Palm Springs

SCHATZ, DU WIEDERHOLST DICH

7/10


palmsprings© 2021 LEONINE Distribution GmbH


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: MAX BARBAKOW

CAST: ANDY SAMBERG, CRISTIN MILIOTI, J. K. SIMMONS, PETER GALLAGHER, MEREDITH HAGNER, CAMILA MANDES, TYLER HOECHLIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Immer und immer wieder hat Bill Murray versucht, Andie McDowell für sich zu gewinnen. Anfangs manipulativ, schlußendlich aus tiefstem Herzen. Bis es schließlich wirklich geklappt hat. Denn Murray, der war in seiner Murmeltier-Zeitschleife allein auf weiter Flur. Und niemand da, dem er sich hätte anvertrauen können oder der ihn vielleicht nicht für verrückt erklärt hätte. Dieses Zeitschleifen-Paradoxon ist mittlerweile eine gern verwendete Basis für allerhand Spaß, Spiel und Spannung. Doug Limans Edge of Tomorrow zum Beispiel hat aus der Idee ein futuristisches Actiongewitter extrahiert. Frank Grillo wiederum musste erst kürzlich im B-Movie Boss Level den Killern immer und immer wieder von der Klinge springen. Doch allesamt waren sie Solisten. Mit Palm Springs ändert sich dieses Konzept – und bläst der mittlerweile vielleicht recht verbraucht wirkenden Grundidee frischen Wind ins verschlafene Gesicht. Denn aus Eins mach Zwei.

Und weil es schließlich ein Tag sein muss, der nicht zu denen gehört, die man liebend gerne wiederholen würde (sonst wär’s ja halb so lustig), stehen sich auf einer klassischen Hochzeit gelangweilte Gäste die Knie in den Bauch, um gespreizte Konversationen zu führen. Wie wunderbar, denkt sich Nyles, der des Morgens als ebensolcher in fremden Betten erwacht, vor seinen Augen seine Freundin, die sich die Beine cremt. Ein kurzer Quickie, dann Abhängen im Pool, dann starten die Feierlichkeiten. Nyles, ganz leger in Hawaiihemd und Shorts, schmettert in Vertretung einer ziemlich unpässlichen Trauzeugin eine Rede ins Publikum. So, als hätte er die schon hundertmal geprobt. Hat er auch. Denn Nyles steckt in besagter Zeitschleife fest. Trauzeugin Sarah wird auf den selbstlosen Partycrasher mit Charme natürlich aufmerksam – und ehe sie sich versieht, hat auch sie den Tag gepachtet. Für beide geht das Leben also weiter – für den Rest der Welt nicht. Schräg-romantische Momente mit übernatürlichem Touch sind vorprogrammiert. Und nicht zu vergessen: die Rechnung ohne J. K. Simmons darf auch nicht gemacht werden.

Das Turnaround-Ticket gleich für zwei auszustellen, ist wirklich bereichernd. Auch auf diese Weise lässt sich das eigene Leben optimieren. Zumindest hat man so Feedback von außerhalb. Und tatsächlich hebt es das ganze Murmeltier-Chaos auf eine zeitgemäß romantische Ebene. Palm Springs – der wüstenhafte Ort, an welchem das ganze Dilemma stattfindet – ist eine schrullige Liebeskomödie mit einem schlagkräftigen und (selbst)ironisch aufspielenden Paar. Andy Samberg mit Pfeifdrauf-Sarkasmus und hedonistischem Gehabe ist zwar kein Griesgram wie Murray, dafür aber von so schlaksigem Phlegmatismus, dass man gut versteht, dass Cristin Milioti sich zu ihm hingezogen fühlt. Das Gesicht dieser jungen Schauspielerin kommt vielleicht bekannt vor? Kann gut sein – hat sie doch in How I Met your Mother genau die Mutter verkörpert, um die es sich in all den Staffeln eigentlich gedreht. Wir wissen noch: der gelbe Regenschirm! In ihrem so skurrilen wie rotzfrechen Auftreten erinnert sie unweigerlich an Awkwafina.

Zwei Persönlichkeiten, die sich also gefunden haben – und finden mussten. Die mit sich selbst nicht im Reinen sind und nun die Zeit dafür finden, ihre eigene Psycho- und Beziehungshygiene zu betreiben. Das sitzt locker wie ein Sommerkleid, ist eloquent und sympathisch.

