Waren einmal Revoluzzer

STÖRE MEINE KREISE NICHT

5/10

 

wareneinmalrevoluzzer© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: JOHANNA MODER

CAST: JULIA JENTSCH, MANUEL RUBEY, AENNE SCHWARZ, MARCEL MOHAB, YELENA TRONINA, TAMBET TUISK, JOSEF HADER U. A.

 

Endlich mal tun, was sich gut anfühlt. Endlich mal Welten bewegen, und diesmal nicht zum Eigennutz. Vom Lippenbekenntnis bis zur durchdachten Aktion kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, denn wer einmal etwas ändern will, und wer einfach einmal über seinen Schatten springen will, der wird es auch schaffen, ein Gutmensch zu sein. Die Komfortzone ist dann nur noch etwas für bequeme Couchkonsumierer, die medial verbreitete Heldentaten wie jene der Kapitänin Carola Rackete fast schon mit Eigenlob abnicken.

Zwei befreundete Paare um die 40, die einen kinderlos, die anderen inklusive Nachwuchs vierköpfig, erhalten die seltene Gelegenheit, einem Freund aus früheren Zeiten, der in Russland von den Behörden anscheinend gesucht wird und untertauchen hat müssen, nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern auch gleich nach Österreich zu holen. Da braucht man doch nur ein paar gefälschte Papiere und Stillschweigen gegenüber Außenstehenden. Was genau sich Pawel zuschulden hat kommen lassen, ist nicht wichtig. Das vermeintlich demokratische Russland hat´s schließlich nicht so mit Meinungsfreiheiten, also stecken bestimmt verletzte Menschenrechte dahinter. Pawel kommt also in Wien an – und nicht nur er: Frau und Kind sind ebenfalls mit von der Partie. Als die drei so verloren am Bahnsteig und später dann in Julia Jentschs Wohnung stehen, wäre es längst Zeit gewesen für Teil 2 des Projekts Alltagsaltruismus. Doch den gibt es nicht. Und so stören die drei Flüchtigen mit der Zeit die kommod eingerichtete Komfortzone der vier Individualisten, die nichts lieber gehabt hätten, als die Willkommenskultur beim freundlichen Winken zu belassen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder hat bei ihrem zweiten Kinofilm ihre Einstandsfrage ordentlich ausformuliert: wie sieht es wohl aus, wenn das intellektuelle Klientel aus Studierten und Künstlern, die so sehr offen für alles sind, solange es nicht die eigenen Kreise stört, Verantwortung übernehmen müssen für ihren undurchdachten Aktivismus? Wahrscheinlich sieht es genauso aus wie in Waren einmal Revoluzzer. Zu diesem Titel singt Clara Luzia einen recht ironischen Song, und zumindest drei der vier (denn Manuel Rubey als Songwriter im Selbstversuch weiß von nichts) gelangen zur ernüchternden Erkenntnis, erstmal Gutmensch zu sich selbst sein zu müssen, bevor andere in den Genuss der humanitären Hilfe kommen. Moders Film ist diesbezüglich relativ ernüchternd, und auch längst nicht so zynisch oder gar satirisch. Julia Jentsch, Aenne Schwarz, Manuel Ruben und Marcel Mohab bilden ein hervorragendes Ensemble, wunderbar aufeinander eingespielt, völlig natürlich agierend und ohne Bühnen-Überhöhung. Diese Natürlichkeit findet sich allerdings auch im Drehbuch Moders wieder: Was das heißt? So gut sich die Story auch anlässt, so beiläufig verwässert sie. Klar, ich muss nicht auf Biegen und Brechen in diesem zwischenmenschlichen Dilemma eine Lösung finden. Zumindest aber eine Erkenntnis auch für den Zuseher, oder irgendetwas, das zu neuen Sichtweisen anspornt, wäre eine runde Sache gewesen. So allerdings gerät die Tragikomödie viel zu redundant, Konflikte wiederholen sich. Da keiner mit dieser Situation zurechtkommt, bleibt auch viel trendig gefilmter Leerlauf zwischen einem fahrigen Hin und Her aus Möchtegern und Ruhebedürftigkeit. Im Grunde ist Waren einmal Revoluzzer zu lange geraten, und aus der wunderbaren Ausgangssituation bleibt ein gut gespieltes, aber ratloses Durcheinander ohne Aussicht darauf, als Revoluzzer in die Geschichte einzugehen. Vielleicht gibt’s auch wirklich keine Lösung, und der übersättigte Wohlstand des Westens hat prinzipiell mal keine Kapazitäten mehr.

Waren einmal Revoluzzer

Adú

JUNGE, KOMM NIE WIEDER NACH HAUS

5,5/10

 

Adu© 2020 Netflix

 

LAND: SPANIEN 2019

REGIE: SALVADOR CALVO

CAST: MOUSTAPHA OUMAROU, LUIS TOSAR, ANNA CASTILLO, ÁLVARO CERVANTES, JESÚS CARROZA U. A. 

 

Im Gegensatz zu Oliver Twist aus Charles Dickens´ Fortsetzungsroman weiß der kleine Adú immerhin, woher er kommt: aus einer Holzhütte über den Wassern irgendwo in Kamerun. Dort lebt er mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester, und oft führt der Weg nach Hause auf dem familieneigenen Fahrrad quer durch den Dschungel des Ebo Reservats. Wie es in Afrika nun mal so zum Alltag gehört, liegen Verbrechen und ein argloses Leben in Armut eng beieinander. Eines Tages werden die beiden Kinder Zeuge, wie Wilderer einen Elefanten zerlegen – und werden prompt entdeckt. Kein gutes Timing. Was folgt, ist ähnlich ernüchternd wie das Schicksal des Dickhäuters. Die Zeugen sind bald eruiert. Was bleibt, ist die Flucht durch Nacht und Nebel. Mutterlos, obdachlos. Eine Odyssee in den Norden beginnt, während der sich Adú bald im Alleingang durchkämpfen muss – bis ans Nordufer des afrikanischen Kontinents.

