La Gomera

DRAUF GEPFIFFEN

4/10

 

lagomera© 2019 Alamode Film

 

LAND: RUMÄNIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: CORNELIU PORUMBOIU

CAST: VLAD IVANOV, CATRINEL MARLON, RODICA LAZAR, SABIN TAMBREA, ANTONIO BUÍL, AGUSTI VILLARONGA U. A.

 

Wenn die Spatzen es von den Dächern pfeifen, dann ist alles längst kein Geheimnis mehr. Eine Redewendung, die, wenn man sie genau nimmt, ja gar nicht stimmen kann, denn: verstehen wir, was Spatzen so pfeifen? Natürlich nicht, blöde Frage. Das verstehen nur die Spatzen untereinander. Oder vielleicht die Ureinwohner aus La Gomera, einer relativ grünen Insel der Kanaren, westlich von Nordafrika und ein Teil Spaniens. Dort ist El Silbo sowas wie eine Geheimsprache, gleichzeitig aber auch ein Kulturgut und wirklich eine ziemlich ausgefallene Art und Weise, sind nicht im Klartext unter vier Augen zu unterhalten, auch wenn die Gesprächspartner zur Stoßzeit in der U-Bahn stecken. Diese Sprache hat es nun aus dem Tourismusbüro von La Gomera und aus jedem noch so erdenklichen Reiseführer ins Kino geschafft. In einen Film, der womöglich nicht ganz so viel Geld vom Fremdenverkehrsamt der Insel zugesteckt bekommen hat und, statt die Sonnenseiten des Eilands zu zeigen oder einen pfiffigen Inselkrimi zu präsentieren, ganz auf Schema F in Sachen Drogenkrimi setzt.

Man könnte ja meinen, hier hätte Aki Kaurismäki so seine Finger im Spiel. Hauptdarsteller Vlad Ivanov ist wohl der mit Abstand stoischste Schauspieler, den es gibt. Allerdings ist diese fehlende Mimik nicht Mangel eines schauspielerischen Talents wie bei manch einem B-Movie-Star. Man sieht, Ivanov versucht sichtlich, sich gar nichts anmerken zu lassen. Das ist fast schon grotesk, dieses zomboide Auftreten. Aber gut, es gibt diesem Streifen einen lakonischen Touch, dafür umwuselt ihn eine Femme fatale mit kohlrabenschwarzem Haar und steckt dem Undercoverpolizisten ein Ticket nach La Gomera zu, damit dieser die Pfeifsprache erlernen kann. Wenn er die beherrscht, gehts wieder zurück nach Rumänien, um einen ganz anderen Mittelsmann aus dem Gefängnis zu boxen, der 30 Millionen Euro verschwinden hat lassen. Ein Plot also, der von den Socken haut? Mitnichten. Dieses Hin und Her aus Verrat und Gegenverrat im mafiösen Rauschgiftmilieu ist leider Dutzendware, darüber hinaus ist der Thriller des rumänischen Regisseurs Corneliu Poromboiu unnötig verschwurbelt erzählt. Das Interesse daran ist endenwollend, zumindest bei mir. Und gleichermaßen stellt sich mir die Frage: Warum eigentlich El Silbo, warum diese Pfeifsprache, warum muss dieser stoische Phlegmatiker so ein schwieriges Lautealphabet büffeln? Gibt´s keine verschlüsselten Handys mehr?

Nun, genau das ist das Problem in La Gomera. Diese verschlüsselten Handys gibt es schon, und darüber hinaus auch sonst alles, was der Elektronikmarkt an Überwachungsgadgets zu bieten hat. Poromboiu weiß schon, was er mit seinem Film ausdrücken will. An allen Ecken und Enden beobachten versteckte und weniger versteckte Kameras das Geschehen oder harren Wanzen hinter vier Wänden auf heißen Hörstoff. Da heisst es: zurück zu den Wurzeln, ausweichen auf ein analoges, am besten verbales Medium, das keiner entschlüsseln kann. Eine nette Idee, keine Frage. Doch der Anspruch, hier eine zynische Antwort auf den gläsernen Menschen zu geben, auch wenn dieser durch kriminelle Aktivitäten diese regelrecht heraufbeschwört, bleibt aufgrund des konfusen Plots und trotz einer stimmigen Pointe am Schluss einschläfernd ungehört. Wie ein missglückter Pfiff.

La Gomera

Narziss und Goldmund

DES EWIGEN FREUNDES WANDERJAHRE

5/10

 

narzissgoldmund© 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SABIN TAMBREA, ANDRÉ HENNICKE, EMILIA SCHÜLE, UWE OCHSENKNECHT, JOHANNES KRISCH, HENRIETTE CONFURIUS, BRANKO SAMAROVSKI, JESSICA SCHWARZ, GEORG FRIEDRICH, ELISA SCHLOTT U. A. 