Palm Springs

Brightburn – Son of Darkness

IN DIE ECKE, SUPERMAN

6/10


brightburn© 2019 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: DAVID YAROVESKY

CAST: JACKSON A. DUNN, ELIZABETH BANKS, DAVID DENMAN, MATT L. JONES, MEREDITH HAGNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was für ein Jammer. Wir befinden uns hier weder im DC– noch im Marvel-Universum. Weit und breit gibt’s keine Superhelden, keinen Captain America und keinen Batman. Ein ernüchternder Umstand. Und insofern tragisch, da der einzige Knabe mit besonderen Fähigkeiten nichts Gutes im Schilde führt. Es ist, als wäre Superman ein wütender Vandale und als träfe dieser auf keine ernstzunehmenden Widersacher, die sein Potenzial auch nur irgendwie zügeln könnten. Was für Kräfte Clark Kent hat, ist uns allen bekannt. Es sind die einer Gottheit. Nichts kann ihn bremsen, niemand aufhalten. Er könnte alles um ihn herum vernichten. Er könnte ganze Sonnensysteme in sich zusammenfallen, die Erde in die Sonne stürzen lassen. Ich traue Superman sowieso nicht. Batman tat das eine Zeit lang auch nicht – in Dawn of Justice war sein Grummeln in der Magengegend durchaus berechtigt. Später, in Justice League, soll er dann nochmal den finsteren Blick bekommen. So eine Gratwanderung zwischen unbegrenzter Macht und humanitärem Gewissen bedarf einer gewissen Ausdauer. Und das Herz eines guten Wesens.

Der Junge in Brightburn – Son of Darkness scheint anfangs sein nichtmenschliches Herz noch am rechten Fleck zu haben. Mit einer Raumkapsel eines Nachts abgestürzt, war er als brabbelndes Baby geradewegs in die ausgebreiteten Arme eines kinderlosen Ehepaares gefallen. Jetzt, im präpubertären Alter von 12 Jahren, scheinen gewisse Kräfte in ihm zu erwachen. Nicht solche, die in der Kindesentwicklung üblich sind, sondern eben ähnliche wie die von Superman. Mit so viel Macht muss man mal umgehen können. Das kann so gut wie niemand. Mit dieser Kraft erhält der Junge allerdings auch seltsame Befehle von außerhalb. Und die gehen auf Kosten seines sozialen Umfelds.

Was passiert eben, wenn die Nummer 1 aller Superhelden plötzlich böse wird? Und niemand da ist, der ihn aufhalten kann? Das gute Zureden seiner Ziehmutter? Das Läutern seines Gewissens? Die Suche nach so etwas Ähnlichem wie Kryptonit? Der von James Gunn (Guardians of the Galaxy, Super – Shut up, Crime!) produzierte Science-Fiction-Horror macht es sich mit seiner Antwort auf diese Fragen relativ leicht. Und klar – man braucht da gar nicht viel drum rum reden. Die Aussichten sind blutig, hundsgemein, bedrohlich und erschreckend. Mit so einer Gabe bleibt einem Dreikäsehoch wie diesen gar nichts anders übrig, als nur Schaden anzurichten, allein aus einem impulsiven kindlichen Verhalten heraus, angesichts dessen erlernte Erziehungswerte gnadenlos abstinken. Einmal damit angefangen, gibt’s kein Aufhören mehr. Und das ist es, was Brightburn erzählt: ein recht straightes Coming of Age-Grauen, das allerdings stellenweise mehr Familiendrama als Slasher ist, und das so seine Phasen durchmacht – von der dargestellten Bandbreite kreativer Tötungsmethoden bis hin zu den leisen Selbstzweifeln einer nichtmenschlichen und gleichermaßen erschreckend menschlichen Kreatur. Interessant dabei ist die klar erkennbare Metaebene: Brightburn hat ganz offensichtlich vor, die Sorgen und Ängste der Elternschaft ob der Entfremdung und Abnabelung ihres Nachwuchses in einen Worst Case-Alptraum zu konvertieren. Im Gegenzug ist das Entdecken der eigenen Stärken und das Erstarken eines kolossalen Ich-Bewusstseins der posttraumatische Folgetraum. Alles in allem bleibt David Yaroveskys kleiner, kerniger und letzten Endes gnadenloser Reißer die Visualisierung einer aus biologischer Sicht determinierten Ohnmacht.

Brightburn – Son of Darkness