Das klingt natürlich nach einer spannenden, immens aufwühlenden und auch erschütternden Überlebens- und Leidensgeschichte. Nach einem Flüchtlingsdrama, das betroffen macht. Vielleicht klingt das auch ein bisschen nach Abenteuer. Aber Flucht ist niemals so heldenromantisch wie sich Abenteuer nicht selten outen. Diese Flucht ist eine Notwendigkeit – und der Drang, der Druck nach vorne, diesen Willen, sich durchzuarbeiten und sich notgedrungen mit anderen zusammenzuschließen, die ein ähnliches Schicksal teilen, das weiß Regisseur Salvador Calvo in staubgetunkten Afrikabildern vom Dschungel bis in die Berge Marokkos ganz gut einzufangen. Wobei er allerdings gut daran getan hätte, auf den Fersen des kleinen Adú zu bleiben. Stattdessen fächert er das Thema auf zwei weitere Episoden auf, die nur lose mit dem Schicksal des Waisenjungen verknüpft sind. Ziemlich lose sogar.

Zum einen ist das die Geschichte rund um den NGO-Wildtierschützer Gonzalo, der nicht nur seine Position im Kampf gegen Elfenbein vor den Einheimischen verteidigen, sondern nebenbei noch seine Rolle als Vater einer Tochter wahrnehmen muss, die ihre Drogensucht am Äquator auszukurieren gedenkt. Zum anderen ist das ein tödlicher Zwischenfall am Grenzzaun zur spanischen Enklave Mallila nahe Marokko, für welchen sich einige Grenzschutzbeamte verantworten müssen. Adú tangieren diese scheinbar willkürlich gestreuten Zusatzepisoden überhaupt nicht. Den Zuseher genausowenig. In Alejandro Gonzáles Iñárritus Film Babel haben erstens alle Episoden einen gemeinsamen Nenner, und zweitens sind diese in ähnlicher ausgewogener Relevanz zu sehen. In Adú schenkt Calvo natürlich der Geschichte des Jungen die meiste Aufmerksamkeit und auch Spielzeit. Die zwei anderen Episoden sind schale Anhängsel und erfüllen nicht wirklich ihren Zweck. Dafür sind sie zu wenig definiert, fast schon beliebig, was die Wahl verwandter Themen betrifft, die rund um den gordischen Knoten namens Flüchtlingskrise treiben. Was nicht heißt, dass diese beliebigen Themen auch miteinander verknüpft werden können. Man wartet also, während man Adú zusieht, wie er ums Überleben strampelt, inwiefern die Stories sowohl des Tier- als auch des Grenzschützers wohl zur Entwicklung von Adús Story beitragen können. Nun ja – nichts.

Adú ist sicher ambitioniert. Letzten Endes aber erinnert Adú an das ereifernde Aufzeigen eines heimgekehrten Globetrotters, der seinen Good Will aktiv umsetzen möchte und daher bei der Suche nach freiwilligen Helfern enthusiastisch den Arm in die Höhe reckt. Natürlich eine feine Sache, doch sobald es ernst wird, bleibt die lähmende Ohnmacht, kaum etwas verändern zu können, da die Politik den erfahrungsreichen Globetrotter von links nicht erhört. Womit wir vielleicht doch bei einem gemeinsamen Nenner wären. Unterm Strich nämlich, da schlägt die Skala zur Veränderung der Gesamtsituation nur dann aus, wenn der, den es betrifft, sein Leben selbst in die Hand nimmt. Die Zukunft bleibt dabei selbstverständlich ungewiss. Und die Flucht nach Europa unabdingbar.

Adú

Atlantique

WO SIND ALL DIE MÄNNER HIN?

7,5/10

 

atlantique© 2019 Netflix

 

LAND: SENEGAL, FRANKREICH, BELGIEN 2019

REGIE: MATI DIOP

CAST: MAMA SANÉ, IBRAHIMA TRAORE, AMINATA KANE, ABDOU BALDE, IBRAHIMA MBAYE, AMADOU MBOW U. A. 

 

Immer wieder stößt man vor allem bei weniger beworbenen Produktionen, die vielleicht gar nie bei uns im Kino liefen und wenn, dann nur zu Festivals, auf ausgesuchte Überraschungen. Eine solche Überraschung ist dieser Film aus dem frankophonen Afrika. Genauer gesagt aus dem Senegal. Afrikanische Filme werden ohnehin viel zu selten in den Kinos gezeigt, zum Glück gibt’s das Votivkino mit ihren frankophonen Filmwochen. Atlantique wurde übrigens bei den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes präsentiert. Und kam in die Endauswahl für die goldene Palme. Die ging, wie wir wissen, an Bong Joon Ho. Blieb immer noch der Große Preis der Jury, den dieses filmische Kleinod gewann. Geradewegs weg von Cannes ging dieser Film dann mal auf Tauchstation, um wieder über die letzte Viennale bei Netflix zu erscheinen. Und nach Roma dürfte Atlantique wohl das künstlerisch Bemerkenswerteste sein, was dieser Streamingriese derzeit zu bieten hat.

