezwingung des Bösen unter Einsatz des eigenen Lebens in der Hoffnung auf Absolution. Bis auf die Absolution, die keiner mehr braucht, lässt sich das Konzept zumindest in Operation: 12 Strong bequem in die Gegenwart transportieren. Damit steht aber der makellose, zum Abenteuerfilm aufgerüschte Kriegsfilm sicherlich nicht alleine da. Obwohl ich aber auch hier dachte, dass wir diese Art von Film hinter uns gelassen haben. Missing in Action mit Chuck Norris, die Rambo-Sequels, bis – um noch weiter zurückzureisen – Steiner: Das eiserne Kreuz oder die Kanonen von Navarone oder wie diese Helden-Epen mit Stahlhelm, Panzer und MP alle heißen. Für den Kriegsfilm, vor allem aber auch für den vom amerikanischen Verteidigungsministerium gesponserten Kriegsfilm, gibt es immer eine freie Bettstatt. Der wird auch angesichts mangelnder Einkünfte nicht schwinden. Dazu ist die Lobby, die überall ihre Munition ins Spiel bringt, zu groß, zu stark, bis an die Zähne bewaffnet.

Also schwingt sich Das dreckige Dutzend unter Schreibtischhengst Thor auf die afghanischen Rösser, um den Taliban-Eiterherd am Hindukusch auszumerzen. Da vermisse ich jetzt schon die Gesichter eines Lee Marvin, Robert Mitchum oder James Coburn. Dafür schenkt uns Regisseur Fuglsig das hypnotische Charisma eines Michael Shannon oder die mutige Bereitschaft eines Michael Peña. Die sind natürlich längst nicht solche Westernhelden wie damals in den 70er Jahren, auch viel differenzierter in ihrem Spiel – was aber für Operation: 12 Strong nicht als Defizit zu vermerken ist. Davon hat sich auch Chris Hemsworth einiges abgeguckt – und gebärdet sich als Selbstfindungs-Krieger mit Herzblut gar nicht mal so schlecht. Wobei die Rückwandlung zum rechtzeitig zu Weihnachten heimkehrenden Familienmenschen jegliche Glaubwürdigkeit entbehrt. Aber war’s nicht tatsächlich so? Da müsste man den echten Captain Mitch Nelson fragen.

Hätten die Kreuzritter damals schon Kino gehabt, hätten sie diesen Film geliebt. Und wären nachher gleich nochmal in die Schlacht gezogen. Weil das Herz eines Kriegers… ok, lassen wir das. Es war ja wirklich eine erfolgreiche Mission, von der alle Beteiligten, also zumindest alle beteiligten Amerikaner, heil wieder zurückgekehrt sind. Helden des Krieges, die gab es so schon lange nicht mehr. So richtig unkritisch, tadellos und aufrichtig. Es lebe das unreflektierte, geradlinige, schnörkellose Gefechtskino weit jenseits eines Michael Cimino oder Oliver Stone. Und sogar weit jenseits eines Clint Eastwood, der mit American Sniper eine deutlich ambivalentere (Anti)helden-Exegese in Szene gesetzt hat. Wer also das Genre des Kinos gerne auf ausgefeilte Pyrotechnik und Munitionsverschleiß heruntergebrochen sehen möchte und sich einmal nicht kritisch mit der Rechtfertigung militärischer Intervention auseinandersetzen will, der kann bei Operation: 12 Strong gut und gerne mitfiebern. Nur die in Captain America zynisch beäugte, aber hier keineswegs als solche ausgewiesene Propaganda selbstloser Kriegsidealisten und die damit einhergehende Wandlung zu einem Lawrence zwar nicht von Arabien, aber von Afghanistan wird womöglich sauer aufstoßen.

Operation: 12 Strong