 

Da hat sich doch endlich jemand an den Stoff herangewagt. Endlich. Hermann Hesses philosophische Erzählung für Sinnsucher und Aussteiger aus dem Jahre 1929 gibt es nun auch als Film! Ein Wagnis? Muss man denn wirklich alle Klassiker verfilmen? Reicht es nicht, Narziss und Goldmund einfach nur zu lesen, weil manche Werke eben nur in Textform funktionieren und das Kino im Kopf privat bleiben soll? Bei Hermann Hesse ist es sowieso schwierig. Es ist, als würde man Nietzsche verfilmen. Geht auch nicht. Aber Stefan Ruzowitzky, unser Oscar-Preisträger und Slalomfahrer durch alle Genres, der hat sich gedacht: ich nehme mir die Geschichte her und schreib sie etwas anders, lege auch die Schwerpunkte anders, mach etwas ganz Besonderes daraus. Kulissen brauche ich keine bauen, wir sind hier im Herzen Europas, da gibt es Burgen genug, die noch dazu in gutem Zustand sind. Die richtige Besetzung für den Geistesmenschen und den Sinnesmenschen zu finden ist dann schon wieder schwieriger. André Eisermann wäre ein Kandidat gewesen, der ist aber vermutlich schon zu alt dafür, Schlafes Bruder ist auch schon lange her. Die Wahl fiel für den Geistesmenschen Narziss auf Sabin Tambrea (Babylon Berlin Staffel 3) – eine gute Wahl. Der sich selbst geißelnde Glaubensbruder mit geheimer sexueller Orientierung, die aber nicht zu übersehen ist, hat seine schauspielerische Bestimmung gefunden. Der Sinnesmensch? Jannis Niewöhner könnte gehen, hat der doch unlängst Kaiser Maximilian zum Besten gegeben, und das recht ansehnlich, in einem dreiteiligen Eventkino fürs Fernsehen. Doch Niewöhner wäre zwar ideal für eine weitere Staffel für Vikings, schwerlich aber ist er die Idealbesetzung für Goldmund. Er schafft, was eigentlich wenige Schauspieler während des Drehs hinbekommen: die Qualität seiner Arbeit auf- und abzuschaukeln. Und das ist irritierend. Wobei das zwar das Augenfälligste, aber nicht das Einzige an diesem Versuch ist, große Literatur in einem großen Bilderbogen zu verfilmen, was das Vorhaben dann doch vereitelt.

Warum Narziss und Goldmund nicht auch in einem Dreiteiler fürs Fernsehen aufzubereiten ganz so wie Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe? Weil Ruzowitzky anders als Andreas Prohaska fast ausschließlich ein Cineast ist. Einer, der fürs Kino arbeitet. Weil die Förderung endlich durch ist, und was finanziert ist, wird gemacht. Das Kino braucht Filme, und Filme brauchen das Kino – vor allem Stoff, der allseits bekannt ist und für volle Säle sorgen könnte. Zwei Leben aber anhand eins fiktiven Biopics und nicht als lebensphilosophische Abhandlung innerhalb zwei Stunden ins Kino zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Entsprechend gehetzt und gänzlich ohne innere Einkehr erzählt „Goldmund“ Niewöhner seinem Spezi Narziss Anekdoten aus 15 Jahren Umherirrens auf der Suche nach seiner Mutter. Und Goldmund, natürlich ein Feschak sondergleichen, der hat die Qual der Wahl bei den Damen, gerät von einer Liaison in die nächste, scheint irgendwann sein Glück gefunden zu haben, doch wieder nichts. So ist sein Leben eine einzige riesige Wanderung, während der er sein Talent fürs Schnitzen entdeckt – und auch perfektioniert und letzten Endes im Altarbild von Narziss´ Kloster gipfeln lässt.

Ob die Definition der Mutterfigur im Roman auch so im Mittelpunkt steht? In Ruzowitzkys Film jedenfalls ist das der Fall. Viel weniger ist es das Resümee eines Vergleichs zwischen weltlichem und geistigem Leben, zwischen Abenteuern im Kopf oder in der weiten Welt. Sein Film findet keinen Einklang, die tiefe Erfahrung des Goldmund bleibt kolportiert. Klassische Versatzstücke aus dem finsteren Mittelalter wie blutige Striemen am Rücken durch gern gefilmte Selbstgeisselung, Pestopfer, jede Menge alter Mauern oder stimmige Choräle müssen das Soll wohl erfüllen. Mitnichten. All das macht den Film noch plakativer, noch gefälliger, und weniger zum Erlebnis. Bei Narziss und Goldmund scheint es eigentlich um etwas ganz anderes zu gehen, was Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, nicht wirklich herausarbeiten konnte. Das tête-à-tête der vielen bekannten Gesichter erschwert das Eintauchen ebenso – manchmal ist ein illustrer Cast für so eine intime Geschichte vielleicht nicht das Richtige. Und wenn dann noch das sakrale Meisterstück mit all seinen Engeln die Gesichter bekannter Schauspieler tragen, wirkt das unfreiwillig grotesk und lässt sich mit der Ehrfurcht, welche die Mönche verspüren, nicht vereinbaren. Glaubwürdig und am wenigsten schablonenhaft bleibt nur Sabin Tambrea, der als einziger seine innere Balance findet, was man vom Film an sich nicht sagen kann.

Narziss und Goldmund