Schauplatz ist Dakar. Die Hauptstadt des Senegal ist diesmal nicht das Ziel eines Racings quer durch die Wüste. Dakar, diese Metropole an der Küste, die wird in Atlantique dominiert von einem futuristischen Hotelgiganten als Symbol einer Zukunft, ganz im Stile des Burj al Arab in Dubai. Dieses Gebäude steht natürlich nicht wirklich dort, sieht obendrein noch aus wie ein gelandetes Raumschiff, fast so wie in Arrival. Um diesen Komplex herum wird eifrig gebaut, und dazu braucht es Männer, junge Männer, die aber schon drei Monate auf ihren Lohn warten und kurz davor sind, auf die Barrikaden zu steigen. Angesichts ihrer Schulden und ihrer ausweglosen Situation beschließen sie, den Sprung nach Europa zu wagen – mit einem Boot über den Atlantik, wie es sowieso schon viele junge Menschen aus Afrika tun. Zurück bleiben die Frauen, die jungen Mädchen. Zerrissen werden Beziehungen, Liebschaften, Freundschaften. Auch die der beiden Verliebten Ada und Suleiman. Doch Suleiman verschwindet, und Ada bleibt alleine zurück. Wie es ihr wohl geht, lässt sich kaum schwer nachvollziehen. Noch dazu wird sie zu einer arrangierten Heirat genötigt, mit einem neureichen Schnösel, der scheinbar alles hat, aber nur eines nicht – Seele. So zumindest scheint es. Was wird Ada wohl tun? Ihrem Geliebten hinterher reisen? Auf ihn warten? Sich selbst behaupten und beginnen, auf eigenen Beinen zu stehen? Doch bevor sich das junge Mädchen diese Fragen selbst beantworten kann, passiert etwas, was nicht zu erwarten ist, und das Diesseits bekommt Besuch.

Was dann eben eintritt, war nicht zu erwarten. Es ist eine Überraschung, aber wie durch ein Wunder eine, die auf Basis einer afrikanischen Lebens- und Geisteshaltung völlig selbstverständlich scheint. Afrika, das ist ein Kontinent, in welchem der Spiritismus zuhause ist, das Zwischendimensionale, das Mystische. Atlantique wird zu einem ebensolchen Parcourlauf, wobei sich die Frage stellt, ob das Paranormale, das hier Einzug in den Alltag hält, nicht sowieso immer schon da war. Wer die Filme des Thailänders Apichatpong Weerasethakul kennt, wird wissen, was ich meine. In Uncle Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben ist der Zustand einer Grauzone zwischen den Dimensionen etwas völlig Normales. Das Zusammenleben mit Geistern und Dämonen nichts, wovor sich der Mensch zu fürchten hat. Er hat es nur zu verstehen. Und das ist gar nicht mal so einfach. In Ulrich Köhlers Schlafkrankheit passiert Ähnliches. Auch hier ist das Aufeinandertreffen von Mystik und Realität ein ganz eigenes Erlebnis, das über die Definition des Phantastischen hinausgeht, oder eine ganz eigene, bodenständige Richtung nimmt. Weil es fast schon glaubhaft erscheint. Weil man bei solchen Filmen tatsächlich das Übernatürliche dahinter als evident vermuten könnte. Regisseurin Mati Diop geht aber in ihrem augenscheinlichen, narrativ fast klassischen Liebesfilm noch einen Schritt weiter als nur filmische Seancen zu halten: Sie macht aus ihrem bezaubernd fotografierten, vom Staub der Straßen durchdrängten und gleichzeitig himmlisch funkelnden Kunstwerk eine Allegorie über den Ursprung einer Landesflucht, über den Beweggrund der Flüchtenden und das Ausmachen der Schuldigen. Wie Diop all diese verträumte, schlaftrunkene Symbolik zusammenmontiert, ist erstaunlich aufgeweckt, klug und mit viel Sympathie für ihre Figuren erzählt. Antlantique ist auch melancholisch, hat durchaus Suspense, lässt das Unbekannte aber nicht zwingend bedrohlich erscheinen. Dafür ist zu viel Liebe im Spiel, zu viel Sehnsucht. Atlantique ist unglaublich erfrischend, und das nicht nur aufgrund der Nähe zum Meer. Der Film setzt interessante, neue Impulse und wenn sich die beiden Liebenden in den Armen liegen, getaucht ins Licht einer Strandbar, dann ist das pure Filmpoesie von einem Kontinent, indem mehr das Sein als der Schein die konstante Devise ist.

Atlantique

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

WARTEN AUF BESSERE ZEITEN

5,5/10

 

rosakaninchen© 2019 Warner Bros.

 

LAND: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2019

REGIE: CAROLINE LINK

CAST: RIVA KRYMALOVSKI, OLIVER MASUCCI, CARLA JURI, JUSTUS VON DOHNÁNYI, MARINUS HOHMANN, ANNE BENNENT U. A. 

 

Das ist einfach zu viel verlangt. Wie soll man sich als Kind entscheiden, welches Lieblingsstofftier der Flucht ins Ausland beiwohnen und welches dieser wattegefüllten Wesen dem Diktator in die Hände fallen soll? Ein Ding der Unmöglichkeit. Ich als Kind hätte das nicht gekonnt. Die neunjährige Anna Kemper tut sich ebenfalls sichtlich schwer. Letzten Endes wird’s der Hund. Das rosa Kaninchen, das nimmt sich Hitler.  Familie Kemper, die hat in weiser Voraussicht schon im Jahr 1933, noch vor der Wahl, die Hitlers Aufstieg besiegeln sollte, die Zelte abgebrochen. Das war der Anfang vom Ende eines vertrauten Lebens. Und der Anfang ohne Ende einer ruhelosen Wanderung quer über den westlichen europäischen Kontinent, über die Schweiz nach Frankreich und von dort nach Großbritannien. Judith Kerr hat diesen Roman verfasst, ihre Lebens- und Kindheitsgeschichte. Genannt hat sie sich in diesem Roman Anna Kemper, doch was sie erlebt hat, ist sicherlich nicht nur ihr so passiert, sondern auch unzähligen anderen jüdischen Kindern, die da mitgeschleppt werden mussten, von einem halbwegs sicheren Platz zum Leben bis hin zum nächsten. Eine prägende Erfahrung, wie man sieht – der Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl wurde millionenfach verkauft. Herangewagt an diese Chronik einer Flucht und des bangen Wartens auf Frieden und Beständigkeit hat sich natürlich Oscar-Preisträgerin Caroline Link, die sich mit den Themen Kindheit und Coming of Age unter besonderen Bedingungen bestens auszukennen scheint. Der Junge muss an die frische Luft war ihr letzter Film, ebenfalls die Adaption eines Bestsellers, nämlich der Erinnerungen aus dem Kinderzimmer von Hape Kerkeling.

