Der Brotverdiener

WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10


breadwinner© 2018 Netflix


LAND / JAHR: KANADA, IRLAND, LUXEMBURG 2017

REGIE: NORA TWOMEY

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAARA CHAUDRY, SOMA BHATIA, ALI KAZMI, LAARA SADIQ, ALI RIZVI BADSHAH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Was macht Angelina Jolie eigentlich, wenn sie nicht gerade als Maleficent im Märchenland für Chaos sorgt? Sie produziert und finanziert Werke humanitären Inhalts, wie zum Beispiel diesen Animationsfilm der Kanadierin Nora Twomey (Das Geheimnis von Kells), der sich mit dem Kindsein in Afghanistan der Gegenwart beschäftigt und auf dem Roman Die Sonne im Gesicht von Deborah Ellis basiert, die eine Zeit lang in den Flüchtlingslagern der Region tätig war und so einiges an persönlichen Begegnungen in diese Geschichte einfließen hat lassen. Gäbe es Netflix nicht, hätte ich Der Brotverdiener damals unter den Oscarnominierten 2018 in der Sparte Animationsfilm gar nicht erst wahrgenommen. Zu stark war die Konkurrenz durch Coco – Lebendiger als das Leben. Der Brotverdiener war aber nicht einfach so unter den besten fünf. Wenn es in einem Film um so grundlegende Themen wie Frauenrecht, Gefährdung menschlicher Grundrechte und Fanatismus geht, um verhinderte Kindheiten und politische Willkür, kann sowas ja gar nicht unbeachtet bleiben. Schon gar nicht, wenn so zermürbende Themen so aufbereitet werden, dass auch der Grundschulgeneration sonnenklar einleuchtet, wie man als Mensch leben soll und wie nicht, was man als Mensch dürfen soll und was nicht. So, wie Twomley den Stoff erzählt, kann ein Problemfilm wie dieser familiengerechte Zerstreuung durchaus einmal ablösen, um Umstände auf dieser Welt in den Fokus zu nehmen, die Kinder freilich wissen dürfen. Dazu gehört die Tatsache, dass eben das Glück einer unbeschwerten Kindheit nichts Selbstverständliches ist.

2003 hat der afghanische Filmemacher Siddiq Barmak mit dem Streifen Osama bereits ähnliches erzählt: unter der Besetzung der Taliban dürfen Frauen nicht alleine auf die Straße, da reicht nicht mal die Burka. Das Mädchen Parvana muss eines Tages zusehen, wie ihr ohnehin schon kriegsversehrter Vater von wütenden Taliban-Aufpassern verhaftet wird – wochenlang bleibt dieser verschollen. Das Essen wird knapp, die insgesamt vierköpfige Restfamilie beginnt zu darben. Da hat Parvana eine Idee: sie wird einfach zum Jungen, um zumindest mal das Notwendigste heranschaffen zu können. Und Papa muss auch noch gefunden werden.

Der Zeichenstil dieses Films ist bewusst schlicht gehalten, dennoch haben die Bilder eine ansprechende Tiefe, was natürlich auch an den vorgezeichneten, statischen Hintergrundbildern liegt – ganz so wie Disney das immer schon gemacht hat. Zwischen all dieser eigentlich durchaus dramatischen und berührenden Geschichte öffnet sich eine zweite Erzählebene – illustriert wird hier auf gänzlich andere Art ein Märchen, dass sich Parvana ausdenkt – und im Grunde ihr eigenes Streben widerspiegelt. Mit finsteren Elefanten, Raubtieren und magischen leuchtenden Spiegeln.  Durch diese märchenhafte Komponente fällt es jüngeren Zusehern noch viel leichter, anzudocken. Denn Märchen sind ja von Grund auf nichts für Zartbesaitete, das wissen die Kids. Und entsprechend erträglich werden auch Szenen, die keiner von uns jemals erleben möchte.

Der Brotverdiener hinterlässt einem am Ende mit einem wohligen Gefühl der Zuversicht. Das eine Kindheit wie diese noch nicht ganz verloren ist. Denn die Welt ist groß, und zum Glück eben nicht nur Afghanistan.