Das Kinderzimmer ist diesmal karg und behält nur das notwendigste, und zum Glück ist es kein verstecktes Hinterzimmer wie bei Anne Frank, deren Familie gar nicht so schnell schauen konnte, da wurde die Flucht schon unmöglich. Wie die zutiefst tragische Geschichte ausging, das wissen wir. Judith Kerrs Erlebnisse sind andere, und dabei konzentriert sich der Film auf das Mädchen Anne und auf den Vater, gespielt von Oliver Masucci. Der war dann auch der Grund, warum Annas Familie hat flüchten müssen. Vater Kemper war Schriftsteller und Kritiker und natürlich in den Augen der Nazis eine Persona non grata, Kopfgeld inklusive.

Diese Erfahrungen aus dem Krieg, diese Entbehrungen während des verzweifelten Hoppings durch Europa, die adaptiert Caroline Link sehr zurückgenommen. Ist ja mal ein guter Ansatz, keiner will wirklich übertriebenen Pathos sehen. Allerdings verheddert sich dieser zurückgenommene, geradezu beschauliche Stil in eine traditionelle Erzähl- und Filmweise, die ich nur als hausbacken bezeichnen kann. So werden Fernsehfilme erzählt, da verlässt man sich auf probate und effiziente Mittel, um ein Projekt auch im Zeit- und Geldrahmen und zur Verträglichkeit eines weitaus jüngeren Publikums durch die Drehtermine zu bringen. Interessanterweise entsteht hier aber eine Diskrepanz zwischen dem, was der kreative Kindermund aus dem Off alles erzählt, und Links harmonischen, unerschütterlich glatten Interpretation des Erlebten. Szenenweise wirkt der Film wie ein Neuaufguss von Heidi, natürlich und vor allem in den Szenen, die in der Schweiz spielen. Das ist schon Heimatfilmkitsch allererster Güte, aber vielleicht war das in den Augen von Judith Kerr wirklich so ein pittoreskes Umfeld? Auch in Paris scheut der Film nicht vor Klischees zurück, aber vielleicht sind auch hier Klischees berechtigt, denn von irgendwoher müssen die ja kommen.

Auch wenn eine Flucht Menschen logischerweise an ihre Grenzen bringt, plätschert Als Hitler das rosa Kaninchen stahl gänzlich ohne narrativen Höhepunkt vor sich hin. Es sind Episoden, immer irgendwo anders, und die kleine Anna Kemper muss sich stets neu erfinden. Sehen Kindheitserinnerungen so aus? Vielleicht vervollständigen sie sich erst durch das, was die Eltern erzählen, und die haben schon so manches dabei ausgeschmückt. Genauso wirkt der Film: verklärt, romantisiert, einzig durch die verlorene Figur des Onkels Julius (Justus von Dohnányi) vermutet der Zuseher eine allgegenwärtige Bedrohung von außen. Was aus dem rosa Kaninchen wurde, weiß vermutlich keiner. Was aus Judith Kerr wurde, das schon. Wie sie dazu kam – das erzählt eine uninspirierte Verfilmung über die Kunst, als Familie in der Not zu improvisieren.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Gegen den Strom

AND THE BAND PLAYED ON

6/10

 

gegendenstrom© 2018 Pandora Filmverleih

 

LAND: ISLAND, FRANKREICH, UKRAINE 2018

REGIE: BENEDIKT ERLINGSSON

CAST: HALLDORA GEIRHARDSDOTTIR, JÓHANN SIGURÐARSON, JUAN CAMILLO ROMAN ESTRADA U. A.

 

Solange die Musik spielt, ist nicht alles verloren. Das hat man sich auf der Titanic auch gedacht. Also fidelten die Streicher bis zum bitteren Ende, und zwar immer noch, als alles bereits in den Fluten versank. Wer das sonst nirgendwo nachgelesen hat, weiß das seit James Camerons Filmwunder von 1997. Wenn also die Stille nach wohlkomponierten Klängen folgt, wird wohl schon alles so richtig im Argen sein. In der isländischen Tragikomödie, die ich eigentlich gar nicht in das Genre einer Tragikomödie einsortieren will, ist das Schlimmste noch nicht eingetreten. Obwohl die Lage schlimm genug ist. Denn die Combo, die spielt den ganzen Film hindurch. Was nun, das wird sich so mancher Leser denken, in den meisten Filmen sowieso der Fall ist, denn in gefühlt jeder Produktion bis auf die Filme von Michael Haneke oder dem Dogma 95 gibt es einen eigenen Score. In Gegen den Strom zwar auch, nur musizieren die Artisten live im Film, sind also Teil der Kulisse und begleiten unsere Protagonistin Halla im Grunde auf Schritt und Tritt. Auf offenem Felde, in der unwirtlichen Einöde Islands oder in ihren eigenen vier Wänden. Das ist ein interessantes Stilmittel, das habe ich ehrlich so noch nicht gesehen. Die Musik ist also ein weitaus wichtigerer Teil in Hallas Geschichte, um nur als Score eingespielt zu werden. Solange also die Musik läuft, kann Halla noch einiges riskieren. Und das tut sie.

Wenn sie nicht gerade ihre Chorgruppe leitet, rüstet sie „gegen den Strom“. Da haben wir ihn wieder, den doppelten Wortsinn. Denn Halla gelingt es mehrere Male, ohne entdeckt zu werden, mittels Pfeil und Bogen die Spannungsleitungen für die lokale Aluminiumfabrik zu kappen. Denn die ist schlecht für die Umwelt. Durch ihr Tun schreckt sie jede Menge Investoren ab, die da vielleicht mehr im Sinn haben als nur die Fabrik zu übernehmen. Eine Aktivistin also, durch und durch. Gleichzeitig aber auch bereit, ein Flüchtlingskind zu adoptieren, falls sie denn an die Reihe kommt. Da ist also einiges am Köcheln, und klingt nach stressigem Alltag. Den Idealismus, den Mut und die Überzeugung für eine Sache, den hat Regisseur Benedikt Erlingsson in seinem Frauenportrait so richtig groß geschrieben. Die Welt, die will er mit seiner Figur Halla besser machen, es scheint, als würde er sich wünschen, dass mehr Menschen so denken und handeln wie sie, gegen alle Konformität und eigentlich gegen jede Vernunft. Denn die, die kommt später. Wenn das verursachte Chaos Früchte trägt. Wenn der Plan aufgeht.

Vom isländischen Kino bin ich schon einiges gewohnt. Vor allem lakonisches, schwarzhumoriges. Sehr schräges aber auch wuchtiges. Gegen den Strom kann sich da nirgendwo wirklich einordnen. Das kaum bis gar nicht humorvolle Drama ist trotz seiner außergewöhnlichen Heldin ernüchternd normal, immer auf der Spur, selten versponnen. Halldóra Geirharðsdóttir verkörpert die Rolle der Kämpferin mit nüchterner Verbissenheit, die vollends überzeugt ist von ihrem Tun. Eine Hardlinerin, die all die Risiken, die sie beschwört, womöglich nicht abschätzen kann. Das ist nicht wirklich isländisch gefärbt, auch wenn so manche Szene ansatzweise skurril wirkt. Im Endeffekt ist es das aber nicht. Gegen den Strom ist trotz all seiner Aufregung ein unaufgeregter Film, vor allem durch das kontrollierte Spiel der Hauptdarstellerin. Die Welt zu verändern, so die Prämisse des Filmes, ist nichts, was per Multitasking erfüllt werden kann, bei all der Liebe zu den Ambitionen, die das Drama hat. Das mag klarsichtig sein, aufrichtig sein, aber letzten Endes ein Kampf gegen Windmühlen, der vielleicht erwirkt, dass sich die Windmühle weiterdreht, aber kein Monster mehr ist. Weil das eigene Leben immer noch oberste Priorität haben soll. Der Storytwist am Ende macht dann das Unmögliche möglich, erwartbar war er nicht. Ein bisschen bemüht zusammenkonstruiert, aber warum nicht, wenn es doch der guten Sache dient, und sich die Rettung der Welt auf die eines einzelnen herunterbrechen lässt.

Gegen den Strom

Jupiter´s Moon

DA HILFT NUR NOCH EIN WUNDER

5/10

 

jupitersmoon© 2018 Thimfilm

 

LAND: UNGARN, DEUTSCHLAND 2017

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

CAST: MERAB NINIDZE, ZSOMBOR JÉGER, GYÖRGY CSERHALMI, MÓNIKA BALSAI U. A.

 

Was gibt es eigentlich Neues aus Syrien? Seit sich hier in Österreich das Wahlkampfgetrommel tagtäglich im Takt erhöht und – natürlich zurecht – der Klimawandel ganz oben auf den Agenden steht, finden die Entwicklungen im Nahen Osten maximal nur in den Kurzmeldungen Erwähnung. Solange sich dieser Bürgerkrieg nicht als Teil des Wahlprogramms mancher Grenzwallerrichter verwenden lässt, wie zum Beispiel die Rückholung des Nachwuchses ausgereister IS-Bewerber, bleiben diese Schicksale unter ferner liefen. Wenn da kein Wunder geschieht, ändert sich dort kaum etwas. Auf Wunder lässt sich aber bis zum St. Nimmerleinstag hoffen. Und wenn so ein Wunder eintritt, dann sind das die Skills bemerkenswerter Geistlicher, die dann posthum heilig werden. Bei Wundern fällt mir natürlich sofort Jesus von Nazareth ein, oder Pater Pio, der angeblich die Wundmale Christi trug. Ihr könnt das natürlich halten, wie ihr wollt: Aber gesetzt den Fall, es gab und gibt dieses Paranormale: Wie damit umgehen? Und wie lässt sich so ein Wunder überhaupt nutzen, vor allem in so prekären Situationen wie während einer Flucht? Hat man da überhaupt die Muße, sich näher damit auseinanderzusetzen?

Interessante Fragen, ein spannendes Szenario, das der ungarische Filmemacher Kornél Mundruczó in seinem metaphysischen Flüchtlingsdrama Jupiter´s Moon da formuliert und entworfen hat. In seinem Werk, dessen Titel Bezug nimmt auf den Eismond Europa, der mit hoher Wahrscheinlichkeit unter seinem kilometerdicken Eispanzer flüssiges Wasser verbirgt, wagen sich der Syrer Aryan und dessen Vater über die grüne Grenze nach Ungarn. Leider geht im entscheidenden Moment so einiges schief, und Aryan wird auf der Flucht weiter Richtung Westen erschossen. Doch er stirbt nicht, er überlebt trotz mehrerer Schüsse in die Brust. Und er kann plötzlich fliegen, oder sagen wir besser: schweben. Und nicht nur das: im Laufe der Zeit entwickelt er die Fähigkeit, nicht nur sich selbst den Gesetzen der Gravitation zu entziehen, sondern auch alles, was ihn unmittelbar umgibt.