Der Brotverdiener

The Outpost – Überleben ist alles

MIT DEM RÜCKEN ZUR WAND

6,5/10


outpost2© 2020 Telepool

LAND: USA 2019

REGIE: ROD LURIE

CAST: SCOTT EASTWOOD, CALEB LANDRY JONES, ORLANDO BLOOM, TAYLOR JOHN SMITH, JACOB SCIPIO, JACK KESY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 4 MIN


Ich muss, wie ich finde, kein Stratege sein, um nicht bereits aus der Geschichte gelernt zu haben, dass Bastionen aller Art am besten erhöht errichtet werden. Hügelkuppen, Felsgrate, Hochebenen, irgendwie dort, wo all die Gerüsteten und sich Verteidigenden einen Überblick auf das haben, was Gefährliches auf sie zukommen mag. Die Army dürfte diesen Input zeitweilig ignoriert haben. Anscheinend aber ist dieses tiefe Tal inmitten des Hindukusch und nahe an der Grenze zu Pakistan der einzig wählbare Ort, um ein politisch recht instabiles Gebiet abzudecken. Camp Keating nennt sich dieses mehr schlecht als recht gesicherte Nest, umgeben von bedrohlichen Bergflanken. Hier auszuharren lässt sich salopp als Arschkarte bezeichnen. Denn es vergeht kein Tag, an dem es nicht zu Scharmützeln der Taliban kommt. Ein Alltag, während dem man auf Nadeln sitzt, ruhige Minuten hat man keine. Angesichts begrenzter Mittel zur Verteidigung ist eines ganz wichtig: Ein gutes Verhältnis zu den Menschen, meint Captain Keating, der es schafft, sich mit den Afghanen zu verbrüdern. Als er fällt, tut sich ein neues Machtvakuum auf – und der Frieden scheint zu kippen.

The Outpost von Rod Lurie war einer der Filme, die noch vor dem Herbst-Lockdown in den Kinos liefen – und eine Episode aus der jüngeren amerikanische Militärgeschichte erzählt, auf die der US-Verteidigungsminister wohl wirklich nicht stolz gewesen sein konnte. Die Vernichtung des Camp Keating hatte nämlich ungefähr genauso viel Mehrwert wie das Verheizen junger Männer in Oliver Stones Platoon, in Hamburger Hill oder Mel Gibsons Hacksaw Ridge

The Outpost fängt mehr oder weniger recht sachte an, er schildert den Alltag, kurze Feuergefechte, gezielte Artillerie, dann wieder Freizeit, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen, was eben so dazugehört, wenn man als Soldat im Ausland Dienst schiebt. Fast ist es wie in Sam Mendes Jarhead – das immer gleiche Prozedere. Dann, in der zweiten Hälfte des Films oder gar im letzten Drittel, nachdem die vielen Namen nun auch ihre Gesichter gefunden haben, bricht die Hölle los. Rod Lurie inszeniert diese Schlacht um Fort Keating mit sicherer Hand und so intensiv, dass der Detonationsstaub zwischen den Zähnen knirscht. Hier fliegt alles um die Ohren, was nicht niet- und nagelfest ist, hier begeben sich Scott Eastwood und Co in einen distanzlos abgefilmten Dauerstress, der nicht ohne posttraumatische Belastungsstörung ausgehen kann. Doch wie geistesgegenwärtig und mit welcher Teamfähigkeit all die Männer agieren, ist faszinierend. Aus diesem ganzen Getöse sticht die Figur des Staff Sergeant Ty Carter am stärksten hervor. Schauspieler Caleb Landry Jones verkörpert diesen schwer einschätzbaren Charakter, der zwischen Panik und Pflichtgefühl Unglaubliches vollbringt, mitreißend und enorm glaubwürdig, ganz ohne Pathos, ganz ohne religiöse Motivation, sondern einfach nur in manischem Altruismus. Dieser gemeinsame Schulterschluss ums Überleben ist gleichsam berührend wie in seiner filmischen Umsetzung entsprechend hektisch, lärmend und blutig. 

Den stolzen Salut auf Kosten militärkritischer Untertöne konnte sich Rod Lurie letzten Endes dann doch nicht verkneifen.

The Outpost – Überleben ist alles