Ratlos ist da nicht nur der ungarische Schauspieler Zsombor Jéger als hilfsbedürftiger X-Men, sondern auch der Zuseher. Warum und wozu genau der Syrer als Auserwählter dieses plötzliche, allen Gesetzmäßigkeiten der Physik zum Trotz erhaltene Wunderhandeln besitzt, hat für den Film, wie es aussieht, nicht so wirklich Relevanz. Ganz klar – Jupiter´s Moon ist eine Allegorie auf so manche Zustände an der Grenze zum sicheren Heil. Keine Ahnung natürlich, wie sich Flüchtlinge fühlen müssen, wie hoch der Rest ihres Selbstwertes denn überhaupt noch ist, ob sich dieser noch messen lässt. Und ob überhaupt noch das Prinzip Hoffnung eine Rolle spielt. Ich hoffe, diesen Zustand niemals erfahren zu müssen. Doch würde ich als Flüchtling den Wunsch verspüren, fliegen zu können? Vielleicht nicht, aber vielleicht würde ich denken: Ach, wäre ich doch ein Superheld. Wäre ich doch etwas Besonderes. Jemand, den man nicht übersehen kann. Der gleichzeitig über allem schwebt, die Dinge aus sicherer Distanz betrachtet, der vielleicht die Paradigmen umkehrt und der die Wertschätzung erhält, die ihm zusteht. Vielleicht ist das die Prämisse des eigenartigen, undurchsichtigen Streifens, der sich deutlich schwertut, seinen Willen zu formulieren.

Protagonist Aryan bleibt eine ratlose, verirrte, verstörte Figur. Sein Ziel ist es, seinen Vater zu finden, sein Weg aber kreuzt ihn mit dem eines in Ungnade gefallenen Arztes, der Flüchtlingen falsche Krankenakten ausstellt, um sie nach Europa zu retten. Mit Aryan wittert er das große Geschäft des Wunderheilens – klarer Fall von Scharlatanerie. Der Syrer macht vorerst mit, warum auch immer. Zsombor Jéger ist die Ratlosigkeit, die Orientierungslosigkeit in Person. Das überträgt sich auf den ganzen Film, der in verzweifelter Unfähigkeit, Ziele zu formulieren, in mehrere Richtungen gleichzeitig navigiert. Das ist konfus, und seltsam unnahbar. Da mag zwar eine noble Ambition hinter dem Projekt gesteckt haben – dafür manifestiert sich dieses Gleichnis als allzu verschwurbelt, diffus und unartikuliert, um die Bedeutungsschwere in vollem Ausmaß zu erfühlen. Bei Underdog ist Kornél Mundruczó diese Allegorie besser geglückt, der Plot, die Idee dahinter war begrenzter, kleiner und griffiger. Das Thema der Flüchtlingskrise so anzupacken scheint wie ein klarer Fall von fehlender Bodenhaftung.

Jupiter´s Moon

Der Affront

VOM HINHALTEN DER ANDEREN BACKE

8/10

 

affront© 2018 Filmladen

 

LAND: FRANKREICH, LIBANON 2017

REGIE: ZIAD DOUEIRI

CAST: ADEL KARAM, RITY HAYEK, KAMEL EL BASHA, CHRISTINE CHOUEIRI U. A.

 

Ich wäre dankbar dafür, würden Bauarbeiter an meiner Haustür läuten und mich darauf aufmerksam machen, dass mein Abfluss defekt ist. Wenn sie sich noch dazu bereit erklären würden, diesen zu reparieren, würde ich ihnen, und das wäre das mindeste, sogar einen Kaffee spendieren, vom Trinkgeld im Nachhinein mal abgesehen. Allerdings läuft sowas nicht ganz so geschmeidig ab, wenn wir uns im Libanon befinden, genauer gesagt in Beirut. Um zu verstehen, warum eine Hilfestellung wie diese zu einem handfesten Affront wird, wäre es natürlich nicht schlecht, die politische Geschichte des Landes zumindest rudimentär zu kennen. Falls dem nicht so ist, macht das auch nichts, es wäre nur eine Fleißaufgabe vorab, um noch leichter in die Tragödie hineinzufinden, die sich scheinbar im Zeitraffer hochschraubt wie ein Kettenkarussell. In Beirut also lässt der libanesische Christ Toni den Palästinenser Yasser natürlich nicht in die Wohnung. Einfach, weil er ein muslimischer Flüchtling ist, in diesem Land nichts verloren hat und schon gar nicht Hand anlegen darf an etwas, dass einem patriotischen Christen gehört. Yasser muss das Problem mit dem illegalen Abfluss aber im Rahmen seiner Arbeit trotzdem irgendwie lösen – und wird daraufhin von Toni beschimpft. Der schimpft natürlich zurück – und die Wogen schaukeln sich hoch. Eine verbale Ohrfeige folgt der anderen, keiner ist bereit, klein beizugeben. Weder der Palästinenser noch der Christ. Der Streit ist natürlich ein Sinnbild für etwas viel größeres, das hinter der Fassade augenscheinlicher Toleranz schwelt. Nämlich der Hass auf Einwanderer aus dem Süden, die allesamt verantwortlich gemacht werden für einen Krieg, der noch viel weiter zurückliegt, und der aus Flüchtlingen automatisch verdächtige Terroristen macht.

Der Libanese Ziad Doueiri, langjähriger Kameraassistent bei Quentin Tarantino, hat mit Der Affront ein bemerkenswertes Politdrama entworfen. Nicht nur eben inszeniert, sondern auch geschrieben. Die Idee, das Misstrauen zweier Völker auf dem Rücken zweier Männer austragen zu lassen, die in ihrer Überzeugung, das Recht auf ihrer Seite zu haben, sogar bis vors Gericht gehen, damit lässt sich nicht nur die sensible Lage im Nahen Osten sezieren. Was als bürgerliche Miniatur aus dem Randbezirk beginnt, mutiert zu flächendeckender Unruhe. Damit lässt sich generell, und zwar auf einer übergeordneten Metaebene, die Mechanismen eines ethnisch bedingten Konfliktes analysieren, wenn nicht gar die Mechanismen von Streit an sich. Dass der Klügere nachgibt, wie es so schön heißt, das reduziert sich auf eine wohlmeinende Floskel, die vergisst, mit Emotionen zu kalkulieren. Emotionen, die lassen nicht mehr klar denken, geschweige denn klug. Denn wer klug ist, sollte erstmal gelassen sein. Angesichts finsterer Erinnerungen, die den Christen Toni plagen, ein Ding der Unmöglichkeit. Wobei gerade da die größte Herausforderung jene ist, trotz allem einen Schritt zurück zumachen und die Situation aus konfliktberuhigter Lage zu betrachten. Um dann auch noch die andere Backe hinzuhalten, die Hand zum Friedensschluss zu reichen. Den Kreislauf der Fehde zu unterbrechen und Schwammdrüber zu machen, über alles was war. Im Nahen Osten aber, da herrscht noch vehementer als bei uns das Bewusstsein, einem Volk anzugehören. Diese Zwangsgemeinschaft großer Weltreligionen, die sich noch dazu ethnisch unterscheiden, können im Kampf für ihre Grundrechte jeden gebrauchen. Das weiß der Einzelne, das weiß auch Toni und Yasser. Aber wann ist das Wettrüsten zum eigenen Stolz am Ende? Wann wird aus Stolz kindischer Trotz? Und kann man irgendwann, wenn es schon so heiß köchelt, nochmal umkehren und die Wurzeln der Diskrepanz in neue Erde setzen?

Der Affront will den Versuch wagen. Doueiris Film denkt sein Szenario konsequent und diszipliniert zu Ende, während die urbanen Massen kurz davor sind, ihre Disziplin zu verlieren. Dabei erinnert Doueiris Herangehensweise an jener des Iraners Ashgar Farhadi, der zum Beispiel mit Werken wie The Salesman ähnlich gesellschaftskritische Beobachtungen liefert. Das gleichnishafte Drama bringt den Konflikt vor Gericht, versucht dabei, nicht Partei zu beziehen. Lässt festgefahrene Blindwütigkeit und eitle Sturheit auseinandernehmen, bis der Kern des Problems ans Licht tritt. Das ist spannend, höchst brisant und aufwühlend, weil es eben nicht nur um den Nahen Osten geht, sondern um Vorbehalte an sich, die sich unter Warum-Fragen in blasser Transparenz verflüchtigen sollen. Was bleibt, ist ratlose Scham und gegenseitiges Verständnis. Bis es mal tatsächlich so weit kommt, braucht es natürlich mehr als einen Film wie diesen, der viel will, aber auch viel erreicht. Der Affront ist ein guter Anfang. Und ein zeitlos relevantes Werk, dass, gäbe es einen Friedensnobelpreis für Filme, diesen verdient hätte.

Der Affront

Styx

SCHIFFE VERSENKEN FÜR ALTRUISTEN

7/10

 

styx© 2018 Benedict Neuenfels, Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WOLFGANG FISCHER

CAST: SUSANNE WOLFF, GEDION WESEKA ODUOR U. A.

 

Willkommen in der Unterwelt. Bevor wir in den Hades vordringen können, müssen wir einen Fluss überqueren, der das Totenreich neunmal umfließt. Schwimmend geht das nicht, dazu braucht es einen Fährmann. Charon heißt er, und er will einen Obulus, eine Münze. Die legten die alten Griechen auf die Zunge des Toten, damit er eingeht in das Reich der Finsternis, in welchem schon Orpheus und Eurydike vorgedrungen und niemals wieder zurückgekehrt waren. Der Fluss, dessen Name ist Styx, übersetzt Wasser des Grauens. Styx ist auch der Name einer Göttin, der Tochter von Okeanos. Abgeleitet davon: Ozean. Auf solchem kurvt der Segler Asa Gray, unterwegs von Gibraltar nach Asuncion, einer kleinen Insel südlich von Sankt Helena, unberührtes Paradies und schon seinerzeit Faszinosum von Charles Darwin, der hier angelegt hat. Die Ärztin Rike, die macht sich alleine auf den Weg, wie vor einigen Jahren Robert Redford in All is Lost. Doch Redford, der konnte dem Sturm auf offener See nicht standhalten. Rike, gespielt von Theaterschauspielerin Susanne Wolff, schafft es zwar, Wind und Wetter zu trotzen, ist aber ungefähr auf der Höhe der Kapverdischen Inseln einer ganz anderen Katastrophe ausgesetzt, die nicht weniger verheerend ist. Und für die es eigentlich keine Lösung gibt, zumindest nicht für das kleine Boot, konzipiert für maximal zwei Personen.
Dieses Unglück ist ein havarierter Fischkutter, bis über die Grenze der Belastbarkeit vollbeladen mit Flüchtlingen, die, dehydriert und am Ende ihrer Kräfte, verzweifelt rufen und winken, ins Wasser stürzen, untergehen. Das ist ein menschliches Desaster, das können wir uns nicht vorstellen. Das kann sich Ärztin Rike genauso wenig vorstellen. Besonnen, wie sie ist, funkt sie die Küstenwache an. Mayday Mayday, heißt es. Der Notruf wird gehört, Hilfe ist am Weg. Doch das rettende Schiff, das kommt nicht. Und die junge Nautikerin muss eine Entscheidung treffen, der sie nicht entkommen kann. Denn was sie erst später merkt: Das Gewässer des Styx, das liegt unter ihr, gluckert in kleinen Wellen um den Bootskiel herum. Chiron fragt nach dem Obulus. Doch den gibt es nicht. Nicht für alle.

Der Österreicher Wolfgang Fischer hat ein konzentriertes, und doch episch weites Kammerspiel entworfen, selbst verfasst und gedreht. Gesprochen wird wenig, fast ausnahmslos über Funk. Sein Film Styx ist in Zeiten wie diesen höchst brisant, vermeidet es aber, was bei Filmen wie solchen leicht passieren kann, den Moralapostel zu spielen oder gar auf zu simple Art und Weise den erhobenen Zeigefinger zu recken. Was Fischer will, ist ein Gleichnis errichten, auf instabilem Grund. Eine Parabel über Ignoranz und Zivilcourage. Über die Selbstlosigkeit des Einzelnen im Angesicht einer humanitären Katastrophe und der eiskalten Erbarmungslosigkeit vieler, nämlich jener, die eine Nation erst ausmachen, die wiederum von einer dem Fremden ablehnenden Politik geprägt wird, unter dem Vorwand, erstmal auf sich selbst schauen zu müssen. Es sind die Flüchtlinge, die keiner will, für die niemand verantwortlich ist, da wir schließlich nicht als Weltenbürger auf die Welt gekommen sind, sondern als Patriot eines Staates, der sich künstlich abgrenzt. Dass unser Planet im Grunde gar keine Grenzen hat, sieht niemand mehr. Das sehen vielleicht nur die, die über die Weite segeln, wie einst Odysseus, wie einst Christoph Kolumbus oder Magellan. Der Mensch ist in Fischers Styx längst nicht mehr von gleicher Wichtigkeit. Flüchtlinge werden zu Untermenschen, sie werden wieder zu Sklaven eines Ungleichgewichts. Mittendrin eine wohlhabende Weiße, die als einzige den Obulus hat, um in die Unterwelt vorzudringen. Aber will sie das denn? Das ist nicht die Frage. Sie muss. Weil es menschlich ist. Weil genau das uns besonders macht.

Styx führt zu einem völlig anderen Umkehrschluss als das thematisch sehr ähnliche, französische Seglerdrama Turning Tide mit François Cluzet. Weil Sytx mehr erzählen will. Fischer sucht einen gemeinsamen Nenner der Beschützenden und zu Schützenden, und dabei wagt er sich durchaus vor in den Versuch einer metaphorischen Darstellung, die auf den ersten Blick ratlos zurücklassen könnte, mit ein bisschen Abstand aber den Eindruck erweckt, zu Ende gedacht zu sein. Styx ist kein filmisches Mahnmal, vielmehr eine Reinigung des Blickes und ein Wiederfinden des Anstands. Ein kluger Film, der sich zwischen den Bildern liest. Und der die Segel so setzt, um am Weltproblem nicht vorbeizuschippern.

Styx

Welcome to Norway

WIR BAUEN UNS EIN FLÜCHTLINGSHEIM

6,5/10

 

norway
© 2016 Neue Visionen / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: NORWEGEN 2016
REGIE: RUNE DENSTAD LANGLO
MIT Anders Baasmo Christiansen, Olivier Mukuta, Slimane Dazi

 

Irgendwo in Norwegen. Eine leerstehende Immobilie, die einmal ein Hotel hätte werden sollen. Und ein Möchtegern-Unternehmer mit Mangel an nötigem Kleingeld. Da kommt der Flüchtlingsstrom ja wie gerufen. Was für die einen unendliches Leid bedeutet, kann für den einstweiligen Selfmade-Pechvogel nur von Vorteil sein. Klingt bitter und zynisch – und ist es teilweise auch. Denn das Hotel, das wird zum Flüchtlingsheim. Eigentlich eine brillante Idee, um an Geld zu kommen. Der Staat hat dafür einiges an Zuschuss parat. Doch zuvor muss man überhaupt erst mal wissen, wie denn ein Flüchtlingsheim aussehen soll. Und was es braucht. Wer weiß das besser als die Flüchtlinge selbst. Denn die stehen im wahrsten Sinne des Wortes erstmal vor ungemachten Betten.

Bei IKEA gibt es noch keine Flüchtlingsheime im Eigenbau, auch kein Flüchtlingsheim für Dummies in gelbschwarzem Einband. Klar, dass Welcome to Norway voller unerwarteter wie schräger Momente stecken muss, die auf den ersten Blick zwar erheiternd und kauzig wirken, des weiteren aber in ihrer satirischen Form ihre Tragik offenbaren. Die Idee, eine Komödie zur Flüchtlingskrise dem Medium Kino beizusteuern, ist ungefähr so geschmacklos wie den islamistischen Terror in Four Lions zu veralbern oder den Holocaust als Clownerie darzustellen. Tabuthemen, die so gar nicht augenzwinkernd auserzählt werden dürfen. Oder doch? Der norwegische Regisseur Rune Denstad Langlo denkt sich so seinen Teil – und beantwortet die Frage mit Ja. Es hat schon etwas befreiendes, die Flüchtlingspolitik insbesondere Norwegens und die damit einhergehende Xenophobie Europas zu karikieren. In der Karikatur liegt viel Wahrheit. Und Betroffenheitskino lässt die, die sich ohnehin schon mit dieser Thematik beschäftigt haben, in phlegmatischer Selbstbestätigung zurück. Also hat die Komödie mehr Wirkung, auch wenn hier das Schmunzeln im Halse stecken bleibt. Schonungslos, aber versöhnlich.

Welcome to Norway ist eine geradlinige, teils ernüchternde Do-it-yourself-Dramödie, die den medial projizierten Asylhorror zum Teil des Alltags werden lässt. Allerdings zu einem Alltag, in dem jeder vom anderen profitieren kann. Die Einwanderer von den Einheimischen und umgekehrt. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die aufgeht. In einem komprimierten, vereinten Europa als Hotel im windumtosten Nirgendwo. Wenn schon ein Miteinander, dann tatsächlich nur in der Not.

Welcome to Norway